Die Bomben kommen später – die Expansion der “ndrangheta in einem Vortrag von Nando dalla Chiesa


Seit mehr als dreißig Jahren studiert der Soziologe Nando dalla Chiesa die italienische Organisierte Kriminalität. Er war damit einer der Pioniere dieser Materie, die heute in Italien auf relativ breiter Ebene wissenschaftlich erforscht wird. In Deutschland dagegen ist die systematische Analyse Organisierter Kriminalität weniger stark ausgeprägt. Und auch deshalb reist Dalla Chiesa einmal pro Jahr nach Deutschland und mutet sich einen wahren Vortragsmarathon zu: In mehreren Städten berichtet er dann binnen weniger Tage über seine Studien. Dieses Jahr referierte er in Leipzig, Halle, Hamburg, Potsdam und Berlin und bot den Zuhörern eine Zusammenfassung, die Essenz seines bisherigen Schaffens. Immer wieder blitzen persönliche Erfahrungen durch.
„Als ich als Student meine Abschlussarbeit über die Mafia schrieb, gab es das Wort Globalisierung noch nicht. Aber die Mafia war damals schon global und etwa in Kanada und den USA vertreten“, sagt Dalla Chiesa. Drei Fragen zogen sich als roten Faden durch seinen Vortrag: Warum expandieren die italienischen Mafia-Organisationen? Was versetzt sie in die Lage? Und was bedeutet das für die Gebiete, die „kolonialisiert“ werden?
Es ist durchaus überraschend, dass Dalla Chiesa den Begriff Kolonialisierung verwendet. Denn die Bilder, die er zeigt, erwecken einen anderen Eindruck. Man sieht darauf kleine Dörfer in Kalabrien. Sinopoli etwa, ein kleines Nest, deren Bewohner aber viele Immobilien auf der römischen Prachtmeile Via Veneto besitzen. Menschen aus ärmlichen Bergdörfern, so scheint es. Dörfer wie Platì oder San Luca, nach denen kein Hahn krähen würde, wenn nicht eine weltumspannende kriminelle Organisation daraus erwachsen wäre. Eine Organisation, die, so sagt Dalla Chiesa, nicht nur als Gangstervereinigung Macht erlangt hat, sondern auch eine spezielle Anthropologie.
So ist es kein Zufall, dass die Clans in ihrer Heimat nicht investieren. Man sieht das etwa, wenn man durch San Luca fährt. Die Häuser machen oft einen ärmlichen Eindruck, die Millionen, die ihre Bewohner mit Drogenhandel und anderen kriminellen und legalen Geschäften machen, kommen hier offensichtlich nicht an, zumindest nicht in sichtbarer Form. „Die ‚Ndrangheta braucht eine arme Heimatregion“, sagt Dalla Chiesa. „Denn dort fragen die Leute nicht nach Rechten, sondern nach Gefallen. Wo es Arbeit gibt, sind die Leute nicht abhängig.“ Und das würde die ‚Ndrangheta in ihrer Macht stark einschränken. Die ‚Ndrangheta investiert ihr Geld also auch deshalb im Ausland, nicht nur, weil dort das Risiko, dass die Werte beschlagnahmt werden, viel geringer ist.
Dalla Chiesa hat genau studiert, welche Veränderungen auftreten, wenn die ‚Ndrangheta neue Gebiete erschließt. Zum Teil konnte er das in Norditalien, wo er lebt und arbeitet, vor der eigenen Haustür beobachten: „Man sagte dort lange, die Mafia ist nicht gefährlich. Man sagte, sie bringen Geld, das ist nicht gefährlich. Aber dann bringen sie ihre Methoden, dann Bomben.“ Eine Gemeinde haben seine KollegInnen und er besonders genau analysiert, Bresciello. Die WissenschaftlerInnen konnten nachweisen, dass die ‚Ndrangheta ihr Schweigegelübde, die Omertà, in ihre eroberten Gebiete mitbringt.
Deutschland ist ein Fall, der besonders interessant ist. Vereinfacht lässt sich sagen: Die Expansion nach Westdeutschland gab zuerst Arbeit und Unterschlupf für Mafiamitglieder, der Osten Deutschlands wurde sofort nach der Wiedervereinigung dann Ziel für Investitionen. Ähnlich war die Reaktion in ganz Deutschland, ein „doppeltes Leugnen“. Zuerst wurde die Anwesenheit der Clans in der öffentlichen Meinung verneint, dann bei der Gesetzgebung ausgeblendet. Dalla Chiesa hat dafür eine Erklärung: Wenn man die Anwesenheit der Mafia zugibt, sinkt die Reputation und die Investitionen gehen zurück. Also negiert man sie lieber, solange es möglich ist.
Auch einige Sonderfälle ließen sich in der Bundesrepublik beobachten. So war etwa der Carelli-Clan in Italien ziemlich unbedeutend, als er nach Deutschland kam. Die Gruppierung nutzte Deutschland aber geschickt für sich als Labor und Schule. Hier konnten sie lernen und wachsen, weil sie hier, anders als in ihrer Heimat, wo der Konkurrenzdruck hoch und der zur Verfügung stehende Raum gering war, quasi ideale Bedingungen vorfanden.
Ein weiterer besonders interessanter Fall ist Erfurt, so interessant, dass Dalla Chiesa der thüringischen Landeshauptstadt Modellcharakter für die ‚Ndrangheta zuschreibt. Die Verbrecherorganisation habe dort das Monopol bei Restaurants und Pizzerien, was zur Folge hatte, dass hundert junge Männer aus dem 4000-Seelen-Ort San Luca in die Stadt kamen. Die ‚Ndrangheta wusste, wie sie sich bei den Bürgern der neu erschlossenen Stadt beliebt machen konnte: Sie spendete für den Fußballclub, für Waiseneinrichtungen und Kulturvereine.
Eine Feststellung Dalla Chiesa sollte uns eine doppelte Mahnung sein. Die Expansion der ‚Ndrangheta habe auch eine doppelte Wurzel: Einerseits führte die verstärkte staatliche Repression in Italien zum Ausweichen auf neue Territorien, andererseits zum Aufkommen interner Kriege. Was das bedeutet, wurde Deutschland 2007 vor Augen geführt, als ein Clan sechs Vertreter eines anderen Clans in Duisburg vor dem Mafia-Restaurant Da Bruno erschoss. Das Beispiel Italien zeigt, dass stärkere Repression also dringend geboten ist, wenn man die ‚Ndrangheta in ihrem Expansionsdrang bremsen will. In Deutschland hat sich diese Sicht bisher nicht durchgesetzt.

