Der falsche Antimafia-Held: das System Montante


«Es ist leicht, über die Mafia zu berichten, wenn es Schießereien, Tote, Tragödien gibt; problematisch ist es jedoch, über die Mafia zu berichten, wenn sie nicht schießt, was fast immer der Fall ist. Nur in einer kurzen Phase ihrer jahrhundertelangen Existenz hat die Mafia Auftragsmorde und Anschläge organisiert; den Großteil der Zeit jedoch zeigt sich die Mafia nicht offen, schießt nicht, sondern handelt im Verdeckten.

Inzwischen gibt es „unbescholtene Mafias”, die nach außen hin schwer erkennbar sind, aber ein guter Journalist weiß sie zu erkennen, ohne auf die Justiz warten zu müssen, deren Mühlen oft langsam mahlen.

Dem Journalisten kommt somit die Aufgabe zu, den Richtern zuvorzukommen (…)1».

So formulierte es der Reporter Attilio Bolzoni der Tageszeitung La Repubblica im Zusammenhang mit dem „Fall Montante”, der nur zögerlich ans Licht kam, aber 2015 schlagartig bekanntwurde und bis heute nachwirkt. Tatsächlich wurde Antonello Montante, der ehemalige Präsident des sizilianischen Arbeitgeberverbands Confindustria Sicilia, erst im Mai dieses Jahres festgenommen und die erste Anhörung fand am 15. November statt: Er wird beschuldigt, ein Netzwerk aus Informanten geschaffen zu haben, um die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Caltanissetta gegen ihn auszuspionieren, die vor drei Jahren nach Aussagen geständiger Mafiamitglieder, sogenannter pentiti, aufgenommen worden waren.

Das Netzwerk des „System Montante“ ist äußerst vielschichtig angesichts dessen, dass sich darunter hochrangige Staatsdiener, Politiker und Unternehmer befinden: Ziel war es, die Beziehung von Montante zu den Mafiabossen von Serradifalco (Provinz Caltanissetta) zu vertuschen. So läuft die „Ermittlung Double Face“ – wie die Untersuchungen im Fall Montante aufgrund seiner zwei Gesichter heißen – unter anderem gegen den Ex-Senatspräsidenten Renato Schifani, den ehemaligen General und Ex-Direktor des Inlandsgeheimdiensts (Aisi) Arturo Esposito, den Aisi-Abteilungsleiter Andrea Cavacece sowie den Ex-Leiter der obersten Einheit der Staatspolizei im Kampf gegen die organisierte Kriminalität (SOC) Andrea Grassi.

21 Personen treten als Nebenkläger auf, darunter die Journalisten Attilio Bolzoni, der als Erster die Machenschaften Montantes ans Licht brachte, und Giampiero Casagni; sowie der Ex-Staatsanwalt von Caltanissetta und ehemalige Regionalminister Nicolò Marino und der Vize-Polizeipräsident Gioacchino Genchi: Sie alle wurden vom System Montante ausspioniert, entweder weil sie gegen ihn ermittelten oder unbequem waren.

Wer ist Antonello Montante?

Der vormalige Inhaber der Firma Msa mit Sitz in Asti, ehemalige Leiter des sizilianischen Confindustria (Arbeitgeberverband) und Beauftragte für die nationale Legalität galt gerade aufgrund letzteren Amtes lange Zeit als Ansprechpartner für sizilianische Unternehmer, die sich gegen die Cosa Nostra wehren wollten. Aufgrund der großen Aufmerksamkeit für das Thema Legalität besaß er eine gewisse Kontrolle über die Regierung der Region Sizilien: Infolge dessen reichte es, wenn ein Politiker oder ein Unternehmer Montante nahestand, um sich Gefälligkeiten oder Aufträge zu sichern. Ein Beispiel für diese politische Einflussnahme ist die Finanzhilfe in Höhe von einer Million Euro, die offenbar zur Unterstützung des Wahlkampfs des ehemaligen sizilianischen Regionalpräsidenten Rosario Crocetta geflossen sein soll.

