Volksbank-Mitarbeiter zum Ehrenmafioso ernannt / unsere Protest-Email


Die Mafia wird in Deutschland immer und immer wieder verharmlost.

Sehr häufig erreichen uns Zuschriften empörter Menschen, die um die Gefahr der Mafia-Präsenzen wissen.

Aus gegebenem Anlass haben wir die folgende Email verfasst:

Sehr geehrte Mitglieder des Aufsichtsrates, sehr geehrter Herr Leson,

mein Name ist Sandro Mattioli, ich bin Vorsitzender des Berliner
Vereins mafianeindanke e.V.. Wir engagieren uns seit 2007 gegen Mafiaclans und
Organisierte Kriminalität in Deutschland und Europa und sind entstanden als
Reaktion auf den Sechsfach-Mord von Duisburg. Damals haben Killer eines ’ndrangheta-Clans
sechs Mitglieder eines gegnerischen Clans auf offener Straße erschossen. Dieses
Ereignis hat viele Deutsche geschockt und ihnen deutlich vor Augen geführt, was
Mafia bedeutet, auch in Deutschland.

Der Aachener Zeitung konnten wir entnehmen, dass Thomas Leson, Zweigstellenleiter der Volks- und Raiffeisenbank Region Aachen zum Ehrenmafioso 2020 ernannt worden ist.

Dazu stellen sich uns gewichtige Fragen.

Wie verträgt sich Ihre Funktion in einem genossenschaftlich
organisiertem Geldinstitut mit der positiven Bewertung der Mafia, die Sie, Herr
Leson, als neuer Ehrenmafioso 2020 mittragen?

Wie steht Ihr Arbeitgeber dazu, dass Sie, obgleich auch
scherzhaft, sich einer kriminellen Organisation zugehörig erklären, die nicht nur
tausende Ermordete auf dem Gewissen hat, darunter mehr als tausend Unschuldige,
die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, oder Opfer einer Verwechslung
wurden? Oder die noch als Kinder gezielt getötet wurden, um die Eltern zu
treffen?

Wie vereinbaren Sie es mit Ihrem Gewissen, eine solche
kriminelle Organisation zu repräsentieren, deren Mitglieder das demokratische
Gemeinwesen desavouieren und die die legale Wirtschaft unterjochen, mit Gewalt,
Einschüchterung und Erpressung?

Die mit illegal abgeladenem Giftmüll hunderte Menschen
vergiften?

Wie verträgt es sich mit der Vorstellung einer
gemeinwohl-orientierten Bank, dass Sie, Herr Leson, sich nicht eindeutig von der
Mitgliedschaft in Organisationen  distanzieren,
deren Haupttätigkeit unter anderem Geldwäsche ist, zu deren Prävention Ihr
Arbeitgeber verpflichtet ist?

Diese Liste könnte man noch viel länger führen.

Von einem dem Gemeinwohl verpflichteten Geldinstitut erwarten
wir mehr Sensibilität und fordern Sie, Herr Leson, daher dazu auf, diese
Ehrenmitgliedschaft mit sofortiger Wirkung abzulegen.

Ferner stünde es dem Karnevalsverein Mafia del Musica gut zu
Gesicht, seinen Namen zu ändern. Am besten wäre es, hier nicht eine
Verbrecherorganisation zu wählen, schließlich käme ja auch niemand auf die
Idee, einen Verein als Waffen-SS des Scherzes benennen. (Und wenn das unbedingt
sein muss, dann machen Sie es wenigstens grammatikalisch korrekt). 

Wir haben diese Nachricht als offenen Brief auf unserer
Homepage veröffentlicht und würden uns über eine Reaktion Ihrerseits und Ihres
Arbeitgebers freuen. Wir dürfen die Organisierte Kriminalität in Deutschland
nicht länger verharmlosen, und leider tragen Sie, Herr Leson, dazu maßgeblich
bei.

