Mythos Mafia – wer profitiert vom Image des mächtigen Paten?

Die Referent:innen bei der Veranstaltung Mythos Mafia in München.

Die ersten Mitglieder der Mafia dürften bereits in den 1960er-Jahren nach Deutschland gekommen sein – nur wenige Jahre nach dem Anwerbeabkommen. Was bedeutet das? Mafianeindanke lud am 23. Oktober 2025 in München zur Diskussion.

Die Abendveranstaltung am 23. Oktober im voll besetzten Italienischen Kulturinstitut widmete sich dem Thema jenseits von Klischees und Verherrlichung. In einer Podiumsdiskussion sprachen drei Expert*innen, die Nachkommen ehemaliger Gastarbeiter*innen sind: Alessandro Bellardita, Strafrichter und Autor, Ornella Cosenza, Journalistin und Autorin, sowie Francesco Basta, Autor des Papers „Kulturtheoretische Perspektiven auf italienische organisierte Kriminalität und Schutzgelderpressung: zivilgesellschaftliche und kriminalpolitische Schlussfolgerungen für Deutschland“.“

Das Anwerbeabkommen, die Gastarbeiter und die Mafia

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „Migration Erinnern / Ricordare l’emigrazione“ zum 70. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Italien und Deutschland statt und begann bereits in den ersten Minuten mit einer klaren Botschaft: Italiener*innen haben auch die Antimafia-Bewegung nach Deutschland gebracht! Das Anwerbeabkommen und die Ankunft der Mafia in Deutschland sind zwei voneinander zu trennende Phänomene. „Die Gastarbeiter kamen nach Deutschland, weil das Leben in Italien durch die Mafia unerträglich geworden war“, erklärte Alessandro Bellardita. Das gängige Narrativ entspricht nicht der Realität, da die Mafia damals versuchte, das Abkommen zu verhindern, weil es ihr Arbeitskräfte wegnahm.

Nach den Grußworten von Dr. Vivienne Marquart (Verantwortliche und Koordinatorin des Programms des Kulturreferats „Emigration Erinnern / Ricordare l’emigrazione“) und der Moderatorin Carmen Romano von mafianeindanke begrüßte auch der Generalkonsul Sergio Maffettone das voll besetzte Haus und fand klare Worte für die Wahrnehmung des Problems in unserer Gesellschaft: „Die Mafia ist ein verdammt ernstes Thema – kein romantisches Phänomen für uns Italiener.“ Im Anschluss diskutierten die Teilnehmenden über Stereotype, den Aufklärungsbedarf und die Präsenz der Mafia in Deutschland.

Verschiedene Perspektiven auf den Mythos Mafia

Alessandro Bellardita appellierte an den bewussten und korrekten Gebrauch des Begriffs Mafia, da dieser heute inflationär verwendet und dadurch das Bild der tatsächlichen Mafia verfälscht wird. Entscheidend sei es, das Wesen der Mafia zu verstehen: Sie verfügt über soziales Kapital und bildet stets eine graue Zone zwischen Politik, Verwaltung und organisierter Kriminalität. Für den Richter ist eine Reform des § 129 StGB (Bildung krimineller Vereinigungen) wesentlich – dieser sollte ausdrücklich den Begriff mafioso enthalten, um wirksam gegen solche Strukturen vorgehen zu können.

Ornella Cosenza erläuterte, wie schwierig es ist, in deutschen Redaktionen über die Mafia zu schreiben, da viele das Thema noch immer als etwas Entferntes betrachten. Das geprägte Bild der Mafia stammt vor allem aus Filmen wie Der Pate und aus der Popkultur, die weiterhin bestimmte Vorstellungen von Männlichkeit und Kriminalität vermittelt und dadurch eine romantisierte Erzählung aufrechterhält. Sie erklärte zudem, dass Mafia häufig als Marketinginstrument genutzt wird – schlicht, „weil es sich gut verkauft.“

Francesco Basta erklärte, dass die Taktik der Schutzgelderpressung nach wie vor weit verbreitet ist und dazu dient, „ein Unterordnungsverhältnis zu zementieren“. Er betonte, dass Italiener*innen in Deutschland ständig mit Klischees konfrontiert werden – und dass einige diese aus Resignation übernehmen und sie selbst für Werbung beispielsweise in Restaurants nutzen. Eines der Hauptprobleme, so Basta, sei, dass die Mafiabekämpfung stärker opferorientiert gestaltet werden müsse, um den Mafiosi Macht und Ansehen zu entziehen.

Den Mythos Mafia dekonstruieren – aber wie?

Aus dem Publikum kamen zahlreiche Fragen – vor allem die eine: Was können wir tun? Was kann man dagegen machen? Auch wenn es kein einfaches Erfolgsrezept gibt, muss auf verschiedenen Ebenen gehandelt werden:

  • In der Politik: einen anhaltenden Diskurs fördern und bestehende Gesetze überprüfen und anpassen.
  • In der Wissenschaft: gezielte Forschung sowie aktuelle empirische Daten sammeln und analysieren.
  • In der Bildung: Schulen stärker für das Thema sensibilisieren und einbeziehen.
  • In der Berichterstattung: dem Thema Mafia mehr Raum und Relevanz geben.
  • In der Zivilgesellschaft: Wissen, Engagement und ein Verständnis von Demokratie fördern – eines, das über persönliche Interessen hinausgeht.

Mafianeindanke konnte sich bei dieser Veranstaltung auf viele Unterstützer*innen verlassen. Ein besonderer Dank geht an das Italienischen Konsulat und das Italienischer Kulturinstitut, mit denen die Zusammenarbeit hervorragend geklappt hat, sowie an das Kulturreferat München und Public History für die wertvolle Förderung.


Foto: mafianeindanke e.V.