Filmvorstellung von „Lea“ und Gespräch „Zeugin sein, eine zivile Verantwortung“ mit Enza Rando und Giulia Baruzzo


Die Geschichte von Lea und Denise lässt wohl niemanden unberührt. Es ist eine ergreifende Geschichte, die nachdenklich stimmt und das Publikum im Kinosaal des Babylon in eine emotional geladene Stille hüllte. Diese Schwere war auch noch während der anschließenden Gesprächsrunde spürbar, als die Anwältin Enza Rando noch einmal genauer auf den Prozess und das Schicksal der beiden Frauen einging, denn sie hatte Lea in ihrem letzten Jahr im Kampf um ein Leben in Freiheit kennengelernt und unterstützt und war als Verteidigerin von Denise im Prozess gegen ihren Vater aufgetreten.

Das Gespräch wurde bei einem Treffen von Enza Rando und Giulia Baruzzo (Koordinatorin im Bereich Internationales der Organisation „Libera“ link) mit Studenten und Studentinnen des Romanistik Instituts der Freien Universität Berlin noch einmal vertieft.
Diesbezüglich folgen an dieser Stelle einige Reflektionen.

Die Wahl von Lea und Denise, Zeuginnen im Namen der eigenen zivilen Verantwortung zu werden, haben sich viele Frauen, besonders in Kalabrien, zum Vorbild genommen. Sie haben das eigene Schweigen gebrochen und die Machenschaften innerhalb der eignen Familien und in den, von der Ndrangheta kontrollierten Regionen, zu Protokoll zu bringen. Einige von ihnen haben eher keine bzw. nur eine passive Rolle innerhalb der Mafia gehabt, andere wiederum waren aktiv in die kriminellen Machenschaften involviert. Sie waren vielleicht sogar im Gefängnis und haben sich, nach ihrer Entlassung und nachdem sie von der Geschichte von Lea gehört haben, dazu entschieden, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Auch, so erzählt Enza, wurden diese Frauen nach einiger Zeit gefühlsbetonter und gewannen an mütterlichen Zügen, die die Mafia scheinbar ausgelöscht zu haben schien, denn die Mafia vermag es den Menschen die Gefühle zu entziehen.

Ein wichtiges Thema für die Bekämpfung und Prävention der Mafia, das die Organisation Libera unermüdlich verfolgt, ist die Unterstützung der minderjährigen Kinder, deren beider Elternteile im Gefängnis sind. Es ist notwendig, dass diese Jugendlichen rechtzeitig aus den mafiösen Kreisen herausgenommen werden und ihnen eine Alternative angeboten wird, bevor sie das Netz der Ndrangheta unter die eignen Fittiche nimmt und aus ihnen strebsame Soldaten macht. Die Jugendlichen stellen für die Mafia eine wertvolle Ressource dar. Wird der Mafia diese Ressource genommen, dann macht ihr das Angst, denn es handelt sich hierbei um menschliches Vermögen und zieht ihr gewissermaßen den Erdboden unter den Füßen weg.  Diese Arbeit verleiht der Zukunft eine Perspektive und Legitimation. Deshalb ist diese Tätigkeit so wichtig.
Eine weitere Gefahrenquelle für die Mafia stellt die Kultur dar. Denn die Kultur ermöglicht es die Freiheit zu wählen, wohingegen die Mafia das Gegenteil von Freiheit, Wohlergehen und Leben verkörpert: Die weitaus größte Zahl der Menschen, die durch die Mafia zu Tode gekommenen sind, machen die Mitglieder der Mafia selbst aus.

Die Kultur erlaubt es, sich offen gegen die Mafia auszusprechen, ihr ins Gesicht zu gucken, und einmal erkannt, sie abzulehnen. Daher stellt die Schaffung eines Zugangs zur Kultur für die Kinder der Mafiosi eine der größten Bedrohungen für die kriminelle Organisation dar. Aus dem gleichen Grund versucht die Antifmafia Bewegung in Italien und im Ausland ihre Themen und Diskurse in die Schulen und Universitäten zu bringen.

Insofern ist es ebenso wichtig an Verfahren gegen die Mafia teilzunehmen: Nur so kann den Mafiosi ins Gesicht geguckt, Wissen über sie in Erfahrung gebracht, und sich gegen sie entschieden werden.

Aus keinem geringeren Grund nehmen die Schulen zusammen mit Libera seit Jahren an diesen Prozessen teil. Und das ärgert die Mafiosi, denn sie wollen nicht, dass man ihnen ins Gesicht guckt, sie anzeigt und öffentlich bloßstellt.

Aber wie Enza sagt „wir wollen die Mafiosi zum Ärgern bringen“. Auch während des Prozesses gegen den Cosco Clan, kamen die Unterstützer gegen den Mord an Lea, mit Transportern gefüllt mit Studenten aus der Emiglia Romagna bis Mailand angefahren, um dem Verfahren beizuwohnen.
Diese Form der Unterstützung war für Denise entscheidend: Das Mädchen, gerade volljährig geworden, war von einem Tag auf den anderen auf sich allein gestellt, ohne Mutter, gegen die eigene Mafiafamilie. Die Studentinnen haben ihr aufbauende und anteilnehmende Nachrichten zukommen lassen, sie auf ihrem Leidensweg begleitet und ihr dabei geholfen, Kraft zu schöpfen.

Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft im Prozess gegen die Mafia? Kann sie mehr tun als nur aufmerksam zuzuschauen? Durchaus, die Zivilgesellschaft oder ihre VertreterInnen, können sich als Nebenkläger und Unterstützer an der Seite der direkten Opfer betrachten. Diese Funktion wohnt auch der Organisation Libera link ufficio legale) seit Jahren inne. Wie ist diese Stellung legitimiert? Die Mafia verursacht Schmerz, verarmt das Land; verursacht Schaden bei den Menschen und der Gesellschaft, indem sie das soziale, ökonomische und politische Gefüge zerstört. Demzufolge kann die Zivilgesellschaft auch als Opfer der Mafia gesehen werden und ist daher dazu legitimiert als Nebenkläger aufzutreten und Schadensersatz von den Mafiosi zu fordern.

Frau Rando hat als Anwältin alle Interessierten herzlich dazu eingeladen, an einem Prozess als Zuschauer teilzunehmen und nicht zu zögern. Bei Fragen oder Hilfe kann Mafia? Nein, danke? e.V. kontaktiert werden, und wird mehr als erfreut sein bei der Organisation einer solchen Teilnahme zu helfen.

Europa braucht eine symbolische Tat des Zusammenhalts, einen soziales Zeichen und Kontrast gegen Mafiakultur, dies wurde auch von Giulia Baruzzo und Laura Garavini, ebenfalls Gäste im Babylon, betont. Die Mafiakultur ist nicht die Mafia selbst, sondern die Laszivität der Gebräuche, die Permissivität gegenüber zwielichtiger Taten, zum Beispiel im Namen einer vorübergehenden ökonomischen Proliferation. Aber die Mafia, auch wenn sie zu Beginn den bequemeren und oftmals kürzeren Weg anzubieten scheint, zeigt eher früher als später ihr wahres, räuberisches und gewaltsames Gesicht. Es handelt sich um einen Teil der Geschichte, den der Norden Italiens bereits erlebt hat, und wir alle müssen verhindern, dass sich dieselbe Geschichte in anderen unaufmerksamen Ländern, darunter Deutschland, wiederholt.