coreact im November 2019 in Berlin


Dies hier ist nur die Veranstaltungsankündigung. Ein detailliertes Programm sowie der Link zur Anmeldung findet sich auf unserer Veranstaltungsseite.

Die Organisierte Kriminalität (OK) gefährdet die demokratisch-freiheitliche Grundordnung in Deutschland seit Jahren in zunehmendem Maße.  Längst ist dies nicht mehr nur ein Thema der inneren Sicherheit. So hat sich beispielsweise die Zahl der Mitglieder der italienischen Organisierten Kriminalität nach Zahlen der Bundesregierung vervierfacht in den vergangenen zehn Jahren. Die italienischen Sicherheitsbehörden gehen dagegen von Zahlen aus, die um den Faktor zehn höher sind. Wir beobachten, dass die Clans mit deutschen Unternehmen und Behörden beinah unauflösbare Verbindungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unterhalten. Mehrere große Polizeioperationen mit vielen Dutzend Verhaftungen ranghoher Mafiosi in Deutschland zeigen, dass die Gangster Deutschland als ihr Territorium sehen und wie selbstverständlich über Europas Ländergrenzen hinweg agieren. Wie viel Geld in Deutschland gewaschen wird, lässt sich schwer abschätzen; eine Studie des Bundesfinanzministeriums geht von bis zu hundert Milliarden Euro pro Jahr aus. Dies bedroht unsere Demokratie, es bedroht den freien Wettbewerb und die Integrität von Entscheidungen, Prozessen und Menschen und damit uns alle.

Zur Bekämpfung der OK ist eine verstärkte Zusammenarbeit von Gesellschaft, dem öffentlichen Sektor und der Privatwirtschaft notwendig, grenzüberschreitend. Die Vernetzung der Zivilgesellschaft steht noch ziemlich am Anfang, dabei gibt es so viele Synergiepotentiale. Auch eine breite institutionelle Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen in diesem Bereich fehlt.

Deshalb plant mafianeindanke ein Vernetzungstreffen für Akteure, die im Bereich Kriminalprävention, Antimafia, Drogenprävention, Finanztransparenz und Antikorruption tätig sind.

mafianeindanke ist seit zehn Jahren als gemeinnütziger Verein mit großem Erfolg auf dem Feld der Kriminalprävention tätig. Zu den Erfolgen zählt die Vereitelung einer Schutzgeld-Erpressung durch die neapolitanische Camorra in Berlin. Die Täter konnten festgenommen und verurteilt werden. Wichtige Gesetzesänderungen, darunter die Reform zur Vermögensabschöpfung, wurden Dank mafianeindanke erzielt. Eine 2017 organisierte Konferenz in Berlin hatte eine bessere Vernetzung mit und zwischen den italienischen und deutschen Behörden zum Ergebnis. Aktuell erstellt mafianeindanke eine Machbarkeitsstudie für Programme, die beim Loslösen von Strukturen organisierter Kriminalität helfen und berät den Bezirk Neukölln bei der Realisierung von Aussteigerprogrammen für Clan-Betroffene und deren Umfeld.

Das internationale Vernetzungstreffen mnd10 ist für den 15. und 16. November in Berlin terminiert. Veranstaltungsort ist das frisch für Konferenzen hergerichtete ehemalige Umspannwerk in Berlin-Kreuzberg. Wir erwarten circa 200 Teilnehmer aus ganz Europa. Zurzeit arbeiten wir am Programm der Konferenz und werben erste Mittel dafür ein.