Wie die Mafia sich international ausbreitet, ein Vortrag von Prof. Luca Storti


Im Januar ist Prof. Luca Storti mit seinem Vortrag
„International expansion of Italian Mafias: a caleidoscopic phenomenon“ zu Gast
am Lehrstuhl für Organisations- und Verwaltungssoziologie der Universität
Potsdam. Die Mafia ist inzwischen längst ein globales Phänomen. Daher
untersucht er die territoriale Expansion der italienischen Mafias: Die Frage
ist, wie sie aus ihren ursprünglichen Territorien in fremde Territorien
expandieren. Hier kommen Studierende mit einem Thema in Berührung, das an
vielen Universitäten in Europa, insbesondere in Deutschland, noch
unterbelichtet ist.

Prof. Luca Storti ist Professor für Wirtschaftssoziologie an
der Universität Turin und Gründungsmitglied der Forschungsgruppe LARCO –
Laboratorio di Analisi e Ricerca sulla Criminalità Organizzata, der Analyse-
und Forschungswerkstatt zur Organisierten Kriminalität. Im Jahre 2015 nahm er
am Forschungsprojekt „Cross Border Italian Mafias in Europe: Territorial
Expansion, Illegal Trafficking, and Criminal Networks“ (CRIME) teil, das u.a.
Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Belgien und die Niederlande auf mafiöse
Aktivitäten untersuchte.

Die italienischen
Mafias

Angesichts des hiesigen Standes der Forschung und Lehre zur
Mafia hat der Vortrag einen eher einführenden Charakter. Zu Beginn werden die
Unterschiede und Gemeinsamkeiten der historischen Mafias in Italien benannt:
Eine Karte zeigt die Cosa Nostra in Sizilien, die ’Ndrangheta in Kalabrien und
die Camorra in Neapel und Kampanien. Hingewiesen wird außerdem auf die relativ
jungen Mafias Sacra Corona Unita in Apulien, Basilischi in der Basilikata und
Stidda in Sizilien. Alle drei stehen in Zusammenhang mit den historischen
Mafias; erstere ist aus der Camorra entstanden, zweitere wird von der
’Ndrangheta kontrolliert und letztere hat sich von der Cosa Nostra abgespalten.
Die historischen Mafias sind sehr unterschiedlich strukturiert: Die Cosa Nostra
ist pyramidal, die ’Ndrangheta horizontal und die Camorra fragmental
organisiert. Dementsprechend variieren ihre expansiven Vorgehensweisen.

Prof. Luca Storti zufolge sind die Mafias sowohl „power
syndiactes“ als auch „enterprise syndicates“, eine konzeptionelle
Unterscheidung von Alan Block (1980), emiritierter Professor für Kriminologie
Judaistik der Universität Penn State, USA. „Enterprise syndicates“ sind
Organisationen, die auf illegalen Märkten, z.B. durch Drogenhandel Gewinne
erzielen. „Power syndicates“ sind solche, die das Territorium und die lokale
Gesellschaft kontrollieren.

Die Typen
territorialer Expansion

In Bezug auf das Verhältnis zum ursprünglichen Territorium
werden zwei Formen der Expansion voneinander unterschieden: Im ersten Fall
bleiben die Beziehungen zur ursprünglichen Organisation und zum Territorium
bestehen, die expandierte Mafia bleibt abhängig von den traditionellen
Strukturen. Im zweiten Fall bildet sich eine ganz und gar unabhängige
Organisation heraus. Im ersten Falle lässt sich die Expansion als
„Transplantation“ – die vollständige Reproduktion der Mafia in einem neuen
Territorium – oder als „Infiltration“ – das langsame Eindringen der Mafia in
ein neues Territorium, das nur einige Merkmale der Mafia aufzeigt –
beschreiben. Häufig erscheint die Mafia hierbei nur als „enterprise syndicate“,
d.h. dass die Mafia in illegale oder gar legale Märkte (z.B. Investitionen in
die Immobilienwirtschaft) des neuen Gebiets eindringt, ohne die lokale
Gesellschaft zu kontrollieren.

Um das Thema Mafien in Europa zu vertiefen, eignen sich Texte,
an denen Prof. Luca Storti als Co-Autor mitwirkte:

  • Italian Mafias across Europe (mit J. Dagnes e D. Donatiello), in Mafias today, F. Allum, R.
    Sciarrone , I. Clough-Marinaro, di prossima pubblicazione.
  • La questione delle mafie italiane
    all’estero: stato dell’arte e temi emergenti

    (mit J. Dagnes, D. Donatiello, R. Sciarrone), in «Meridiana», 2016, n. 4, pp.
    149-172.
  • The territorial expansion of mafia-type
    organized crime. The case of the Italian mafia in Germany
    (mit R. Sciarrone), in «Crime, Law and Social Change», 2014, vol. 61,
    n. 1, pp. 37-60.
  • Die italienische Mafia in Deutschland mit R. Sciarrone, in Dolce
    Vita? Das Bild der italienischen Migranten in Deutschland
    , pp. 177-198,
    Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2011.

Internationale Kooperation Schlüssel zu erfolgreichem Vorgehen gegen Organisierte Kriminalität


Die Operation Pollino, die am 5. Dezember im ersten Licht der Morgendämmerung stattfand – der Name geht auf einen Nationalpark in Süditalien zurück, aus dem die an der Operation beteiligten kriminellen Organisationen stammen – ist ein spannendes erstes Beispiel dafür, wie die Organisierte Kriminalität durch ein einheitliches Vorgehen im europäischen und internationalen Kontext wirksam bekämpft werden kann.