Wenn Sie mir eine persönliche Bemerkung erlauben: Ich könnte
es nicht ertragen, mit Menschen in einen Topf geworfen zu werden, die so
aufrichtige Menschen wie die beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und
Paolo Borsellino brutal in die Luft gesprengt haben. Die den Richter Pio La Torre
töteten, nur weil er die Mitgliedschaft in der Mafia unter Strafe gestellt hat.
Die den 15 Jahre alten Giuseppe di Matteo ermordeten, damit sein Vater, der
Kronzeuge Santino Di Matteo, nicht weiter mit der Polizei zusammenarbeitet. Mindestens
neun Journalisten wurden von Mafiaclans wegen ihrer Arbeit ermordet, und viele Kollegen
von mir wie Roberto Saviano müssen in ständiger Angst leben. Hier finden Sie
eine Liste mit unschuldigen Opfern der Mafia, die in Italien jedes Jahr am 21.
März in vielen Städten vorgelesen wird: http://vivi.libera.it/it-ricerca_nomi. Es
braucht mehr als 20 Minuten, sie schnell vorzutragen.

Das alles können Sie nicht gutheißen. Überdenken Sie bitte die
Annahme des Unehrentitels und geben Ihn zurück. Sie können mich gerne
kontaktieren und ich erkläre Ihnen ausführlich, was alles gegen den Titel
Ehrenmafiso spricht, gerade auch in Deutschland.

Mit freundlichen Grüßen,
Sandro Mattioli

Vorsitzender mafianeindanke e.V.

PS: Wir haben uns erlaubt, die Aachener Zeitung CC zu setzen.

mafianeindanke e.V.

c/o bocconcini
Grüne Liga Berlin
Prenzlauer Allee 8
D – 10405 Berlin

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als gemeinnützig
eingetragen beim Finanzamt Berlin-Charlottenburg VR 29003
IBAN: DE48 1007 0024 0348 3575 00  
BIC: DEUTDEDBBER

“Sprecht über die Mafia! Redet über sie, im Radio, im
Fernsehen, in den Zeitungen. Aber sprecht
darüber”

Hilfe!


Helfen Sie uns, 5.000 Euro für die große November-Veranstaltung zu gewinnen: zwei Tage für die Zivilgesellschaft zum zehnjährigen Registrierung-Jubiläum von #mafianeindanke!

Wie funktionert es?
1️⃣ Folgen Sie dem Link (http://bit.ly/VoteMND) und wählen Sie 3 Projekte aus, unter denen unseres, ➡️CHANCE2BE-RLIN
2️⃣ Bitte geben Sie Ihre Daten ein. 
3️⃣ Bestätigen Sie den Link, den Sie per E-Mail erhalten!

Sie können bis zum 15. April nur einmal abstimmen! 

mafianeindanke in Brüssel: der Text der Präsentation


In diesen Minuten wird im Europäischen Parlament in Brüssel ein neues internationales Netzwerk von Antimafia-Initiativen vorgestellt. In diesem Rahmen präsentiert Giulia Norberti, die Geschäftsführerin von mafianeindanke e.V. die Organisation.

Hier der Text der Präsentation:

Es ist fast zwölf Jahre her, dass die ersten mafianeindanke-Aktivisten in Berlin den Grundstein für unseren Verein legten. Die damalige Situation war sehr kompliziert. Vor einer Pizzeria in Duisburg waren sechs Mafiosi erschossen worden. Und in Berlin, kurz darauf, erhielten mehr als 50 Restaurantbesitzer einen Brief mit der „Bitte“ um Schutzgeld und einige Autos und Restaurants in der Stadt brannten. Es gab viel, worüber man sich Sorgen machen musste.

Wir standen vereint da, und in Zusammenarbeit mit der Polizei gelang es uns, die Verbrecher zu verhaften.

Wir träumten davon, Deutschland zu wecken.

Heute, nach 12 Jahren, gibt es leider genügend Belege dafür, dass wir diesen Traum nicht wahrwerden ließen – noch nicht. Deutschland belegt im weltweiten Financial Secrecy Index einen unglaublichen 7. Platz und ist ein Paradies für Geldwäscher und ihr schmutziges Kapital.

Aber unser stetiges Engagement brachte auch viele erfreuliche Ergebnisse. Unsere Arbeit wurde auch durch die Beiträge der EU erleichtert. So haben wir beispielsweise vor fünf Jahren dank eines internationalen, von der EU geförderten Forschungsprojekts eine Konferenz in Berlin zur Förderung von Einziehungsmaßnahmen in Europa organisiert.

