Professor Storti über seine Recherchen zur Mafia-Grauzone


mafianeindanke hat am 9. Mai Luca Storti, Professor für Soziologie der Wirtschaft und Arbeit am Institut für Kulturen, Politik und Gesellschaft der Universität von Turin, zu einem Gespräch eingeladen. Storti befindet sich derzeit auf einem Forschungsaufenthalt in Berlin, um über die Organisierte Kriminalität zu recherchieren. 

In seinen Ausführungen legte Storti Elemente seiner wissenschaftlichen Analyse dar, die der Untersuchung der Ausdehnung Organisierter Kriminalität in heimatfernen Territorien dienen: Grundsätzlich sind Gruppen der Organisierten Kriminalität gewillt, ihren Einflussbereich immer weiter auszudehnen. Angeführt von der Suche nach Macht und Profit, sind die Organisationen vor allem dort zu verorten, wo sie auf weniger kriminelle Konkurrenz stoßen, in einer schlafenden und Wandel gegenüber reaktionsträgen Gesellschaft. 

Weil sie selbst über vergleichsweise geringe Ressourcen an Humankapital verfügen, suchen die Organisationen daher Fachkräfte im Bereich Wirtschaft und Finanzen außerhalb ihres Netzwerkes. Sie suchen in Umgebungen, wo die gleichen gesellschaftlichen Dynamiken herrschen, jedoch im Bereich der Legalität: Erwartung, Anerkennung, Beziehungsabhängigkeiten, konfliktreiche Beziehungen mit den politischen Parteien.

Diese gemeinsamen Hintergründe der beiden Bereiche bereiten einen fruchtbaren Boden, um im Kontext von sozialem Austausch kriminell organisiert handeln zu können: Das Ausmaß an Einfluss ist dabei wandelbar und fließend, es gibt keine definierten Grenzen bzw. keine, die nicht zu manipulieren wären. Die Rede ist hier von einer sogenannten „Grauzone“. Die sozialen Akteure unterhalten sich bei Treffen und Begegnungen in verschiedensten Bereichen, wie beispielsweise die zahlreichen Kontakte zwischen Mafiosi und Unternehmern verdeutlichen: Dieses weite Tätigkeitsfeld beruht mittlerweile auf Tauschhandel und wechselseitigem Gewinn.

Man muss fast sagen, dass der Unternehmer, als der Gesellschaft zugehöriger legaler Teil, Kontakt mit dem Mafioso „erträgt“, wobei die richtige Bezeichnung viel mehr lauten müsste „Kontakt erhält“ bzw. das Angebot des Bosses annimmt.

Ein Geschäftsmann lässt sich, so Storti, keine lukrative Möglichkeit entgehen, ganz im Gegenteil: Sind einmal die ersten Ängste überwunden, ist nachweislich zu beobachten, dass die Unternehmer sich selbst auf die Suche nach Schutz und Reglementierung bestimmter Aktivitäten von Seiten des Mafia Bosses begeben und sich dabei sehr wohl über die Erpressung-Schutz Dynamik, derer Teil sie werden, bewusst sind.

Jener Bereich, den Professor Storti, als die Grauzone der Wirtschaft bezeichnet, ist genau der Bereich, in dem die beiden Welten interagieren. Dies ist zum einem der starken Wirtschaftsdynamik zu verdanken, die Geschäftsmännern jeglicher Art anzieht und zum Anderen den vermischten Praxen, die weite Aktionsbereiche für illegale Aktivitäten schaffen.

Die Auffindbarkeit von illegalen Gütern und Dienstleistungen ist faktisch höher als die Verfügbarkeit jener Güter im legalen Sektor. Es stellt sich also die Frage, zu welchem wirtschaftlichen und sozialen Preis sich dies abspielt?

Zahlreiche Berufsfelder werden von diesen Dynamiken aufgesogen, sodass auf diese Weise der legalen Sozialwirtschaft spezifische Leistungen zu Gunsten jener mafiösen Wirtschaft entzogen werden.