Zum ersten Mal haben Ermittler aus verschiedenen europäischen Ländern in einem einzigen Joint Investigative Team (JIT) gearbeitet, einer Einheit, die in Echtzeit koordiniert wird. Dieses wesentliche Element hat zur Verhaftung von etwa 90 Personen und zur Beschlagnahmung zahlreicher Vermögenswerte in Italien, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Surinam geführt. Darunter sind große Mengen an Drogen, Bargeld und anderen Beweisstücken, die für das Strafverfahren nützlich sind.

Im Mittelpunkt der Operation steht ein Clan der ’ndrangheta, der Clan Pelle-Vottari, der ursprünglich aus San Luca stammt, einer kleinen Stadt in Kalabrien, die in Deutschland bereits für das Massaker von Duisburg traurig bekannt geworden ist, das 2007 vor der Pizzeria Da Bruno stattfand.

Die aus den Ermittlungen hervorgegangenen Aktivitäten zeigen ein komplexes und sehr gut organisiertes System in Zusammenhang mit internationalem Drogenhandel, insbesondere Kokain, aber auch Haschisch, Ecstasy und anderen synthetischen Drogen. Der Transport und Handel wurde von der ’ndrangheta von San Luca gesteuert und koordiniert, die einmal mehr ihre Fähigkeit unter Beweis stellt, global zu agieren und wichtige Partnerschaften mit anderen kriminellen Gruppen einzugehen. In diesem Fall sind Kooperationen mit Clans entstanden, die in Kampanien in Kontakt mit der Camorra aktiv sind, aber auch mit albanischen und türkischen Clans, die Autos mit doppelten Böden für den Drogentransport durch Mitteleuropa ausgestattet haben.

Die ’ndrangheta hat eine enorme Anpassungsfähigkeit an veränderte Umstände bewiesen, indem sie die Kokainrouten nach Norden verlagert hat, von den stärker kontrollierten italienischen Häfen Gioia Tauro in Kalabrien, Neapel, Livorno und Genua aus, ist sie mehr und mehr in die für sie sichereren Häfen Antwerpen und Rotterdam umgezogen und hat neue Lagerstätten in Holland, Belgien und Deutschland eröffnet. Die neue Erkenntnis, die sich aus diesen Untersuchungen ergibt, besteht darin, dass die ’ndrangheta die anderen europäischen Länder nicht mehr nur für die Geldwäsche nutzt, sondern sich inzwischen auch dort niedergelassen hat und die neuen Zentren als Basis für ihre illegale Aktivitäten und als geschützten Raum für die Untergetauchten nutzt.

Die an der Operation betroffene Menge an Kokain und anderen Drogen übersteigt zwei Tonnen, von denen ein Viertel beschlagnahmt wurde und der Rest auf den Drogenmarkt gelangt ist. Diese Mengen sind nur ein kleiner Teil des Geschäftsvolumens der ’ndrangheta in diesem Sektor, die den süd- und mittelamerikanischen Drogenkartellen in nichts nachsteht und die über Tochtergesellschaften und Vertretern in allen kokainproduzierenden Ländern verfügt.

Die spezialisierten Teams aus Italien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden agierten gemeinsam, auch dank der umfangreichen Koordinations- und Ermittlungsunterstützung von Eurojust und Europol.

Was Deutschland betrifft, so gibt es 47 Verdächtige, von denen 14 bei den Razzien im Morgengrauen des 5. Dezember verhaftet wurden. Die Koordination erfolgte durch die Staatsanwaltschaften Duisburg, Köln und Aachen mit 440 Beamten in Aktion. Die meisten Recherchen fanden in der Region Nordrhein-Westfalen statt, aber auch anderswo, zum Beispiel im Raum München-Ost und in Berlin.

Das deutsche Bild zeigt einen Drogenmarkt, vor allem mit Kokain, unter der Kontrolle der kalabrischen Cosche, die unter Mitwirkung anderer krimineller Organisationen Ladungen aus den strategisch zentralen Gebieten Nordrhein-Westfalens lagern und transportieren. Der Erlös aus diesem Handel wird dann in profitable wirtschaftliche Aktivitäten, wie z.B. in die Gastronomie, investiert; eine ähnliche Entwicklung ist in Belgien zu beobachten.

Während wir weitere Einzelheiten in den kommenden Tagen zu der in Deutschland stattgefundenen Operationen und deren Folgen erwarten, begrüßen wir schon jetzt das Ergebnis dieser ersten gemeinsamen Aktion eines Joint Investigative Teams gegen die Organisierte Kriminalität. Es liegt auf der Hand, dass die in Europa verfügbaren Instrumente, wenn sie in vollem Umfang genutzt werden, es schon jetzt ermöglichen, die Probleme im Zusammenhang mit den verschiedenen Rechtsordnungen und Kulturen der verschiedenen Mitgliedstaaten zu lösen. Die Schaffung und/oder Verbesserung einiger wichtiger Strafverfolgungsinstrumente, wie zum Beispiel die präventive Beschlagnahmung und das Einfrieren von Gütern sowie langfristige systematische Informationssammlung und der Austausch dieser Erkenntnisse würden die Arbeit der europäischen Ermittler weiter erleichtern.

Deshalb hoffen wir, dass die internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Mafia-Organisationen weitergeht und auf andere Herkunftsländer ausgedehnt wird. Wir sehen darin auch einen ersten Schritt zur Einrichtung einer europäischen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft.