Vor zwei Jahren wurde das neue Gesetz zur Reform der Vermögensabschöpfung – vorangetrieben durch die entsprechende EU-Richtlinie – vom deutschen Innenminister auf einer anderen, ebenfalls von uns organisierten Konferenz vorgestellt. Und im vergangenen Jahr waren wir stolz darauf, dass die Staatsanwaltschaft in Berlin für die Einziehung von kriminellen Vermögenswerten kämpfte – 77 Besitztümer beschlagnahmte und sich für das neue Gesetz stark machte. Und die maßgebliche Person war vor fünf Jahren unser Gast! Sie sehen, in der Zusammenarbeit liegt der Schlüssel zum Erfolg.

Aber was braucht die Zivilgesellschaft noch, um in diesem Kampf effektiver zu sein?
Geld, natürlich, klar. Aber wir müssen mehr über die Phänomene der organisierten Kriminalität und der Mafia wissen und sie untersuchen. Wir beobachten nämlich einen dramatischen Mangel an Wissen und Bewusstsein auf allen Ebenen. Um das Schaffen und die Verbreitung von Informationen zu verbessern, möchten wir ein europäisches Netz von Beobachtungsstellen aufbauen, deren Aufgabe es ist, die lokale und internationale Kriminalitätsdynamik zu überwachen und zu untersuchen.

Diese Beobachtungsstellen wären auch ein Ort, an dem neue bewährte Verfahren entwickelt und ausgetauscht werden können. Kriminelle Organisationen befinden sich in ständiger Veränderung und passen sich den sich entwickelnden Gesellschaften an. Daher müssen auch die kontrastierenden Werkzeuge und Methoden angepasst und neue konzipiert werden. So führen wir derzeit in Berlin eine Machbarkeitsanalyse durch, um Menschen bei der Dissoziation von ihrem kriminellen Hintergrund zu unterstützen.

Um die Wirksamkeit zu verbessern, brauchen wir auch – wie von meinen CHANCE-KollegInnen hervorgehoben – die Harmonisierung der nationalen Gesetze in vielen Bereichen.
Wir möchten beispielsweise Probleme im Zusammenhang mit der mangelnden internationalen Koordination beim Schutz von (Kron-)Zeugen und Informanten mit einer einfachen Geschichte aufzeigen: in Deutschland lebt eine Italienerin, die wegen familiärer Beziehungen in den internationalen Handel eines Mafia-Netzwerks involviert wurde. Als sie erkannte, dass dieses Geschäft sich und ihre Kinder in Gefahr bringen würde, beschloss sie, Zeugin zu werden und sprach mit der deutschen Polizei. Ihre Erklärungen wurden zu wichtigen Beschuldigungen in einer italienischen Untersuchung, die zu einer der wichtigsten Operationen gegen die italienische Mafia in Europa in jüngerer Zeit und zur Verhaftung von Dutzenden relevanter Mitglieder von Mafiafamilien führte. Dennoch wurde sie nicht in das deutsche Schutzprogramm aufgenommen. Aus deutscher Sicht waren die von ihr offenbarten Informationen nicht ausreichend relevant – vor allem auch weil es in Deutschland kein Gesetz gibt, das die Zugehörigkeit zu einer Mafiagruppe bestraft. Dieser exemplarische Fall zeigt, wie wichtig die europäische Homogenisierung der Schutzprogramme für Zeugen ist. Es wäre auch unerlässlich, Mechanismen für den Erwerb und den Austausch von Informationen von Zeugen, Informanten und Informanten zu schaffen, die oft eine Schlüsselrolle bei der Enthüllung von Strukturen der organisierten Kriminalität und der Mafia spielen.

Abschließend muss ich sagen, dass ich sehr stolz und dankbar für den Weg bin, den wir gemeinsam mit dem CHANCE-Netzwerk eingeschlagen haben. Wir glauben, dass die Vielfalt der Probleme und die verschiedenen Beiträge heute deutlich gemacht haben, dass das organisierte Verbrechen und die Mafia Phänomene sind, die die Gesellschaft als Ganzes betreffen.

Wir glauben, dass das Engagement der Zivilgesellschaft eine Schlüsselrolle spielen muss.
Es ist ein europäisches Problem, wir brauchen ein europäisches Handeln und eine europäische Reaktion.

Ich bin sicher, dass wir das nächste Mal, wenn wir uns hier treffen, mehr Menschen – mehr Menschen, mehr Organisationen aus ganz Europa – mit mehr Instrumenten und neuen Methoden haben werden.
Ich danke vielmals für die Aufmerksamkeit!

