Wie machen wir die Mafia in Deutschland sichtbar?

Prof. Annamaria Astrologo, Dr. Alessandro Bellardita, Dr. Christian Klos, Sandro Mattioli und Helena Piontek beim Antimafia-Seminar 2025 von mafianeindanke.

Im ersten Panel des Antimafia-Seminars, das mafianeindanke am 15. November 2025 in Berlin veranstaltet hat, stellte Moderatorin Helena Piontek ihren vier Podiumsgästen die Frage: „Wie machen wir die Mafia in Deutschland sichtbar?“. Die vier Gäst:innen antworteten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Die Videoaufzeichnung des Panels ist online zugänglich.

Wissenschaft: Daten sammeln in einer Beobachtungsstelle wie an der Universität Lugano

Prof. Annamaria Astrologo – Professorin für Strafrecht an der Università della Svizzera Italiana und Leiterin der Tessiner Beobachtungsstelle gegen Organisierte Kriminalität – machte hierbei den Einstieg mit einer Vorstellung ihrer Arbeit in der Erforschung der italienischen Organisierten Kriminalität.

Zunächst wies Prof. Astrologo auf die Wichtigkeit von verlässlichen Daten und Beobachtungen zu Mafiaaktivitäten für die Bekämpfung der italienischen Organisierten Kriminalität (IOK) hin. Die Tessiner Beobachtungsstelle, für die sie die wissenschaftliche Leitung übernimmt, widmet sich dem Ziel, durch Forschung und Lehre Wissen zu diesem Thema zu verbreiten. Hierzu wurde im Tessin ein Archiv aus Gerichtsverfahren und journalistischen Publikationen zusammengetragen. Das Institut pflegt und erweitert diese Datenbank und versteht sich auch als Kompetenzzentrum, das seine Ziele in Zusammenarbeit mit Behörden und Institutionen aus Italien und der Schweiz verfolgt.

Im zweiten Teil ihres Referats beleuchtete Prof. Dr. Astrologo die Entwicklungen in der Wahrnehmung der italienischen Mafia in der Schweiz. Hierzu stellte sie die Rechtsgrundlagen des ursprünglichen Artikels 260 ter „Kriminelle Organisation“ des Schweizer Strafgesetzbuchs von 1994 und die 2021 reformierte Version nebeneinander und zeigte auf, dass sich die Wahrnehmung des Phänomens der italienischen OK in der Schweiz in den letzten 30 Jahren deutlich verändert hat. Ging man 1993, ein Jahr vor Einführung des Artikels 260 ter, noch von einem örtlich begrenzten Einfluss der IOK und einer großen Wehrhaftigkeit der Schweizer Institutionen aus, stellte der Bundesrat 2021 in einem Statement fest, dass die Präsenz der IOK in der Schweiz damals unterschätzt wurde. Man musste sich eingestehen, dass die ganze Schweiz betroffen sei und mafiöse Strukturen auch Einfluss auf staatliche Stellen nähmen. Dieses Eingeständnis, so Astrologo, führte auch zu einer Reform des genannten Paragrafen. In diesem Zuge wurden neben kriminellen auch terroristische Vereinigungen eingeschlossen, das mögliche Strafmaß auf zehn und in schweren Fällen sogar 20 Jahre erhöht und einige schwer nachzuweisende Elemente wie das „Agieren im Geheimen“ gestrichen.

In der Fragerunde zum Ende des Panels betonte Dr. Astrologo die Wichtigkeit interdisziplinärer Ansätze in der Erforschung und Bekämpfung von OK und erklärte ihren Beitrag als Professorin und Strafrechtlerin: „Jede(r) kann in der eigenen Rolle etwas tun. Ich habe beschlossen, bei mir selbst anzufangen.“

Justiz: Paragrafen 129 reformieren und personelle Kapazitäten schaffen

Nach der Einführung aus Perspektive der Forschung konnten auch die anderen Podiumsgäste ihre Erfahrungen teilen. Beiträge aus Perspektive der Justiz und der Strafverfolgungsbehörden übernahmen Dr. Alessandro Bellardita, Romanautor, Richter und Vorsitzender des Jugendschöffengerichts am Amtsgericht Karlsruhe, und Dr. Christian Klos, Leiter der Abteilung Öffentliche Sicherheit im Bundesministerium des Innern, das auch die Fachaufsicht über BKA und Verfassungsschutz führt.