 

Europol startet zweijähriges Projekt, um hochrangige Mafiosi festzunehmen


Europol beschwört in einer Pressemitteilung „eine neue Ära“ im Kampf gegen Organisierte Kriminalität herauf. In der Tat könnte die Einrichtung des Operativen Netzwerks erheblich zu Verbesserungen im Kampf gegen Mafia-Organisationen und Organisierte Kriminalität in Europa beitragen. Der neue Verbund sieht vor, dass der Einsatz spezialisierter Ermittler von den EU Mitgliedsstaaten angefordert werden kann. Vorbereitet hat das Projekt die nationale italienische Antimafia-Behörde DIA, unterstützt wird es von Europol und den Behörden in Belgien, Frankreich, Deutschland, den Niederlande und Spanien, also allesamt Länder, in denen die Italienische Organisierte Kriminalität stark vertreten ist. Die Kooperation betrifft aber jede Form von mafiaähnlicher Organisierter Kriminalität, also etwa auch Rockergruppen oder albanische Banden, die immer häufiger mit der italienischen Mafia kooperieren.

Die ONNET genannte Koordinierungsstelle wird für 24 Monate von der EU-Kommission finanziert. Damit soll vor allem der Informationsaustausch verbessert werden und hochrangige Kriminelle in internationale Ermittlungsverfahren einbezogen werden. Dies ist auch insofern von Bedeutung, wie Mafiaclans ganz selbstverständlich transnational agieren und Lücken in der Gesetzgebung verschiedener Länder konkret nutzen.
Der offizielle Projektstart war am 1. November. Der Carabinieri-General Giuseppe Governale, Direktor der DIA, eröffnete es gemeinsam mit Jari Liukku, Chef des European Serious Organized Crime Center von Europol. Governale sagte, ONNET wird den gegenwärtigen Mangel von EU-Mitteln für den Kampf gegen kriminelle Organisationen nach Mafia-Art kompensieren. Dieser sei gegenwärtig kein Schwerpunkt der Europäische multidisziplinäre Plattform gegen kriminelle Bedrohungen.

Will van Gemert, stellvertretender Direktor von Europol, sagte: „In den EU-Mitgliedsstaaten wächst die Zahl von Gruppen der Organisierten Kriminalität, und sie werden zugleich auf mehreren Kriminalitätsfeldern aktiv. Dieses Projekt ist eine einzigartige Gelegenheit für Europol, den Strafverfolgungsbehörden volle Unterstützung zu bieten, um diese auf höchster Ebene agierenden internationalen kriminellen Gruppen zu verfolgen, die die höchste Gefahr für die EU Mitgliedsstaaten darstellen.“

Federico Varese, Professor in Oxford, über Organisierte Kriminalität aus globaler Sicht


Anfang September empfing mafianeindanke den Professor für Kriminologie der Universität Oxford Federico Varese, einen der größten Experten auf dem Gebiet des organisierten Verbrechens. Der Universitätsdozent war zu zwei Terminen nach Berlin gekommen: Am Sonntag, den 9. September stellte er zunächst sein Buch „Mafia-Leben – Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens“ vor und am Dienstag, den 11. September trat er als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema Drogenpolitik im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in Erscheinung.

Mafia-Leben“ ist ein besonderes Buch dieses Genres, da es im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Werken nicht eine einzelne Mafiaorganisation untersucht, sondern die verschiedenen Mafias untereinander vergleicht und aufzeigt, welche Elemente ihnen gemeinsam sind. Von der italienischen Mafia über die japanischen Yakuza und die russische Mafia bis hin zu den Triaden in Hongkong, lassen sich bei allen ähnliche Grundzüge feststellen, angefangen beim Initiationsritus über das kriminelle Leben bis hin zu den hierarchischen Strukturen, bei denen sich die Bosse untereinander abstimmen, sowie einer völligen Kontrolle der jeweiligen Einflussgebiete. Anhand dieser Elemente zeigt Varese nicht nur die Organisationsstrukturen der Mafias an sich auf, sondern erstellt auch ein Profil der Bosse und Mafiamitglieder, die, anders als in Filmen dargestellt, ein ziemlich durchschnittliches Leben führen.

Medienberichterstattung über Mafia-Organisationen im Fokus bei der Sommerschule zu Organisierter Kriminalität 


Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Organisierter Kriminalität hat in Italien eine viel größere Bedeutung als etwa in Deutschland. Es gibt unter anderem Seminare in den Sommersemesterferien zu diesem Thema. Mitglieder von Mafia? Nein, danke! haben an der diesjährigen Summer School on Organized Crime der Università degli studi di Milano im September teilgenommen. Thema war dieses Jahr das Verhältnis der Medien zur Mafia. Das Thema ist allein deswegen wichtig, weil die Medien eine wichtige Rolle bei der Beschreibung der Realität spielen, soweit sie diese wahrnehmen.

Die Redner waren – neben Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern – überwiegend Journalisten, die infolge ihrer Recherchen Opfer von Einschüchterungen wurden und erfahren mussten, was es bedeutet, Angst um das eigene wie auch das Leben ihrer Lieben haben zu müssen. Einige von ihnen wurden bedroht, andere isoliert, wieder andere haben von Kollegen berichtet, die mit dem Leben bezahlt haben. Journalisten, die heute über die Mafia berichten, riskieren weniger ihr Leben; vielmehr droht ihnen gesellschaftliche Isolation.

Im Laufe der Jahre hat die Mafia in Italien elf Journalisten getötet, sechs von ihnen arbeiteten für “L’Ora”, eine Tageszeitung mit Sitz in Palermo. In eben dieser Tageszeitung veröffentlichte ein Journalistenteam 1958 einen Enthüllungsbericht über die Mafia mit dem Titel: “Dieser Mann ist gefährlich”. Zum ersten Mal erschien ein Mafiaboss, Luciano Liggio, auf der Titelseite einer Zeitung und wurde die Mafia beim Vor- und Nachnamen genannt.

