Joaquin Guzmán Lorea: eine kriminelle Karriere


Wer ist Joaquin Guzmán Lorea alias El Chapo, auch bekannt als „The Godfather“ der Drogenwelt, Staatsfeind Nr. 1 oder Al Capone 2.0? Die Namensliste ist endlos. El Chapo, der bekannteste mexikanische Kartellchef, hat seine Augen und Ohren überall. Er hat Verbündete in Zentral- und Südamerika, Europa, Australien und China. Seinen Spitznamen, der übersetzt so viel wie „der Kurze“ heißt, gaben ihm seine Eltern bereits als Kind. Sie rechneten womöglich nicht damit, dass ihr Sohn eines Tages als einer der mächtigsten und gefürchtetsten Männer der Welt gelten und seinem Spitznamen eine ganz andere Bedeutung verleihen würde.

Aufgewachsen ist El Chapo Guzmán in Badiraguto, einer Kleinstadt im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa. Sinaloa zählt zu einer der ärmsten Regionen des Landes und ist seit über zweihundert Jahren Zentrum der mexikanischen Drogenproduktion. Der Drogenkrieg in Mexiko gilt seit nunmehr zehn Jahren als innerstaatlicher Krieg. Mexiko ist nicht nur Transitland von Kokain aus Kolumbien, sondern auch selbst Hersteller von synthetischen Drogen und Marihuana. Neben den täglich stattfindenden Schießereien gehören Morde, Entführungen und Folterungen mit zum Tagesgeschäft der dort ansässigen Drogenkartelle. Seit 2006 sind in Mexiko über 17000 Menschen dem Drogenkrieg zum Opfer gefallen und fast 50 Journalisten umgebracht. So gilt Mexiko nach Afghanistan als das zweitgefährlichste Land für Journalisten. Eines der großen Übel ist die Korruption. Viele mexikanische Polizisten sind oft selbst kriminell verwickelt, sodass die Opfer meist auf sich allein gestellt sind.

Joaquin Guzmán Lorea wächst in einem Umfeld auf, in dem der Anbau und Handel mit Marihuana und Opium für einen Großteil der Bevölkerung zum Alltagsgeschäft gehören. Das Drogengeschäft wird von Familiengeneration zu Familiengeneration weitergegeben, hinterfragen tut es hier niemand. Durch Probleme mit seinem Vater, der das verdiente Geld meist für Frauen und Alkohol ausgibt, macht sich Guzmán bereits früh selbstständig und verlässt das elterliche Haus im Teenageralter. Seine Karriere innerhalb der organisierten Kriminalität beginnt als rechte Hand von Miguel Angel Felix Gallardo alias „The Godfather“, der damals in den 80er Jahren den Kokainschmuggel in Mexiko beherrschte. Eine Krise innerhalb des Guadalajara Kartells von Gallardo verhalf Guzmán Mitte der 80er zu einem schnellen Aufstieg innerhalb des Kartells, welcher durch die Festnahme Gallardos 1989 noch begünstigt wurde. Es folgt eine Teilung des Guadalajara Kartells, in deren Folge Guzmán die Führung seines eigenen Kartells des Bundestaates Sinaloa übernimmt. Dank El Chapo gilt das Sinaloa Kartell heute als das mächtigste und einflussreichste Drogenkartell Mexikos.

Eine Schießerei am Flughafen von Guadalajara, bei der der Kardinal und Erzbischof von Guadalajara ermordet wurde, führte im Juni 1993 zur ersten Festnahme Guzmáns. Die genauen Hintergründe des Mordes am Kardinal sind unklar; dies hat unter anderem damit zu tun, dass über 1000 wichtige Dokumente des Falles auf mysteriöse Art und Weise verschwunden sind. Nichtsdestotrotz wurde Guzmán wegen Drogenschmuggel und Bestechung zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. El Chapo Guzmán war zu diesem Zeitpunkt bereits so einflussreich, dass er es vermochte, das gesamte Gefängnis unter seine Kontrolle zu bringen. Frauenbesuche, Drogen und Feiern waren Guzmán mit dem nötigen Kleingeld und den richtigen Kontakten auch im Hochsicherheitsgefängnis von Puente Grande möglich. In kürzester Zeit gelang es ihm, die Gefängnisinsassen zu seinen Verbündeten zu machen bzw. sich ihm zu unterstellen. Während der knapp neun Jahre seiner Gefangenschaft fehlte es ihm förmlich an nichts. Die mexikanische Journalisten und Autorin des Buches „Los Señores del Narco“, Anabel Hernandez, berichtete sogar von einem gemeinsamen Familienurlaub: El Chapo Guzmán soll im Gefängnis so viel Macht erlangt haben, dass er seine Familie für die Weihnachtsfeiertage zu sich ins Gefängnis in sein „privates Resort“ eingeladen und dort eine Woche Urlaub mit ihnen verbracht habe.

