Eine Reise “on the road”: Messina zwischen gemeinschaftlichem Mafia-Widerstand und der Lust auf Freiheit.


Nach Sizilien zurückzukehren hat immer einen bittersüßen Beigeschmack. Man fühlt sich wie an einem Ort, an dem die Zeit stehen geblieben scheint, obwohl sich unter der Oberfläche alles verändert. Dieses Jahr habe ich an einem Sommercamp teilgenommen, das der Antimafia-Verein Libera auf Grundstücken in ganz Italien veranstaltet, die von der organisierten Kriminalität beschlagnahmt wurden. Ich war in Messina in dem konfiszierten Besitz in Via Roosevelt, wo zurzeit das Bürgerkomitee von Addiopizzo seinen Sitz hat. Ein untypisches Sommerlager, stets in Bewegung, das versucht, die verschiedenen Facetten der Stadt aufzuzeigen, indem man den Stimmen und den Berichten derer lauscht, die sie jeden Tag erzählen, erleben und versuchen, sie gerechter zu machen.

Wie könnte man Messina besser kennen lernen als mit einem Spaziergang durch die Straßen, bei dem man ihre Schönheit bewundert, ihrer Geschichte lauscht und unvermeidlich auf die mafiösen Verflechtungen zu sprechen kommt, die sich in den Jahren gebildet haben? Nuccio Anselmo, ein Journalist der Gazzetta del Sud, hat uns begleitet und uns die wesentlichen Ereignisse erzählt und so einen nützlichen Überblick gegeben, damit wir unsere Entdeckungstour durch die Stadt fortsetzen konnten. Danach lernten wir im Gespräch mit dem stellvertretenden Staatsanwalt Vito Di Giorgio einige der Gegenmaßnahmen kennen, die in der Stadt umgesetzt werden. Seit 1999 verfolgt Di Giorgio die Ermittlungen in Messina, einem Knotenpunkt unzähliger Interessen, die mit unheilvollen Machenschaften und dem Drogenhandel verbunden sind.

Die Stadt Messina ist in Einflusszonen unterteilt, die sehr oft den Stadtvierteln selbst entsprechen. Diese werden jeweils von dem Mafiaklan regiert, der seine Vorherrschaft durchsetzt. Messina war jedoch nie ein Schlüsselelement für die kriminellen Organisationen Siziliens. Die Mittlerrolle zu den Familien von Palermo und Corleone hatte stets Barcellona Pozzo di Gotto inne. Die Familie Barcellona hatte stets einen großen Einfluss auf die Provinz Messina, auch dank ihres stark hierarchischen inneren Aufbaus, ähnlich dem der palermitanischen Cosa Nostra. Nach den Erfahrungen von Di Giorgio handelt es sich um eine rein unternehmerische Mafia, die sich beständig in die legale Wirtschaft eingegliedert hat und die meisten Unternehmen kontrolliert, die an großen öffentlichen Aufträgen beteiligt sind. Der Familie Barcellona ist es gelungen, ihre Vorherrschaft gewaltsam durchzusetzen, auch durch rund 280 Morde, und zwar aus zwei wesentlichen Gründen: Für eine Art interner Säuberung und zur Beseitigung von Personen, die die kriminellen Geschäfte gestört haben.

Die Region Messina leidet schon lange an der Plage des Pizzo, des Schutzgeldes. Die Erpressung ist in der gesamten Provinz weit verbreitet und das Schutzgeld laut einer Untersuchung der Chinnici-Stiftung das höchste in ganz Sizilien. Das Einfordern des Pizzo hat zwei Hauptgründe: Erstens aus wirtschaftlichen Motiven wie der Verfügbarkeit von Bargeld, das an verschiedenen Fronten sofort eingesetzt werden kann, zum Beispiel bei der Unterstützung von inhaftierten Clanmitgliedern und deren Familien. Außerdem spielt das Durchsetzen der eigenen Macht eine Rolle, was zudem einen Mechanismus der Angst hervorruft. Dieser führt in Verbindung mit dem bescheidenen Schutz durch den Staat zu einer geringen Zahl an Beschwerden von Händlern, die lieber zahlen als zu riskieren. Hier betont Di Giorgio, wie wichtig es ist, dass die Beschwerden zunehmen, was aber nur durch ein hohes Maß an Vertrauen in die Institutionen möglich sein kann und weitgehend von den Handlungen juristischer Akteure wie Gerichtsvollziehern, Anwälten und Hochschulprofessoren abhängt. Ein wichtiges und sehr wirksames Instrument, um die Mafia zu besiegen und ihre Macht drastisch zu verringern, ist der Angriff auf ihr Vermögen: Die Beschlagnahmung und Konfiszierung von Gütern, die für einen Mafioso den Tod bedeuten kann, ist daher von grundlegender Bedeutung.