Um das Phänomen Mafia zu ergründen, ist eine Betrachtung der Geschichte Italiens unerlässlich: Die Geschichte der Italienischen Republik beginnt im Jahre 1947, in eben jenem Jahr ereignete sich auch das Massaker von Portella della Ginestra, das ein eindeutiger Versuch war, die demokratische Entwicklung des Landes zu verhindern. Dieses Blutbad zeugte auch vom Willen der Mafia, sich über die Verfassung zu stellen, die im Übrigen wenige Monate später verabschiedet wurde. In der Folgezeit hat die Mafia weiter versucht, die Verfassung zu unterminieren, indem sie Einfluss auf die öffentliche Meinung genommen und ihren eigenen Mythos kreiert hat.

Bei der Summer School wurde viel über die Aufmerksamkeit diskutiert, die italienische Medien dem Thema Organisierte Kriminalität widmen. Während Reportagen und Hintergrundberichte zum Thema in den 60er Jahren noch viel Aufmerksamkeit erfuhren und zur besten Sendezeit (etwa in den Abendnachrichten) ausgestrahlt wurden, werden solche Beiträge heute oftmals erst kurz vor Mitternacht gesendet.

Was die Kriminellen als Grenzüberschreitung werten, ist nichts anderes als der Wissensdurst, der der Berufsgruppe der Journalisten eigen ist, gespeist von Zweifel und dem Drang, nachzuforschen. Schließlich bedeutet scoop wortwörtlich ja auch nichts anderes als “mit dem Löffel ausschöpfen”. Zeitungen und Zeitschriften haben sich verändert; wurden sie früher noch für die Leser geschrieben, geht es heute nur noch darum, dem Herausgeber zu gefallen. Das bedeutet Konformismus und Verschweigen all jener Themen, mit denen man jemandem auf die Füße treten könnte. Schon in den 80er Jahren waren Veränderungen in der Presseberichterstattung zur Mafia erkennbar, die sich von dem Thema distanzierte, als die Organisierte Kriminalität gegenüber der Jugendbewegung kleingeschrieben wurde.

Erschwerend zu den wenigen Informationen zum Thema in der Presse kommt noch die Filmindustrie.Die Gefahr, dass Organisierte Kriminalität eienrseits banalisiert oder anderersetis überhöht wird, ist hoch; wer sich Mafiaserien anschaut, wird sich parallel dazu kaum ausreichende sachliche Informationen zum Thema beschaffen. Wie sonst ist es zu erklären, dass in einem Land so wenig über die Verhandlungen zwischen Staat und Mafia berichtet wird oder über den Montante-Fall*?

Auch die Art und Weise, wie über Mafia geschrieben wird, ist oftmals stark simplifizierend und es ist eben viel leichter, Nachrichten abzudrucken, die in Wahrheit nur copy and paste sind. Auf der Summer School wurde in aller Deutlichkeit betont, dass Italien aus unterschiedlichen Provinzen und Regionen besteht. Dort, kann sich der Journalismus wieder auf seine Wurzeln besinnen.

[*der Fall Montante wird im nächsten newsletter ausführlich dargestellt]

Festnahme drei wichtiger Clanmitglieder in Deutschland


In den letzten anderthalb Monaten wurden in Deutschland drei Männer festgenommen, die unter Verdacht stehen, einer Mafiaorganisation anzugehören. Alle drei wurden in der Folge an die zuständigen Behörden in Italien ausgeliefert. Die drei Festnahmen zeigen, dass bei funktionierender Kooperation mit den Behörden in Italien auch hierzulande etwas gegen die Mafia getan werden kann, dank der rigideren Gesetze in Italien. Zugleich machen die Festnahmen deutlich, dass die Aufmerksamkeit gegenüber kriminellen Organisationen nicht nachlassen darf. Und es wurde einmal mehr klar, dass die Mafia nicht nur in Großstädten vertreten ist, sondern auch auf dem Land.

Die erste Festnahme fand am 30. April in einer koordinierten Aktion der italienischen und deutschen Polizei in Traunstein in Oberbayern statt. Bei dem Verhafteten handelt es sich um den 21-jährigen Arcangelo C., Mitglied des Mazzarella-Clans der kampanischen Camorra, der wegen Beteiligung an einer Mafiavereinigung per europäischem Haftbefehl gesucht wurde: Die Staatsanwaltschaft Neapel hatte den Haftbefehl am 15. Februar verhängt, nachdem es im Osten Neapels wiederholt zu Racheaktionen verfeindeter Clans im Kampf um die Kontrolle über Drogengeschäfte und Schutzgelderpressungen gekommen war. Arcangelo C. war vermutlich bereits vor Erlass des Haftbefehls im Februar in Deutschland als Koch und Barkeeper tätig; doch obwohl der junge Mann flüchtig war, postete er weiterhin Fotos und Beiträge auf seinem Facebook-Profil, dank derer ihm die italienische Polizei letztlich auf die Schliche kam und seine Verhaftung veranlasste.

Der zweite wichtige Schlag gegen das organisierte Verbrechen gelang am 7. Mai im hessischen Biebesheim. In einer koordinierten Aktion der Polizei der Städte Catania und Adrano (Provinz Catania) sowie der Polizei Darmstadt wurde Nicola A., genannt „Cola tri piedi“, ein wichtiges Mitglied des Scalisi-Clans der sizilianischen Cosa Nostra, festgenommen. Der seit Juli flüchtige 37-Jährige war einer groß angelegten Antimafia-Razzia des mobilen Einsatzkommandos Catania und des Kommissariats Adrano entkommen, bei der 39 Personen verhaftet wurden, die dem Scalisi-Clan angehören sollen. Dem per europäischem Haftbefehl gesuchten Sizilianer werden Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zum Zwecke des Drogenhandels sowie Besitz und Verkauf von Drogen, Erpressung, Raub, Hehlerei, unerlaubter Waffenbesitz und Brandstiftung vorgeworfen. Zu verdanken ist dieser Erfolg „Eurosearch“, dem gemeinsam von Europol und der Zentralstelle für Operative Einsätze (SCO) der Polizia di Stato ins Leben gerufenen Projekt, das flüchtige Mafiamitglieder in ganz Europa aufspüren soll; die Verhaftung von Nicola A. ist das erste Ergebnis dieser europaweiten Initiative.