Richter Alessandro Bellardita ging aus Perspektive des Praktikers auf Reformbedarf beim deutschen §129 zur Bildung krimineller Vereinigungen ein. Er beklagte, dass die Rechtsfolge des § 129 mit der eines kleinen Ladendiebstahls vergleichbar sei und der Gefahr, die Organisierte Kriminalität für die Gesellschaft darstelle, nicht gerecht werde. Der Paragraf sei zwar auf ein breites Spektrum an Fällen anwendbar, das zeige etwa die Verfolgung der Klima-Kleber unter §129. Das Strafmaß müsse aber dringend angepasst werden, um eine effektive Verfolgung von Gruppierungen mit hoher krimineller Energie zu ermöglichen. Hier sei auch eine Gleichsetzung von Mafia und Terror (§ 129a) denkbar. Auch sprach sich Bellardita für die Einführung einer Erleichterung im § 129 aus, um Bagatellfälle, die mehrere Täter:innen betreffen, auszuschließen. Auch an anderer Stelle sei es möglich, den Fokus der Justiz auf das Wesentliche zu lenken. So könnten etwa durch ein Entfernen von § 265a („Erschleichen von Leistungen“) aus dem StGB Kapazitäten in der Justiz frei werden.
Die besondere Gefährlichkeit der (I)OK illustrierte Bellardita mit Beispielen aus seiner beruflichen Praxis. So berichtete er, dass zunehmend auch Jugendliche in den Fokus krimineller Gruppen gerieten. Hierzu betonte er: „Wir dürfen die Jugend nicht verlieren, um die Hoffnung nicht zu verlieren.“

Die Mafia, so Bellardita, verführe über Sozialkapital, das Verflechtungen gegenüber Politik und Wirtschaft bilden könne, die nur schwer rückgängig zu machen seien. So kontrolliere etwa die ‘Ndrangheta weite Teile des Kokainhandels und nutze dabei auch andere kriminelle Akteure wie etwa Rockergruppen für den Vertrieb. Fälle wie der des Staatsanwaltes aus Hannover, dem Geheimnisverrat vorgeworfen wird, zeigten, dass kriminelle Strukturen bereits eine graue Zone zwischen Politik, Polizei und Wirtschaft geschaffen hätten. Eine Entwicklung, die nur schwer rückgängig zu machen sei.

Innenministerium: Mehr Ressourcen, mehr Befugnisse, und Lob für die Zivilgesellschaft

Auch Dr. Christian Klos vom BMI stellte fest, dass es in Deutschland an einigen Stellen Nachholbedarf gebe. So sei Deutschland im Bereich der Bekämpfung von Geldwäsche und der Beschlagnahmung inkriminierter Vermögen nicht gut aufgestellt. Hier hoffe er auf einen Gesetzesentwurf des BMF noch in dieser Legislaturperiode.

Neben knappen Ressourcen in der Strafverfolgung fehle es, so Klos, auch an anderer Stelle an Befugnissen der Behörden. Hier sprach sich Klos etwa für eine Änderung des BKA-Gesetzes aus, um automatisierte Datenauswertungen zu ermöglichen. Verständnis für zivilgesellschaftliche Kritik an diesen Forderungen habe er nur wenig.

Andere Beiträge der Zivilgesellschaft schätzte Klos dagegen sehr. So sei Aufklärung zum Thema Mafia, wie sie etwa mafianeindanke leiste, ein wertvoller Beitrag, da öffentliches Interesse einen politischen Fokus auf das Thema ermögliche.
Teilweise hätten laut Klos etwa Journalist:innen mehr Möglichkeiten, OK-Bezüge zu recherchieren. Behörden seien eng an den rechtlichen Rahmen gebunden. Auch wenn zentrale Akteur:innen identifiziert seien, gelte die Unschuldsvermutung bis zum Ergehen eines Urteils.

Während Klos und die anderen Podiumsgäste sich beim Gefahrenpotenzial der einzelnen Gruppierungen der OK nicht ganz einig waren, betonte auch Klos: „Für mich ist Organisierte Kriminalität demokratiegefährdend.

