Gefälschtes Olivenöl – ein Millionengeschäft

Organisierte Kriminalität

Wenn es um gute Küche und kulinarische Genüsse geht, blickt der Rest der Welt sehr häufig nach Italien, um zuerst von der Qualität der Produkte zu schwärmen und diese danach auch im eigenen Land verstärkt nachzufragen. So ist es auch bei Olivenöl passiert: während man in Italien darüber fachsimpelt und jede Familie ihr individuell „bestes“ Olivenöl aus einer speziellen Quelle bezieht, ist der Appetit auf die leicht bitter schmeckende Flüssigkeit auch im Ausland gestiegen. Vor allem „extravergine“ oder extra nativ soll das Öl sein, also die höchste Qualitätsstufe aufweisen. Dumm nur, dass bei der Herstellung des Olivenöls unabhängig von der Qualität der Rohstoffe und ihrer Verarbeitung stets auch große Chargen nicht notwendigerweise schlechter, aber in jedem Fall geringerer Qualität entstehen und oftmals sogar vermeintliche Kenner*innen den Unterschied zwischen extranativem Olivenöl und anderen Ölen nicht klar schmecken können. In einer Zeit, in der die Organisierte Kriminalität zunehmend ihren Fokus auf Aktivitäten verlagert, die nahe an der legalen Wirtschaft sind, ist Olivenöl zum Fälschungsobjekt Nummer 1 geworden. Begünstigt durch die hohe Nachfrage, gleichzeitige Ernteausfälle sowie die Einfachheit der Fälschung verdient die Organisierte Kriminalität jedes Jahr Millionen mit Lebensmittelbetrug im Zusammenhang mit Olivenöl.

Als Teil der Artikelreihe zum Thema „Agromafias – Organisierte Kriminalität und Landwirtschaft“ setzt sich mafianeindanke im Folgenden kritisch mit diesem Thema auseinander.

Fälschungen sind schwer zu erkennen und die Möglichkeiten zahlreich

Auf dem Papier ist die Definition von extranativem Olivenöl einfach: native Olivenöle sind alljene, „die aus der Frucht des Ölbaumes ausschließlich durch mechanische oder sonstige physikalische Verfahren unter Bedingungen, die nicht zu einer Verschlechterung des Öls führen, gewonnen wurden und die keine andere Behandlung erfahren haben als Waschen, Dekantieren, Zentrifugieren und Filtrieren“ (EG-Verordnung Nr. 1234/2007 vom 22.10.2007). Damit diese Öle dann auch als extranativ bezeichnet werden, muss der Säuregehalt unter 0,8% liegen, und das Öl muss bei organoleptischen Tests einen Punktewert von über 6,5 erzielen, wie auf der Seite der italienischen Carabinieri ausgeführt wird . In der Realität ist es für Konsument*innen durch Geruchs- und Geschmacksproben kaum zu erkennen, ob ein Olivenöl tatsächlich diese Qualitätsanforderungen erfüllt. In einer ZDF-Dokumentation („Fake Food – Die Tricks der Lebensmittelfälscher“) wird in eine Verkostung ein gepanschtes Öl mit dem Zusatz von Lampantöl, einem ungenießbaren Beiprodukt der Olivenölherstellung, eingeschmuggelt. Das Resultat demonstriert eindringlich, dass selbst Kund*innen, die das hochwertige Olivenöl aus Genussgründen roh konsumieren, keinen Unterschied feststellen können bzw. in diesem Fall oft sogar das gepanschte Produkt wählten.

Insbesondere die Einfachheit der Fälschung – für die Verkostung wurden einfach Öle verschiedener Qualitätsstufen zusammengekippt – hat die Organisierte Kriminalität in Italien auf den Plan gerufen, darunter auch, aber nicht nur Mafiaclans. Die Produkte werden zumeist gänzlich in Italien hergestellt oder zumindest im Land gefälscht, während die Absatzmärkte bevorzugt international sind. Ein Beispiel aus dem Jahr 2017 ist der groß angelegte Export von gefälschtem Öl durch Exponenten der `Ndrangheta in die Vereinigten Staaten. In diesem Fall handelte es sich um Oliventresteröl, das aus den Resten der Oliven gewonnen wird, die nach der Extraktion des nativen Öls übrig bleiben. Dieses Öl wurde nicht einmal in Italien produziert, sondern zu lächerlichen Preisen im Ausland eingekauft und in Kalabrien nur kurz modifiziert, bevor es in die Vereinigten Staaten exportiert wurde. Dort erreichte es den Zoll immer noch als Oliventresteröl – die Umetikettierung zu 100% italienischem, extranativem Olivenöl erfolgte erst danach. Im Jahr 2017 wurden in Kalabrien 33 Verdächtige festgenommen, die zu dem mächtigen Piromalli-Clan gezählt werden.

