Das Trame Festival in Lamezia Terme, Kalabrien, zeigt, wie vielfältig, lebendig und verbunden Antimafia-Aktivismus in Italien ist. Davon kann Deutschland lernen.
Das „Festival dei libri sulle mafie“ findet 2026 zum 15. Mal statt und läuft ganze sechs Tage. Täglich finden von nachmittags bis spätabends Veranstaltungen, Lesungen und Diskussionen an verschiedenen Orten in dem 70.000-Einwohner-Ort statt. Dieses Jahr spricht Judith Eisinger für mafianeindanke beim Panel „Il lato oscuro della Germania“ („Die dunkle Seite Deutschlands“) mit Anna Sergi, Kriminologieprofessorin an der Universität Bologna, und Ruggero Scaturro, Senior Analyst bei GI-TOC. Es moderiert Michael Braun, Italienkorrespondent der taz.
Wenn die Antimafia die Stadt übernimmt
Mafia-Expert:innen aus ganz Italien und darüber hinaus beleben die kleine Stadt in diesen Tagen im Juni 2026. Im Café neben der Hauptbühne an der Piazzetta San Domenico stehen vier Carabinieri mit silberglänzenden Stickereien am Kragen ihrer Uniform geduldig in der Schlange und warten darauf, ihren Kaffee bestellen zu können. Das Festival ist familiär organisiert, das Abendessen servieren die jugendlichen Freiwilligen in einem kleinen Saal im Chiostro San Domenico, gekocht haben ihre Familien: Nudeln mit Tomatensoße, Parmigiana di Melanzane, Goldbrasse… Viele der Speaker:innen kennen einander und kommen schon seit Jahren, auf den Straßen rund um die Veranstaltungsorte winken sie einander zu und bleiben für ein Schwätzchen stehen. Mafianeindanke war bereits 2017 beim Trame Festival mit einem Panel vertreten, bei dem Sandro Mattioli anlässlich des 10. Jahrestages über die Folgen von Duisburg sprach.
Die Themen des Festivals sind weit gefächert. Von einer universitätsähnlichen Lektion über die Sprache der Mafiosi und über die Mafia sowie einer Videoreportage über die organisierte Ausnutzung legal (!) eingereister ausländischer Arbeiter:innen in der Landwirtschaft geht es über ein Dossier zu den aktuellen Entwicklungen im Online-Glücksspiel bis zu Interviews mit Staatsanwalt Nicola Gratteri und einem Panel über den Maxi-Prozess in Palermo mit Mafia-Historiker John Dickie und Staatsanwalt Pietro Grasso.
„Die Stadt hat sich in den letzten zehn Jahren verändert“, erzählt ein einheimischer Festivalbesucher, „früher gab es mehr Selbstzensur. Man konnte die ‘ndrangheta förmlich in der Luft spüren.“ Er erzählt weiter, dass er einige Jahre im Ausland gelebt hat und so eine externe Perspektive gewinnen konnte. Jetzt sagt er, dass er hier in Kalabrien eine Kultur der Gewalt und Unterdrückung wahrnimmt – eine Gewalt, die nicht körperlich sein muss, sondern auch in der Sprache ausgedrückt wird. Dazu gehöre die „prepotenza“, eine Art aggressive, an Willkürlichkeit grenzende Überheblichkeit. Wann er das erste Mal von Mafia gehört hat, weiß er nicht mehr. Veranstaltungen wie Trame gab es in seiner Jugend nicht. Jetzt bezeichnet er Trame als „importantissimo“.
„Ich rate euch, jene Rechte zu verteidigen, die euch jemand durch den Einsatz seines Lebens geschenkt hat und die ihr nun jeden Tag in der Schublade findet“, sagt Francesco Malavolta, Journalist und Fotoreporter.
