Eine Studie belegt, dass und wie die Mafia die Wirtschaft schädigt


Sie möchten wissen, wo sich die Mafia befindet? Folgen Sie ruhig dem Geruch des Geldes. Unternehmen unter krimineller Führung nehmen zahlenmäßig immer mehr zu und bilden ein erhebliches Hindernis für die Welt der ehrlichen Geschäfte. Was lange befürchtet wurde, nämlich dass die Mafia die Wirtschaft erdrückt und legalen Unternehmen ungeheuren Schaden zufügt, ist Wirklichkeit geworden. Diese Erkenntnis kann man in Norditalien oft anhand der Wirtschaftsbedingungen vor Ort erahnen, in den Gebieten, die typisch mafiaverseucht sind. Sie wurden jetzt aber auch durch eine lange Untersuchung bestätigt, die von einer Gruppe von Forschern des Departements der Wirtschafts- und Betriebswissenschaft „Marco Fanno“ der Universität Padua durchgeführt wurde. Der Professor Antonio Parbonnetti leitet die Forschergruppe.

Die Untersuchung hat die Ausbreitung und Verwurzelung der Mafien an nicht traditionellen Orten wie Nord-Italien bestätigt. Es gibt tatsächlich immer mehr kriminelle Unternehmen, die in Gegenden Europas agieren, die wirtschaftlich und industriell höher entwickelt sind. Auch Gebiete, die sich durch eine hohe Legalität auszeichnen, bilden dabei keine Ausnahme.

Für die Untersuchung wurden alle Urteile analysiert, die zwischen 2005 und 2014 in Nord- und Mittelitalien gefällt wurden mit dem Hauptanklagepunkt „Vereinigung zu verbrecherischen(kriminellen) Zwecken mit mafiösen Zügen“. Von den 120 geprüften Urteilen konnten die Forscher die Verurteilten und ihre Betriebe zurückverfolgen: 1139 an der Zahl. Die Ergebnisse dieses langen Forschungsprozesses haben dazu geführt, die Unternehmen in Kategorien einzuteilen, entsprechend ihrer Brauchbarkeit für kriminelle Aktivitäten.

Das Bild, das sich daraus ergibt, ist alles andere als ermutigend. Sei es auf der Ebene der Wahrnehmung des Phänomens, sei es wegen der vernichtenden Wirkung auf die örtliche Wirtschaft. Auf der Wahrnehmungsebene erstaunt es, dass die Betriebe, deren Vorstände mit der organisierten Kriminalität verbandelt sind, nicht nur kleine und mittlere Betriebe sind, sondern auch große Wirtschaftszentren mit einem durchschnittlichen Umsatz von 13 Millionen Euro, weit über dem Mittelfeld. Das Phänomen betrifft alle Sektoren vom Baugewerbe über Dienstleistungen bis zur Industrie. Im Einzelnen haben die Forscher sie in drei Kategorien unterteilt; sie haben erstens die typischen Zuarbeitsfirmen herausgefunden, deren Gewinn oft gleich Null ist, und deren Leistungen dennoch besonders teuer sind. Zweitens gibt es die sogenannten „Papiermühlen“, Recyclingbetriebe mittleren bis kleinen Ausmaßes und mit unregelmäßigen Einnahmen. Diese Merkmale helfen den Ordnungskräften, verdächtige Betriebe auszumachen. Und schließlich die „Star“-Betriebe, die größten und unverdächtigsten mit guter Leistung, die zudem allgemein bekannt sind. Diese haben die Aufgabe, sich in die legale Wirtschaft und das sozio-politische Gefüge zu infiltrieren.

Diese Betriebe erfordern Geschicklichkeit und dazu Anpassungsfähigkeit an die globalisierte Wirtschaft: Professionalität, spezifische Kompetenzen und Internationalisierung. Man denke an die ’ndrangheta und die Camorra, die im Laufe der Zeit regelrechte internationale Netzwerke gestrickt haben: von Österreich über Deutschland bis in die USA. Diese Studie betont, dass andere Verwundbarkeiten entstehen als die, welche die „traditionellen“ Mafia-Organisationen verursachen. Vor allem die Schwierigkeit, diese zu erkennen, und das Fehlen geeigneter und aktualisierter Informationen zum Thema bilden einen großen Schwachpunkt der höher entwickelten – und oft unwissentlich schon infiltrierten – Ökonomien. Es besteht hier ein Zusammenhang mit diesem Umfeldwechsel der mafiösen Organisationen – die sich nun nicht mehr nur Süditalien, sondern auch in den reicheren und industrialisierteren Gegenden Europas souverän bewegen.

Die sauberen Betriebe zahlen einen beträchtlichen „Legalitätspreis“. Ihre Erlöse sind stark vermindert, quasi mit einer indirekten Steuer vergleichbar. Daher zahlen auch Betriebe, die nicht unmittelbar im Visier der Mafien stehen, die Konsequenzen. Die Frage, die sich aus der Studie der Uni Padua ergibt, lautet daher, wieviel stärker könnten Unternehmen sein, wenn es keine kriminellen Betriebe in ihrem Umfeld gäbe. Aus den gesammelten Daten ergibt sich, dass sich die Produktivität der legal arbeitenden Betriebe nach der Verhaftung von Mafiabetrieben in der Umgebung um durchschnittlich 10 % erhöht hat: eine beeindruckende Zahl, wenn man die Unsichtbarkeit dieses Phänomens bedenkt.

Diese Daten machen deutlich, wie dringend eine Kursänderung bei den Vorstellungen von den Mafien und ihren Aktivitäten ist. Die organisierte Kriminalität hat ja seit Jahren ihre Fangarme auf eine erhebliche Anzahl von Unternehmen auch in nicht traditionellen Gegenden ausgestreckt. Das Wissen darum und das Verstehen dieser Dynamiken sind nur die ersten Schritte zu ihrer Bekämpfung.