Dass das Basisprodukt im vorherigen Fall aus dem Ausland importiert wurde, ist kein Einzelfall: eine weitere Möglichkeit der Fälschung, bei der die Zusammensetzung des Öls unberührt bleibt und dieses unter Umständen sogar die höchsten Qualitätsstandards erfüllt, ist der Etikettenschwindel mit ausländischem Öl, beispielsweise aus Griechenland, der Türkei oder Syrien. Allein der Aufdruck „made in Italy“ kann für zwei qualitativ gleichwertige Öle einen Preisunterschied ausmachen, der das Aufziehen eines Betrugsschemas rechtfertigt und immer noch zu einer attraktiven Gewinnspanne führt. Im Jahr 2016 wurden während der in Apulien und Kalabrien durchgeführten Operation „Mamma Mia“ 2.000 Tonnen ausländisches Öl konfisziert, das lokalen Abfüllern als von kleinen Produzent*innen stammendes italienisches Olivenöl untergejubelt werden sollte.

Wesentlich ausgefeilter und gleichzeitig besorgniserregender war das Fälschungsschema, das 2019 im Rahmen der Operation „Oro Giallo“ („gelbes Gold“) aufgedeckt wurde. Im Rahmen einer internationalen Kooperation mit Eurojust, der Agentur der EU für justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen und Europol, der Behörde für die operative Zusammenarbeit, deckten italienische Behörden ein Schema auf, das auf einer chemischen Bearbeitung von Sojaöl basierte, wodurch der Geschmack von Olivenöl nachgeahmt werden sollte. Neben Sojaöl wurden auch geringere Mengen Sonnenblumenöl auf dieselbe Weise gefälscht, indem man Chlorophyll und Betakarotin zusetzte. Die „Produktion“ sowie der Vertrieb wurden über eine einzige tatsächliche existierende Olivenölproduktionsanlage und daneben auch alte, längst aufgelassene Abfüllanlagen abgewickelt. Entsprechend gering bzw. sogar inexistent waren die Hygienevorkehrungen bei der Verpanschung des Soja- und Sonnenblumenöls, das regulär von einem norditalienischen Konzern eingekauft worden war. Auf die Etiketten der Produkte wurden dann erfundene, wohlklingende Namen von Ölpressen gedruckt, die zwar auch zu diversen eingetragenen Unternehmen passten, allerdings handelte es sich dabei um nur auf dem Papier existierende Deckfirmen, die Teil es Betrugsschemas waren und in Italien später „frantoi fantasma“ oder „Geisterölpressen“ genannt wurden. Aufgrund des enormen Preisunterschieds zwischen den Produkten blieb für die Verantwortlichen eine beeindruckende Marge übrig, die laut der Berichterstattung mehrere hundert Prozent beträgt. Eine Flasche mit modifiziertem Sojaöl kostete fertig 1,20 Euro, während das Endprodukt zu Preisen zwischen 5 und 10 Euro angeboten wurde. 24 Personen wurden festgenommen, davon auch einige in Deutschland, wenngleich bisher keine Verbindung zur Mafia hergestellt werden konnte. Offensichtlich wurde das gefälschte Produkt nicht nur innerhalb Italiens vertrieben, sondern auch nach Deutschland exportiert. Angeblich wurden unter anderem Restaurants und Geschäfte in Stuttgart, Berlin und Frankfurt mit dem Öl versorgt.