mafianeindanke in the European Parliament


It was almost 12 years ago, when the first mafianeindanke activists in Berlin laid the foundations of our association. The situation back then was very complicated. There had been 6 mafia-members shot in front of a pizzeria in the city of Duisburg. And in Berlin, shortly after, more than 50 restaurant owners got a letter asking for protection money and some got their cars and restaurants set afire in the city. There was a lot to be worried about.
We stood united and, cooperating with the police, we managed to get the criminals arrested.
We were dreaming of waking up Germany.
Today, after 12 years, there are evidence showing that we didn’t make that dream come true (yet). Germany, in fact, scores an unbelievable 7th position in the world Financial Secrecy Index and it is a paradise for money launderers and their dirty capitals.
But our steady commitment brought also encouraging results. Our work was also facilitated by the inputs coming from the EU. For example, 5 years ago, thanks to an international European-funded research project, we organised a conference in Berlin for the promotion of confiscation measures in Europe
(maybe you, dear mister Tinè, might remember it).
Two years ago the new confiscation law – fostered by the EU-Directive – was presented by the German interior minister at another conference we organised – and last year we proudly witnessed a public prosecutor in Berlin fighting for the confiscation of criminal assets – seizing 77 properties and strongly promoting the new law. And she was our guest 5 years ago. You see, working together is key for success.
But what else does civil society need to be more effective in this fight?
Money, of course ?
We need to better know and study the phenomena of organised crime and mafias because we observe a dramatic lack of knowledge and awareness at all levels. In order to improve the production and dissemination of information, we would like to implement a European network of observatories, with the task of monitoring and studying the local and international criminal dynamics. These observatories would the place to develop and exchange new best practices. Criminal phenomena are in continuous transformation, adapting themselves to the evolving societies. Therefore, also the contrasting tools and methods have to be adjusted and new ones have to be conceived. For example, we are currently conducting in Berlin a feasibility analysis for supporting people in the dissociation from their criminal background.
In order to improve the effectiveness, we also need – as underlined by my CHANCE fellows – the harmonisation of the national laws in many areas.
We would like to point out for example the problems related to the lack of international coordination in the protection of witnesses and whistle blowers with a simple story:
in Germany lives an Italian woman, who through family relations got involved in the international traffics of an Italian-mafia network. When she realised that this business would put in danger herself and her kids, she decided to become a witness and spoke with the German police. Her declarations became key accusations in an Italian investigation, which led to one of the main recent operations against Italian mafia in Europe and to the arrest of dozens relevant members of mafia families. Despite this, she was not accepted in the German protection program. From a German point of view, the disclosed information was not sufficiently relevant – as there is no law punishing the belonging to a mafia group in Germany. This illustrative case shows how important is the European homogenisation of the protection programs for witnesses. It would also be essential to create mechanisms for the acquisition and exchange of information coming from witnesses, whistle blowers and informants, who often have a key role in unveiling organised crime and mafia structures.
In conclusion, I must say that I am very proud and thankful for the path we have built together with the CHANCE network. We believe that the variety of problems and the different contributions today highlighted that organised crime and mafias are phenomena affecting society as a whole.
We believe that the engagement of civil society has to play a key role.
It is a European problem, we need a European action and reaction.
I am sure that next time we will meet here we will be more – more people, more organisations, from all over Europe – with more tools and new methods.
Thank you very much.

mafianeindanke stellt im EU-Parlament neues Antimafia-Netzwerk CHANCE in Europa vor


Als perspektivischen Vorgriff auf das neue EU-Parlament präsentiert sich mafianeindanke bei einem von unserer Partnerorganisation Libera internazionale auf den Weg gebrachten Treffen bei der EU-Kommission in Brüssel. Dort wird das neu entstandene europaweite Netzwerk von Antimafia-Initiativen CHANCE vorgestellt (wir haben darüber hier berichtet) und die damit verbundene politische Agenda, die auf eine verbesserte Bekämpfung der Organisierten Kriminalität in Europa dringt und auch konkrete Lösungsansätze umfasst.

Mit der Initiative  wird die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Bekämpfung der Mafia und der korrupten Systeme auf transnationaler Ebene neu unterstrichen und der Beitrag, den eine aktive und wachsame Bürgerschaft in Abstimmung mit den zuständigen institutionellen Gremien leisten kann, reflektiert. Gemeinsam mit Vertreter*innen der europäischen Institutionen, Richter*innen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen werden verschiedene spezifische Themen behandelt: von einer konzeptionellen Neudefinition der „Organisierten Kriminalität“ bis hin zu den aktuellen Vorschlägen zur Einziehung inkriminierten Vermögens, von der Korruptionsbekämpfung bis zu Strategien zum Schutz der Opfer krimineller Gewalt und dem verstärkten grenzüberschreitenden Einsatz von Kronzeug*innen.
Das Treffen findet am 3. April von 16.30 bis 19.30 Uhr im Europäischen Parlament, Raum A3G2, statt.

Vor Beginn der IX. Legislaturperiode des Europäischen Parlaments halten wir es für notwendig, neue Mittel für den Kampf gegen Organisierte Kriminalität und damit mehr soziale Gerechtigkeit zu finden. Zwanzig Jahre nach dem Übereinkommen der Vereinten Nationen von Palermo ist es notwendig, innezuhalten und sich zu fragen, wie weit Europa bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität gekommen ist, wobei die inzwischen geschaffenen wichtigen Instrumente wie die Richtlinie 2014/42 über das Einfrieren und die Einziehung von instrumentalem Eigentum und Erträgen aus Straftaten sowie die Richtlinie 2018/843 über die Verhinderung der Nutzung des Finanzsystems zur Geldwäsche gebührend berücksichtigt und bewertet werden müssen. Wir sind fest davon überzeugt, dass neben repressiven Maßnahmen auch eine stärkere Einbeziehung der Zivilgesellschaft angestrebt werden sollte – ein Grundsatz, der auf der XI. Tagung der Konferenz über das Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität bekräftigt wurde. Dazu muss die Zivilgesellschaft aber in den Stand gesetzt werden, diese wichtige Funktion zu erfüllen. Wie dringend nötig dies ist, zeigt die Tatsache, dass es außerhalb Italiens kaum derartige Initiativen gibt. Mafianeindanke e.V. ist trotz seiner Erfolgsgeschichte eines von ganz wenigen Beispielen zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Organisierte Kriminalität.