Zivilgesellschaft: Förderung und Schutz für innovative Projekte und mehr öffentliche Aufmerksamkeit

Auch Sandro Mattioli, investigativer Journalist, Autor und Vorstandsvorsitzender von mafianeindanke e.V., teilte seine Erfahrungen im Kampf gegen die italienische Mafia. Er machte deutlich, welchen Beitrag Medien und investigative Journalist:innen leisten können. Er bedauerte hierbei, dass die Berichterstattung zum Thema OK und Mafia in Deutschland weiterhin kompliziert sei. Dies sei einerseits der Komplexität des Themas selbst, andererseits aber auch strengen Datenschutzbestimmungen und der Zögerlichkeit auch großer Medienhäuser geschuldet, die teilweise Hemmungen hätten, Journalist:innen bei der Arbeit an diesen Themen zu unterstützen.

Neben der Medienlandschaft nahm Mattioli allerdings auch andere Akteur:innen in die Pflicht. So sprach auch er sich für einen verstärkten wissenschaftlichen Fokus auf das Thema aus, der über eine Diskussion juristischer Instrumente hinausgehen müsse. Diese Erkenntnisse könnten dann auch von Journalist:innen aufgegriffen werden. Hier spiele insbesondere auch eine qualitative Betrachtung des Phänomens der italienischen Mafia eine wichtige Rolle. Deutsche Behörden gingen von etwa 1.000 aktiven Mafiosi aus, italienische Behörden dagegen vermuten, dass in Deutschland etwa 3.000 Mafiosi aktiv sind. Diese seien aber nicht immer als solche zu erkennen und hätten teilweise ungeahnten Einfluss, auch durch den sehr lukrativen Drogenhandel, insbesondere mit Kokain. Diesen kontrollieren italienische Mafiaorganisationen bereits seit 50 Jahren und hätten so großen Reichtum angehäuft. So seien ihm aus journalistischen Recherchen Hinweise bekannt, dass italienische Mafiaorganisationen in Deutschland versucht haben, die Kontrolle über eine Vollbank zu erhalten.

Zudem teilte Mattioli eine Anekdote, die den Einfluss von Mafiaorganisationen plastisch darstellt. Vor einigen Jahren sei er nach einer Lesung in Zürich von einem älteren Herrn, dem CEO einer im gesamten DACH-Raum aktiven Immobilienfirma, angesprochen worden. Dieser habe sich als Mafiamitglied offenbart und ihn zur Vorsicht gemahnt. Meist seien es aber nicht Mafiosi, die sich nach Veranstaltungen, die er als Journalist oder mit mafianeindanke organisiere, meldeten. Die Fülle der Menschen, die eigene Geschichten zum Kontakt mit der italienischen Mafia teilten, zeige, wie verbreitet die Organisationen auch in Deutschland seien.

Um neben anekdotischer Evidenz auch eine wissenschaftliche Basis für die Erforschung des Phänomens zu schaffen, ist der Verein mafianeindanke aktiv geworden. Zum Abschluss des Panels stellte Mattioli noch das Projekt „Mapping the Mafia“ vor. Mitglieder des Vereins haben hierzu mittels durch den italienischen Kassationsgerichtshof veröffentlichten Urteilen eine Datenbank erstellt. Aus den Urteilen wurden für das Projekt Cluster mit Deutschlandbezug gebildet. In insgesamt 110 Urteilen seien Verbindungen zur Bundesrepublik gefunden worden. Die Datenbank könne durch Urteile und Ermittlungsakten erweitert und als Grundlage für journalistische und wissenschaftliche Arbeit genutzt werden. Perspektivisch sei es ebenfalls möglich ”Mapping the Mafia” für eine deutsche Beobachtungsstelle zur Organisierten Kriminalität, eine langjährige Forderung des Vereins mafianeindanke, zu nutzen. Auf die Frage, ob Mattioli neidisch auf die Tessiner Beobachtungsstelle sei, verneinte er zwar, wünschte sich jedoch für die Zukunft mehr Ressourcen und Aufmerksamkeit für die Arbeit des Vereins. Für die zukünftige Arbeit des Vereins betonte er: “mafianeindanke ist aus einem Gefühl des Zusammenhalts entstanden. Nicht nur zwischen Gastronomen, sondern auch zwischen der Zivilgesellschaft und den Behörden. Wir müssen mehr sein, wir müssen stärker sein und wir müssen lauter sein.


Foto: Marianne Rennella | mafianeindanke e.V.