Generell haben verschiedene Ermittlungsaktionen gezeigt, dass es im Einzelhandel nur unzureichende Maßnahmen gibt, um die Qualität und Herkunft des eingekauften Öls sicherzustellen. Im Jahr 2015 wurde in Italien ein Verfahren wegen kommerziellen Betrugs gegen mehrere Großunternehmen eingeleitet, darunter auch durch Werbung bekannte Marken wie zum Beispiel Bertolli oder auch Eigenmarken von Supermarktketten wie Lidl oder Eurospin. In diesem Fall erfüllte das angeblich extranative Olivenöl nicht die vorgesehenen Qualitätsstandards und war zwar genießbar, aber „nur“ normales natives Olivenöl. Die genauen Resultate des Verfahrens sind unklar – eine zwischenzeitlich auferlegte Strafe in Höhe von 550,000 Euro an Lidl wurde im Jahr 2018 von einem Verwaltungsgericht wieder gekippt, da sich das Unternehmen beim Einkauf Prüfberichte vorlegen hatte lassen, die das Olivenöl als extranativ auswiesen, und somit seine Sorgfaltspflicht erfüllt hatte. Leider ist anzunehmen, dass die Ermittlungen gegen die weiteren Unternehmen am Ende im Sand verlaufen sind oder durch gerichtliche Vergleiche gelöst wurden, die den Angeklagten oft weitere Imageschäden sowie genauere Ermittlungen gegen einzelne Täter*innen ersparen.

Auch wenn es nie eine offizielle Bestätigung gab, wurde auch in Deutschland immer wieder gemutmaßt, dass auch große hiesige Supermarktketten ähnliche Qualitätsprobleme hätten. Beispielsweise wurde die Firma Valpesana aus der Toskana ab 2012 als Verursacherin eines großen Olivenölskandals bekannt, da sie zuerst Olivenöl geringer Qualität in Italien, Spanien, Griechenland und Tunesien eingekauft und dieses dann chemisch behandelt hatte, um den Geschmack von extranativem Olivenöl nachzubilden, das am Ende unter anderem durch einen überhöhten Peroxidgehalt auffiel. Laut Focus Online wurde in den Räumlichkeiten des Unternehmens eine „Rezeptur“ für Öl gefunden, das anschließend an REWE geliefert werden sollte. Die „Rezeptur“ war nichts anderes als eine Panschanweisung für eine Mixtur aus acht verschiedenen Öl-Qualitäten, darunter Lampantöl aus Spanien. Es konnte REWE zwar nicht nachgewiesen werden, dass dieses Öl tatsächlich in den Verkauf gekommen war, seine Lieferkette konnte das Unternehmen allerdings auch nicht überzeugend darlegen. Dazu war es auch nicht verpflichtet, denn es gibt in Deutschland keine rechtliche Verpflichtung zur Nachverfolgung der gesamten Lieferkette– zumindest in Deutschland sind Händler*innen nur hinsichtlich des unmittelbaren Vorlieferanten in der Pflicht.

Ernteausfälle verringern das Angebot und schaffen Raum für Fälschungen

Eine besonders unglückliche Konstellation entsteht dadurch, dass aus Italien stammendes Olivenöl mitunter die höchsten Marktpreise erzielt, gleichzeitig aber die hiesigen Bestände aufgrund einer Baumkrankheit stark rückläufig sind. Insbesondere in Apulien, mittlerweile aber auch anderen Regionen grassiert seit einigen Jahren das Xylella-Bakterium, auch Feuerbakterium genannt, das zur raschen Austrocknung und zum Absterben der Bäume führt. Das Bakterium breitet sich rapide aus – die dafür verantwortlichen Insekten können sich in 12 Tagen um 100 Meter weiterbewegen – weshalb die Bäume schnellstmöglich gefällt werden müssen und die artgerechte Entsorgung des Holzes sicherzustellen ist. Der italienische Landwirteverband Coldiretti sprach im Jahr 2019 von einer zu erwartenden Reduktion der nationalen Olivenproduktion von bis zu 60%, wozu in diesem Jahr auch starker Frost in südlichen Regionen beigetragen hatte. Auch Italien war bei der Bekämpfung des Bakteriums nachlässig: im selben Jahr wurde die Langsamkeit durch ein Urteil des EuGh gestraft, da das Land den von der Europäischen Kommission auferlegten Verpflichtungen zur Eindämmung von Xylella nicht nachgekommen war. Zudem wird gemutmaßt, dass die Entsorgung der befallenen Olivenbäume nicht immer regelkonform abläuft, sondern das Holz zum Teil auch außerhalb der betroffenen Regionen entsorgt wird. Im Jahr 2015 wurden Ermittlungen gegen ein apulisches Unternehmen aufgenommen, das im Verdacht stand, infiziertes Olivenbaumholz zur Stromerzeugung aus Biomasse aus anderen Regionen importiert zu haben, obwohl das strengstens verboten war.