„Die dunkle Seite Deutschlands“: Das Panel mit mafianeindanke
Im Panel mit mafianeindanke am 17. Juni weist Ruggero Scaturro zunächst darauf hin, dass Organisierte Kriminalität ein weltweites Problem sei: „Man muss sich nur vor Augen führen, dass die Palermo-Konvention – also das Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität der Vereinten Nationen – das meistunterzeichnete und ratifizierte aller internationalen Übereinkommen ist; daran erkennen wir, dass dieses Phänomen existiert und auch von den Regierungen aller Länder der Welt anerkannt wird.“
Prof. Anna Sergi, die bei mehreren Mafia-Prozessen in Deutschland als Sachverständige angehört wurde, beschreibt einige der Schwierigkeiten, die sich bei Prozessen außerhalb Italiens ergeben. Sie mahnt, dass ein einfacher Bezug zu manchen Orten in Kalabrien oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie nicht als Nachweis der ‘ndrangheta-Mitgliedschaft gelten darf. „Wir dürfen uns nicht auf etwas einlassen, was ein Strafverteidiger sofort als Rassismus entlarven kann, denn genau das passiert. Ein halbwegs intelligenter deutscher Anwalt sagt dem Richter in der zweiten Minute der Anhörung: „Das ist Rassismus gegen die Kalabrier.“ Und wahrscheinlich hat er recht. Deshalb muss man den Kontext klären. Was ist kulturelle Manipulation, und was ist ‘ndrangheta?“
Trotzdem hat sie auch lobende Worte für Deutschland parat: „Deutschland ist derzeit das europäische Land, das die ‘ndrangheta vor Gericht stellt […]. Es ist das Land in Europa, das sicherlich mehr als nur ein Problem hatte, aber […] eine Antimafia-Bewegung, die zivilgesellschaftlich geprägt ist, und auch ein Mindestmaß an institutioneller Reaktion vorweisen kann.“
Judith Eisinger erzählt die Entstehungsgeschichte von mafianeindanke und wie eine Gruppe italienischstämmiger Gastwirte vor fast zwanzig Jahren die Antimafia nach Deutschland brachte – nicht nur, um sich gegen Organisierte Kriminalität zu wehren, sondern auch, um verletzenden und vereinfachenden Stereotypen entgegenzuwirken.
Sie fordert, die größten Schwachstellen des deutschen Systems bei der Bekämpfung der Mafia mit einem Antimafia-Dreiklang zu verbessern. Dazu gehört die Reform des §129 StGB, „Bildung einer kriminellen Vereinigung“, eine wirksame präventiven Vermögensabschöpfung sowie die Einführung der sozialen Wiederverwendung beschlagnahmter Güter. „Das hilft den Bürgern, die Präsenz der organisierten Kriminalität, aber auch die Stärke des Rechtsstaates mit ihren eigenen Augen zu sehen.“ Man dürfe allerdings nicht den Fehler machen, die italienischen Gesetze einfach zu übersetzen, sondern müsse sie an den Kontext vor Ort anpassen.
Und danach?
Nach dem Panel sitzen die Panelist:innen zusammen mit anderen Aktivisten und Journalisten zusammen. Das Gespräch kommt auf die 2027 anstehenden Wahlen in San Luca, dem berühmt-berüchtigten Herzen der ‘ndrangheta, Der kleine Ort wird regelmäßig von Fernsehteams auf der Suche nach spektakulären Bildern heimgesucht, hat kaum Infrastruktur zu bieten und gilt als unregierbar. Politische Wahlen laufen immer wieder ins Leere, Bürgermeister werden abgesetzt. Mit dem „Manifesto con San Luca“ will Prof. Anna Sergi gemeinsam mit verschiedenen Partner:innen und den Einwohner:innen von San Luca Vorurteile überwinden und die Region von innen heraus erzählen, ohne auf einfache Antworten oder Opfererzählungen zu verfallen. Die Verbindung von San Luca nach Deutschland sei eng, sagt sie, viele Männer pendelten zwischen dem kleinen Dorf im Aspromonte und Deutschland hin und her. „In San Luca wird im Sommer auch Deutsch gesprochen.“
Das Trame-Festival bringt Menschen aus verschiedensten Bereichen zusammen und gibt ihnen die Möglichkeit, einander in einem offenen Rahmen zu begegnen und voneinander zu lernen. Hier ist Antimafia lebendig, voller Herzblut, laut und vielfältig. Sie diskutiert, wirft Fragen auf, hört zu und lacht – gemeinsam.
Es ist höchste Zeit für das erste Antimafia-Festival in Deutschland.
Hier können Sie sich die Aufzeichnung des Panels „Il lato oscuro della Germania“ auf Italienisch ansehen:
Fotos: Judith Eisinger für mafianeindanke e.V.














