Mafia-Aktivitäten in Österreich und der Schweiz (Juli-Dez 2022)

Dia

Im September 2023 hat das italienische Antimafia-Kriminalamt Direzione Investigativa Antimafia (DIA) seinen Bericht über das zweite Halbjahr 2022 veröffentlicht. Darin beschreibt und analysiert es seine Ermittlungen und deren Ergebnisse im Berichtszeitraum. Neben umfangreichen Kapiteln über die Aktivitäten der einzelnen Mafia-Organisationen in den italienischen Regionen gibt es auch Kapitel über deren Tätigkeiten im Ausland.

Mafianeindanke übersetzt die Kapitel über Deutschland, Österreich und die Schweiz und stellt sie somit der deutschsprachigen Öffentlichkeit zur Verfügung. Lesen Sie den Bericht zum ersten Halbjahr 2022 in unserer Übersetzung, oder den Bericht zum zweiten Halbjahr über Deutschland. Der 513 Seiten starke Originalbericht auf Italienisch ist auf der Webseite der DIA erhältlich.

Die Schweiz im DIA Report 2022/2

Die italienischen Mafias sind auch in der Schweiz eine Bedrohung und sind dort bereits seit mehreren Generationen aktiv.

Seit 2015 wurde die Zusammenarbeit mit der Schweiz durch eine „Vereinbarung für den gegenseitigen Austausch von Finanzinformationen in Steuerangelegenheiten“  verstärkt, um das Phänomen des Transfers von illegalem Kapital in die Schweiz zu bekämpfen.

Zudem hat der Bundesrat 2019 die neue Strategie des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (D.F.G.P.) zur Verbrechensbekämpfung 2020-2023 zur Kenntnis genommen, in der die italienischen Mafias als große Bedrohung für die Schweiz betrachtet werden. Es wird darauf hingewiesen, dass diese im Land selbst in verschiedenen kriminellen Bereichen aktiv sind. Darüber hinaus könnte das italienische organisierte Verbrechen inzwischen in die Verwaltungs- und Wirtschaftsstrukturen der Schweiz eingedrungen sein und eine Bedrohung für die Institutionen und die Wirtschaft der Eidgenossenschaft darstellen. Jene Strategie sieht eine Zusammenarbeit mit dem Bankensektor bei der Bekämpfung der Geldwäsche vor, indem die Geldströme verfolgt werden, um die Erträge aus Straftaten zu ermitteln und so zu verhindern, dass Kriminelle Zugang zu ihren unrechtmäßig  erworbenen Gewinnen erhalten.

Jüngste Ermittlungen haben ergeben, dass einige kalabrische Gruppierungen, die im Rauschgifthandel aktiv sind, nach wie vor Schweizer Gebiet nutzen, um Finanzdelikte zu begehen. Am 6. September wurden im Rahmen der Operation „Metropoli – Hidden Economy“ der Mailänder DDA (Direzione Distrettuale Antimafia, Anm. d. Ü.) gegen ein ‘ndranghetistisches Drogenhandelssyndikat mit dem Ziel, Drogenrouten zu rekonstruieren, auch auf Schweizer Gebiet Beschlagnahmungen vorgenommen.

Es wird darauf hingewiesen, dass am 19. Dezember 2022 in der Vorverhandlung des Gerichts in Mailand das Urteil gegen mehrere Angeklagte in der Operation „Cavalli di razza“ verkündet wurde. Diese Operation im Jahr 2021 ermöglichte es, das Ausmaß aufzudecken, mit dem gewisse Personen aus der Cosca MOLE     PIROMALLI aus Gioia Tauro (Provinz Reggio Calabria) in das Schweizer Territorium eingedrungen waren, um einen betrügerischen Mechanismus zur Steuerhinterziehung zu betreiben, indem sie zum Konkurs verurteilte Gesellschaften (Konsortien und Genossenschaften) durch neue Strukturen mit denselben Merkmalen ersetzten.“

Österreich im DIA Report 2022/2

„Das österreichische Hoheitsgebiet kann als strategischer Knotenpunkt der Balkanroute betrachtet werden, auf der das organisierte Verbrechen aus Osteuropa verschiedene Straftaten begeht, die hauptsächlich im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln, insbesondere Heroin, stehen, die über die Türkei aus dem Nahen Osten kommen. Obwohl in Österreich keine etablierten italienischen Mafia-Organisationen nachgewiesen sind, ist das österreichische Staatgebiet aufgrund der territorialen Nähe zu unserem Staat für einige kalabrische Gruppierungen, die sich auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert haben, von Interesse. Jüngste Ermittlungen haben ergeben, dass der internationale Schmuggel von Erdölprodukten, die aus Raffinerien in Österreich, Slowenien, der Tschechischen Republik und Ungarn stammen und anschließend nach Italien gebracht werden, über die gleiche Route erfolgt.

So wurde am 25. November 2022 im Rahmen von Ermittlungen, die von der Europäischen Staatsanwaltschaft in Palermo koordiniert wurden und welche bereits im Kapitel über Deutschland Erwähnung fanden, eine kriminelle Vereinigung identifiziert, die große Mengen von Energieerzeugnissen, auch aus Österreich, in das Staatsgebiet geschmuggelt haben soll, um die Zahlung von Verbrauchsteuern zu umgehen. Aktuelle Ermittlungen hatten ergeben, dass kriminelle Gruppen, die mit der ‘ndrangheta und der cosa nostra in Verbindung stehen, ihre kriminellen Interessen in den Bereichen der Geldwäsche durch Immobilieninvestitionen und der Wiederverwendung von illegalen Erlösen im Wettgeschäft diversifiziert hatten.

Die kampanische Organisierte Kriminalität ist mit dem Camorra-Clan GIONTA-ASCIONE-PAPALE-IANUALE-ELIA präsent, der sich dem Waffenhandel über die Landgrenze in der Provinz Udine widmet. Schließlich stellte sich heraus, dass die multiethnische Kriminalität, die sich dem Drogenhandel in Südtirol und dem Trentino widmete, auch Verzweigungen in das benachbarte österreichische Gebiet hatte von einer in Rimini ansässigen Gruppierung auch als Aufbewahrungsort für Gold, Platin und wertvolle Uhren in Schließfächern genutzt wurde, die Erlöse aus einem großen Betrug am   italienischen Staat.“

Foto: Direzione Investigativa Antimafia