Sizilien und Mandoline, Pistole und Ehre: Das Videospiel „Mafia: The Old Country“ lässt kein Klischee aus. Manche loben die korrekte historische Darstellung der frühen Cosa Nostra, zugleich lädt das Spiel dazu ein, in die Rolle eines Mafioso zu schlüpfen und mit ihm „Abenteuer“ zu erleben. Wie problematisch ist “Mafia: The Old Country“?
Bild: 2K
Am 8. August 2025 erschien das Videospiel Mafia: The Old Country, das von Hangar 13 entwickelt und über das Vertriebslabel 2K Games veröffentlicht wurde. Die Homepage von 2K Games verspricht, man könne in dem Spiel die Ursprünge des sizilianischen Organisierten Verbrechens kennenlernen. Protagonist des Spiels ist der junge Sizilianer Enzo Favara, der bereits seit seiner Kindheit in einer Schwefelmine des fiktiven Spadaro-Clans schuften muss. Nach einem Unglück, bei dem sein Freund Gaetano ums Leben kommt, gelingt Enzo die Flucht und er kann sich bis auf das Gebiet des verfeindeten Torrisi-Clans durchschlagen. Um in der Hierarchie des Torrisi-Clans aufzusteigen, muss er nun verschiedene Aufgaben erledigen. Diese Situation wird jedoch dadurch verkompliziert, dass er sich in die Tochter des Bosses der Torrisis verliebt, die dem Spross einer lokalen Adelsfamilie versprochen ist.
Eine realistische Darstellung?
Interessanterweise findet sich auf YouTube ein Video mit dem für seine Bücher über die Mafia bekannten Historiker John Dickie[1]. Der Experte lobt die realistische Darstellung der frühen Cosa Nostra in dem Spiel. Verstrickungen der Cosa Nostra in den Schwefelabbau seien im frühen 20. Jahrhundert tatsächlich verbreitet gewesen. Es sei durchaus realistisch, dass einem Minenarbeiter der soziale Aufstieg in einem Mafiaclan gelingt. Auch die Verwicklung der frühen Mafiosi in den Handel mit Zitrusfrüchten ist durch die Forschung verschiedener Historiker*innen belegt. Zudem wird die Rolle der Mafia bei der Einschüchterung von Gewerkschaften in einer Sequenz des Spiels thematisiert. Die Unterdrückung von Frauen in mafiösen Familienstrukturen wird insofern angesprochen, dass Don Torrisis Tochter Isabella ihre Liebe zu Enzo verbergen muss, da ihr Vater schon entschieden hat, wen sie heiraten soll. Bei den Treffen zwischen Mitgliedern des Torrisi-Clans und der Adelsfamilie, in die Isabella einheiraten soll, wird deutlich, wie eng die Verbindung zwischen der Cosa Nostra und der sizilianischen Oberschicht in der damaligen Zeit war. Kann das Spiel also positiv gesehen werden, weil es Informationen über die Mafia an ein breites Publikum vermittelt?
Keine Empathie mit den unschuldigen Opfern
Ein wichtiger Teil des Spiels sind die Kämpfe, in denen man Feinde des Bosses Don Torrisi mit verschiedenen Waffen besiegen muss. Ein Rezensent schreibt, die Schießereien seien akzeptabel, es sei jedoch störend, dass man seine Gegner häufig erwürgen müsse, da die Messer in dem Spiel schnell stumpf würden[2]. Respekt vor den unschuldigen Opfern der Mafia und deren Angehörigen sucht man vergeblich. In kaum einer Beschreibung oder Rezension des Spiels wird erwähnt, dass die italienischen Mafia-Organisationen jedes Jahr reale Opfer fordert. Stattdessen wird Mafia-Gewalt normalisiert und zu einem Unterhaltungsprodukt gemacht. In einer Szene erhält Enzo den Auftrag, einen Streik in einer Mine gewaltsam niederzuschlagen. Das Spiel normalisiert also sogar Gewalt gegen völlig unschuldige Menschen, die lediglich versuchen, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und eine faire Entlohnung für ihre Arbeit einzufordern.
Das Business mit der Mafia-Romantik
Das ist keinesfalls neu. Spätestens seit 1972 der Film „Der Pate“ herauskam, ist die Darstellung von mafiöser Kriminalität und der damit verbundenen Gewalt zu einem lukrativen Geschäftsmodell für die Unterhaltungsindustrie geworden. Das Spektrum der Unterhaltungsprodukte mit Mafia-Bezug reicht von Filmen und Serien über Brettspiele und Mafia-Kochbücher bis hin zu Videospielen. Das Geschäftsmodell scheint nach wie vor zu funktionieren. Mafia: The Old Country verkaufte sich in den ersten vier Tagen weltweit über 800.000 Mal[3].
Die alte Leier von den „Ehrenmännern“
Problematisch an der popkulturellen Ausschlachtung der Mafia ist nicht nur, dass die Verherrlichung und Normalisierung der Mafia ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer, deren Angehörige und nicht zuletzt alle Personen, die gegen die Mafia kämpfen, ist. Auf der Homepage des Spiels ist die Rede von Ehrenmännern, Loyalität und Familie. Genau diese Begrifflichkeiten nutzt die Mafia, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen. Insbesondere in Italien investieren Aktivist*innen, Lehrkräfte und Sozialarbeitende viel Arbeit, um jungen Menschen zu vermitteln, dass Mafiosi keine Ehrenmänner sind, sondern Teil eines Systems, das auf Unterdrückung, Gewalt und der Ausbeutung Schwächerer basiert. Diese Bemühungen werden jedoch ständig dadurch konterkariert, dass Videospiele, Filme und Serien die Begrifflichkeiten der Mafia aufgreifen und vor einem Millionenpublikum glorifizieren.
