Pressemitteilung zum Bundeslagebild Rauschgift 2017: Der Drogenhandel – ein Business, das boomt und sich lohnt.


Kokain ist in Deutschland für viele eine alltägliche Droge geworden, wie Cannabis und Alkohol. Dies zeigt das Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität des BKA, dem zufolge es einen Anstieg um fast 20 Prozent bei Kokaindelikten gab und eine Vervierfachung der aufgegriffenen Drogenmenge. Auch dass der Straßenpreis des Kokaingemischs sich trotz der Beschlagnahmungen von Drogen nicht ändert, ist ein alarmierendes Zeichen: Wir erleben gegenwärtig eine Kokainschwemme in Europa, der die Behörden quasi ratlos gegenüberstehen.

Die gegenwärtige restriktive Drogenpolitik erweist sich als wenig wirksam: sie dämmt den Konsum von Drogen wie Kokain nicht ein. Zugleich sorgt sie dafür, dass die Profite krimineller Organisationen immer weiter steigen.

Viele Unternehmen beschäftigen sich nicht mit Korruptionsrisiken: Eine Podiumsdiskussion in Berlin


Korruption in Deutschland ist ein unterbelichtetes Phänomen, erst recht, wenn es um Korruption zwischen Unternehmen im Privatsektor geht. An diesem Punkt setzte eine innovative, in vier europäischen Staaten durchgeführte Pilotstudie an, bei der es darum ging, Informationen über das Dunkelfeld dieser Art von Korruption zu sammeln. Mafia? Nein, Danke! verantwortete den deutschen Teil der Studie, die daher am 10. April in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung vorgestellt wurde. Eine mit hochrangigen Referenten besetzte Podiumsdiskussion gab weitere interessante Einsichten.

Könnte man ohne Korruption schon am Flughafen BER starten? Dies war die Eingangsfrage, und sie richtete sich an Dr. Rüdiger Reiff, den Leiter der Zentralstelle für Korruptionsbekämpfung bei der Staatsanwaltschaft Berlin, und damit an die falsche Person. Denn für die Korruptionsfälle bei Planung und Bau des neuen Berliner Großflughafens waren die Kollegen von Brandenburg zuständig und nicht er. „Es ist aber klar, dass wenn geschmiert wird, auch Baumängel zustande kommen“, sagte Reiff. Er bedauerte, dass Korruptionsdelikte nicht häufiger zur Anzeige gebracht werden. Im Fall BER habe es eine Handvoll Verfahren gegeben, in Berlin im vergangenen Jahr gab es insgesamt 126 Verfahren zu Korruption. Die Sensibilisierung für das Thema sei toll, lobte Reiff. Es gebe einen Vertrauensanwalt für Menschen, die sachdienliche Hinweise geben wollen, aber anonym bleiben. Auch online könne man Informationen weitergeben und dabei anonym bleiben. Dennoch gingen nur wenige Hinweise ein, und noch weniger davon seien stichhaltig und führten zu Ermittlungen. Die Anonymität sei sehr wichtig, betonte Reiff, denn die verwertbaren Hinweise kämen meist aus demselben Organisationsumfeld. Große Unternehmen hätten meist eine Compliance Abteilung, auch weil verstöße hier vor allem bei internationaler Geschäftstätigkeit schnell hohe Geldbußen nach sich ziehen können. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) verfügen dagegen oft nicht über spezialisierte Kräfte, die Korruption, Schattenwirtschaft und unethisches Vorgehen unterbinden bzw. verhindern sollen.

Diesen Zustand will Oliver Schieb ändern, geschäftsführender Gesellschafter bei Comfield, einer Berliner Unternehmensberatung. Sein Unternehmen hilft KMU, Maßnahmen erfolgreich umzusetzen, die Korruption verhindern. Er wies auf die Gefahren hin, die Nachlässigkeit speziell in diesem Bereich birgt. Oft seien KMU von Patriarchen aufgebaut, sagte Schieb, die das Selbstverständnis hätten, ihre Mitarbeiter und Geschäftspartner genau zu kennen: dass sie alle sauber seien. Zudem glaubten sie, die Art, wie sie Geschäfte tätigten, berge keinerlei Risiken und trage zu dem Erfolg und Wachstum ihres Unternehmens bei. Der entscheidende Punkt ist hier die Frage des Bewusstseins: des Problembewusstseins auch bei den Mitarbeitern, aber auch des Selbstbewusstseins der Geschäftsführung, die erkennen muss, dass Korruption große Gefahren birgt und daher Maßnahmen zu ihrer Verhinderung ergreifen muss. Ein standardisiertes Vorgehen gebe es dabei nicht, auch wenn es Maßnahmen gebe, die sich bewährt hätten wie etwa ein Code of Conduct, also für alle verbindliche Verhaltensregeln. Schieb sagt, man müsse das Vorgehen immer individuell an das Unternehmen anpassen, denn eine Compliance, die nur auf dem Papier funktioniere, helfe niemanden.  Er betonte, man müsse die Maßnahmen als andauernden Veränderungsprozess betreiben und nicht als einmaligen Schritt sehen im Sinne von: Ich nehme eine Toolbox und dann habe ich alles, was ich brauche.

Sebastian Wegner ist für die Humboldt Viadrina Good Governance Platform tätig, einen Berliner Think Tank, der große gesellschaftliche Herausforderungen untersucht und Lösungen findet, die an mehreren Punkten, bei mehreren Akteuren ansetzen, sucht. Sein Thinktank nahm vor allem die Motivation in den Blick, etwas gegen Korruption zu unternehmen. Global gesehen gibt es hier unterschiedliche Ansätze, denn natürlich ist die Lage in einem Land, wo die Staatsanwaltschaft etwas gegen Korruption unternimmt, eine andere wie dort, wo die Bestechung niemanden kümmert oder sogar als Teil der Geschäftskultur gesehen wird. Wichtig sind in jedem Fall Sanktionen als Motivationsmittel, diese müssen aber keineswegs nur von staatlicher Seite gesetzt werden. So können beispielsweise auch Großunternehmer ihre Zulieferfirmen zu einem Vorgehen gegen Korruption und zu präventiven Maßnahmen verpflichten. Auch Investoren sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Beispielsweise arbeitet die Humboldt-Viadrina-Platform in Nigeria mit der dortigen Börse zusammen, um über Finanzinvestoren positive Veränderungen zu erreichen. Dieser Punkt wurde zu einer Art Quintessenz der Podiumsdiskussion, denn in deren Verlauf betonten mehrere Redner die Wichtigkeit einer effizienten Sanktionierung (die im Übrigen auch in Deutschland noch ausbaufähig ist). Gegen- und Präventionsmaßnahmen selbst, sagte Wegner, müssen für KMU nicht einmal teuer sein.