Am 22. Januar 2016 erhielt Montante einen Ermittlungsbescheid (avviso di garanzia) aufgrund des Verdachts der Mitwirkung an einer mafiösen Vereinigung als Außenstehender, in dem ihm geschäftliche und freundschaftliche Beziehungen zu Vincenzo Arnone, dem Mafiaboss von Serradifalco, nachgesagt wurden. Dieser ist Sohn von Paolino Arnone, dem berüchtigten „Paten“ der Provinz Caltanissetta, der sich 1992 im Gefängnis das Leben nahm. Vincenzo Arnone war der Trauzeuge von Montante gewesen, insofern war es quasi unmöglich, persönliche Beziehungen zu ihm abzustreiten.

Der Prozess

Am 10. November 2017 hatte die Richterin der Vorverhandlung in Caltanissetta Graziella Luparello gegen zwölf der im Rahmen der Ermittlung „Double Face“ Beschuldigten Anklage erhoben. Darunter auch Montante, der sich für ein abgekürztes Verfahren entschieden hatte. Des Weiteren wird verhandelt werden gegen den Carabinieri-Oberst Giuseppe D’Agata; den Gewerkschafter Maurizio Bernava; die beiden Unternehmer der Sicherheitsbranche Andrea und Salvatore Calì; drei Angestellte von Montante: Rosetta Cangialosi, Carmela Giardina und Vincenzo Mistretta; den Unteroffizier der Staatspolizei Salvatore Graceffa; den Leiter der nationalen Agentur RetImpresa des Arbeitgeberverbands Confindustria Carlo La Rotonda; den Major der Finanz- und Zollpolizei Ettore Orfanello; den Oberstabsfeldwebel der Carabinieri Mario Sanfilippo und den Carabinieri-Oberst Letterio Romeo, wobei Letzterem vorgeworfen wird, einen Polizeibericht über Montante vernichtet zu haben.

Am 15. November hat nun das abgekürzte Verfahren gegen Montante begonnen und am selben Tag wurde auch gegen den Ex-Sicherheitschef von Confindustria Diego Di Simone, den Kommissar Marco De Angelis, den Oberst der Finanz- und Zollpolizei Gianfranco Ardizzone und den Regionalleiter für Industrie Alessandro Ferrara verhandelt.

Einige Beschuldigte haben beantragt, nicht an der Vorverhandlung teilzunehmen, und werden am 17. Dezember angehört, darunter der Ex-Senatspräsident Renato Schifani, dem vorgeworfen wird, vertrauliche Informationen preisgegeben und Montante Begünstigungen gewährt zu haben; infolge dessen wird auch er der Mitwirkung an einer mafiösen Vereinigung als Außenstehender beschuldigt.

Eine Recherche der italienischen Fernsehsendung Report hat sich kürzlich dem Fall Montante gewidmet und einen weiteren Dreh- und Angelpunkt im Netzwerk des Ex-Präsidenten des sizilianischen Arbeitgeberverbands Sicindustria enthüllt: die Banca Nuova, ein sizilianisches Kreditinstitut, gegründet von Gianni Zonin. Diese fungierte als eine regelrechte Auskunftszentrale, um Kontrolle über Politiker, Journalisten und Unternehmer auszuüben, und wurde von den Geheimdiensten unter Nicolò Pollari geschaffen, der von 2001 bis 2006 Leiter des Militärischen Sicherheits- und Nachrichtendienstes SISMI war.

Das Beziehungsgeflecht im Fall Montante ist überaus komplex und bestätigt eine bereits bekannte These: Will man Mafia und Korruption bekämpfen, muss man zunächst verstehen, dass es sich um ein wechselseitiges System handelt, in dem die Akteure scheinbar unabhängig voneinander agieren, in Wirklichkeit jedoch nicht ohne einander existieren können.

1https://www.site.it/mafia-antimafia-e-caso-montante-la-conferenza-di-attilio-bolzoni-al-ventennale-di-site-it/.