Häftlinge werden zu Schauspielerinnen


Es ist kurz vor acht am vierten März.  Auf den nur spärlich beleuchteten Gängen der Mailänder Universität huschen einige Gestalten in Richtung Audimax. Sie sind die wenigen, die das Glück haben jetzt einem einzigartigen Event beiwohnen zu dürfen. Einige der Strafgefangenen des Frauengefängnisses von Vigevano werden heute Abend ein Stück aufführen. Ein Projekt, bei welchem jede von ihnen Momente ihrer Vergangenheit freilegt. Es handelt sich um Geschichten bei denen die Mafia eine klare Rolle spielt, zumal die Frauen alle aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit der organisierten Kriminalität verurteilt worden sind. Jede erzählt die Geschichte einer der anwesenden Genossinnen, das Publikum wird über die Identität der jeweils wahren Protagonistin im Dunkeln gelassen.

Nach einer kurzen Einführung des Professors Nando Dalla Chiesa geht es auch schon los. Beim Eintritt in den Audimax, die „Aula Magna“, dröhnt das Lied „Comincia adesso“ von 99 Posse aus den Lautsprechern dem Publikum entgegen. „Comincia adesso“, das bedeutet „beginne jetzt, in diesem Moment“. Die Sängerin fordert auf jetzt mit dem Reden, dem Kampf zu beginnen. Und das ist genau das, was die mutigen Frauen von Vigevano tun.

Das Publikum sitzt, wie angewiesen, im Kreis auf der Bühne, in seiner Mitte die Darstellerinnen, zum Greifen nah.

Die Geschichten sind Erinnerungen, Ausschnitte, Momente die für immer im Gedächtnis verankert geblieben sind und die die Darstellerinnen uns anvertrauen. Die meisten Szenen zeigen  Kindheitserinnerungen an den Vater.

Sie zeigen sich von ihrer verwundbarsten Seiten, decken die intimsten Erinnerungen auf und sprechen darüber, wie es ist Frau zu sein in einer Welt, die von Männern regiert wird. Denn die Mafiawelt ist immer noch eine „Männerwelt“. Vor unseren Augen zeigen sich Töchter, Mütter, Ehefrauen die uns ihre Schicksale und den damit verbundenen Schmerz offenbaren.

Durch Lieder und kurze Monologe bringt jede von ihnen vor uns die Wahrheit einer anderen ans Licht. Während der Aufführung spüren wir die Aufregung der Darstellerinnen und die Atmosphäre ist von Emotionen geladen. Es ist schwer, vor einem fremden Publikum die Hülle der Mafiafrau abzulegen und den Kern der Frau zu zeigen die sich darunter verbirgt. Darum bleiben die Darstellerinnen lieber anonym.

Am Ende des Stücks bekommt man Lust sie zu umarmen, ihnen zu sagen wie mutig sie waren und man möchte sich bedanken. Bedanken dafür, dass wir die Möglichkeit hatten einen Einblick auf eine andere Wahrheit der Mafia zu bekommen. Eine Wahrheit, die wir Außenstehenden uns nur ausmalen können und die wir vielleicht nicht allzu oft in Betracht ziehen. Denn auch auf der anderen Seite wird gelitten. Es werden ganze Leben von vor allem Kindern und Frauen bestimmt und gelenkt. Denn vor allem sind diese, noch bevor sie „mafiosi“ werden einfach nur Menschen. Menschen die ein Recht auf Freiheit, Gerechtigkeit und auf eine Kindheit haben die ihnen versagt geblieben ist.

Diese Frauen haben begonnen zu reden, sie haben begonnen zu kämpfen, sie sind da, auch wenn als Gefangene. Sie haben gezeigt wie unglaublich stark sie sind und dass sie, als Zeuginnen einer rauen Wahrheit, bereit sind zu kämpfen. Denn das ausgesprochenen Wort, das Brechen eines Schweigens sind Waffen die unsere Darstellerinnen zu Kämpferinnen werden lassen. Sie kämpfen für die Gerechtigkeit.

Am Ende des Stücks verneigen sich unsere Heldinnen und nehmen strahlend den Applaus entgegen. Sie sind stolz und froh darüber es geschafft zu haben. Sie haben einen ersten Schritt gemacht und uns, dem Publikum für 50 Minuten Eintritt in ihre Welt gewährt. Wir waren mitgerissen und sind bewegt. Jeder wir diese Erfahrung mit nach Hause nahmen und reichlich Stoff zum nachdenken und diskutieren haben. Camincia adesso a lottare, beginne jetzt zu kämpfen.