Veranstaltungsreihe “Planet Mafia”: Mafia und Kultur.


Nostalgie und Hoffnung: Letizia Battaglia und Nando dalla Chiesa im Dialog

Die berühmteste Fotografin Italiens und der Antimafia-Soziologe Nando Dalla Chiesa, Sohn des 1982 von der Mafia ermordeten Carabinieri-Generals Carlo Alberto Dalla Chiesa, tauschten sich am 29.10. um 19:00 Uhr auf ZOOM über den Zusammenhang von Mafia und Kultur aus. Die Veranstaltung wurde vom Italienischen Kulturinstitut (IIC) in Kooperation mit mafianeindanke organisiert. Das Gespräch wird in Kürze auf dem Youtube-Kanal des Italienischen Kulturinstituts anzusehen sein. Die Fotoausstellung Battaglias „Palermo und der Kampf gegen die Mafia“ ist noch bis zum 31. März 2021 im IIC zu sehen – wegen der Covid-Bestimmungen ist eine Anmeldung zwingend. Aktuell kann man die Ausstellung auch online besuchen.

Letizia Battaglia zündet sich die erste Zigarette an, im Hintergrund ein ungemachtes Bett. Die 85-jährige Frau ist eine Ikone der italienischen Erinnerungskultur. Ihre analogen Schwarzweißbilder haben Geschichte geschrieben und nicht nur sie weltweit berühmt gemacht, sondern auch das Scheinwerferlicht auf die Gräueltaten der Cosa Nostra im Palermo der bleiernen Jahre geworfen. An diesem Abend blickt man ausnahmsweise nicht auf eine ihrer insgesamt 600.000 Fotografien aus 45 Jahren Arbeit, von denen 40 aktuell in einer Ausstellung des Italienischen Kulturinstituts zu sehen sind, sondern der Person Letizia Battaglia direkt ins Herz. Der Zoom-Call macht es möglich: Das Publikum beobachtet sie in ihren eigenen vier Wänden, im innigen Gespräch mit ihrem alten Freund “Nando”, dessen Vornamen sie im Laufe der Unterhaltung immer wieder liebevoll ausspricht. Sie erzählt von Erinnerungen, ihren Ängsten, ihren Liebhabern, ihrem Zentrum für Fotografie, das gerade dringend nach Sponsoren sucht.

Die beiden Schlüsselfiguren der Antimafia-Bewegung verbindet nicht nur die Heimatstadt Palermo, mit ihrer Schönheit, Armut, Gewalt und dem Widerstand gegen die Mafia, sondern ein ganzes Leben: Sie war es, die den Mord an seinem Vater damals dokumentierte und ihm wie so vielen anderen Opfern der strukturellen Gewalt ein Denkmal setzte. Was heute sensationslustig wirken könnte, war damals revolutionäre Aufklärungsarbeit. Ihr Nachname ist seit jeher Programm: Battaglia hat mit ihrer handlichen Kamera “zurückgeschossen” und so etwa den Boss Leoluca Bagarella während seiner Festnahme dermaßen in Rage versetzt, dass er ihr noch im Moment der Aufnahme einen Tritt versetzte. Battaglia wusste, wie die Fotografien einer Frau jene Bosse demütigen würden. Dennoch hat sie stets auf Polizeischutz verzichtet und sich ihre Unabhängigkeit bewahrt.

Battaglia war es auch, die den Antimafia-Prozessen weltweite mediale Aufmerksamkeit verschaffte – ohne sie wäre das heutige Sizilien ein Anderes. 1992 kam es dann zu einem Bruch: Nach dem Attentat auf den Richter Giovanni Falcone wollte sie nie wieder einen Toten fotografieren. Sie konnte die Grausamkeit nicht mehr ertragen oder verbreiten. Dabei hat Battaglia nie allein die Taten der Mafia fotografiert: Ihre Bilder handeln von Bällen des Adels wie von stolzen Bauern, von schönen Frauen und urinierenden Männern, von Müll fressenden Tieren und mit Feuer spielenden Kindern. Es ist eine schonungslose Liebeserklärung an eine Gesellschaft mit all ihren Facetten. Die Ausstellung beginnt mit ihren Worten, sie habe die Fotografie als Rettung und als Wahrheit erlebt. Sie halfen ihr, das Gesehene zu verstehen und zu interpretieren. Tatsächlich zwingt ihr Werk dazu, sich in die Menschen hineinzuversetzen, die in einem täglichen Überlebenskampf mit mafiösen Strukturen konfrontiert sind. Doch die Fotos zeigen, dass auch ihr Leben nicht nur von Angst und Einschüchterung geprägt ist. Immer wieder betont sie im Gespräch, sie wollte nicht nur über das Grauen sprechen. Heute konzentriert sie sich auf Ideen und Menschen, die ihr Mut machen: darunter ihr Vertrauter Nando dalla Chiesa, der an der Universität Mailand das erste Institut der Soziologie der Organisierten Kriminalität gegründet hat und aufgrund seiner Forschung und seines Aktivismus als wichtigster Antimafia-Kämpfer des Landes gilt. Im Dialog mit Nando offenbart sie sich als intellektuelle Kommunistin, die aber nicht an dessen Verwirklichung in der Praxis glaubt und sich keiner Partei fest verschreiben möchte. Ihre Vision ist universell: Es geht ihr auch um die Macht der Frauen in der Gesellschaft.

Mit sechzehn Jahren heiratet die Fotografin den Sohn eines Kaffee-Fabrikanten, um dem erdrückenden Alltag in einer palermitanischen Klosterschule zu entkommen. Fünfzehn Jahre lang spielt sie die angepasste Ehefrau und bekommt drei Kinder, bis sie nach einem Nervenzusammenbruch 1971 die unglückliche Ehe verlässt, in Mailand eine Stelle als Kulturkorrespondentin der linken Zeitung „L’Ora“ annimmt und sich ab 1974 gegen zahlreiche Widerstände in der Männerwelt der Fotografie durchsetzt. Sie glaubt, dass die italienische Gesellschaft auf die weibliche Pflege und Sorge um das Gemeinwesen angewiesen ist und dass wir nur dann aufhören werden, die Erde und ihre Bevölkerung auszubeuten, wenn wir Frauen in Machtpositionen ertragen können. Durch Solidarität mit den Kämpfen der Frauen hofft sie, den Bann der mafiösen und von Machotum geprägten  Kultur brechen zu können. Für diesen Grund zur Hoffnung ist sie selbst das beste Beispiel.