Max Haywood von Transparency International beobachtet die Implementierung von Anti-Korruptionsmaßnahmen weltweit mit gemischten Gefühlen. Nirgendwo seien die Maßnahmen so fortgeschritten, wie sie eigentlich sein könnten und müssten. Vielleicht, mutmaßte er, liegt das auch daran, dass Korruption erst seit relativ kurzer Zeit als Problem wahrgenommen werde. Und dass die Folgen von Korruption den Menschen nicht so präsent sind wie sie es sein müssten. Haywood wählte ein anschauliches Beispiel, den Immobilienhandel. In Berlin gebe es dazu wenig Untersuchungen, Analysen aus London zeigten aber die gesellschaftlichen Nachteile auf. Wenn ein Berliner Hausbesitzer etwa sein Haus verkaufe und ein russischer Investor das Doppelte des Kaufpreises biete, um sein Schwarzgeld zu investieren, werde der Besitzer an ihn verkaufen. Dies führt aber zu höheren Preisen gesamt und in der Folge zu höheren Mieten. Es gebe hunderte Maßnahmen gegen Korruption, schloss Haywood. Was zu tun sei, ist bekannt, jetzt müsse es nur noch getan werden.

Ein historisches Urteil im Prozess zu Verhandlungen zwischen dem italienischen Staat und der Mafia


Am 20. April hat der Kassationsgerichtshof von Palermo ein entscheidendes Urteil zu den angeblichen Verhandlungen zwischen Politikern und Mafia in Italien in den neunziger Jahren erlassen. Der Prozess, der fünf Jahre und sechs Monate dauerte, führte zu Haftstrafen von acht bis achtundzwanzig Jahren für Mafiosi und auch Männer in staatlichen Institutionen. Das Gericht gelangte zu dem Schluss, dass die Täter sich der Gewalt oder Drohung gegen eine politische, administrative oder juristische Einrichtung der Staates (Artikel 338 des italienischen Strafgesetzbuches) schuldig gemacht haben. Konkret geht es darum, dass sie die Regierung bedroht haben, mit weiteren Bomben und Morden auf eine Fortsetzung der staatlichen „Anti-Mafia-Offensive“ zu reagieren. Es geht dabei auch um die Morde an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino.

Das Urteil nennt bekannte Namen: Acht Jahre Freiheitsstrafe erhielt der ehemalige Oberst Giuseppe De Donno. Massimo Ciancimino, Sohn des palermitanischen Ex-Bürgermeisters Vito Cancimino, war angeklagt wegen Mitgliedschaft in der Mafia und Diffamierung des ehemaligen Polizeichefs  De Gennaro, erhielt ebenfalls acht Jahre und wurde auch zu Schadenersatz verurteilt. Zu achtundzwanzig Jahren Haft ist der Schwager des ehemaligen Ober-Mafiabosses Totò Riina, der Boss Leoluca Bagarella verurteilt worden. Zwölf Jahre Haft erhielt der treue Arztes von Riina, Antonino Cinà; die Anklagepunkte gegen den reuigen Giovanni Brusca, der zum Kronzeugen wurde, sind verjährt. Freigesprochen wurden die beiden angeklagten Minister, Nicola Mancino und Calogero Mannino. Die früheren Leiter der Sonderabteilung ROS der Carabinieri, Mario Mori und Antonio Subranni, wurden zu zwölf Jahren verurteilt, aber für den Zeitraum nach 1993 freigesprochen.

Komplex ist der Fall des ehemaligen Senators von Forza Italia, Marcello Dell’Utri, der wegen desselben Verbrechens zu zwölf Jahren verurteilt worden ist. Bereits im Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2012 wurden seine Kontakte mit der Cosa Nostra in der Zeit von den siebziger Jahren bis 1992 bestätigt: 1974 organisierte er ein Treffen zwischen Berlusconi und den Führern der Cosa Nostra (zu der Zeit mit den Bossen Bontade und Teresi). Ein Ergebnis dieses Treffens war, dass die Familie von Berlusconi gegen regelmäßige Zahlungen erheblicher Geldsummen durch Dell’Utri geschützt war. 1983 kehrte Dell’Utri als Beschäftigter zu Berlusconi zurück und blieb dort bis 1992, als Berlusconis Zahlungen an die Cosa Nostra beendet zu sein schienen. Das jetzt gesprochene Urteil beschreibt jedoch eine neue Intensität dieser Beziehung, wie der Staatsanwaltschaft Nino Di Matteo, der die Ermittlungen führte, in einem Interview erklärte. Di Matteo stellt fest, dass es keine Unterbrechungen in dieser Beziehung gab, ganz im Gegenteil: sie lebte auch im Jahr 1993 und damit zur Zeit der Regierung Berlusconi fort. Mori, Subranni, De Donno, Dell’Utri und die Chefs Nino Cinà und Leoluca Bagarella müssen dem Regierungskabinett, das als Zivilkläger Prozessbeteiligter war, daher 10 Millionen Euro Schadenersatz bezahlen.

Viele haben sich zufrieden mit dem Urteil gezeigt, einschließlich Salvatore Borsellino, Bruder von Paolo. Er äußerte sich jedoch kritisch über den Freispruch des ehemaligen Innenministers Mancino. Man müsse in diesem Fall noch weiteren Hinweisen und Ermittlungsergebnissen nachgehen, sagte er.   Er bezog sich unter anderem auf die Rolle von Politikern, die, abgesehen von der Verurteilung von Dell’Utri, nicht gänzlich überprüft worden sei.

