Unterdessen bringen Schweigen und Korruption Kalabrien zu Fall.
Dieser Leitartikel ist zuerst am 12. April 2026 auf La C News 24 erschienen. Der Autor Franco Laratta, Direktor der kalabrischen News-Webseite, hat mafianeindanke freundlicherweise erlaubt, den Artikel ins Deutsche zu übersetzen und zu publizieren. Er beschreibt in diesem hochinteressanten Text, wie sich die ‘ndrangheta angepasst hat und leise korrumpiert, statt laut zu bedrohen. Es geht um Grauzonen und demokratische Erosion. Ein Text, der auch für Deutschland eine hohe Relevanz hat! Wir danken Franco Laratta für sein Entgegenkommen. Hervorhebungen von mafianeindanke.
„In der letzten Folge von „Lo stato siamo noi“ [„Der Staat sind wir“, ein journalistisches Aufklärungsprojekt von LaC News24, das die Zivilgesellschaft dazu aufruft, Verantwortung zu übernehmen, anstatt den Kampf gegen die Mafia allein der Justiz zu überlassen, Anm. d. Red.] warnte der Staatsanwalt von Crotone, Domenico Guarascio, eindringlich: Die Kriminalität hat sich heute nahtlos in den Alltag integriert. LaC (News 24) entscheidet sich, nicht zu schweigen, und steht an vorderster Front für die Rechtsstaatlichkeit.
Das Stichwort ist „System“. Nicht mehr nur Organisation, nicht mehr nur Kriminalität. System. Ein kaltes, technisches, fast neutrales Wort. Und gerade diese scheinbare Neutralität macht es noch beunruhigender. Denn hinter diesem Wort verbirgt sich die am weitesten entwickelte und gefährlichste Form der ’Ndrangheta.
Es ist kein beliebiger Warnruf, den der junge Staatsanwalt von Crotone, Domenico Guarascio, absetzt. Er bezeichnet einen Wendepunkt. Dies ist der Punkt, an dem das bisherige Narrativ, mit dem wir jahrelang über das organisierte Verbrechen berichteten, nicht mehr ausreicht. Wir stehen nicht mehr vor der ’Ndrangheta der Fehden, der „Lupare“ [abgesägte Flinte, Synonym für Mafiamorde, Anm. d. Red.] und der Anschläge. Diese ’Ndrangheta gibt es zwar auch noch, aber sie ist nicht mehr das Kernproblem. Heute liegt der Kern woanders: im System.
Ein System, das sich nicht mehr durch sichtbare Gewalt aufzwängt, sondern durch unsichtbare Präsenz. Das nicht zerstört, sondern infiltriert. Ein System, das die Sprache der Wirtschaft spricht, die Regeln der Finanzwelt internalisiert und sich sicher in den Hallen der Macht und an den Schalthebeln der Institutionen bewegt.
Genau hier hat die ’Ndrangheta ihren wichtigsten Sieg errungen: im Übergang von Angst zu Normalität. Sie ist nicht mehr laut. Sie muss das nicht sein. Sie verfügt über enorme Liquidität, investiert, kauft und knüpft Beziehungen. Sie fordert nicht mehr nur. Sie bietet an. Sie droht nicht mehr nur. Sie verführt. Durch diesen Wandel ist sie akzeptabel geworden, erträglich – und in manchen Fällen sogar nützlich.
Die sogenannten „Grauzonen“ sind keine Randbereiche mehr. Sie sind zum Zentrum geworden. Dort, wo Kriminalität, Wirtschaft und Teile der Institutionen aufeinandertreffen, ohne sich wirklich noch voneinander zu unterscheiden. Dort, wo die Grenze nicht mehr sichtbar ist, weil sie langsam verwischt wurde. Und während dies geschieht, schweigt die Politik. Oder spricht von etwas anderem. Als wäre die Mafiafrage ein Thema der Vergangenheit, ein bereits abgeschlossenes Kapitel. Das ist das Schlimmste daran. Nicht die Stärke der ’Ndrangheta, sondern die Schwäche der Reaktion. Nicht ihre Fähigkeit, sich einzuschleusen, sondern unsere Unfähigkeit, sie zu erkennen.