Sizilien = Mafia
Sehr deutlich ist bei Mafia: The Old Country auch die Diffamierung Siziliens. Es wird mehrfach betont, dass die sizilianische Landschaft die Hintergrundkulisse für das Spiel bildet. Die typische Verknüpfung von mafiöser Kriminalität mit der Landschaft und Kultur Siziliens wird in Mafia: The Old Country also auf die Spitze getrieben. Dies ist einerseits diffamierend für die Mehrheit der Sizilianer*innen, die keine Mafiosi sind, andererseits entsteht dadurch der Eindruck, die Mafia sei ein Phänomen, das aus fremden, meist „südländischen“ Kulturen zu uns kommt. Tatsächlich gibt es Organisierte Kriminalität in nahezu allen Kulturen und die weltweiten Aktivitäten der Mafia wären ohne die Komplizenschaft von Banker*innen, korrupten Amtsträger*innen etc. in einer Vielzahl an Ländern kaum möglich.
Ein irreführendes Bild
Insgesamt ist die Darstellung der Mafia in dem Spiel ähnlich irreführend wie in den altbekannten Mafia-Filmen und -serien. Die Mafiosi erscheinen als einfache Kriminelle, die sich auf offener Straße Schießereien liefern oder Menschen mit dem Messer attackieren. Die tatsächliche Gefährlichkeit der Mafia liegt jedoch in ihrer Fähigkeit, sich geräuschlos mit der Wirtschaft und der Politik zu vernetzen und Einfluss zu gewinnen, wie es die Cosa Nostra schon von Anfang an tat, indem sie Kontakt zu den Mächtigen suchte. Die gefährlichsten kriminellen Organisationen sind jene, die so mit dem legalen Wirtschaftssystem verschmolzen sind, dass sie kaum mehr als kriminell erkennbar sind. Die Darstellung der Mafiosi als bewaffnete Gangster, die in der Öffentlichkeit morden, verdeckt also die gefährlichsten Aspekte der Mafia.
Weiterhin wird im Spiel dargestellt, wie die Mafia Menschen aus den ärmsten Bevölkerungsschichten einen sozialen Aufstieg und den Ausbruch aus ausbeuterischer Arbeit ermöglicht. Das mag in Einzelfällen vorkommen, in erster Linie war die Mafia aber immer mit den reichsten und mächtigsten Bevölkerungsschichten Siziliens verbunden und setzte ihre Gewalt ein, um die enorme soziale Ungleichheit der sizilianischen Gesellschaft aufrechtzuerhalten, etwa durch Gewalt gegen Gewerkschaften und die illegale Vermittlung von Arbeitskräften in Jobs mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen.
Auffällig ist weiterhin, dass die Gegenseite in dem Spiel überhaupt nicht auftaucht. Polizist*innen, Staatsanwält*innen oder zivilgesellschaftliche Gruppen spielen keine Rolle. Dadurch entsteht der Eindruck, die Situation der sizilianischen Bevölkerung sei vollkommen ausweglos und es gäbe keine Alternative dazu, sich der Mafia unterzuordnen. Tatsächlich gab es auf Sizilien immer Widerstand gegen die Mafia. Nirgendwo sonst wird der Kampf gegen kriminelle Strukturen von der Justiz und der Zivilgesellschaft so konsequent vorangetrieben. Sizilien ist also nicht nur der Entstehungsort der Mafia, sondern vor allem der Entstehungsort der Antimafia. Leider haben die Spieler*innen von Mafia: The Old Country keine Möglichkeit diese Seite Siziliens kennenzulernen, sie können nur in die Rolle eines aufstrebenden Mafiosos schlüpfen.
Fazit: mangelhaft
Das Spiel thematisiert also tatsächlich wichtige Aspekte der Geschichte der Cosa Nostra. Leider bleibt es bei kurzen, oberflächlichen Erwähnungen und das Spiel kehrt meist schnell zu der mit Klischees überfrachteten Haupthandlung zurück. Sicherlich könnten digitale Medien wie Videospiele eine Rolle bei der Aufklärung über die Mafia spielen, allerdings nicht, solange diese Spiele diffamierende Klischees über Italien reproduzieren, die Begrifflichkeiten der Mafia unkritisch aufgreifen und die Gewalt der Mafia ohne jeden Respekt vor den Opfern normalisieren.
[1] Mafia Historian Reacts to Mafia: The Old Country – YouTube
[2] https://www.ign.com/articles/mafia-the-old-country-review
[3] https://www.pcgames.de/Mafia-The-Old-Country-Spiel-74877/News/beeindruckende-verkaufszahlen-millionenmarke-1479991/#:~:text=Demnach%20hat%20sich%20das%20neue%20Mafia%20innerhalb,gescheitert.%20Dennoch%20ist%20es%20eine%20beachtliche%20Zahl.