CHANCE – Ein Europäisches Netzwerk im Kampf gegen organisierte Kriminalität und Korruption


Die Mafia kennt keine Grenzen. Sie agiert transnational. Nicht nur im Drogenhandel, sondern auch bei der Lebensmittelfälschung, Geldwäsche, beim Menschenhandel und in anderen Bereichen: Staats- oder Organisationsgrenzen spielen dabei keine Rolle, im Gegenteil, sie helfen sogar.

Ihre Gegner tun sich hingegen immer noch schwer, genauso international zu agieren und über Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Die Operation „Pollino“ im Dezember 2018 war hierbei die erste gemeinsame Europäische Ermittlungsaktion, die über eine rein internationale Rechtshilfe hinausging, siehe mehrere Newsletter-Beitrage von mafianeindanke.
Doch gibt es noch viel zu tun: So zum Beispiel existiert keine systematische (Kron-)zeugenbefragung über Landesgrenzen hinweg. Hier besteht Handlungsbedarf seitens der Politik und Behörden. Dies ist eine von vielen Forderungen von mafianeindanke. 

Auch der zivile Sektor tut sich noch schwer in der systematischen europäischen Zusammenarbeit im Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität. Gesetzesforderungen werden meist nur auf nationaler Ebene gestellt, einzelne Organisationen sind oft zu schwach, um auf EU-Ebene – wo über zwei Drittel der nationalen Gesetze ihren Ursprung haben – Gehör zu finden, wenn sie nicht wie mafianeindanke Dank der Gründerin und früheren Europaparlamentarierin Laura Garavini gut vernetzt sind. 

Das soll sich nun ändern. Wie schon im Dezember-Newsletter berichtet, ist mafianeindanke Teil eines von Libera Internazionale initiierten europäischen Netzwerks von Anti-Mafia-Organisationen. Am letzten Februarwochenende kamen Aktivisten verschiedener Organisationen aus 10 europäischen Ländern in Brüssel zusammen, um sich auf eine gemeinsame politische Agenda und einen Namen für das Ende 2018 frisch gegründete europäische Netzwerk zu einigen:

CHANCE – Civil Hub Against orgaNised Crime in Europe 

Die erste gemeinsame Aktion des neuen Koordinations- und Aktionsnetzwerkes ist eine bedeutende: Am 3. April stellt CHANCE in Brüssel seine politische Agenda der EU-Kommission sowie einigen Schlüsselpersonen des scheidenden Europaparlaments vor. Die 13 Punkte umfassen ein breites Spektrum. Von Verbesserungen im Bereich der Geldwäschebekämpfung, Schutz von Zeugen und Journalisten, über Konfiszieren von Mafia-Besitz und dessen systematische Nutzung durch die Zivilgesellschaft bis hin zu einem Strategiewechsel im Bereich Drogenhandel. Ganz oben auf der Agenda eine ebenfalls systemrelevante Forderung: eine Art „Runder Tisch“ oder „Ständige Konferenz“ zur systematischen Zusammenarbeit zwischen Zivilgesellschaft und Behörden. 

Diese umfangreiche politische Agenda wurde über die letzten Monate von den Netzwerkmitgliedern vorbereitet und beim dreitägigen Treffen mit professionellen Beratern finalisiert. Am ersten Tag unterstützt durch einen Experten im Bereich „Home Affairs“ – also ein Experte für die Binnen-Angelegenheiten der Europäischen Kommission – zu dem auch das Thema Inneren Sicherheit zählt. Am zweiten Tag wurde CHANCE von einem ehemaligen italienischen Staatsanwalt beraten, der den aktuellen Stand der Diskussionen auf EU-Ebene u.a. zur Anti-Mafia-Gesetzgebung sehr gut kennt. 

Details zur politischen Agenda von CHANCE und dem Treffen am 3. April 2019 gibt es im nächsten Newsletter.