Denn heute muss die ’Ndrangheta ihre Stimme nicht erheben. Es reicht ihr, wenn die anderen ihre Stimme senken. Die Folgen sind für alle offensichtlich, auch wenn man so tut, als würde man sie nicht sehen. Der Markt wird verzerrt, der Wettbewerb erstickt, ehrliche Unternehmer entmutigt oder gezwungen, sich zu beugen. Ganze Gebiete werden nach undurchsichtigen Logiken neu geordnet, in denen Leistung weniger zählt als Beziehungen und Rechtmäßigkeit zu einem Hindernis wird, nicht zu einer Garantie. Innerhalb dieses Systems ist Korruption keine Ausnahme. Sie ist die alltägliche Sprache. Es ist nicht mehr der Skandal, der empört, sondern die Praxis, die sich rechtfertigt. Sie schleicht sich in die kleinsten Gesten ein, in scheinbar harmlose Entscheidungen, in kleine Kompromisse, die in ihrer Summe eine Struktur allgegenwärtiger Gesetzlosigkeit schaffen.
Und hier hört die Angelegenheit auf, eine rein juristische Frage zu sein, und wird zu einer zutiefst demokratischen Frage. Denn wenn Korruption zur Normalität wird, wenn Macht in der Intransparenz entsteht, wenn öffentliche Mittel privaten Interessen untergeordnet werden, bricht der Pakt zwischen Bürgern und Staat. Nicht durch einen plötzlichen Schlag, sondern durch ein langsames Abgleiten. Fast unmerklich. Bis es zu spät ist.
In diesem Szenario ist die Presse kein neutraler Akteur. Sie kann es gar nicht sein. Entweder sie entscheidet sich hinzusehen, oder sie entscheidet sich wegzusehen. Und wegzusehen bedeutet heute, Komplize zu sein. Schweigen bedeutet Legitimierung. Den Blick abzuwenden bedeutet, dieses System noch stärker zu machen. Und wir von LaC haben uns entschieden, nicht neutral zu bleiben. Wir stehen in der ersten Reihe, als Aktivisten für die Rechtsstaatlichkeit. Denn „der Staat, das sind wir“, wir alle.
Die Entscheidung derer, die informieren, die berichten, die aufdecken, ist eine Entscheidung für eine der Seiten. Es gibt keinen Mittelweg mehr. Und diese Entscheidung hat ihren Preis. Aber es ist ein notwendiger Preis. Denn wenn auch die Berichterstattung zurückweicht, wenn sie nachgibt oder sich einschüchtern lässt, dann bleibt wirklich niemand mehr übrig, der den öffentlichen Raum verteidigt.
Die Arbeit der Justiz, von Personen wie Nicola Gratteri und vielen anderen mutigen Richtern und Staatsanwälten, hat gezeigt, dass das System getroffen werden kann. Dass es nicht unbesiegbar ist. Aber sie hat auch eine offensichtliche Grenze aufgezeigt: Repression allein reicht nicht aus. Sie kann unterbrechen, sie kann aufdecken, sie kann zuschlagen. Aber sie kann eine Gesellschaft nicht ersetzen, die sich entscheiden muss, auf welcher Seite sie steht.
Es braucht ein ziviles Bewusstsein, das wieder wachsam, anspruchsvoll und kompromisslos wird. Es braucht eine Politik, die ihre Würde und Autonomie wiederfindet, die keine Abkürzungen sucht und keine faulen Kompromisse eingeht. Es braucht einen klaren Bruch mit allem, was zweideutig, undurchsichtig und aus politischer Bequemlichkeit heraus gerechtfertigt wird.
Denn die größte Gefahr ist heute nicht die Macht der ’Ndrangheta. Es ist die Gewöhnung. Es ist der Glaube, dass all dies unvermeidlich sei. Dass es schon immer so war und immer so bleiben wird. Es ist diese stille Resignation, die ein kriminelles System in Zwangsläufigkeit verwandelt. Die Warnung des Staatsanwalts von Crotone ist klar, eindeutig und unmissverständlich.
Das System existiert. Es ist tief verwurzelt. Es ist stärker, als man zugeben möchte. Dies zu ignorieren wäre kein Fehler, sondern eine Entscheidung. Und es wäre die gefährlichste Entscheidung von allen.“