Die Schweiz und die Mafia: Komplizierte Verhältnisse


Eigentlich liegt die Polizeioperation schon lange zurück, über die der Autor Frank Garbely jetzt in schweizerischen Meiden berichtet. Im Jahr 2006 hatte die italienische Nationale Antimafiabehörde DIA in Abstimmung mit der Bundesanwaltschaft in der Schweiz einen Bocciaclub überwachen lassen, weil sich dort vier Mafia-Verdächtige regelmäßig trafen. Die mutmaßlichen Mafiosi, Fortunato M. Francesco R. , Antonio M. und Bruno P., saßen meist am selben Tisch. Die Schweizer Behörden hatten der Observation unter Auflagen zugestimmt. So durfte Garbely zufolge nur dieser Bereich gefilmt werden. Bei den Überwachungsmaßnahmen ging Vieles schief: Es kam zu mehreren technischen Ausfällen, schließlich musste das Material gelöscht werden, weil die Aufnahmen nicht nur die vier Verdächtigen zeigte, sondern auch Richter, Journalisten und Beamte. Nach drei Monaten wurde die Überwachung beendet, heißt es in dem Artikel, „aus technischen Gründen“.

Installiert habe die Technik ein italienisches Unternehmen, eine Tarnfirma der DIA. In der Folge wurde Fortunato M. festgenommen und ausgeliefert.

In mehreren Artikeln wird die gesamte Operation jetzt skandalisiert, unter anderem, weil keine schweizerische Abhörtechniker am Werk waren. Zugleich sind vermehrt Berichte über schwere Erkrankungen des inhaftierten Fortunato M. veröffentlicht worden. Und natürlich fehlte es auch nicht an Kommentaren, die meinten, M., ein Maler, könne kein Mafioso sein, weil er ein so freundlicher Mensch oder Kollege sei und ein Handwerker.

Was interessant dabei ist: Offensichtlich sind interne Unterlagen nach außen getragen worden. Dies wird die italienischen Behörden wenig freuen, die seit Langem ein äußerst schwieriges Verhältnis zu den Schweizerischen Behörden pflegen. Ähnlich wie in Deutschland sind die Gesetze für die Bekämpfung der Mafia in der Schweiz mangelhaft. Zugleich haben italienische Fahnder ein Video mit Aufnahmen aus dem Bocciaclub veröffentlicht, ohne Rücksprache mit ihren schweizerischen Kollegen.

Bundesanwalt Michael Lauber gab auf einer Konferenz Ende Februar Einblicke in die Strafverfolgung: Zwanzig offene Fälle gebe es derzeit ihm zufolge in der Schweiz, das Land sei vor allem als Ort für Geldwäsche interessant und sei auf dem „Finanzplatz am verletzlichsten“. Lauber will künftig verstärkt auf Kronzeugen zurückgreifen. «Wir müssen herausfinden, was im Innern der mafiösen Kreise vor sich geht», begründete Lauber. Allerdings hat die Schweiz dafür bisher keine ausreichenden Gesetze.

Dies sind insofern überraschende Töne, wie Lauber in der Vergangenheit auch schon andeutete, keine weiteren Mafiaermittlungen führen zu wollen wegen mangelnder Erfolgsaussichten.

Hoffen wir, dass in den schweizerischen Behörden ein Umdenken sich durchsetzt. Die Gefahr von mafia-Infiltrationen ist auch in Helvetia dauerhaft gegeben. Erst vor Kurzem war etwa bekanntgeworden, dass ein dubioses Bauunternehmen in der Schweiz einen Großauftrag für den Bau eines Tunnels über eine Milliarde Franken erhalten hat. Dem italienischen Mutterhaus ist das Antimafia-Zertifikat entzogen worden und fünf Mitarbeiter wurden wegen Mafia-Zugehörigkeit verhaftet. Auch Korruptionsvorwürfe stehen im Raum.

Boss der ‚Ndrangheta verhaftet


Am 6. April 2018 wurde der Boss der Ndrangheta Giuseppe P., Sohn von ‚Ntoni P. Gambazza, verhaftet: Die Festnahme fand in Condufuri, in der Nähe von San Luca, statt, umfasste 50 Männer des mobilen Teams von Reggio Calabria und des Central Operations Service (SCO) und wurde koordiniert von der Antimaifia-Direktion reggina. Der Mann lebte einige Monate in einem abgelegenen Haus im Hinterland von Locride, in einem nur schwer zugänglichen Gebiet. Bei der Festnahme befanden sich noch weitere Menschen bei ihrem Boss, aber keiner von ihnen widersetzte sich.

Giuseppe P. gilt als einer der wichtigsten strategischen Führer der kriminellen kalabrischen Organisation, er gehört zur „Provinz“, dem obersten Organ der ‚Ndrangheta. Seine Macht stieg zudem auch mit seiner Heirat zu Marianna B. an, der Tochter des lebenslänglich inhaftierten Chefs Francesco B. – u castanu-, dem Familienoberhaupt der Familie B. aus Platì. Im Juli 2017 wurde gegen ihn eine vorsorgliche Schutzhaft im Gefängnis verfügt. Gründe waren Erpressungsversuche und unerlaubter Wettbewerb, der sich durch die Mafia-Methode in der Region verschärft hatte und innerhalb der Ermittlung des „Madamento Ionico“ bereits zur Festnahme von 115 weiteren Personen und 200 Verdächtigen geführt hatte.

Den Ermittler*innen zufolge hat P. nicht nur eine Rolle in der Kriminalität gespielt, und dabei die Trennung von Geschäft und Öffentlicher Arbeit zwischen den Clans der Gegend bewältigt, sondern wollte auch in die Politik. Es hat Nachrichten über die Regionalwahlen von 2010 in Sizilien gegeben, als Dutzende von Kandidaten an ihm vorbeizogen: Einer davon war der damalige Bürgermeister Santi Z., der mit 11 00 Stimmen die Wahl gewann.