Die Bomben kommen später – die Expansion der “ndrangheta in einem Vortrag von Nando dalla Chiesa


Seit mehr als dreißig Jahren studiert der Soziologe Nando dalla Chiesa die italienische Organisierte Kriminalität. Er war damit einer der Pioniere dieser Materie, die heute in Italien auf relativ breiter Ebene wissenschaftlich erforscht wird. In Deutschland dagegen ist die systematische Analyse Organisierter Kriminalität weniger stark ausgeprägt. Und auch deshalb reist Dalla Chiesa einmal pro Jahr nach Deutschland und mutet sich einen wahren Vortragsmarathon zu: In mehreren Städten berichtet er dann binnen weniger Tage über seine Studien. Dieses Jahr referierte er in Leipzig, Halle, Hamburg, Potsdam und Berlin und bot den Zuhörern eine Zusammenfassung, die Essenz seines bisherigen Schaffens. Immer wieder blitzen persönliche Erfahrungen durch.
„Als ich als Student meine Abschlussarbeit über die Mafia schrieb, gab es das Wort Globalisierung noch nicht. Aber die Mafia war damals schon global und etwa in Kanada und den USA vertreten“, sagt Dalla Chiesa. Drei Fragen zogen sich als roten Faden durch seinen Vortrag: Warum expandieren die italienischen Mafia-Organisationen? Was versetzt sie in die Lage? Und was bedeutet das für die Gebiete, die „kolonialisiert“ werden?
Es ist durchaus überraschend, dass Dalla Chiesa den Begriff Kolonialisierung verwendet. Denn die Bilder, die er zeigt, erwecken einen anderen Eindruck. Man sieht darauf kleine Dörfer in Kalabrien. Sinopoli etwa, ein kleines Nest, deren Bewohner aber viele Immobilien auf der römischen Prachtmeile Via Veneto besitzen. Menschen aus ärmlichen Bergdörfern, so scheint es. Dörfer wie Platì oder San Luca, nach denen kein Hahn krähen würde, wenn nicht eine weltumspannende kriminelle Organisation daraus erwachsen wäre. Eine Organisation, die, so sagt Dalla Chiesa, nicht nur als Gangstervereinigung Macht erlangt hat, sondern auch eine spezielle Anthropologie.
So ist es kein Zufall, dass die Clans in ihrer Heimat nicht investieren. Man sieht das etwa, wenn man durch San Luca fährt. Die Häuser machen oft einen ärmlichen Eindruck, die Millionen, die ihre Bewohner mit Drogenhandel und anderen kriminellen und legalen Geschäften machen, kommen hier offensichtlich nicht an, zumindest nicht in sichtbarer Form. „Die ‚Ndrangheta braucht eine arme Heimatregion“, sagt Dalla Chiesa. „Denn dort fragen die Leute nicht nach Rechten, sondern nach Gefallen. Wo es Arbeit gibt, sind die Leute nicht abhängig.“ Und das würde die ‚Ndrangheta in ihrer Macht stark einschränken. Die ‚Ndrangheta investiert ihr Geld also auch deshalb im Ausland, nicht nur, weil dort das Risiko, dass die Werte beschlagnahmt werden, viel geringer ist.
Dalla Chiesa hat genau studiert, welche Veränderungen auftreten, wenn die ‚Ndrangheta neue Gebiete erschließt. Zum Teil konnte er das in Norditalien, wo er lebt und arbeitet, vor der eigenen Haustür beobachten: „Man sagte dort lange, die Mafia ist nicht gefährlich. Man sagte, sie bringen Geld, das ist nicht gefährlich. Aber dann bringen sie ihre Methoden, dann Bomben.“ Eine Gemeinde haben seine KollegInnen und er besonders genau analysiert, Bresciello. Die WissenschaftlerInnen konnten nachweisen, dass die ‚Ndrangheta ihr Schweigegelübde, die Omertà, in ihre eroberten Gebiete mitbringt.
Deutschland ist ein Fall, der besonders interessant ist. Vereinfacht lässt sich sagen: Die Expansion nach Westdeutschland gab zuerst Arbeit und Unterschlupf für Mafiamitglieder, der Osten Deutschlands wurde sofort nach der Wiedervereinigung dann Ziel für Investitionen. Ähnlich war die Reaktion in ganz Deutschland, ein „doppeltes Leugnen“. Zuerst wurde die Anwesenheit der Clans in der öffentlichen Meinung verneint, dann bei der Gesetzgebung ausgeblendet. Dalla Chiesa hat dafür eine Erklärung: Wenn man die Anwesenheit der Mafia zugibt, sinkt die Reputation und die Investitionen gehen zurück. Also negiert man sie lieber, solange es möglich ist.
Auch einige Sonderfälle ließen sich in der Bundesrepublik beobachten. So war etwa der Carelli-Clan in Italien ziemlich unbedeutend, als er nach Deutschland kam. Die Gruppierung nutzte Deutschland aber geschickt für sich als Labor und Schule. Hier konnten sie lernen und wachsen, weil sie hier, anders als in ihrer Heimat, wo der Konkurrenzdruck hoch und der zur Verfügung stehende Raum gering war, quasi ideale Bedingungen vorfanden.
Ein weiterer besonders interessanter Fall ist Erfurt, so interessant, dass Dalla Chiesa der thüringischen Landeshauptstadt Modellcharakter für die ‚Ndrangheta zuschreibt. Die Verbrecherorganisation habe dort das Monopol bei Restaurants und Pizzerien, was zur Folge hatte, dass hundert junge Männer aus dem 4000-Seelen-Ort San Luca in die Stadt kamen. Die ‚Ndrangheta wusste, wie sie sich bei den Bürgern der neu erschlossenen Stadt beliebt machen konnte: Sie spendete für den Fußballclub, für Waiseneinrichtungen und Kulturvereine.
Eine Feststellung Dalla Chiesa sollte uns eine doppelte Mahnung sein. Die Expansion der ‚Ndrangheta habe auch eine doppelte Wurzel: Einerseits führte die verstärkte staatliche Repression in Italien zum Ausweichen auf neue Territorien, andererseits zum Aufkommen interner Kriege. Was das bedeutet, wurde Deutschland 2007 vor Augen geführt, als ein Clan sechs Vertreter eines anderen Clans in Duisburg vor dem Mafia-Restaurant Da Bruno erschoss. Das Beispiel Italien zeigt, dass stärkere Repression also dringend geboten ist, wenn man die ‚Ndrangheta in ihrem Expansionsdrang bremsen will. In Deutschland hat sich diese Sicht bisher nicht durchgesetzt.