Die dritte Ergreifung eines hochrangigen Mafioso gelang am 12. Mai in Köln. Antonino C., genannt „Ninu ′u paturnisi”, war seit Januar auf der Flucht und der zweite Fahndungserfolg des „Eurosearch“-Projekts. Der Verhaftete ist Mitglied der sizilianischen Cosa Nostra, genauer des Santangelo-Clans aus Adrano. Der 27-Jährige wurde seit dem 30. Januar gesucht, als er einer Razzia des mobilen Einsatzkommandos Catania und des Kommissariats Adrano entging, bei der weitere 32 Personen verhaftet worden waren. Auch gegen ihn war ein europäischer Haftbefehl erlassen worden aufgrund von Mitgliedschaft in einer Mafiavereinigung mit erschwerendem Tatbestand einer bewaffneten Vereinigung, Erpressung, Raub, Drogenhandel, Diebstahl, illegalem Waffenbesitz und Brandstiftung. An der Aktion waren die Bezirksdirektion der Antimafia-Polizei Catania, die Polizei und das mobile Einsatzkommando Catania, das Kommissariat Adrano, die deutsche Polizei und Europol beteiligt.

 

Die Auslieferung von Antonio V. an Italien


Am 15. Mai 2018 wurde Antonino V. von der Slowakei im Rahmen einer Ermittlung der Direzione distrettuale Antimafia (Antimafia-Staatsanwaltschaft) von Venedig an Italien ausgeliefert. Er wird verdächtigt, ein Mitglied der Mafia zu sein, das sich auf Drogenhandel spezialisiert hat. In den Fokus geraten war V. aber nach dem Mord an dem slowakischen Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten. Im Zusammenhang mit dieser Tat war V. am 26. Februar auch festgenommen worden (hier der Link zu unserem Artikel zu diesem Fall). Vor seinem Tod recherchierte Kuciak gerade zu der Verbindung zwischen slowakischen Politikern und lokalen Unternehmern der ´ndrangheta. Antonino V. war dann allerdings wieder freigelassen worden, da die nötigen Beweise fehlten.

Laut der Ermittler war er für die Einfuhr von Rauschmitteln aus Südamerika zuständig, wobei er sich juristischer Personen und Unternehmen bediente, die zwar nicht auf ihn eingetragen, aber auf ihn zurückführbar seien. Die italienischen Behörden hatten Antoninos V. Auslieferung von der Slowakei gefordert, welche entschied, den europäischen Haftbefehl zu erfüllen und ihn den italienischen Behörden zu übergeben.

Wer ist Antonino V.?

Antonino V. alias “Compare Nino” (=“Kumpan Nino”) ist gebürtig aus Bova Marina bei Reggio Kalabrien. Er ist der Sohn von Giovanni V., alias “Cappidazzu”, und der Bruder von Bruno und Sebastiano. Vor knapp 20 Jahren wurde er beschuldigt, Domenico V. bei seiner Flucht geholfen zu haben, welcher später zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt wurde. Die Ermittler vermuteten, dass V. zur Kontaktperson zwischen dem Clan von Bova Marina und der Mafiavereinigung Zindato von Reggio Kalabrien (die wiederum an die Mafiosi-Familie Libri gebunden ist) geworden war. 2014 erfuhr die italienische Finanzpolizei von einem Treffen wichtiger Mafiosi in der Provinz um Lodi bei Mailand, an der anscheinend auch Antonino V. teilnahm, um eine mögliche Kokainlieferung zu besprechen. Laut Ermittlungen zog er zu dem Zeitpunkt schon in die Slowakei um. Die slowakische Presse berichtete über V. als einen in Landwirtschaft, Energie- und Immobilienindustrie involvierten Geschäftsmann, der Beziehungen zu wichtigen, dem Premierminister nahen Politikern pflegte, die jedoch nach Kuciaks Ermordung zurücktraten.

Bis heute ist nicht ermittelt morden, wer die Täter im Mordfall Kuciak und seiner Verlobten waren. Auch wer die Hintermänner der Tat sind, ist nicht bekannt. Zuletzt erregte die slowakische Polizei Aufsehen, weil sie das Telefon einer tschechischen Journalistin beschlagnahmte, die eng mit Kuciak zusammenarbeitete. Das Telefon wurde der Journalistin bis heute nicht zurückgegeben. Warum die slowakische Polizei so viel Energie darauf verwendet, mehr über Kollegen von Kuciak zu erfahren, ist indes unklar. Journalistenorganisationen kritisieren ihr Vorgehen mit drastischen Worten. Anstatt die Mörder zu jagen, heißt es, kümmere sich die Polizei mehr darum, die Quellen einer rechtschaffenen und mutigen Journalistin zu gefährden.

Drogenhandel in Südamerika: Wer sind die Akteure?


Auf dem Kongress „Contromafie“, der in Rom Anfang Februar zum vierten Mal stattfand, leistete Lucia Capuzzi, Journalistin der italienischen Tageszeitung „Avvenire“ und Expertin für Südamerika, einen interessanten Beitrag zum Thema „Drogenhandel und mexikanische Drogenkartelle“. Ihr Vortrag lädt uns ein, unseren Blick auch auf andere kriminelle Akteure zu richten, die jedoch mit denen in Europa in Verbindung stehen und zusammenarbeiten. Wir müssen bedenken, dass im letzten Bericht der italienischen parlamentarischen Antimafia-Kommission die `Ndrangheta als führend beim Kokain-Handel bezeichnet und ihre Nähe zu südamerikanischen Drogenhändlern betont wurde. Seit einiger Zeit hat die kalabrische Mafia bevorzugte Beziehungen zu ihnen geknüpft und strategische Zellen geschaffen, um den Drogenmarkt möglichst effektiv zu steuern.

