Das italienische Antimafia-Kriminalamt Direzione Investigativa Antimafia (DIA) hat seinen Bericht über das Jahr 2024 veröffentlicht. Erstmals wird ein komplettes Jahr in einem Bericht zusammengefasst, während zuvor ein Bericht je nur sechs Monate abdeckte. Der Bericht über 2024 fällt mit 424 Seiten im Vergleich zu den Vorjahren um einiges magerer aus (2023: zwei Berichte mit insgesamt 596 Seiten; 2022: zwei Berichte mit insgesamt 966 Seiten; 2021: zwei Berichte mit insgesamt 1.046 Seiten). Im Vorjahr wurden für einen DIA-Bericht Übersetzungen u.a. ins Englische zur Verfügung gestellt, dies blieb aber eine Ausnahme für einen einzigen Bericht (1. Halbjahr 2023). Insbesondere die Länge der Kapitel über das europäische Ausland hat extrem abgenommen. Während in den letzten Halbjahres-Berichten Deutschland teils alleine drei Seiten füllte, werden nun alle europäischen Länder für ein komplettes Jahr auf nur zehn Seiten zusammengefasst.
Insgesamt wird eine Tendenz zur Verknappung von öffentlich zugänglichen Informationen weitergeführt, die sich auch in anderen Bereichen der italienischen Politik zeigt. Für eine ausführliche Analyse verweisen wir auf unseren Artikel „Giorgia Melonis inesistente Antimafia-Politik“.
In den Berichten beschreibt und analysiert die DIA die eigenen Ermittlungen und deren Ergebnisse im Berichtszeitraum (Artikel: Was ist die DIA?). Neben Kapiteln über die Aktivitäten der einzelnen Mafia-Organisationen in den italienischen Regionen gibt es auch Kapitel über deren Tätigkeiten im Ausland. Um die Informationen des DIA-Berichts der deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, übersetzen wir seit Anfang 2023, d.h. Bericht zum ersten Halbjahr 2022, die Kapitel über Deutschland sowie Österreich und die Schweiz und veröffentlichen sie auf unserer Webseite – alle weiteren Berichte finden Sie hier. Das Original auf Italienisch ist auf der Webseite der DIA erhältlich.
Deutschland im DIA-Bericht 2024
„Dank seiner wirtschaftlichen Stabilität ist Deutschland seit langem ein interessantes Gebiet für italienische Mafia-Organisationen, die besonders in den Regionen Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen aktiv sind.
Nordrhein-Westfalen mit seiner Chemie- und Automobilindustrie und Bayern als Technologiezentrum und Sitz multinationaler Unternehmen sind zwei Säulen der deutschen Wirtschaft, zu denen Baden-Württemberg mit seiner fortschrittlichen Technik und seinen Luxusautomarken sowie Hessen mit Frankfurt als wichtigem Finanzzentrum hinzukommen.
Neben dem starken Interesse am Drogenhandel hat die italienische Kriminalität im Laufe der Zeit versucht, sich zunehmend in die legale Wirtschaft einzuschleusen, insbesondere durch den Erwerb von Gastronomiebetrieben. Das Ziel besteht darin, Deckmäntel für illegale Geschäfte zu schaffen und logistische Grundlagen für Treffen und die Koordinierung krimineller Operationen zu schaffen.
Die DIA hat eine enge Zusammenarbeit mit den deutschen Ermittlungsbehörden aufgebaut. Diese Synergie ermöglichte eine gründliche und umfassende Analyse der kriminellen Phänomene und lieferte eine wesentliche Grundlage für nachfolgende Strafverfolgungsmaßnahmen.
In diesem Zusammenhang betraf die Operation „Platinum Dia“ eine zur Familie GIORGI, alias BOVICIANI, aus San Luca (Provinz Reggio Calabria) gehörende ‘Ndrangheta-Gruppe, die im internationalen Drogenhandel tätig war, und deckte auch die Existenz einer kriminellen Vereinigung auf, die sich mit dem illegalen Import von Kraftfahrzeugen aus dem Ausland, vor allem aus Deutschland, befasste. In diesem Zusammenhang wurde am 22. Januar 2024 ein vom Gericht Turin erlassener Beschlagnahmungsbeschluss gegen zwei Brüder vollstreckt, der acht Unternehmenskomplexe, Anteile an einem Gastronomieunternehmen, Immobilien, Kraftfahrzeuge und Finanzbeziehungen im Gesamtwert von rund 8 Millionen Euro betraf. Am 20. Februar 2024 erließ das Berufungsgericht Turin das entsprechende Urteil, das die vom Gericht gegen die Angeklagten getroffenen Entscheidungen bestätigte, denen die Zugehörigkeit zu einer Vereinigung zum Zweck des illegalen Handels mit Betäubungsmitteln vorgeworfen wurde.
Am 16. Februar 2024 wurde zur Bekämpfung der Unterwanderung der legalen Wirtschaft durch die ‘Ndrangheta ein vom Gericht von Reggio Calabria erlassener Beschluss zur Beschlagnahme von Vermögenswerten gegen einen Unternehmer im Bereich des Handels mit Erdölprodukten vollstreckt, der auch einige in Deutschland eröffnete Finanzpositionen betraf. Dieser war in die Operation „Andrea Doria” verwickelt, durch die ein System von Steuerbetrug im Bereich des Handels mit Erdölprodukten aufgedeckt werden konnte, das auf fiktiven Dreiecksgeschäften zwischen Unternehmen zur Umgehung der Mehrwertsteuer und der Verbrauchsteuern sowie auf der Verwendung falscher Absichtserklärungen beruhte.