P. nutzte zudem seine Macht, um seinen Neffen Antonio in der Fakultät für Architektur von Reggio Calabria unterzubringen. Jedoch beschränkten sich seine Kontakte mit der Universität nicht nur auf diesen Fall, er garantierte einer weiteren Person durch die Beziehung zu einem „Freund“ die Aufnahme des Kindes an der Medizinischen Fakultät.

Der Zustand der Korruption in Berlin


Es ist bekannt, dass Berlin seit geraumer Zeit ein Problem mit dem Drogenhandel hat. Was jedoch bislang verdeckt blieb, ist, dass dabei sogar Teile der Polizei maßgeblich durch Korruption involviert sind. Wir können sagen, dass noch viel zu tun ist, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass es 20 000 Berliner Polizist*innen gibt, jedoch bislang lediglich drei bis sechs Korruptionsverfahren, die eine eher begrenzte Intervention der Problematik darstellen. Die Berliner Polizei begann nicht nur das Jahr 2018 mit einem Skandal, auch Anfang letzten Jahres nach dem Anschlag im Dezember 2016 fand sich die Polizei vor einer Vielzahl von (abgewiesenen) Anklagen wieder: Es wurdet vermutet, dass die Sorglosigkeit vor dem Attentat auf die Anwesenheit von krimineller arabischer Unterwanderung zurückzuführen sei.

Der aktuelle Skandal betrifft einen ganz anderen Bereich: es sind die Nachrichten einer Festnahme vom 16. März, dabei soll ein 39-jähriger Berliner Polizist und zwei weitere türkische Verdächtige festgenommen sein. Sie sind der Korruption und der Beteiligung am Drogenhandels beschuldigt. Es wird auch vermutet, dass der Polizist des Verbrechens der Geheimhaltung schuldig sei: man nimmt an, dass er vier Restaurantbetreiber stets vor einer bevorstehenden Kontrolle der Polizei warnte und im Gegenzug bis zu 3 000 Euro damit verdiente. Ebenfalls leitet er einen Pokerclub in Pankow, „Magic Card“, dessen Lagerhaus als Zwischenlager für Drogen dienen soll. Fünfzig Offiziere und Spezialeinheiten des Landeskriminalamtes (LKA) führten die Razzien durch, durch die sie vorläufig neben Mobiltelefone und Geld auch Güter im Wert von über 55 000 Euro beschlagnahmten.

Kurz darauf, am 28. März, fiel der Korruptionsverdacht auf drei weitere Polizisten (einer im Alter von 28 Jahren, zwei im Alter von 42 Jahren), die für die Abteilung 4 arbeiten, eine Abteilung, die für die Bezirke Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf zuständig ist. Die Polizisten, so der Verdacht, würden interne Informationen an fünf libanesische Heroinhändler weitergeben und im Gegenzug mit 800 Euro die Woche belohnt werden. Die Ermittler*innen durchsuchten daraufhin die Häuser der Verdächtigen und die Büros der Polizeistationen: es die Rede von erschöpfenden Beweisen, jedoch muss die Auswertung erst noch abgeschlossen werden.

Diese Skandale folgen kurz nach der Veröffentlichung des Korruptionsberichtes für das Jahr 2017 (hier als Download verfügbar) , aus dem hervorgeht, dass es 114 noch laufende Korruptionsprozesse und 119 abgeschlossene Verfahren gibt; 94 Fälle wurden stattdessen ad acta gelegt, weil die Beweislage der Verbrechen nicht ausreichend war.

Eine im Bericht beschriebene Verurteilung bezieht sich auf eine Sicherheitsfirma, die für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig ist und mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales zusammengearbeitet hat: Der Leiter hatte von dem Geschäftsführer Bestechungsgelder in Höhe von 143 000 Euro entgegengenommen; nach Aufdeckung der Straftat, erfolgte eine Einziehung von 480 000 Euro.

Die Anti-Korruptions-Arbeitsgruppe der Berliner Verwaltung konzentriert sich auch auf die milden Fälle von mangelnder Transparenz wie bei der Ausgabe von Freikarten für Sport- und Kulturveranstaltungen an Senator*innen.

Dieser Bericht bestätigt, was wir uns denken könnten, wenn wir die Nachrichten über die Skandale innerhalb der Polizei lesen: Unzulänglichkeiten und Verzögerungen bei den Verfahren zur Verurteilung der Korruptionsdelikte in Deutschland tragen dazu bei, dass einige zu der Überzeugung gelangen könnten, ungesühnt zu bleiben.

Das organisierte Verbrechen in Berlin – arabische Groẞfamilien


Der letzte Schlag der deutschen Polizei gegen das organisierte Verbrechen in Berlin gelang Ende Februar 2018: Bei einem Großeinsatz mit 120 Polizisten wurden 19 Durchsuchungsbeschlüsse vollstreckt und drei junge Männer festgenommen, die im Verdacht stehen, zu einem der größten arabischen Clans in Berlin zu gehören. Alle drei wurden des schweren Bandendiebstahls und der Hehlerei angeklagt.

Das organisierte Verbrechen hat längst auch die deutsche Hauptstadt erreicht und dieser jüngste Einsatz beweist einmal mehr, dass die Mafia in den Berliner Kiezen inzwischen fest verwurzelt ist. Die Berliner Kriminalität befindet sich in den Händen sogenannter arabischer Großfamilien, die vor allem im Westen der Stadt leben. Oftmals handelt es sich dabei um regelrechte Parallelgesellschaften, die sich vom Staat vollkommen abkoppeln und nach ihren eigenen Regeln leben. Experten gehen davon aus, dass ca. 20 Clans die Berliner Szene beherrschen, wobei sich die wichtigeren davon, ungefähr 7 oder 8 Clans, im Visier der Polizei befinden. Insgesamt zählen die arabischen Clans fast 1000 kriminelle Angehörige.

