Mit einem kreativen Vorprogramm, reger Beteiligung von Medien, Polizei, Wissenschaft und Zivilgesellschaft – und einer Schulklasse aus Baden-Württemberg – hat der Verein mafianeindanke e.V. am 14. und 15. November 2025 in Berlin zum zweiten Mal ein Antimafia-Seminar veranstaltet. Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella sandte mafianeindanke im Vorfeld einen Brief mit Glückwünschen. Bilanz einer starken Veranstaltung.
Die Opfer ins Zentrum rücken: Lesung „Schweigen ist Gift“
Am 14. November lud das Theaterkollektiv ISO3591 gemeinsam mit mafianeindanke e.V. in die Brotfabrik nach Berlin-Weißensee zu einer szenischen Lesung über unschuldige Opfer der Mafia in Deutschland ein. In eigenen Recherchen hatten Marina Dumont Anastassiadou, Linda Kokkores, Till Krüger und Sarah Rindone Geschichten von Betroffenen zusammengetragen, die drei Schauspieler:innen in einer anonymisierten und emotional packenden Collage vortrugen. Der Raum in der Brotfabrik war bis auf den letzten Stuhl besetzt, einige Zuschauer:innen saßen auf dem Boden, um der Lesung folgen zu können. In der anschließenden Fragerunde stellte sich heraus, dass auch so manches Publikumsmitglied bereits Erfahrungen mit der Mafia gemacht hatte. Das Thema ist uns leider näher, als wir denken!
Gemeinsam handeln: Das Antimafia-Seminar von mafianeindanke
Am Tag darauf kamen 150 Teilnehmende und 60 weitere per Livestream aus Deutschland und ganz Europa zum Antimafia-Seminar von mafianeindanke e.V. im Tagungszentrum FMP1 in Berlin zusammen.
Unter ihnen auch eine 11. Klasse des Goethe-Gymnasiums in Ludwigsburg, die extra mit ihren Lehrer:innen nach Berlin gereist war, um für den Seminarkurs “Mafia in Deutschland” wichtige Infos zu sammeln und Fragen an die Expert:innen zu stellen – etwa zur Romantisierung der Mafia in Film und Literatur. Sie ist eine von drei Schulklassen, die als Antimafia-Klasse Mitglieder von mafianeindanke e.V. sind (so geht’s: Antimafia-Klasse werden). Eine weitere Schule – das Gymnasium Fürstenried-West aus München – sendete eine Videobotschaft.
Das Seminar begann mit reichlich Prominenz. Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella war am Wochenende für einen Staatsbesuch in Berlin und schickte eine persönliche Grußbotschaft an mafianeindanke. Darin würdigte der gebürtige Sizilianer, dessen älterer Bruder Piersanti Mattarella 1980 von der Cosa Nostra ermordet wurde, die Arbeit des Vereins und wünschte mafianeindanke e.V. viel Erfolg für das Seminar und das künftige Engagement. Mattarella betonte die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Organisationen wie mafianeindanke im Kampf gegen die Mafia: „Der Beitrag der Zivilgesellschaft ist von grundlegender Bedeutung, um die Bemühungen der Regierungen und internationalen Organisationen zur Bekämpfung aller Formen der organisierten Kriminalität auf nationaler und transnationaler Ebene zu unterstützen.“
Brief des italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella an mafianeindanke e.V.
Es folgte die Key Note von Leoluca Orlando, langjähriger Bürgermeister der sizilianischen Hauptstadt Palermo und heutiger Europaabgeordnete. Er gilt als Ikone der Antimafia-Bewegung. So kennt er die Familie von Sergio Mattarella persönlich und erinnerte sich an den Tod dessen Bruders. Ein Ereignis, das ihn darin bestärkt hat, sich gegen die „Diktatur der Angst“ in seiner Stadt zu stemmen und sich ein Leben lang gegen die Mafia zu engagieren.
