Noch nie wurde so viel Kokain konsumiert wie jetzt. Die ‘ndrangheta ist seit Jahrzehnten ein zentraler Broker im transnationalen Kokainhandel. Mafianeindanke hat mit Sarah David von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ) über aktuelle Fortschritte und das Konzept der Alternativen Entwicklung als Strategie gegen illegale Drogen gesprochen. Sarah David leitet für die GIZ das Vorhaben “Globale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung” (GPDPD) und hat bereits auf dem Antimafia-Seminar 2023 über die Auswirkungen der Kokainproduktion auf Kleinbäuerinnen und -bauern in Südamerika gesprochen.
Mnd: Letzten Monat (März 2026, Anm.d.Red.) fand die 69. Session der Commission on Narcotic Drugs der Vereinten Nationen statt. Was waren die zentralen Aspekte, die Sie von der Veranstaltung mitgenommen haben?
GIZ: Die VN-Suchtstoffkommission, auch Commission on Narcotic Drugs genannt, ist für uns das zentrale Gremium auf internationaler Ebene, in dem über Drogenpolitik gesprochen wird. Dabei kommen Mitgliedstaaten zusammen, um Ansätze der Drogenpolitik zu diskutieren und Resolutionen zu verabschieden. Für uns war dieses Jahr besonders wichtig aufgrund der Verabschiedung einer Resolution, die Deutschland gemeinsam mit Thailand und Peru eingebracht hat. Dabei ging es um das Thema Alternative Entwicklung, also einem entwicklungsorientierten Ansatz der Drogenpolitik. Wir versuchen regelmäßig, das Thema Alternative Entwicklung durch diese Resolutionen auf internationaler Ebene zu verstetigen und den normativen Ansatz weiterzuentwickeln. Dieses Jahr ging es konkreter darum, die United Nations Guiding Principles on Alternative Development (2013) durch eine Ergänzung weiterzuentwickeln – also bestehende internationale Leitlinien an aktuelle Entwicklungen in der Drogenpolitik anzupassen, weil diese 2013 noch in einem ganz anderen Kontext verabschiedet wurden. Inzwischen hat sich viel in der Drogenpolitik getan; es gibt immer mehr Länder, die Alternative Entwicklung umsetzen. Deshalb war es notwendig, diese Richtlinien anzupassen – um Aspekte wie zum Beispiel Menschenrechte, Gender und Umweltaspekte stärker zu berücksichtigen. Durch diese Resolutionen ist es uns gelungen, einen stärkeren Fokus auf ganzheitliche und territoriale Ansätze im Bereich der Alternativen Entwicklung, aber dann im Großen und Ganzen auch in der Drogenpolitik, zu verankern und somit die strukturellen Ursachen, die hinter illegalen Drogenökonomien stehen, stärker in den Fokus zu rücken. Im Kokain-Kontext geht es dabei ganz konkret um Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die in den Anbau der Kokapflanze involviert sind.
Mnd: Sie haben die internationalen Drogenpolitik-Prozesse bereits angesprochen. Welche Entwicklungen lassen sich da aktuell verzeichnen und mit welchen Hürden ist man konfrontiert?
GIZ: In den letzten Jahren hat sich auch auf internationaler Ebene abgezeichnet, dass es immer mehr um integrierte Ansätze in der Drogenpolitik geht, einfach weil die Situation rund um Anbau, Produktion, Handel und Konsum so viel komplexer geworden ist. Und das heißt im Umkehrschluss auch, dass Aspekte wie Entwicklung, Gesundheitsaspekte und Menschenrechte stärker verankert wurden in den internationalen Prozessen. Auch heißt es, dass die Adressierung von den strukturellen Ursachen, die ich gerade schon mal genannt habe, stärker anerkannt wird und dass es insgesamt mehr Raum für evidenzbasierte und innovative Ansätze gibt. Aber wir sind natürlich mit einer sehr polarisierten Welt konfrontiert, die von geopolitischen Entwicklungen beeinflusst ist. Es gibt nach wie vor viele Staaten, die sich sehr an repressiven Ansätzen orientieren und diese Polarisierung erschwert eben auch manchmal Fortschritte. Hinzu kommt, dass die Marktmechanismen sehr komplex geworden sind und es manchmal schwer ist, mit diesen Mechanismen Schritt zu halten. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, UNODC, veröffentlicht jedes Jahr den Weltdrogenbericht mit aktuellen Zahlen zu Produktion, Konsum und weiteren Daten. Im Bericht von 2025 ist ersichtlich, dass die Produktion, die Sicherstellung, aber auch der Konsum von Kokain im Jahr 2023 neue Höchststände erreicht hat, wodurch Kokain zum weltweit am stärksten und schnellsten wachsenden Markt für illegale Drogen geworden ist. Das zeigt, dass sich Konsum und Produktion bedingen, aber auch die Schwierigkeit, schnell genug auf diese Marktmechanismen zu antworten.
