Die Erinnerung an die Opfer der Mafia fällt nicht aus: Der 21. März auf Social Media


In Italien wird jedes Jahr am 21. März der „Tag der Erinnerung und Verpflichtung für die unschuldigen Opfer der Mafia” begangen. Dieses Jahr gebietet die durch das Coronavirus (COVID-19) verursachte globale Gesundheitskrise eine Verschiebung der Gedenkfeier auf Oktober dieses Jahres. Dennoch haben wir der Opfer der Mafia gedacht: Die größte italienische Antimafia-Organisation Libera hat eine Social-Media-Kampagne ins Leben gerufen, an der landesweit zahlreiche Individuen und Organisationen teilgenommen haben. Wir von mafianeindanke haben jeweils einzelner Schicksale gedacht, indem wir den Opfern ein Foto mit Blumen gewidmet und diese online verbreitet haben.

Damit endet unser Engagement jedoch nicht. Wir haben die Geschichten der von uns in diesem Jahr ausgewählten Opfer rekonstruiert, vertieft und verbreitet, um die Erinnerung an sie wach zu halten. Im Anschluss könnt ihr die Schicksale von Annalise Borth, Ciro Rossetti, Silvia Ruotolo und Luigi Fanelli nachlesen.

Zuerst jedoch möchten wir Euch erzählen, wie die so wichtige Initiative des 21. März entstanden ist.

Am 23. Mai 1993 wurde die erste Gedenkfeier zur Erinnerung der Opfer des Anschlags von Capaci abgehalten. Eine Frau, Carmela, näherte sich dem prominenten Mafia-Gegner Don Ciotti in Tränen aufgelöst und sagte zu ihm: „Ich bin die Mutter von Antonio Montinaro, Chef des Begleitschutzes von Giovanni Falcone. Warum nennen Sie nie den Namen meines Sohnes? Er ist gestorben wie die anderen auch.” Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Polizei-Einheit, die Falcone Personenschutz gewährte, und zu denen neben Antonio auch seine Kollegen Vito Schifani und Rocco Dicillo gehörten, immer oberflächlich als „die Jungs vom Polizeischutz” übergangen. Die Initiative ist also aus dem Schmerz einer Mutter geboren, die das Recht verteidigt hat, dass die Erinnerung an ihren Sohn durch die Nennung seines Namens wachgehalten wird.

So entstand der Tag der Erinnerung an die unschuldigen Opfer der Mafia mit der Idee und Verpflichtung, jedem Opfer das gleiche Recht auf Erinnerung zu gewähren.

Die Geschichten der Opfer

Annalise Borth

Ferentino, 26. September 1970

Annalise Borth war eine junge Frau aus Hamburg, 18 Jahre alt, verheiratet mit Gianni Aricò und schwanger.

Die Ehe mit Giovanni ermöglichte ihr ein neues Leben in Italien, wohin sie als junges Mädchen vor einer schwierigen, von familiären Konflikten geprägten Jugend floh.

 „Muki”, wie ihr Spitzname lautete, war Mitglied der anarchistischen Gruppe „Anarchici della Baracca”. Diese bestand aus politischen Aktivist*innen aus der Gegend Reggio Calabria, deren Name eine verlassene Hütte bezeichnet, in der die Gruppe ihre operative Basis aufgebaut hatte. Es waren die Jahre des Bombenanschlags auf der Piazza Fontana in Mailand und des Reggio-Aufstandes, dem Widerstand gegen die Entscheidung der Regierung, Catanzaro und nicht Reggio zur regionalen Hauptstadt Kalabriens zu machen.

Am Abend des 26. Septembers 1970 befanden sich Annalise und Gianni Aricò in ihrem Mini Morris, gemeinsam mit drei weiteren Freunden: Franco Scordo, Luigi Lo Celso und Angelo Calise, alle zwischen 18 und 26 Jahren alt. Sie waren auf dem Weg nach Rom, wo eine Demo anlässlich des Besuchs des damaligen US-Präsidenten Nixon geplant war. Die jungen Leute wollten dem Anwalt Edoardo Di Giovanni in Rom ein Dossier mit brisanten Informationen überreichen. Sie hatten Dokumente gesammelt, die Verflechtungen zwischen der ‘Ndrangheta und neofaschistischen Gruppen belegten, besonders in Bezug auf den Reggio-Aufstand und den Anschlag auf den “Freccia del Sud”- Zug bei Gioia Tauro.

Auf der Höhe von Ferentino stieß ihr Auto mit einem LKW für den Transport von Tomatenkonserven zusammen, der Auffahrunfall war wohl provoziert. Alle Insassen starben. Annalise starb als Letzte, nachdem sie 21 Tage lang im Krankenhaus um ihr Leben gekämpft hatte.

Die im Auto transportierten Dokumente verschwanden spurlos. Die Fahrer des LKWs, die den Unfall unversehrt überstanden, waren Angestellte eines Unternehmens, das auf den „schwarzen Prinzen” Junio Valerio Borghese zurückzuführen ist.

Erst mehr als 20 Jahre später, im Jahr 1993, gab es neue Erkenntnisse in Bezug auf die Ereignisse des Reggio-Aufstandes und den Bombenanschlag auf den Zug „Freccia del Sud”, bei dem sechs Menschen starben und 54 verletzt wurden. Die Erklärungen einiger „Pentiti” (geständige Ex-Mafiosi) haben ergeben, dass die neofaschistischen Gruppen den Sprengstoff von der ‚Ndrangheta erworben hatten. Außerdem gestand ein Mann, der mit der Justiz kooperierte, die Zusammenarbeit zwischen organisierter Kriminalität und terroristischen, rechtsextremen Gruppen im Fall des „Reggio-Aufstandes”.