Bessere Nachverfolgung der Lieferketten und transparente Information für Händler als einzige Mittel

Ende 2015 schockte ein Gesetzesvorschlag die italienische Öffentlichkeit, mit dem eine Entkriminalisierung der Olivenölfälscherei erreicht werden sollte. Fälschungen sollten nur mehr mit Geldstrafen von bis zu 9.500 Euro bestraft werden, was angesichts der oben errechneten möglichen Marge pro Liter lächerlich wäre, und keinen strafrechtlichen Tatbestand mehr darstellen. Die Regierung kapitulierte schließlich vor den Protesten der Olivenbauern und der Interessensvertretungen des Sektors und rechtfertigte sich, man habe nur einen Sonderfall regeln wollen, nämlich die fehlende Herkunftsangabe auf der Verpackung. Somit gelten weiterhin die Regeln des Mongiello-Gesetzes, auch „legge salva olio italiano“ genannt (zu Deutsch: Gesetz zur Rettung des italienischen Olivenöls), das nach seiner Einführung im Jahr 2013 härtere Sanktionen für Fälscher*innen sowie strengere Regeln hinsichtlich Etikettierung und Herkunftsbezeichnungen eingeführt hatte.

Allein die Tatsache, dass derartige Fälschungen weiterhin in Italien strafbar bleiben und man in Zukunft vielleicht – wie im Falle des Unternehmens Valpesana – auch wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung hinter Gitter muss, wird die Verantwortlichen aber nicht aufhalten. Gefälschtes Öl ist deswegen ein Exportschlager, weil im Ausland die Händler*innen oftmals nicht genug von den in den Empfängerländern zuständigen Lebensmittelaufsichtsbehörden in die Pflicht genommen werden. Einerseits bleibt die Nachverfolgung der komplexen Lieferketten aus, weil sich Einzelhändler*innen nur der Zuverlässigkeit des direkten Vorlieferanten sicher sein müssen. Andererseits herrscht für deutsche Händler eine komplett intransparente Situation, was Regeln zur Vermarktung und den verschiedenen Qualitätsstufen von Olivenöl angeht. Diese kann man auf EU-Ebene keineswegs kritisieren; es fehlt primär an der Implementierung vonseiten der deutschen Gewerbebehörden. Ein Blick auf die Homepage der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung spricht Bände: eine einheitliche, strukturierte Seite zu den wichtigsten Fragen zum Thema Olivenöl fehlt völlig, stattdessen wird pauschal von landwirtschaftlichen Produkten gesprochen bzw. bei Olivenöl auf EU-Verordnungen im pdf-Format verwiesen, die für die Informationsadressaten ungleich schwerer zu lesen sind.

Solange an diesen Stellen nicht Verbesserungen implementiert werden, werden weiter regelmäßig Fälschungen auftauchen und vielleicht auch in deutschen Supermarktregalen enden. In der Zwischenzeit möchte mafianeindanke empfehlen, beim Olivenölkauf skeptisch zu sein und solidarische Direktimporte von italienischem Olivenöl zu unterstützen, von denen es immer mehr in Deutschland gibt. Kleine Bio-Erzeuger können dadurch den Großhandel zum Teil umgehen, direkt verkaufen und einen vernünftigen Preis erzielen, von dem sie auch leben können. Auch über Libera Terra, eine Initiative der Antimafia-Organisation Libera, kann nachhaltig und fair hergestelltes Olivenöl bezogen werden. Dabei werden die Oliven auf Ländereien angebaut, die einst der Mafia gehörten und von dieser konfisziert wurden.

Zwei Dokumentationen, die wir für unsere Recherchen genützt haben und gerne weiterempfehlen möchten sind die ZDF-Doku „Die Tricks der Lebensmittelfälscher“ aus dem Jahr 2020 und die 3Sat-Doku „Die Lebensmittel-Mafia“, die derzeit leider nur in Sekundärquellen zu finden ist.

Die Artikelreihe von mafianeindanke zum Thema “Agromafie – Organisierte Kriminalität und Landwirtschaft”:

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