Mnd: Trotz der zum Teil zunehmenden Schwierigkeiten, die sich durch diesen komplexen Markt ergeben haben: Welche Errungenschaften lassen sich nennen und woran kann man diese festmachen und messen?
GIZ: Unser Hauptvorhaben als globale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung ist die Verankerung von Alternativer Entwicklung auf globaler Ebene und die Beratung von Ländern in diesem Bereich. Eine der größten Errungenschaften ist für uns, dass das Konzept der Alternativen Entwicklung heute fest im internationalen Normengerüst verankert ist und nicht mehr nur als Nischenthema gesehen wird. Inzwischen gibt es viele Länder, die entwicklungsorientierte Ansätze nicht mehr nur im ländlichen, sondern auch im urbanen Kontext anwenden. Das spiegelt sich unter anderem in den UN Guiding Principles on Alternative Development, also den Richtlinien, wider, die wir mit der diesjährigen Resolution aktualisiert haben. Ein wichtiger Bereich ist auch der Umweltschutz und der Blick auf die Tatsache, dass illegale Drogenökonomien auch Auswirkungen auf die Biodiversität haben. In den letzten Jahren hat sich da viel bewegt. Es gibt mehrere Resolutionen, die beinhalten, dass die Drogenpolitik Maßnahmen vorsieht, die die Umwelt schützen und Biodiversität fördern und nicht auch noch zusätzliche Schäden verursacht, was zum Beispiel in der Produktion von synthetischen Drogen oder der Vernichtung von Drogen relevant ist.
Mnd: Wie könnte denn so eine Maßnahme zur Sicherung der Biodiversität oder zum Umweltschutz konkret vonstattengehen?
GIZ: Wir beobachten, dass in manchen unserer Partnerländern der Anbau von Drogenpflanzen immer mehr in Naturschutzgebieten stattfindet. Das führt zu Entwaldung, zur Belastung der Böden durch Monokulturen und zu anderen illegalen Aktivitäten, wie illegaler Abholzung. Ein Projekt der Alternativen Entwicklung in einem solchen Schutzgebiet oder in einem Territorium, wo indigene oder afrokolumbianische Gemeinschaften leben, muss die menschenrechtliche Seite berücksichtigen und immer im Einverständnis mit den Gemeinschaften handeln. Es geht um einen engen Austausch und darum, was alternative Einkommensquellen sein könnten. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Ökotourismus, Kunsthandwerk, je nachdem, worauf sich die Gemeinschaft spezialisiert hat. Viele dieser Gemeinschaften kümmern sich gut um das Territorium, in dem sie leben und setzen sich dafür ein, dass es geschützt wird. Auch gibt es sogenannte Zahlungen für Ökosystemleistungen, also Programme, die Gemeinschaften dafür entlohnen, dass sie eine Wasserquelle schützen, Wiederaufforstung betreiben oder andere Beiträge zum Biodiversitäts- und Umweltschutz leisten. Das kann eine komplementäre Einnahmequelle sein.
Mnd: Und wer kontrolliert dann diese Dinge?
GIZ: Das hängt sehr davon ab, wer das Projekt umsetzt. Im Idealfall ist es ein Zusammenschluss aus verschiedenen Ministerien oder Behörden in dem jeweiligen Land. Der integrierte Ansatz ist ein Grundpfeiler von Alternativer Entwicklung – es müssen viele Akteure zusammenkommen und gemeinsam agieren. Wenn die Privatwirtschaft im Spiel ist, gibt es die Möglichkeit, mit Zertifizierungen zu arbeiten. Wenn internationale Organisationen oder die Entwicklungszusammenarbeit involviert sind, finden regelmäßige Evaluierungen statt, die den Erfolg messen.
Mnd: Ich würde gerne zum Thema Menschheitsverletzungen übergehen. Welche Menschenrechtsverletzungen entlang der Lieferkette sind bekannt? Welche Entwicklungen lassen sich verzeichnen und wie eng ist die Lieferkette mit menschenrechtlichen Perspektiven verzahnt?