In diese Dynamik fügen sich die Arbeiten von Libera und Addiopizzo ein, die versuchen, in der Stadt einen gemeinschaftlichen Kampf gegen die Mafia hervorzubringen, eine soziale Anti-Mafia, die sich nicht auf die Bekämpfung der organisierten Kriminalität beschränkt, sondern die Werte und Wahlmöglichkeiten vermittelt, die sich völlig von der Mafiamentalität unterscheiden. Dies ist der Fall bei der Kampagne zur „Rekrutierung“ von pizzo-free Händlern: Indem ein Netzwerk von schutzgeldfreien Händlern geschaffen wird, die sich der Zahlung des Pizzo widersetzen, und diesen moralische und rechtliche Unterstützung gewährleistet wird, kann eine ordentliche und funktionierende Alternative zur Mafia entstehen.

Damit wir einen konkreten Beitrag leisten, haben wir Flyer erstellt, die an Händler und Verbraucher verteilt werden, um kritischen Konsum zu fördern, also den Kauf von Produkten in Geschäften, die sich gegen den Pizzo entschieden haben. Ein weiteres Zeugnis der gemeinschaftlichen Anti-Mafia wurde uns von Angelo Cavallaro, Schulleiter des IC Catalfamo, und Salvatore Rizzo von Ecosmed vorgelegt. Sie haben uns erklärt, wie sie versuchen, die Stadt zu verändern: Und zwar ausgehend von Projekten in Schulen und auf städtischer Ebene wie dem Projekt Capacity, bei dem Häuser an Familien in prekären Situationen vergeben werden. Ein weiteres praktisches Beispiel, das wir angesprochen haben, ist Gigliopoli, ein Verein, der Sommerlager für Kinder und Aufnahmeprojekte organisiert. In dieser einzigartige Realität stehen Inklusion und Legalität im Mittelpunkt. Mit Vincenzo Scaffidi, dem Präsidenten des Vereins, haben wir über ethischen und kritischen Konsum, Eigenanbau, Bildung und Inklusion nachgedacht – viele Themen, die perfekt zu dieser Vision passen.

Eine der Säulen von Libera ist memoria, die Erinnerung: Eine lebendige und konstante Erinnerung, voller Geschichten und Gesichter, die Inspiration und Vorbild sein können. Während des Lagers gab es zwei Momente, die diesem Thema gewidmet waren: Einmal das Gedenken an Giorgio Ambrosoli, einen Mailänder Anwalt, dessen vierzigster Todestag in jenen Tagen stattfand; außerdem die Geschichte von Domenico Nicolò Pandolfo, einem dder führenden Neurochirurgen von Reggio Calabria, der am 20. März 1993 auf barbarische Weise getötet wurde. Sein einziges Vergehen: Er war nicht in der Lage gewesen, die Tochter des Clanbosses Cosimo Cordì zu retten, die an einem Hirntumor erkrankt war. Der Augenblick war besonders emotional, weil uns diese Geschichte von Marco Pandolfo erzählr wurde – dem Sohn von Domenico. Wir hatten ihn zuvor nur als Koch und Reisebegleiter kennen gelernt, bis er uns die Geschichte seines beispielhaften Vaters bescherte.

Estate Liberi bedeutet all dies und noch viel mehr: Es bedeutet, Menschen aus ganz Italien mit verschiedenen Geschichten und Lebensläufen kennen zu lernen und in einer Woche des Engagements, des Lernens und der Befreiung zusammenzukommen. Es bedeutet, eine Alternative zu der verzerrten Sicht der Realität zu finden, die uns die Mafia aufzwingt. Es bedeutet, das Schöne dort zu sehen, wo es schwer zu erkennen ist. Es bedeutet, tief zu graben. Eine Reise nicht nur über die Landkarte, sondern auch in unser Inneres.