Film am 23. März zum Tag des Gedenkens der unschuldigen Opfer der Mafia


100 Schritte sind es vom Haus der Familie von Peppino Impastato zu dem des lokalen Mafiaboss‘, einem Verwandten. Diese 100 Schritte sind zum Titel eines Filmes geworden, der das Wirken des Journalisten und Antimafia-Aktivisten Peppino Impastato eindrucksvoll zeigt. Impastato brach auch dank seines Radiosenders das Schweigen über die Mafia in seinem Heimatort in Sizilien und war furchtlos und aufrichtig. Heute ist er ein Idol der Antimafia-Bewegung und für viele Inspiration und Leitbild, aber auch ein unschuldiges Opfer der Mafia. Denn Peppino Impastato wurde von Killern ermordet.

Wir zeigen diesen Film gemeinsam mit dem Regenbogen-Kino im Rahmen des Gedenkens an die unschuldigen Opfer der Mafia. Die Filmexpertin Aurora Rodono steuert eine Einführung bei. Im Anschluss an den Film folgt eine Diskussion. Der Film wird als Originalversion mit Untertiteln gezeigt.

Termine: 23.3.2019, 19:30 Uhr und 24.3.2019, 20:15 (nur Film), Regenbogenkino, Lausitzer Straße 22, Berlin-Kreuzberg.

Wie die Mafia sich international ausbreitet, ein Vortrag von Prof. Luca Storti


Im Januar ist Prof. Luca Storti mit seinem Vortrag
„International expansion of Italian Mafias: a caleidoscopic phenomenon“ zu Gast
am Lehrstuhl für Organisations- und Verwaltungssoziologie der Universität
Potsdam. Die Mafia ist inzwischen längst ein globales Phänomen. Daher
untersucht er die territoriale Expansion der italienischen Mafias: Die Frage
ist, wie sie aus ihren ursprünglichen Territorien in fremde Territorien
expandieren. Hier kommen Studierende mit einem Thema in Berührung, das an
vielen Universitäten in Europa, insbesondere in Deutschland, noch
unterbelichtet ist.

Prof. Luca Storti ist Professor für Wirtschaftssoziologie an
der Universität Turin und Gründungsmitglied der Forschungsgruppe LARCO –
Laboratorio di Analisi e Ricerca sulla Criminalità Organizzata, der Analyse-
und Forschungswerkstatt zur Organisierten Kriminalität. Im Jahre 2015 nahm er
am Forschungsprojekt „Cross Border Italian Mafias in Europe: Territorial
Expansion, Illegal Trafficking, and Criminal Networks“ (CRIME) teil, das u.a.
Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Belgien und die Niederlande auf mafiöse
Aktivitäten untersuchte.