Die Clans sind in unterschiedlichsten Bereichen wie Geldwäsche, Drogenhandel, Prostitution und Glücksspiel aktiv. Diese Gelder aus illegalen Geschäften werden teilweise in die Herkunftsländer der Familien verschickt und zum Teil mittels Geldwäsche in den normalen Wirtschaftszyklus, etwa den Immobilienmarkt, investiert. Dies macht es der Polizei unmöglich, den illegalen Ursprung des Geldes nachzuweisen und die Verbrecher zu verfolgen. Darüber hinaus bilden die Familien enge Verbände, die enorm gut vernetzt sind, sodass man keine verdeckten Ermittler einschleusen kann, und es nur äußerst selten Aussteiger gibt, die als Zeugen vor Gericht auftreten könnten. Hinzu kommt, dass die Clans eine solche Macht ausüben, dass infolge ihrer Einschüchterungstaktik externe Augenzeugen oftmals ihre Aussagen zurückziehen.

Die Strategie der Mafiamitglieder besteht darin, die Polizei zu delegitimieren, indem sie falsche Gerüchte über angebliche Vergehen vonseiten der Polizei streuen und sie als nicht vertrauenswürdig darstellen, damit sie ungestört in einem Klima des Misstrauens gegenüber staatlichen Stellen agieren können. Gleichzeitig verfügen die Polizisten in vielen Fällen nicht über die erforderlichen Ermittlungsgrundlagen: So können sie den Ursprung schmutziger Gelder nicht nachweisen, da sie die Konten der Clanmitglieder nicht überwachen können. Ein weiteres Problem sind fehlende Fachleute bei den Ermittlungen. Das alles erschwert die Untersuchungen in einer ohnehin heiklen Situation. Deshalb wünschen sich die Polizisten entsprechende gesetzliche und juristische Strukturen, die sie in der Verfolgung der kriminellen Banden unterstützen.

Drogenhandel in Südamerika: Wer sind die Akteure?


Auf dem Kongress „Contromafie“, der in Rom Anfang Februar zum vierten Mal stattfand, leistete Lucia Capuzzi, Journalistin der italienischen Tageszeitung „Avvenire“ und Expertin für Südamerika, einen interessanten Beitrag zum Thema „Drogenhandel und mexikanische Drogenkartelle“. Ihr Vortrag lädt uns ein, unseren Blick auch auf andere kriminelle Akteure zu richten, die jedoch mit denen in Europa in Verbindung stehen und zusammenarbeiten. Wir müssen bedenken, dass im letzten Bericht der italienischen parlamentarischen Antimafia-Kommission die `Ndrangheta als führend beim Kokain-Handel bezeichnet und ihre Nähe zu südamerikanischen Drogenhändlern betont wurde. Seit einiger Zeit hat die kalabrische Mafia bevorzugte Beziehungen zu ihnen geknüpft und strategische Zellen geschaffen, um den Drogenmarkt möglichst effektiv zu steuern.

Lateinamerika ist ein Kontinent, der offiziell als friedlich gilt, doch in Wahrheit gibt es dort eine so hohe Rate von Gewaltkriminalität, dass man buchstäblich von einer Epidemie sprechen muss: Auf dem Kontinent leben 9% der Weltbevölkerung, doch es ereignen sich dort laut offiziellen Statistiken 33 % der Morde weltweit. Das Jahr 2017 hat den absoluten Rekord bei Gewaltverbrechen aufgestellt: Man registrierte in Mexiko mehr als 25 000 Morde, durchschnittlich 80 am Tag!

Das ist das Umfeld, in dem die Banden der Organisierten Kriminalität agieren. Und für ihre illegalen Geschäfte nutzen sie den größten Schwarzmarkt des Kontinents: den für Drogenhandel. In Südamerika finden sich nämlich drei der weltweit wichtigsten Länder für die Kokain-Produktion: Kolumbien, Peru und Bolivien. Außerdem werden, und das vor allem in Mexiko, riesige Mengen von Cannabis und Heroin produziert, wobei das Heroin hauptverantwortlich ist für den aktuellen Drogen-Notstand in den USA. Die mexikanischen Drogenkartelle nehmen in zunehmendem Maße den Drogenmarkt Richtung Norden mit den Vereinigten Staaten in Beschlag und werden auch zu wichtigen Akteuren Richtung Süden und pflegen Beziehungen zu den kolumbianischen Drogenhändlern. Außerdem haben die mexikanischen Kartelle ihr Geschäft auf Europa ausgedehnt. Der europäische Markt wird vor allem von der `Ndrangheta und von Cosa Nostra gesteuert, weshalb die Mexikaner Vertrauensverhältnisse zu diesen beiden italienischen Mafien aufgebaut haben. Die mexikanischen Gruppen haben über den Absatz in Afrika auch Kontakt zu Al Qaeda und zur Hizbollah und durch den Handel mit Meth zu den chinesischen Triaden.

Drogenhandel ist die Hauptaktivität der mexikanischen Kartelle. Die Drogenhändler sind in ihrem Gebiet dank paramilitärischer Gruppen aktiv, die sozusagen der verlängerte, brutale Arm der Kartelle geworden sind. Die Drogen werden dann exportiert und in den meisten Fällen in Europa und in den Vereinigten Staaten konsumiert, wo die Nachfrage nicht nachzulassen scheint. Die Profite aus dem Drogenverkauf dienen nicht mehr nur zur Korruption und dazu, den Markt zu dominieren, sondern man will sich auch Zugang zu anderen Märkten verschaffen und sie nutzen. Auf diese Weise diversifizieren sie ihre Geschäfte. Der für Lateinamerika im Augenblick lukrativste Bereich ist die Ausbeutung der Bodenschätze, in den die kriminellen Organisationen eindringen können. Es ist also kein Zufall, wenn auf diesem Kontinent weltweit die meisten Morde an Umweltschützern zu verzeichnen sind: Sich mit diesen Themen zu befassen und sich diesem Bereich zu nähern bedeutet oft, sich millionenschweren kriminellen Interessen entgegenzustellen. (Die Nichtregierungsorganisation Global Witness zählt, nur für das Jahr 2017, 197 in Südamerika ermordete Umweltschützer)