GIZ: Drogenökonomien sind strukturell sehr eng mit Menschenrechten verknüpft, und zwar entlang der gesamten Lieferkette. Die Bevölkerungsgruppen, die das schwächste Glied der illegalen Lieferkette sind, sind am meisten marginalisiert. Das hängt damit zusammen, dass sie oft in Regionen leben, die weit abgeschnitten sind von Infrastruktur, Marktzugängen und von dem Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheit und Bildung. Sie leben meist in großer Armut. Strukturen organisierter Kriminalität (OK) können sich dadurch leichter Zugang verschaffen. Es gibt auch Fälle, in denen die OK staatliche Funktionen ersetzt und der Anbau und der Schmuggel mit Repressionen durch diese verbunden ist. Kleine bäuerliche Haushalte sind großem Druck, Repressalien und dementsprechend auch Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Entlang der Lieferkette gibt es viele Ungleichheiten und dadurch, dass es sich um eine illegale Ökonomie handelt, sind die Profite am Ende der Lieferkette natürlich am größten. Die ProduzentInnen verdienen damit nicht sehr viel Geld, sondern nagen am Existenzminimum. Auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit ist wichtig, da Frauen eine doppelte Diskriminierung erleben und natürlich auch noch anderen Schwierigkeiten ausgesetzt sind, geschlechterbezogener Gewalt zum Beispiel. Die Maßnahmen müssen dann darauf ausgerichtet sein, dass man diese Faktoren adressiert und Frauen die Möglichkeit gibt, aus dieser ungleichen Situation auszubrechen.
“Die Frage, wie mit illegalen Ökonomien umgegangen wird, ist eine politische. Die Verantwortung liegt auf politischer und internationaler Ebene. ” – Sarah David
Mnd: Wir haben es am Anfang schon mal gehört, 2023 war der Kokain Konsum auf einem Peak. Grundsätzlich kann man eine gesellschaftliche Steigerung des Konsums feststellen und auch eine damit einhergehende Normalisierung des Ganzen. Welche Beobachtungen haben Sie dazu gemacht?
GIZ: Wir schauen vor allem auf die globalen Auswirkungen, die eine gestiegene Nachfrage hat. Wir sehen an den Zahlen, dass der Konsum steigt und dass auch die Produktion steigt. Es gibt da einen Zusammenhang, aber es ist nicht so, dass eine gesteigerte Nachfrage direkt zu einem größeren Angebot führt. Der Markt ist sehr dynamisch, es kann dazu führen, dass sich die Produktion und die Schmuggelrouten verlagern und die Gruppierungen der OK sich anpassen. Auch sehen wir Effizienzsteigerungen, zum Beispiel in Anbau und in Produktion, die natürlich Folgen für die kleinbäuerlichen Haushalte, die involviert sind, haben können. Auch kann so eine gesteigerte Nachfrage dazu beitragen, dass Entwaldung oder die Sicherheitssituationen sich in den Gebieten verschärfen.
Mnd: Welche Einflusskraft messen Sie Aufklärung und informierenden Ansätzen bei? Was sind da die Chancen und der Spielraum?
GIZ: Aufklärung ist auf jeden Fall ein wichtiger Bestandteil, um die Nachfrage zu reduzieren, für die Prävention, und, um die komplexen Zusammenhänge, die hinter dieser Ökonomie stehen, zu verdeutlichen. Wir machen das unter anderem über Online-Beiträge und versuchen regelmäßig über Mythen aufzuklären, die es im Rahmen von Drogenökonomien gibt. Also: wer ist involviert, welche Akteure gibt es entlang der Lieferkette, was ist die Rolle von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, wie viel verdienen diese wirklich und so weiter. Es soll deutlich werden, warum es wichtig ist, Drogenpolitik aus vielen Blickwinkeln zu betrachten und es eben nicht nur die eine Sichtweise gibt. Ein messbarer Effekt auf den Drogenmarkt ist dabei nicht der Anspruch, sondern eine Sensibilisierung.
Mnd: Auch wenn die Effekte nicht messbar sind: Was kann denn jeder und jede Einzelne tun, um den Drogenökonomien das Leben ein bisschen zu erschweren?
GIZ: Die Frage, wie mit illegalen Ökonomien umgegangen wird, ist eine politische. Die Verantwortung liegt auf politischer und internationaler Ebene. Ich glaube nicht, dass man das auf die individuelle Ebene runterbrechen kann. Aber ein informierter Umgang mit dem Thema und eine informierte Auseinandersetzung ist sicherlich hilfreich, auch einfach, um die Zusammenhänge zu verstehen und dann vielleicht auch im Bekanntenkreis zur Debatte beizutragen. Aber die Tatsache, dass es diese illegalen Ökonomien gibt, resultiert aus strukturellen Ursachen, die nicht direkt mit dem Konsum in Verbindung zu setzen sind.
Mnd: Was sollte abschließend noch erwähnt werden?
GIZ: Wichtig in der Drogenpolitik ist vor allem der Austausch mit Partnerländern. Kein Land kann das alleine lösen. Weil das Thema so global ist, ist ein ständiger Austausch und die Suche nach gemeinsamen Lösungen wirklich essentiell.
Vielen Dank an Sarah David für das Gespräch! Mehr über die Globale Partnerschaft für Drogenpolitik und Entwicklung finden Sie auf gpdpd.org .
Foto: © GIZ/Photothek Media Lab