Er verwies in seiner Ansprache, die Live aus Palermo übertragen wurde, auf die Dringlichkeit, die Mafia in Deutschland aktiv zu bekämpfen: „Die Mafia ist in Deutschland angekommen. Man bekämpft sie nicht mit Waffen, sondern mit dem Prinzip: Folge dem Geld – follow the money.“ Ein Leitspruch, den der 1992 von der Mafia ermordete Richter Giovanni Falcone geprägt hatte. Denn die Mafia dringe in die deutsche Wirtschaft ein und korrumpiere sie mit der „Reiz der Bereicherung“, sagte Orlando.
Mafia erkennen: Reform des Paragrafen 129 StGB
Wie man die Mafia in Deutschland sichtbar machen könne, diskutierten Expert:innen auf dem ersten Panel. Der Richter und Autor Alessandro Bellardita verwies auf die Notwendigkeit, die Mitgliedschaft in einer mafiösen Organisation mit der in einer terroristischen strafrechtlich gleichzusetzen. Mafianeindanke e.V. fordert seit langem, das Strafrecht in Deutschland zu reformieren. Die Strafverfolgung solle demnach weniger auf politisch motivierte und terroristische Straftaten beschränkt werden, worunter beispielsweise in Bayern auch die Klimaaktivist:innen der Letzten Generation fallen, sondern stattdessen die organisierte Kriminalität als größte Gefahr für Demokratie und Sicherheit viel konsequenter zu verfolgen.
Das erfordert eine Reform des Paragrafen 129 des deutschen Strafgesetzbuch, der stärker am italienischen „Anti-Mafia-Paragraphen“ 416 bis orientiert werden müsste. Dieser stellt die Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung unter Strafe, sieht die Einziehung illegal erwirtschafteter Vermögen vor und ermöglicht vergleichsweise hohe Haftstrafen. Der deutsche Paragraph kennt nur geringe Haftstrafen und ist schwer nachzuweisen und wird deshalb in der Praxis kaum genutzt.
Fakten schaffen: Eine Beobachtungsstelle für Organisierte Kriminalität
Auch über die Notwendigkeit einer Beobachtungsstelle für organisierte Kriminalität in Deutschland diskutierten Expert:innen und Teilnehmende. In den Jahren seiner Arbeit als Verein ist mafianeindanke e.V. oft auf einen Mangel an Daten und Forschung gestoßen. Insbesondere der Vergleich mit italienischen Erkenntnissen zeigt aber, dass die Mafia-Organisationen in Deutschland verbreiteter sind, als es hiesige offizielle Lagebilder vermuten lassen. Das zeigte Sandro Mattioli von mafianeindanke in einer kurzen Präsentation zum Projekt „Mapping the Mafia“ (gefördert von der DSEE), in dem der Verein Urteile des italienischen Kassationsgerichtshofes nach Bezügen nach Deutschland untersucht und die Ergebnisse in einem ersten Schritt quantitativ aufbereitet. Ziel einer Beobachtungsstelle ist es, mit vergleichbaren Methoden die aktuelle Lage durch verlässliche Daten sichtbar zu machen und sinnvolle Handlungsvorschläge für die Politik zu erarbeiten.
Wie das gehen kann, zeigte Prof. Dr. Annamaria Astrologo, von der Università della Svizzera italiana in Lugano. Sie ist leitende Wissenschaftlerin am „Ticino Observatory on organised crime (O-TiCo)“. „Eine Beobachtungsstelle würde auch mir die Arbeit erleichtern“, pflichtete Dr. Christian Klos vom Bundesinnenministerium, Leiter der Abteilung Öffentliche Sicherheit, bei.