Weshalb also ist es so wichtig, den Blick auch auf den Drogenhandel in Lateinamerika zu richten? Die beständige Zusammenarbeit mit den europäischen Mafien bewirkt einen Teufelskreis, der es den kriminellen Banden ermöglicht zu überleben und zu verdienen dank des Verkaufs illegaler Waren. Und die mexikanische Zivilgesellschaft z.B. bezahlt dafür einen hohen Preis: In den letzten 10 Jahren musste sie sich mit dem traurigen Phänomen der Desaparecidos auseinandersetzen (In Mexiko sind in den vergangenen 10 Jahren 35000 Leute einfach verschwunden). Die willkürliche Entführung und Gefangennahme von jungen Leuten durch kriminelle Organisationen ist ein Drama, das viele mexikanische Familien durchleben müssen. Häufig finden diese Familien dann kein Gehör bei den Behörden. Und sobald die Angehörigen das Verschwinden eines Familienmitglieds anzeigen, leiten die mexikanischen Behörden eine  richtiggehende Kriminalisierung der Opfer ein. Der Typus der verschwundenen jungen Leute ist immer der gleiche: Junge Männer und Frauen zwischen 18 und 32 Jahren. Deshalb haben die Familien Vereine gegründet um ihrerseits ihre Angehörigen zu finden und um gemeinsam eine Antwort von den Behörden zu fordern. Dies macht z.B. der Verein „Fuerzas Unida por Nuestros Desaparecido en México“, der Mitglied im internationalen Netzwerk der italienischen Antimafia-Organisation Libera ALAS (America Latina Alternativa Social) ist. ALAS besteht aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die es sich zur Aufgabe machen, die soziale Antimafia in Mittel- und Süd-Amerika bekannt zu machen.

Der Schlussbericht der parlamentarischen Antimafiakommission in Italien


Am 21. Februar 2018 wurde dem italienischen Senat der Schlussbericht der von Rosy Bindi geleiteten parlamentarischen Antimafiakommission vorgestellt. Dieser beinhaltet die Arbeit der Legislaturperiode 2013-2018. Die Aufgaben der Antimafiakommission, die zum ersten Mal im Jahre 1962 einberufen wurde, umfassen die Untersuchung, Ermittlung und Informationen zum Thema Mafia. Zusammengesetzt ist die Kommission aus Abgeordneten und Senatoren der italienischen Republik. Das Dokument ist von besonderer Wichtigkeit um die jüngste Entwicklung der mafiösen Gruppierungen nachzuvollziehen und gibt zudem einen Überblick über die bisherigen Tätigkeiten der Kommission, damit der Staffelstab an diejenigen überreicht werden kann, die in der nächsten Legislaturperiode in die Kommission gewählt werden. Die Kommission hat sich in der kürzlich erschienenen Analyse nicht nur darauf beschränkt, das Phänomen innerhalb der italienischen Grenzen zu untersuchen. Bedingt durch die Internalisierung der mafiösen Gruppierungen hat sich der Fokus der Kommission und ihre Auseinandersetzung mit dem Thema, auf die Entwicklung der Mafiagruppen in Europa und nicht nur dort gerichtet.

Die Entwicklung der italienischen Mafiagruppierungen

Der Ausgangspunkt des Schlussberichts, der von wesentlicher Bedeutung für das Verständnis der italienischen Mafia heute ist, ist die außerordentliche Fähigkeit der mafiösen Gruppierungen, sich der Gesellschaft, in der wir alle leben, anzupassen. Auch wenn im Laufe der letzten Jahre, aufgrund der gezielten und unbeirrbaren Arbeit der Richter und einem wachsenden Bewusstsein in der Zivilgesellschaft, der Kampf gegen das organisierte Verbrechen immer weiter angestiegen ist, hat dies im Gegenzug auch dazu geführt, dass die mafiösen Gruppierungen Geschäftsmöglichkeiten gesucht und ausgenutzt haben, die früher nicht gegeben waren und die vor allem nicht innerhalb ihrer angestammten Tätigkeitsgebiete liegen. Ein zweiter wichtiger Aspekt, der anzuführen ist, besteht in der Tatsache, dass die stille Akzeptanz, die bislang von unten kam, nun immer mehr zu einer Akzeptanz innerhalb der  Elite  geworden ist: Ansprechpartner der organisierten Kriminalität sind oftmals Experten aus der Wirtschaft und der Politik, Akteure außerhalb der mafiösen Vereinigung, die im  sogenannten grauen Bereich agieren; das Vorgehen gegen die Gewalt wird dadurch offensichtlich immer sporadischer, was zu einer Stärkung der Korruption führt. Indem sie den legalen Wirtschaftskreislauf unterwandert, tritt die Mafia somit verstärkt als Unternehmen auf, um auf diese Art und Weise ihren Profit aus illegalen Geschäften zu reinvestieren und reinzuwaschen.

