Mafia-Einfluss bei der Impfstoffverteilung?

Mafia in Italien

Italienische Behörden warnen vor der Kaperung der Impfstoff-Verteilung durch die Mafia

Italiens Innenministerin Luciana Lamorgese hat am 10.3.2021 vor der Gefahr gewarnt, dass die Organisierte Kriminalität in Italien in das Verteilungssystem für Impfstoffe gegen Covid-19 eindringt, um Profit daraus zu schlagen. Zuvor hatte bereits der Carabinieri-General Teo Luzi auf 250 von Kriminellen kontrollierte und inzwischen von den Polizeibehörden abgeschaltete Webseiten hingewiesen, die gefälschte Impfdosen gegen das Coronavirus anbieten. Gleichzeitig beschäftigt sich die Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments mit der Impfstoff-Verteilung, weil Verwaltungsvorschriften des Gesundheitsministeriums für die Impfreihenfolge bei der Verimpfung nicht eingehalten werden. Insbesondere in den Provinzen im Süden und in Sizilien, in denen die Mafia besonders einflussreich ist.

Die Ankündigung der Innenministerin im März 2021, streng zu kontrollieren, dass „das Eindringen der Mafia in die Impfstoffverteilung nicht stattfindet“, scheint nicht sehr erfolgreich zu sein. Viele Impfdosen kommen nicht bei den regulären Zielgruppen an. Dabei mischt auch die Mafia mit. Italien startete seine Impfkampagne im vergangenen Dezember. Personen über 80 Jahre und das Krankenhauspersonal hatten in der ersten Impfrunde absolute Priorität.

Die Impfung der ältesten Bevölkerungsgruppe lief nicht nur viel zu langsam an. Die Impfstatistik wurde in Italien auch aus anderen Gründen schnell zum Politikum. Sie weist aus, dass zwei Millionen Menschen außerhalb der Prioritätenliste geimpft wurden. Es handelt sich also nicht um Einzelfälle. Die gibt es in jeder Nation. Auch in Deutschland wie im Fall des Bürgermeisters von Halle und einiger seiner Ratsherren, die sich an der Impfprioritätenwarteschlange vorbeigemogelt haben. Ähnlich gelagert war in Italien der Fall des Bürgermeisters von Corleone (Sizilien) und einiger Stadtverordneter, der hohe Wellen geschlagen hat. Diese wurden bereits im Januar 2021 geimpft und rechtfertigten dies damit, sie arbeiteten schließlich „an vorderster Front“. Bürgermeister Nicolosi musste Anfang März aufgrund des politischen Drucks zurücktreten. Die Lage ist durch die flächendeckende Aushebelung der Impfprioritätenliste so gravierend, dass dies am 8. April die Zentralregierung unter Mario Draghi auf den Plan rief, die Befugnisse der 20 Regionen und autonomen Provinzen, in deren Zuständigkeit das Gesundheitswesen liegt, massiv einzuschränken. Seither dürfen keine Menschen unter 60 Jahren mehr geimpft werden. Landesweit müssen noch ein Drittel der 80 bis 90 Jahre alten Menschen auf die erste Impfung warten. Besorgniserregend ist, dass die Impfprioritäten genau in den Provinzen nicht eingehalten werden, in denen der Einfluss der Mafia stark ist. Es handelt sich also nicht um Schlamperei oder, wie von einzelnen Provinzfürsten behauptet, um zulässige Interpretationen auslegungsfähiger rechtlicher Vorgaben in der Prioritätenliste, wenn etwa in Apulien nicht nur das Krankenhauspersonal mit unmittelbarem Patientenkontakt prioritär geimpft wird, sondern das ganze Verwaltungspersonal nebst Angehörigen, ja sogar Bauarbeiter, sofern sie auf Baustellen im Gesundheitssektor tätig sind.

Die mafiöse Verquickung von Politik und Gesundheitswesen hat in Süditalien Tradition

Die Kaperung der Impfstoff-Prioritäten durch die Mafia für eigene Zwecke hat System. Die mafiöse Verquickung von Politik und Gesundheitswesen hat in Süditalien Tradition. Ein Beispiel: Ende 2020 wurde ein führender Politiker aus der kalabresischen Regionalhauptstadt Catanzaro unter Hausarrest gestellt. Er steht im Verdacht, der ‘Ndrangheta mit Genehmigungen für den Medikamentenhandel und den Aufbau eines Apothekennetzes vor allem in Kalabrien geholfen zu haben. Kein Einzelfall. In Kalabrien steht das Gesundheitswesen seit zehn Jahren wegen Unterwanderung durch Mafia-Clans unter kommissarischer Leitung. Ohne Erfolg, wie das bisherige Fehlen eines dringend erforderlichen Katastrophenplans zeigt. Die Zahl der Intensivbetten in Kalabrien (von den 9000 Intensivbetten Italiens befinden sich gerade einmal 146 in Kalabrien) ist trotz gestiegener finanzieller Subventionen während der Corona-Epidemie nicht gestiegen. Die Regierung hatte sogar Schwierigkeiten, einen Nachfolger für den kalabrischen Kommissar für das Gesundheitswesen zu finden, der nach einem peinlichen Fernsehauftritt anlässlich der Ausrufung von Kalabrien als „rote Zone“ zurücktreten musste. Er hatte in einer Rai-Sendung zugegeben, dass er nicht gewusst hatte, dass er selbst den Plan zum Kontrast der Covid-19-Krise in Kalabrien verfassen hätte müssen, der sich vor allem auf das Gesundheitswesen bezieht und daher in seine Kompetenz fiel. Zu seinem Nachfolger wurde Giuseppe Zuccatelli bestellt, von dem allerdings schnell ein Video publik wurde, in dem er in nicht gerade schöner Sprache behauptete, das Tragen von Masken wäre vollkommen überflüssig. Weniger als zwei Wochen später trat auch er zurück. Eugenio Gaudio, der Rektor der römischen Universität La Sapienza, schien ein vielversprechender Kandidat zu sein, lehnte allerdings kurz nach seiner Ernennung den Posten ab und nannte als Hauptgrund den Unwillen seiner Frau, nach Catanzaro zu übersiedeln. Mit Guido Longo fand sich nach dieser einzigartigen Abfolge hochpeinlicher Ereignisse doch ein Nachfolger.

Die Ausgaben für das Gesundheitswesen stellen durchschnittlich den Löwenanteil des Haushalts der italienischen Regionen und Provinzen dar. Das schafft für die Mafia ein wirtschaftliches Betätigungsfeld bei der Umleitung von Finanzströmen in die eigene Tasche, das profitabler ist als andere Formen von Wirtschaftskriminalität.

Bei der Umfunktionierung der Impf-Prioritätenliste werden mafiöse-Strukturen zur unmittelbaren Gefahr für die Betagten und zugleich Schwächsten in der Gesellschaft. Modellrechnungen der Mailänder Denkfabrik ISPI belegen, dass seit dem Beginn der Impfkampagne vom Januar 2021 bis zu 12 000 Menschenleben hätten gerettet werden können, wären systematisch zunächst Seniorinnen und Senioren gerettet worden. Der „Mafia-Autor“ Saviano hat mit seiner Einschätzung zu Italien unter Covid-19 recht, dass Pandemien keine Krisen schaffen, sondern bestehende Krisen radikalisieren. Der Krisenbeschleuniger Mafia ist tödlich.

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