Die einzige reale Bedrohung stellte für Guzmán nach einiger Zeit nur eine mögliche Auslieferung an die USA dar, sodass er sich 2001 für die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis entschied. Wie genau El Chapo die Flucht gelang, das wissen nur einige seiner Mithelfer und der Boss selbst. Die offizielle Version könnte dem Drehbuch eines Hollywoodstreifens entstammen: In einem Wagen voll dreckiger Wäsche soll El Chapo Guzmán von Wärtern aus dem Gefängnis gebracht worden sein. Doch die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei nur um eine der vielen erfundenen Geschichten rund um das Misterium El Chapo handelt. Fest stand zu diesem Zeitpunkt nur, dass Gelder bis in die obere Etage der Gefängnisdirektion geflossen sind.

Bis zu seiner zweiten Festnahme im Februar 2014 verbrachte der Drogenboss rund 13 Jahre auf freiem Fuß, vermutlich hielt er sich sogar die ganze Zeit über in seinem Heimatstaat Sinaloa auf. Guzmán, der für seine Kreativität und Gewitztheit bekannt ist, kam auf die Idee, nachdem er sich die Kontrolle der wichtigsten Schmuggelrouten sichert hatte, ein System unterirdischer Tunnel zu bauen, welches ihm ermöglichen sollte, große Mengen an Drogen ungehindert in die USA zu schmuggeln. Der erste Tunnel war bereits in den 90er Jahren entstanden. Bei den Tunneln handelt es sich oftmals um Millionenkonstruktionen, die gesicherte Mauern, Strom und Schienensysteme aufweisen, um den Transport größerer Mengen Marihuana, Heroin und anderer synthetischer Drogen zu erleichtern. Mittlerweile gibt es in Arizona über hundert dieser Tunnel. Sie werden nicht nur als Transportmittel von Drogen benützt, sondern dienen auch als Transportwege für Unmengen an Bargeld und Waffen und im Falle von Guzmán auch als Fluchtweg aus einem der sichersten Hochsicherheitsgefängnisse Mexikos. Nach siebzehn Monaten Haft im Altiplano Gefängnis, in dem es neben hochtechnologischen Kontrollsystemen und Bewegungssensoren normalerweise täglich Zellen- und Ganzkörperkontrollen gibt, gelang El Chapo mittels eines 1,5 km langen Tunnels, in den Guzmán über ein Loch in seiner Zellendusche (!) hinabstieg, die Flucht. Der Tunnel wies Strom, ein Belüftungssystem und befestigte Wände und Treppen auf.

Nach seiner dritten und (wie zu hoffen ist) letzten Festnahme im Januar 2016 steht Guzmán nun die befürchtete Auslieferung an die USA bevor, wo er wegen Mordes, Entführung, Geldwäsche und Drogenhandels vor Gericht gestellt werden soll. Die mexikanische Regierung stimmte einer Auslieferung allerdings nur unter der Bedingung zu, dass Guzmán im Falle einer Verurteilung nicht die Todesstrafe erhalten werde. Wie auch schon zuvor, lassen die Umstände seiner Festnahme und der erneute Transport in das Altiplano Hochsichertheitsgefängnis wieder  einige Fragen offen. So wurde El Chapo kurz nach seiner Ankunft im Altiplano Gefängnis bereits in ein anderes Gefängnis in Chihuahua verlegt. Angeblich aufgrund von Sicherheitsmaßen. Möglich ist aber auch, dass es Indizien für eine erneute Flucht gab. Die Anwälte El Chapo Guzmáns setzten nun alles daran, die bevorstehende Auslieferung El Chapos an die USA so lang wie möglich hinzuziehen. Wie kürzlich bekannt wurde, planen Netflix und Univision bereits eine eigene Serie, die den Titel „El Chapo“ tragen soll. Hierzu hat sich der Anwalt von Guzmán zu Wort gemeldet und mit einer Klage gedroht, sollte El Chapo nicht um Erlaubnis für die Verwendung seines Namens gefragt und an dem Gewinn beteiligt werden. Zudem habe Guzmán wohl seine Zusammenarbeit mit den Serienmachern angeboten.

Bleibt abschließend zu sagen, dass nach drei Jahrzenten El Chapo Legende wohl immer noch viele Fragen ungeklärt sind. Darunter vor allem die Frage, wie einer der meist gesuchten Männer der Welt nach seiner Flucht im Jahr 2001 dreizehn Jahre lang untertauchen konnte.

Einer der Gründe dafür könnte neben seinem Ruf als gewalttätiger Drogenboss auch der des Robin Hood der armen Leute sein. El Chapo wird in seinem Land als Volksheld gefeiert, ihm wurden Lieder und Geschichten gewidmet. Der mexikanische Staat hat das Vertrauen seiner BürgerInnen verloren. Solange sich auf dieser Ebene nicht grundsätzlich etwas ändert, wird die organisierte Kriminalität weiter ihre täglichen Todesopfer fordern.