Die italienischen
Mafias

Angesichts des hiesigen Standes der Forschung und Lehre zur
Mafia hat der Vortrag einen eher einführenden Charakter. Zu Beginn werden die
Unterschiede und Gemeinsamkeiten der historischen Mafias in Italien benannt:
Eine Karte zeigt die Cosa Nostra in Sizilien, die ’Ndrangheta in Kalabrien und
die Camorra in Neapel und Kampanien. Hingewiesen wird außerdem auf die relativ
jungen Mafias Sacra Corona Unita in Apulien, Basilischi in der Basilikata und
Stidda in Sizilien. Alle drei stehen in Zusammenhang mit den historischen
Mafias; erstere ist aus der Camorra entstanden, zweitere wird von der
’Ndrangheta kontrolliert und letztere hat sich von der Cosa Nostra abgespalten.
Die historischen Mafias sind sehr unterschiedlich strukturiert: Die Cosa Nostra
ist pyramidal, die ’Ndrangheta horizontal und die Camorra fragmental
organisiert. Dementsprechend variieren ihre expansiven Vorgehensweisen.

Prof. Luca Storti zufolge sind die Mafias sowohl „power
syndiactes“ als auch „enterprise syndicates“, eine konzeptionelle
Unterscheidung von Alan Block (1980), emiritierter Professor für Kriminologie
Judaistik der Universität Penn State, USA. „Enterprise syndicates“ sind
Organisationen, die auf illegalen Märkten, z.B. durch Drogenhandel Gewinne
erzielen. „Power syndicates“ sind solche, die das Territorium und die lokale
Gesellschaft kontrollieren.

Die Typen
territorialer Expansion

In Bezug auf das Verhältnis zum ursprünglichen Territorium
werden zwei Formen der Expansion voneinander unterschieden: Im ersten Fall
bleiben die Beziehungen zur ursprünglichen Organisation und zum Territorium
bestehen, die expandierte Mafia bleibt abhängig von den traditionellen
Strukturen. Im zweiten Fall bildet sich eine ganz und gar unabhängige
Organisation heraus. Im ersten Falle lässt sich die Expansion als
„Transplantation“ – die vollständige Reproduktion der Mafia in einem neuen
Territorium – oder als „Infiltration“ – das langsame Eindringen der Mafia in
ein neues Territorium, das nur einige Merkmale der Mafia aufzeigt –
beschreiben. Häufig erscheint die Mafia hierbei nur als „enterprise syndicate“,
d.h. dass die Mafia in illegale oder gar legale Märkte (z.B. Investitionen in
die Immobilienwirtschaft) des neuen Gebiets eindringt, ohne die lokale
Gesellschaft zu kontrollieren.

Um das Thema Mafien in Europa zu vertiefen, eignen sich Texte,
an denen Prof. Luca Storti als Co-Autor mitwirkte:

  • Italian Mafias across Europe (mit J. Dagnes e D. Donatiello), in Mafias today, F. Allum, R.
    Sciarrone , I. Clough-Marinaro, di prossima pubblicazione.
  • La questione delle mafie italiane
    all’estero: stato dell’arte e temi emergenti

    (mit J. Dagnes, D. Donatiello, R. Sciarrone), in «Meridiana», 2016, n. 4, pp.
    149-172.
  • The territorial expansion of mafia-type
    organized crime. The case of the Italian mafia in Germany
    (mit R. Sciarrone), in «Crime, Law and Social Change», 2014, vol. 61,
    n. 1, pp. 37-60.
  • Die italienische Mafia in Deutschland mit R. Sciarrone, in Dolce
    Vita? Das Bild der italienischen Migranten in Deutschland
    , pp. 177-198,
    Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2011.

Roberto Saviano bei der Berlinale: (K)ein Film über Neapel. Oder: Mafia als unverstandenes Phänomen


LA PARANZA DEI BAMBINI gewinnt den Silbernen Bären

Die „Paranzini“ von Neapel sind fiktiv und doch real. Für „La paranza dei bambini“ steht Roberto Saviano in der Kritik: Laut Luigi de Magistris ist er unfähig, ein vollständiges Bild von Neapel und der Mafia zu vermitteln. Doch obliegt es nicht ihm, über das Phänomen Mafia aufzuklären.