Lateinamerika ist ein Kontinent, der offiziell als friedlich gilt, doch in Wahrheit gibt es dort eine so hohe Rate von Gewaltkriminalität, dass man buchstäblich von einer Epidemie sprechen muss: Auf dem Kontinent leben 9% der Weltbevölkerung, doch es ereignen sich dort laut offiziellen Statistiken 33 % der Morde weltweit. Das Jahr 2017 hat den absoluten Rekord bei Gewaltverbrechen aufgestellt: Man registrierte in Mexiko mehr als 25 000 Morde, durchschnittlich 80 am Tag!

Das ist das Umfeld, in dem die Banden der Organisierten Kriminalität agieren. Und für ihre illegalen Geschäfte nutzen sie den größten Schwarzmarkt des Kontinents: den für Drogenhandel. In Südamerika finden sich nämlich drei der weltweit wichtigsten Länder für die Kokain-Produktion: Kolumbien, Peru und Bolivien. Außerdem werden, und das vor allem in Mexiko, riesige Mengen von Cannabis und Heroin produziert, wobei das Heroin hauptverantwortlich ist für den aktuellen Drogen-Notstand in den USA. Die mexikanischen Drogenkartelle nehmen in zunehmendem Maße den Drogenmarkt Richtung Norden mit den Vereinigten Staaten in Beschlag und werden auch zu wichtigen Akteuren Richtung Süden und pflegen Beziehungen zu den kolumbianischen Drogenhändlern. Außerdem haben die mexikanischen Kartelle ihr Geschäft auf Europa ausgedehnt. Der europäische Markt wird vor allem von der `Ndrangheta und von Cosa Nostra gesteuert, weshalb die Mexikaner Vertrauensverhältnisse zu diesen beiden italienischen Mafien aufgebaut haben. Die mexikanischen Gruppen haben über den Absatz in Afrika auch Kontakt zu Al Qaeda und zur Hizbollah und durch den Handel mit Meth zu den chinesischen Triaden.

Drogenhandel ist die Hauptaktivität der mexikanischen Kartelle. Die Drogenhändler sind in ihrem Gebiet dank paramilitärischer Gruppen aktiv, die sozusagen der verlängerte, brutale Arm der Kartelle geworden sind. Die Drogen werden dann exportiert und in den meisten Fällen in Europa und in den Vereinigten Staaten konsumiert, wo die Nachfrage nicht nachzulassen scheint. Die Profite aus dem Drogenverkauf dienen nicht mehr nur zur Korruption und dazu, den Markt zu dominieren, sondern man will sich auch Zugang zu anderen Märkten verschaffen und sie nutzen. Auf diese Weise diversifizieren sie ihre Geschäfte. Der für Lateinamerika im Augenblick lukrativste Bereich ist die Ausbeutung der Bodenschätze, in den die kriminellen Organisationen eindringen können. Es ist also kein Zufall, wenn auf diesem Kontinent weltweit die meisten Morde an Umweltschützern zu verzeichnen sind: Sich mit diesen Themen zu befassen und sich diesem Bereich zu nähern bedeutet oft, sich millionenschweren kriminellen Interessen entgegenzustellen. (Die Nichtregierungsorganisation Global Witness zählt, nur für das Jahr 2017, 197 in Südamerika ermordete Umweltschützer)

Weshalb also ist es so wichtig, den Blick auch auf den Drogenhandel in Lateinamerika zu richten? Die beständige Zusammenarbeit mit den europäischen Mafien bewirkt einen Teufelskreis, der es den kriminellen Banden ermöglicht zu überleben und zu verdienen dank des Verkaufs illegaler Waren. Und die mexikanische Zivilgesellschaft z.B. bezahlt dafür einen hohen Preis: In den letzten 10 Jahren musste sie sich mit dem traurigen Phänomen der Desaparecidos auseinandersetzen (In Mexiko sind in den vergangenen 10 Jahren 35000 Leute einfach verschwunden). Die willkürliche Entführung und Gefangennahme von jungen Leuten durch kriminelle Organisationen ist ein Drama, das viele mexikanische Familien durchleben müssen. Häufig finden diese Familien dann kein Gehör bei den Behörden. Und sobald die Angehörigen das Verschwinden eines Familienmitglieds anzeigen, leiten die mexikanischen Behörden eine  richtiggehende Kriminalisierung der Opfer ein. Der Typus der verschwundenen jungen Leute ist immer der gleiche: Junge Männer und Frauen zwischen 18 und 32 Jahren. Deshalb haben die Familien Vereine gegründet um ihrerseits ihre Angehörigen zu finden und um gemeinsam eine Antwort von den Behörden zu fordern. Dies macht z.B. der Verein „Fuerzas Unida por Nuestros Desaparecido en México“, der Mitglied im internationalen Netzwerk der italienischen Antimafia-Organisation Libera ALAS (America Latina Alternativa Social) ist. ALAS besteht aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die es sich zur Aufgabe machen, die soziale Antimafia in Mittel- und Süd-Amerika bekannt zu machen.

Die Ermordung von Jan Kuciak: Ein neuerlicher Angriff auf die Pressefreiheit.


In der letzten Wahlkampfphase in Italien wurde ein Thema weiterhin auffällig totgeschwiegen: Das Problem der Organisierten Kriminalität, im Lande selbst wie auch im Ausland. Und das obwohl – wie unter anderem Staatsanwalt Grattiere anmerkt – die kalabrische Mafia auch nach den Duisburger Morden weiterhin praktisch ungestört ihren Geschäften nachgeht, häufig in einem Graubereich zwischen Legalität und Illegalität.

Das zeigen die Hintergründe des jüngsten schweren Angriffs auf die Pressefreiheit, nur wenige Monate nach der Ermordung von Daphne Caruana Galizia: Am 25. Februar dieses Jahres wurden der erst 27 Jahre alte slowakische Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova tot in ihrer Wohnung in Velka Makva (65 km von Bratislava entfernt) aufgefunden. Wie die maltesische Journalistin hatte auch Kuciak an den Panama Papers gearbeitet.