Die Brüsseler Veranstaltung wird von der Abgeordneten Elly Schlein, S&D, Co-Vorsitzende der ITCO Intergroup – Integrität, Transparenz, Korruption und Organisierte Kriminalität, mitgestaltet.
Um an der Veranstaltung teilzunehmen, ist es notwendig, sich hier online anzumelden.

Chance

Komm.

Corleone gegen das Schutzgeld: das Schweigen ist gebrochen


„Non fare niente di illegale“ – Nichts Illegales tun! – ordnet das Ortsschild von Corleone an. Doch in der Gemeinde zahlt man seit 20 Jahren (wieder) Schutzgeld. Genau in der Stadt der Bosse – Bernardo Provenzano, Toto Riina, Matteo Messina Denaro – wo man glauben könnte, dass aus offensichtlichen historischen Gründen der Staat und die Sicherheitsorgane besonders präsent sind, herrscht immer noch die Cosa Nostra. Die sizilianische Stadt unweit von Palermo ist bekannt geworden als Spielort der Mafia-Saga „Der Pate“, aber auch, weil der dortige Zweig der Mafia sich aufmachte, die Macht im weit größeren Palermo zu übernehmen.

Der Gemeinderat der Kommune Corleone wurde im August 2016 wegen mafiöser Infiltrationen aufgelöst, ein Rechtsinstrument in Italien, das mittlerweile im ganzen land Anwendung findet. Der Bürgermeister hatte wegen Drohungen geklagt, die Ermittlungen haben jedoch eine tief verwurzelte Präsenz der Mafia in der Gemeinde aufgezeigt. Die Mafia hat dort Verträge der Gemeinde, das Abfallwesen, die Schulmensa und sogar das Einnehmen der Steuern verwaltet. Jetzt kam die Anordnung, elf bekanntgewordene Führer der lokalen Mafia-Clans in sicheres Gewahrsam zu nehmen, darunter waren Nutztierzüchter, Förster und Beamte. Sie hatten sich in der Nähe des kommunalen Stadions in Corleone getroffen. Unter den festgenommenen ist auch der Neffe von Bernardo Provenzano, der vor drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden ist und bei der Beerdigung seines Onkels in der ersten Reihe anwesend war. Er versuchte, das Netzwerk von Macht und Kontrolle in der Gemeinde Corleone wieder aufzubauen. Den nun festgenommenen werden eine ganze Reihe von Delikten vorgeworfen: Mitglied der Mafia zu sein, versuchte Erpressung, Erpressung, Sachbeschädigung, strafverstärkend mit dem Ziel der Stärkung der Mafia. Die Polizei-Operation hat es geschafft, die lokalen kriminellen Strukturen nicht nur aufzuzeigen, sondern auch sie zu zerschlagen. So kamen auch ihre Ziele, die geschlossenen Allianzen und ihre Konkurrenten ans Licht.

Das Außergewöhnliche an diesem Geschehen ist allerdings das Verhalten der erpressten Händler. Einige haben von sich aus die Schutzgelderpressungen angeklagt, andere haben sich an den Verein AddioPizzo (übersetzt: Auf Wiedersehen, Schutzgeld) gewandt. Der Verein hat in Palermo ein weites Netzwerk von Unternehmern geschaffen, die sich weigern, Schutzgeld an die Cosa Nostra zu bezahlen. Mehr als 1000 Betriebe beteiligen sich dort an der Initiative. Und auch in Corleone hat er sich erneut als ausschlaggebend für die Durchsetzung von Recht erwiesen. Allerdings haben manche Unternehmer dort ihre Anzeige auch wieder zurückgezogen, sobald sie von der Polizei vorgeladen wurden. Aber sie hatten immerhin den Mut, den Mund nicht zu verschließen, ein System anzuklagen, das allen bekannt, war aber immer geleugnet wurde. Die tatsächlich gemachten Aussagen waren am Ende fundamental für die Verhaftung der Mafiosi. Vor allem aber sind sie ein eindeutiges Zeichen an die Zivilgesellschaft: Auch in den historischen Hochburgen der Mafia ist es möglich und ein Muss sich zu wehren.

Die Festa della Legalità 2014 unter dem Titel „Gemeinsam das Gute tun“


Die Mafia ist nicht das, was man sich gemeinhin darunter vorstellt, Männer im schwarzen Anzug mit Sonnenbrillen und einer Pistole unter dem edlen Sakko. Nein, sie ist ein Abbild der Gesellschaft, allerdings in ihrer kriminellen Ausprägung. Sie besteht aus Verbrechern mit Blut an den Händen und Unternehmern mit scheinbar weißer Weste, aus Mächtigen und Mitläufern. Aus korrupten Politikern, Soldaten, Bankiers, Rechtsanwälten, Hausfrauen, Kleinganoven, sogar aus Spezialisten für Kapitalinvestments und Investoren für erneuerbare Energien. Sie agiert international, und sie passt sich schnell an wandelnde Gegebenheiten an.