Die Internalisierung der ‘Ndrangheta

Die Reichweite der Mafia umfasst verschiedene europäische Staaten, Deutschland eingeschlossen. Auch der Bericht der Antimafiakommission bezeichnet das Land als mafiöses Einzugsgebiet, insbesondere von Seiten der ‘Ndrangheta. Die besorgniserregende Präsenz der ‘Ndrangheta in Deutschland ist insbesondere durch die wichtige Operation Stige (für weitere Details hier unser Artikel zum Vertiefen) Anfang Januar 2018 sichtbar geworden. Die Operation hat in der Tat einen wichtigen Mafia-Clan aus Crotone und seine Verästelung in verschiedenen italienischen Regionen, in Deutschland und in der Schweiz zum Vorschein gebracht: Begünstigt wird die Flexibilität und die Anpassungsfähigkeit der ‘Ndrangheta im Ausland vor allem durch die nicht strengen und unvorsichtigen Gesetzgebungen der anderen europäischen Länder in Bezug auf das Phänomen Mafia. Die Sicherstellung von (mafiösen) Gütern im Ausland wird durch fehlende Gesetzesnormen erschwert. In Italien wird zum Beispiel die Mitgliedschaft in einer mafiösen Gruppierung als Straftat angesehen, ebenso wie das mögliche Vorgehen im Rahmen der vermögensrechtlichen Schutzmaßnahmen rechtlich festgehalten ist. Dessen sind sich die Clans bewusst und nutzen diese Lücken aus, indem sie Hotels, Restaurants und andere Einrichtungen kaufen, eigene Tätigkeiten eröffnen, ohne befürchten zu müssen, dass ihr Eigentum in Deutschland, der Schweiz, Malta, Spanien oder in Frankreich beschlagnahmt wird. Des Weiteren geht aus den Unterlagen hervor, wie die ‘Ndrangheta auch über den Atlantik hinweg, in Lateinamerika aktiv ist: die Clans aus Vibo Valentia und aus Reggio Calabria haben weiterhin eine führende Rolle auf dem Kokainmarkt inne, indem sie enge Verbindungen zu den Kartellen des Drogenhandelns in Mittel- und Südamerika pflegen.

Gemeinsame Bekämpfungsmassnahmen

Die Kommission hat die europäischen Partner zu größeren Anstrengungen innerhalb der eigenen Grenzen aufgefordert und darüber hinaus mehrfach eine stärkere Kooperation auf Seiten der europäischen Institutionen für den Kampf gegen die Mafia forciert. Angesichts dessen ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Bekämpfung der organisierten Kriminalität nicht einem einzelnen Staat überlassen werden kann, gerade auch im Hinblick auf die Anzahl der mafiösen Gruppierungen, die ca. 670 Milliarden Euro an europäischen Steuergeldern kosten. Die Kommission hat diesbezüglich einige Maßnahmen vorgeschlagen, dennoch ist eine Angleichung der Gesetze, auch im Bereich des Strafgesetzes von grundlegender Bedeutung. Erste Ergebnisse konnten am 12 Oktober 2017 durch den Erlass der Verordnung zur Errichtung einer europäischen Staatsanwaltschaft erzielt werden. 20 Mitgliedsstaaten sind der Europäischen Staatsanwaltschaft beigetreten, einschließlich Italien. Ihre Aufgaben umfassen Ermittlungen und Bekämpfung von Straftaten zum Nachteil der finanziellen Interessen der Europäischen Union, einschließlich der Tatbestände der Bestechung und der Bestechlichkeit und der missbräulichen Verwendung dieser finanziellen Interessen. Dem Vorschlag, Maßnahmen zum Einfrieren und Einziehen von Vermögensgegenständen auszubauen, wurde hingegen am 12 Januar 2018 zugestimmt, sodass Verhandlungen zwischen den Institutionen zur Ausarbeitung des Gesetzes eingeleitet werden konnten. Zuletzt ist es wichtig, an die Vereinbarungen der Direzione Nazionale Antimafia mit 50 Staaten zu verweisen, die darauf abzielen, die Zusammenarbeit in diesem Bereich zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Die Antimafia Bewegung

Eine zentrale Bedeutung kommt der immer größer werdenden Antimafia Bewegung zu, die sich in Italien in Schulprojekten, in der Ausbildung der Lehrer und in neuen Studiengängen ausdrückt. Erst vor Kurzem ist auch eine Promotion zum Thema organisierte Kriminalität eingerichtet worden. In der Zwischenzeit hat sich die Antimafia Bewegung auch auf internationaler Ebene ausgestreckt, mit zahlreichen europäischen Vorposten in den Ländern, die ähnlich wie Mafia? Nein, danke!, auf eine wachsende Sensibilisierung zum Thema Anti- Mafia abzielen: von Berlin über Brüssel, Paris, Marseille, London und Madrid. In diesem Zusammenhang ist Libera, der italienische Antimafia Verband par excellence, der Bezugspunkt im Bereich Sensibilisierung und Bearbeitung dieser Thematik; insgesamt kooperieren 1600 Verbände mit Libera. Neben diesen Bewegungen aus der Zivilgesellschaft wird auch das Beispiel Avviso pubblico angeführt, eine Antimafiabewegung im öffentlichen Dienst, die die öffentliche Verwaltung und die Regionen zusammenführen. Ihr Ziel ist es, durch die Förderung von Werten der Rechtmäßigkeit und der Stärkung der Zivilgesellschaft die Mafia zu bekämpfen. Zuletzt wird auf die immer größer werdende Wahrnehmung des Themas im Bereich der Kunst, des Films und der Blogger hingewiesen. Die Kommission nennt drei Hauptargumente für das wachsende Bewusstsein: die Legitimierung von Seiten Papst Franziskus, die Entwicklung der Antimafiabewegung auch in den nördlichen Regionen Italiens und der Wandel dieses Kampfes als eine bürgerliche Pflicht.

Die Ermordung von Jan Kuciak: Ein neuerlicher Angriff auf die Pressefreiheit.


In der letzten Wahlkampfphase in Italien wurde ein Thema weiterhin auffällig totgeschwiegen: Das Problem der Organisierten Kriminalität, im Lande selbst wie auch im Ausland. Und das obwohl – wie unter anderem Staatsanwalt Grattiere anmerkt – die kalabrische Mafia auch nach den Duisburger Morden weiterhin praktisch ungestört ihren Geschäften nachgeht, häufig in einem Graubereich zwischen Legalität und Illegalität.

Das zeigen die Hintergründe des jüngsten schweren Angriffs auf die Pressefreiheit, nur wenige Monate nach der Ermordung von Daphne Caruana Galizia: Am 25. Februar dieses Jahres wurden der erst 27 Jahre alte slowakische Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova tot in ihrer Wohnung in Velka Makva (65 km von Bratislava entfernt) aufgefunden. Wie die maltesische Journalistin hatte auch Kuciak an den Panama Papers gearbeitet.