Für das Drehbuch von „La paranza dei bambini“ (Claudio Giovannesi, 2018) erhalten Roberto Saviano, Claudio Giovannesi und Maurizio Braucci den Silbernen Bären – ein internationaler Erfolg. Doch wird die Nachricht in Neapel erst mit Zurückhaltung und dann mit Kritik aufgenommen. Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris hält die Narration des Films für unvollständig. Autor und Journalist Roberto Saviano ist seit seinem Bestseller „Gomorra“ (2006) immer wieder heftiger Kritik ausgesetzt. Oft heißt es, er mache Neapel schlecht oder zerstöre die Arbeit der lokalen Anti-Mafia-Kämpfer – ein Vorwurf, der jenen, die über die Mafia sprechen, andauernd gemacht wird. So lenkt die Debatte um den Film vom eigentlichen Problem ab: dem allgemeinen Unverständnis des mafiösen Phänomens.

Die „Paranzini“ von Neapel: Jugendliche ohne Perspektive

„La paranza dei bambini“ basiert auf Roberto Savianos gleichnamigem Roman und erzählt die fiktive Geschichte einer aufsteigenden Baby-Gang in Sanità, einem Problemviertel Neapels. Doch was das Berlinale-Publikum auf der Leinwand sieht, ist in Neapel schiere Realität – sei es der Raub des Wunschweihnachtsbaums aus der Einkaufspassage Galleria Umberto, die Schießerei im Wohnviertel Sanità oder der Tod eines 19-jährigen Baby-Bosses. Wer sich mit Neapel oder der dortigen Mafia, der Camorra, auskennt, versteht die Motive der Jugendlichen und weiß: Das Thema des Films ist politisch und gesellschaftlich hochbrisant.

Der Kampf gegen die Mafia


1. Die Vorbilder in Italien
Der Kampf der italienischen Zivilgesellschaft gegen die Mafia: Bürgerbewegungen in Italien stemmen sich gegen die Mafia und bewirtschaften beschlagnahmte Güter

Von Giuliana Giorgi, erschienen in Oya, 30/2015
Bild

© Foto: www.liberaterra.it

Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit – im ­Januar 2014 hatten 42,4 Prozent der italienischen Jugendlichen keinen Arbeitsplatz –, anhal­tende Pleitewelle bei kleineren und mittleren Unternehmen, Rückgang des Steueraufkommens, Rückgang der Ausgaben für Konsumgüter auf das Nachkriegsniveau, ­Zunahme des Staatsdefizits und der Staatsverschuldung – das ökonomische Bild Italiens ist düster. Hinzu kommen die Auswirkungen einer zwanzigjährigen reaktionären Medienpolitik, die jahrelang Entpolitisierung, Frauen- und Migrantenfeindlichkeit sowie Wettbewerb propagiert hat.

Operation „Pollino“: Trotz erfolgreicher Anti-Mafia-Razzia blamieren sich deutsche Behörden


Die Vorgeschichte: Wie die ’ndranghetisti nach Deutschland kamen

Anfang Dezember wurden in den Niederlanden, Belgien, Italien und Deutschland rund 90 mutmaßliche Mitglieder der italienischen Mafia-Organisation ’ndrangheta festgenommen. Die bisher größte internationale Anti-Mafia-Operation wurde von den europäischen Strafverfolgungsbehörden Eurojust und Europol koordiniert. Sie nahm ihren Ausgang nicht wie so oft in Italien, sondern mit Ermittlungen wegen Geldwäsche in den Niederlanden. Und führten in Deutschland zu Durchsuchungen in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Bayern. Aufgrund der Nähe zu den Häfen von Amsterdam, Antwerpen und Rotterdam konzentrierten sich die Ermittlungen in Deutschland vor allem aber auf den westlichen Teil Nordrhein-Westfalens. Infolge der Operation wurde mit Lob(eshymnen) nicht gespart. Angesichts von Fehlern der deutschen Ermittlungsbehörden, bleibt jedoch nichts anderes übrig als Wasser in den Wein zu gießen. Im Jubel über den Erfolg der europäischen Zusammenarbeit ging unter, dass deutsche Behörden sich während der Ermittlungen gleich mehrfach blamierten.