Unterwanderung stoppen: Reform der Vermögensabschöpfung
Über blinde Flecken und Unterwanderungen in deutschen Ermittlungsbehörden sprachen im zweiten Panel die beiden Investigativjournalist*innen Ludwig Kendzia (MDR) und Mandy Sarti (NDR). Siebrachten Beispiele aus Erfurt, Hamburg und Hannover ein, die auf schockierende Weise zeigten, was bei der Bekämpfung von Organisierter Kriminalität in Deutschland alles schiefläuft und wie die Organisationen staatliche Behörden bereits unterwandern. Im Anschluss erläuterte Prof. Dr. Kilian Wegner von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, wie das Prinzip „Follow The Money“ zu schlagkräftigen Ergebnissen führen kann, indem der Staat den Kriminellen ihr illegal angehäuftes Vermögen wegnimmt.
Michael Findeisen von mafianeindanke erläuterte am Beispiel der „Operation Chargeback“ von Ermittlungs- und Aufsichtsbehörden (2025) , wie traditionell hierarchisch geprägte Strukturen und Gruppen der OK von losen Netzwerken abgelöst werden, die digital, international und arbeitsteilig strukturiert sind. Diese Netzwerke haben durch Kreditkartenbetrug und Unterwanderung von Zahlungsinstituten einen Schaden einen 300 Millionen Euro verursacht und konnten durch neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Ermittler:innen und Finanzmarktaufsicht erfolgreich zerschlagen sowie illegales Vermögen sichergestellt werden.
Schweigen brechen: Die Rolle der Zivilgesellschaft
Im letzten Teil der Veranstaltung war die Zivilgesellschaft an der Reihe. Damit auch Bürger:innen ein Bewusstsein für Mafia entwickeln und die Wirksamkeit der Bekämpfung hautnah miterleben können, fordert mafianeindanke e.V. die soziale Wiederverwendung konfiszierter Güter. Immobilien aus ehemaligem Mafia-Besitz sollten für gemeinnützige Zwecke genutzt werden – zum Beispiel als Polizeistationen oder Veranstaltungsräume für Vereine.
Welche weiteren zivilgesellschaftlichen Hebel es gegen die Mafia in Deutschland, Malta, Frankreich, Europa und weltweit gibt, konnten die Teilnehmenden in einem World Café erfahren. Etwa von Manuel Delia von der Organisation Repubblika auf Malta. Die Organisation wurde nach der Ermordung der Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia gegründet, die 2017 durch eine Autobombe ermordet wurde. Delia erläuterte, wie tief italienische Mafiaorganisationen in Malta verstrickt seien, wie sich Repubblika für die Erinnerung an verstorbene Aktivisten wie Galizia einsetze, sowie für einen besseren Schutz von Journalistinnen und Journalisten. Weitere Einblicke in ihre Arbeit gaben Daniel Brombacher von der Global Initiative against Transnational Organized Crime (GI-TOC), Gabriele Fantoni vom Civil Hub Against orgaNised Crime in Europe (CHANCE) mit dem Projekt „MoMoEU – More Monitoring Action in the EU“, Manoë Mévellec von der französischen Organisation Crim’HALT, Jan Strozyk vom Data and Research Center DARC und Dr. Sarah Vantorre von BASTA! Belgium.
Abschließend stießen die Teilnehmenden mit mafiafreiem Wein und Taralli von Centopassi, Addiopizzo und Liberaterra, die der Lebensmittelhändler Legal&Lecker anbot, auf eine gelungene Veranstaltung an.
Das Seminar zeigte einmal mehr, wie wichtig der Austausch zwischen verschiedenen Sektoren in Deutschland und darüber hinaus ist und wie relevant der Beitrag von mafianeindanke zu dieser Diskussion ist. Schulen, Kultur, Wissenschaft, Justiz, Polizei und Politik müssen ihr Wissen und ihre Erfahrungen bündeln, um die Mafia wirksam zu bekämpfen. Was den Blick auf Deutschland anbetrifft, brachte es Sandro Mattioli, Vorsitzender von mafianeindanke e.V., auf den Punkt: „Im Endeffekt geht es darum, unser Land sicherer zu machen und das sollte im Interesse aller sein.“