Im Zusammenhang mit der sizilianischen organisierten Kriminalität (Cosa Nostra, Stidda, Anm. d. Ü.) hat die Operation „Albana“, die von der DDA von Caltanissetta koordiniert wurde, am 22. Mai 2024 die Existenz einer kriminellen Vereinigung dokumentiert, die sich mit der Herstellung und dem Handel von Marihuana und Haschisch befasst. Dabei wurde ein komplexer Drogenhandel aus Deutschland nach Barrafranca (Provinz Enna) aufgedeckt, der von nach Deutschland ausgewanderten Personen aus Bari betrieben wurde.
In Bezug auf die Clans in Kampanien (Camorra, Anm. d. Ü.) hat die DIA am 25. Juni 2024 die DIA zusammen mit den Carabinieri einen vom Gericht von Salerno erlassenen Beschlagnahmungsbeschluss ausgeführt, der zwei bei deutschen Kreditinstituten geführte Konten mit einem Betrag von über 100.000 Euro betraf, die als Erlös aus illegalen Aktivitäten verschiedener Gruppen aus Kampanien im Bereich illegaler Wetten und Online-Glücksspiel dienten.
Auch wenn keine Hinweise auf Mafia-Bezüge vorliegen, wurde am 21. Februar 2024 unter der Koordination der Europäischen Staatsanwaltschaft den deutschen Behörden in Köln und München sowie den italienischen Behörden in Bologna ein umfangreicher Steuerbetrug im Handel mit Luxusfahrzeugen aufgedeckt, woraufhin zahlreiche Durchsuchungen und einige vorläufige Maßnahmen im Rahmen der Verfahren der Europäischen Staatsanwaltschaft in Köln und München durchgeführt wurden, zusätzlich zur Beschlagnahmung von einer Million Euro auf deutschen Bankkonten und verschiedenen Luxusfahrzeugen. Die Ermittlungen leisteten einen wichtigen Beitrag zur Aufdeckung einer Organisation, die deutsche Unternehmen dazu benutzte, um auf betrügerische Weise Autos aus Deutschland in andere Mitgliedstaaten zu verkaufen, wobei sie einen „Karussellbetrug” mit der innergemeinschaftlichen Mehrwertsteuer beging und die EU-Vorschriften über grenzüberschreitende Lieferungen zwischen ihren Mitgliedstaaten ausnutzte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Verdächtigen in großem Umfang Fahrzeuge von deutschen Händlern gekauft und dann ein Netz von Scheinfirmen und gefälschten Rechnungen genutzt haben, um den Verkauf der Fahrzeuge in andere Mitgliedstaaten vorzutäuschen und so die Zahlung der Mehrwertsteuer zu umgehen.“
Österreich im DIA-Bericht 2024
„Österreich, das an der „Balkanroute“ liegt, hat sich im Laufe der Zeit zu einem strategischen Knotenpunkt für den Handel mit Heroin und Cannabis aus Asien entwickelt, der von Organisationen aus dem ehemaligen Jugoslawien kontrolliert wird.
Ausländische kriminelle Gruppen mit Verbindungen zu verschiedenen kulturellen Gemeinschaften spielen eine wichtige Rolle auf dem illegalen Markt und agieren oft transnational. Unter diesen sind die balkanischen Organisationen im Menschen- und Waffenhandel sowie in der Geldwäsche aktiv.
Im Berichtszeitraum, am 4. März 2024, wurde im Rahmen der Operation „Ultimo miglio“ die Tätigkeit einer transnationalen kriminellen Vereinigung festgestellt, die auch Österreich und Deutschland betraf. Die Ermittlungen führten zur Identifizierung zahlreicher Ausländer iranischer und irakischer Staatsangehörigkeit, die in Deutschland wohnten und ihre operative Basis in Österreich hatten und die dafür verantwortlich gemacht werden, zahlreichen illegalen Migranten die Einreise in das Staatsgebiet ermöglicht zu haben.“
Die Schweiz im DIA-Bericht 2024
„Das Schweizer Staatsgebiet ist geprägt durch die Präsenz von Personen italienischer Herkunft verschiedener Generationen, die in unterschiedlichen kriminellen Bereichen tätig sind und sich in erheblichem Maße in die Wirtschaft einschleusen, wobei sie die Möglichkeiten des Schweizer Bankensystems ausnutzen.
In den letzten Jahren war die kalabrische ‘Ndrangheta in der Schweiz sehr aktiv. Tatsächlich ergab eine von der DDA Mailand koordinierte Ermittlung am 10. April 2024, dass zwei Brüder, die aufgrund familiärer Verbindungen zu Mitgliedern der Clans von Melito Porto Salvo und Africo (Provinz Reggio Calabria) als mit diesen verbunden gelten, vorsätzlich den Konkurs und die Unterschlagung des Unternehmensvermögens mehrerer ihnen zuzurechnender Gesellschaften verursacht haben, die im Bereich Erdbau in Mailand und Provinz tätig sind. Einen Teil der Erlöse haben sie für weitere wirtschaftliche Aktivitäten, darunter eine Gesellschaft nach schweizerischem Recht, legal vertreten durch willfährige Strohmänner, gewaschen.
Darüber hinaus hat die Untersuchung der Operation „Habanero” der DDA von Catanzaro am 21. Juni 2024 die Aktivitäten der aus dem Gebiet von Vibo Valentia stammenden ‘Ndrina MAIOLO aufgedeckt, die auch außerhalb des Staatsgebiets, insbesondere in der Schweiz, verzweigt ist.”
Foto: Direzione Investigativa Antimafia