Dieses Ereignis hat die Slowakei tief erschüttert, insbesondere die Zivilgesellschaft ist traumatisiert – so etwas wie die Tötung eines investigativen Journalisten hatte das Land bislang noch nicht erlebt. Bei der Onlinezeitung Aktuality.sk, für die Kuciak arbeitete, hat man von Anfang an keine Zweifel an dem Mafiahintergrund der Ermordung des Kollegen gehabt: Auf der Homepage der Onlinezeitung prangt seither der Schriftzug “’ndrangheta” sowie die Schlagzeile: “Italienische Mafia in der Slowakei!”

Kuciak hatte zuletzt daran gearbeitet, die Verbindungen zwischen der ’ndrangheta und der slowakischen Politik- und Geschäftswelt aufzudecken: Das hat schon seit über einem Jahr für Unruhe auf mehreren Seiten geführt, wie die Drohungen deutlich machen, die der Journalist vonseiten des Unternehmers Marian Kocner erhalten hatte (die diesbezügliche Strafanzeige verlief im Sande), aber auch die Rücktrittsforderungen, die hunderte Demonstranten an Innenminister Robert Kalinak richteten, dem seine Nähe zum Five Star Residence – Bauunternehmer Ladislav Basternak vorgeworfen wird.

Kuciak hatte einen Artikel zu der Affäre um mögliche Steuerhinterziehungen im Zusammenhang mit Five Star Residence Luxusapartments geschrieben, der allerdings nicht sofort, sondern erst am 9. Februar veröffentlicht wurde. Kuciak recherchierte unterdessen weiter und wurde kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels ermordet, in dem es ihm gelungen war, sämtliche Verstrickungen von Politikern und Geschäftsleuten im Zusammenhang mit der Veruntreuung europäischer Gelder aufzudecken. Es ist im Übrigen typisch für die ’ndrangheta, im Ausland Gelder über vermeintlich legale Geschäfte zu waschen.

Besonders in Osteuropa hat die kalabrische Mafia nach dem Fall der Berliner Mauer die Geschäftswelt unterwandert und dabei die sich auftuenden neuen Investitionsmöglichkeiten ausgenutzt: In der Slowakei sind beispielsweise Familien der ’ndrine, die aus Bova Marina und Africo Nuovo eingewandert sind, im landwirtschaftlichen Bereich aktiv. Kuciaks letzter Artikel ist einer der wenigen Versuche, diese Aktivitäten aufzudecken und behandelte unter anderem die Nutzung von EU-Geldern in den Bereichen Landwirtschaft und Solarenergie: die genannten Familien haben allein zwischen 2015 und 2016 acht Millionen Euro vom slowakischen Staat erhalten, sechs Millionen für erneuerbare Energien sowie zwei Millionen Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (2014 – 2020).

Die Morde und die nun aufgedeckte umfassende Korruption innerhalb der Regierungspartei (Smer-SD) haben die slowakische Politik in eine tiefe Krise gestürzt. Die persönliche Assistentin von Premier Fico etwa, Maria Troskova, hatte 2011 über das Unternehmen GIA Management im Bereich Solarenergie Geschäfte mit dem Unternehmer Antonio Vadalà gemacht, der, wie Kuciak in seinem letzten Artikel nachweisen konnte, Verbindungen zur ’nrangheta hat. Das frühere Fotomodell ist nach dem Mord an dem jungen Journalisten zurückgetreten, ebenso wie der Leiter des Sicherheitsrates, Viliam Jasan. Jasan hatte 2016 ein privates Sicherheitsunternehmen, Prodest, gegründet, an welchem ausgerechnet ein Vetter von Vadalà, Pietro Catroppa beteiligt war, und er war es auch, der Maria Troskova in die Politik einführte (sie war seine Assistentin im Parlament), wohl über einen gemeinsamen Bekannten, dessen Name nie genannt wurde, von dem inzwischen aber klar sein dürfte, aus welchen Kreisen er stammt. Aber mit den Rücktritten von Troskova, Jasan und Kulturminister Marek Madaric ist die politische Krise in der Slowakei nicht ausgestanden: Die Opposition fordert auch den Rücktritt von Kalinak und von Polizeipräsident Tibor Gaspar.

Vadalà wurde gemeinsam mit seinem Bruder Bruno und seinem Vetter Pietro Catroppa verhaftet, ebenso   noch vier weitere bekannte Persönlichkeiten, nämlich Sebastiano V., Diego R., Antonio R. und Pietro C. Sie alle wurden nach 48 Stunden wieder aus der Untersuchungshaft entlassen, da keine ausreichenden Gründe für eine Verlängerung der Untersuchungshaft vorlagen.

Die Ermordung von Jan Kruciak und seiner Verlobten macht nicht nur das Problem der ’ndrangheta in Europa an sich deutlich, sondern auch die Notwendigkeit, auf europäischer Ebene neue Maßnahmen zu ergreifen. Für den Europaabgeordneten Sven Giegolg wäre etwa die Schaffung eines europäischen FBI ein  Fortschritt im Kampf gegen die Organisierte und andere Formen von Kriminalität. Das europäische Parlament hat eine Delegation nach Bratislava entsandt, und auch die slowakische Zivilgesellschaft reagierte umgehend und protestiere am 02.03. mit einem Schweigemarsch durch die Hauptstadt (mit ca. 25.000 Teilnehmern); dem Protestmarsch haben sich mehrere Journalisten und auch Staatspräsident Andrej Kiska angeschlossen, der sich in den letzten Tagen auch für vorgezogene Neuwahlen ausgesprochen hat, sollte man sich nicht auf eine Regierungsumbildung einigen können. Premierminister Robert Fico hat die von den Demonstranten geäußerten Vorwürfe kleingeredet und eine vermeintliche Verschwörung der Opposition zur weiteren Unterminierung der Glaubwürdigkeit seiner Regierung angeprangert: Die slowakische Regierung scheint derzeit also offenbar nicht gewillt, dem Aufruf von Staatspräsident Kiska zu folgen oder auf die Vertrauenskrise zu reagieren, die das Land erfasst hat.