Dieses Ereignis hat die Slowakei tief erschüttert, insbesondere die Zivilgesellschaft ist traumatisiert – so etwas wie die Tötung eines investigativen Journalisten hatte das Land bislang noch nicht erlebt. Bei der Onlinezeitung Aktuality.sk, für die Kuciak arbeitete, hat man von Anfang an keine Zweifel an dem Mafiahintergrund der Ermordung des Kollegen gehabt: Auf der Homepage der Onlinezeitung prangt seither der Schriftzug “’ndrangheta” sowie die Schlagzeile: “Italienische Mafia in der Slowakei!”

Kuciak hatte zuletzt daran gearbeitet, die Verbindungen zwischen der ’ndrangheta und der slowakischen Politik- und Geschäftswelt aufzudecken: Das hat schon seit über einem Jahr für Unruhe auf mehreren Seiten geführt, wie die Drohungen deutlich machen, die der Journalist vonseiten des Unternehmers Marian Kocner erhalten hatte (die diesbezügliche Strafanzeige verlief im Sande), aber auch die Rücktrittsforderungen, die hunderte Demonstranten an Innenminister Robert Kalinak richteten, dem seine Nähe zum Five Star Residence – Bauunternehmer Ladislav Basternak vorgeworfen wird.

Kuciak hatte einen Artikel zu der Affäre um mögliche Steuerhinterziehungen im Zusammenhang mit Five Star Residence Luxusapartments geschrieben, der allerdings nicht sofort, sondern erst am 9. Februar veröffentlicht wurde. Kuciak recherchierte unterdessen weiter und wurde kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels ermordet, in dem es ihm gelungen war, sämtliche Verstrickungen von Politikern und Geschäftsleuten im Zusammenhang mit der Veruntreuung europäischer Gelder aufzudecken. Es ist im Übrigen typisch für die ’ndrangheta, im Ausland Gelder über vermeintlich legale Geschäfte zu waschen.

Besonders in Osteuropa hat die kalabrische Mafia nach dem Fall der Berliner Mauer die Geschäftswelt unterwandert und dabei die sich auftuenden neuen Investitionsmöglichkeiten ausgenutzt: In der Slowakei sind beispielsweise Familien der ’ndrine, die aus Bova Marina und Africo Nuovo eingewandert sind, im landwirtschaftlichen Bereich aktiv. Kuciaks letzter Artikel ist einer der wenigen Versuche, diese Aktivitäten aufzudecken und behandelte unter anderem die Nutzung von EU-Geldern in den Bereichen Landwirtschaft und Solarenergie: die genannten Familien haben allein zwischen 2015 und 2016 acht Millionen Euro vom slowakischen Staat erhalten, sechs Millionen für erneuerbare Energien sowie zwei Millionen Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (2014 – 2020).

Die Morde und die nun aufgedeckte umfassende Korruption innerhalb der Regierungspartei (Smer-SD) haben die slowakische Politik in eine tiefe Krise gestürzt. Die persönliche Assistentin von Premier Fico etwa, Maria Troskova, hatte 2011 über das Unternehmen GIA Management im Bereich Solarenergie Geschäfte mit dem Unternehmer Antonio Vadalà gemacht, der, wie Kuciak in seinem letzten Artikel nachweisen konnte, Verbindungen zur ’nrangheta hat. Das frühere Fotomodell ist nach dem Mord an dem jungen Journalisten zurückgetreten, ebenso wie der Leiter des Sicherheitsrates, Viliam Jasan. Jasan hatte 2016 ein privates Sicherheitsunternehmen, Prodest, gegründet, an welchem ausgerechnet ein Vetter von Vadalà, Pietro Catroppa beteiligt war, und er war es auch, der Maria Troskova in die Politik einführte (sie war seine Assistentin im Parlament), wohl über einen gemeinsamen Bekannten, dessen Name nie genannt wurde, von dem inzwischen aber klar sein dürfte, aus welchen Kreisen er stammt. Aber mit den Rücktritten von Troskova, Jasan und Kulturminister Marek Madaric ist die politische Krise in der Slowakei nicht ausgestanden: Die Opposition fordert auch den Rücktritt von Kalinak und von Polizeipräsident Tibor Gaspar.

Vadalà wurde gemeinsam mit seinem Bruder Bruno und seinem Vetter Pietro Catroppa verhaftet, ebenso   noch vier weitere bekannte Persönlichkeiten, nämlich Sebastiano V., Diego R., Antonio R. und Pietro C. Sie alle wurden nach 48 Stunden wieder aus der Untersuchungshaft entlassen, da keine ausreichenden Gründe für eine Verlängerung der Untersuchungshaft vorlagen.

Die Ermordung von Jan Kruciak und seiner Verlobten macht nicht nur das Problem der ’ndrangheta in Europa an sich deutlich, sondern auch die Notwendigkeit, auf europäischer Ebene neue Maßnahmen zu ergreifen. Für den Europaabgeordneten Sven Giegolg wäre etwa die Schaffung eines europäischen FBI ein  Fortschritt im Kampf gegen die Organisierte und andere Formen von Kriminalität. Das europäische Parlament hat eine Delegation nach Bratislava entsandt, und auch die slowakische Zivilgesellschaft reagierte umgehend und protestiere am 02.03. mit einem Schweigemarsch durch die Hauptstadt (mit ca. 25.000 Teilnehmern); dem Protestmarsch haben sich mehrere Journalisten und auch Staatspräsident Andrej Kiska angeschlossen, der sich in den letzten Tagen auch für vorgezogene Neuwahlen ausgesprochen hat, sollte man sich nicht auf eine Regierungsumbildung einigen können. Premierminister Robert Fico hat die von den Demonstranten geäußerten Vorwürfe kleingeredet und eine vermeintliche Verschwörung der Opposition zur weiteren Unterminierung der Glaubwürdigkeit seiner Regierung angeprangert: Die slowakische Regierung scheint derzeit also offenbar nicht gewillt, dem Aufruf von Staatspräsident Kiska zu folgen oder auf die Vertrauenskrise zu reagieren, die das Land erfasst hat.