Für die “Anarchici della Baracca” gibt es jedoch bis heute keine Gerechtigkeit.

Ciro Rossetti

Neapel, 11. Oktober 1980

Ciro war ein 31 Jahre alter Werkarbeiter.

Am 11.10.1980 befand er sich im Haus seiner Mutter, um mit seiner Frau und seinen zwei Kindern das WM-Qualifikationsspiel Italien-Luxemburg zu sehen. Auf einmal hörte er Schüsse auf der Straße. Er ging davon aus, dass es sich um Feuerwerk handele, um den Sieg Italiens im Fußballspiel zu feiern. Deshalb ging er sofort ans Fenster. Vom Fenster aus erblickte er ein Auto, aus dem ein Mann vier Schüsse abfeuerte. Eine dieser Kugeln tötete ihn.

Dieser Mann hatte nichts mit der organisierten Kriminalität zu tun und wollte nur aus seinem Fenster einen Freudenschrei ausstoßen.

Silvia Ruotolo

Neapel, 11. Juni 1997

Silvia Ruotolo liebte ihre Stadt Neapel, sie liebte ihre Nachbarschaft Vomero und vor allem liebte sie ihre Familie. Sie war eine fröhliche und hilfsbereite Frau mit einem unverwechselbaren Lächeln.

Nach dem Abschluss ihres Masterstudiums lernte sie Lorenzo Clemente kennen, den sie heiratete. Im Jahr 1987 wurde sie schwanger und erwartete ihre erste Tochter, Alessandra, der sie fortan eine fürsorgliche Mutter war. Fünf Jahre später trug sie wieder ein Kind im Bauch: Sie bemühte sich nun um ein größeres Haus, während sie auf die Ankunft des kleinen Francesco wartete. Deshalb zog sie in den 9. Stock eines Hauses der Salita Arenella 13 / A, in eine geräumige Wohnung mit einer wunderbaren Aussicht auf ihre Stadt.

Am 11. Juni 1997 hielt Silvia mit 39 Jahren ihren kleinen Sohn Francesco an der Hand. Francesco war damals 5 Jahre alt. Sie hatte ihn gerade vom Kindergarten abgeholt und ging auf die Salita Arenella zu, war fast schon zu Hause angelangt. Auf dem Balkon wartete die zehnjährige Alessandra auf sie.

Plötzlich stiegen zwei Männer aus einem Auto und fingen an, wild um sich zu schießen. Silvia wurde von einer der 40 Kugeln in den Kopf getroffen und starb. Deren Ziel war jedoch nicht sie, sondern zwei Mitglieder des Cimmino-Clans, Salvatore R., der ebenfalls getötet wurde, und Luigi F., der gemeinsam mit einem Universitätsstudenten, Riccardo Valle, verletzt wurde.

Der Fall wurde erst 2011 abgeschlossen: Das Berufungsgericht sprach eine lebenslange Freiheitsstrafe für Mario C. aus, dem letzten der Angeklagten, dessen Verfahren noch nicht entschieden war. Rechtskräftig wurden auch vier weitere Urteile, einschließlich einer lebenslangen Freiheitsstrafe für den Vomero-Boss Giovanni A., Drahtzieher der grausamen Gewaltaktion, die zu Silvias tragischem Tod führte.

Luigi Fanelli 

Bari, 26. September 1997

Luigi Fanelli war ein aufrichtiger Junge mit einem sonnigen Gemüt, der eine militärische Karriere anstrebte. Er wurde in der Kaserne Briscese von Bari rekrutiert. Als er erst 19 Jahre alt war und eines Tages einen freien Tag hatte, verließ er das Haus gegen 21 Uhr und sagte seinen Eltern, dass er an diesem Abend spät nach Hause zurückkehren würde. Er traf einige Freunde auf einem öffentlichen Platz. Nach einer Weile ging er mit seinem Freund Luca in die Weinbar „Ridemus”. Dort traf er auf seine Ex-Freundin Fausta B. Nach einem heftigen Streit verließ Fausta das Lokal.

Luigi blieb noch eine Weile im Ridemos, wo sich auch Francesco S., ein Ex-Freund von Fausta, un Paolo M. befanden.

Francesco und seine Freunde behaupteten später, dass sie gegen Ende des Abends sahen, wie Luigi das Lokal verließ und auf einem schwarzen Motorroller in Begleitung einer unbekannten Person davonfuhr.

Von da an verliert sich jegliche Spur über den Verbleib von Luigi Fanelli. Er verschwand nicht freiwillig. Die Staatsanwaltschaft von Bari nimmt an, dass Fausta ihm den Streit übel nahm. Wahrscheinlich rief sie zwei befreundete Clanmitglieder der Cosola an und bat sie, Luigi eine „Lektion” zu erteilen. Die beiden gingen in die Bar. Dort konnten sie ihn überzeugen, ihnen zu folgen. Sein Körper wurde bis heute nicht gefunden.

Paolo M., Neffe des Mafia-Bosses Antonio di C., entschied sich im Oktober 2015 dazu, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Er gestand, Luigi Fanelli mit einer Pistole umgebracht zu haben. Ein Mord, für den Masciopinto nie bezahlt hat, da er in diesem Fall bereits freigesprochen worden war.

© mafianeindanke, 29. März 2020