Filippo Spiezia: „Die Europäische Kommission will das operative Budget von Eurojust kürzen. Das ist inakzeptabel und widerspricht den Werten der EU“


Der Vizepräsident von Eurojust spricht auf der Konferenz “Mafia: ein europäisches Problem“, die im Europäischen Parlament organisiert wird. Brüssel, 5. Februar 2020.

Am 5. Februar fand im Europäischen Parlament
in Brüssel die Konferenz “Mafia: ein europäisches Problem“ statt, die von der
Europaabgeordneten Sabrina Pignedoli gefördert wurde und bei der unter den
Rednern der Vizepräsident von Eurojust, Filippo Spiezia, war. Seine Rede gab
den Anwesenden einige wichtige Punkte zum Nachdenken, die es wert sind, sie noch
einmal durchzugehen.

Zu Beginn erinnerte Filippo Spiezia an die Ermittlungsoperation Pollino, auch bekannt als die europäische „‘ndrangheta-Verbindung“, die 2018 zur Verhaftung von 90 Personen führte und eine der wirksamsten Reaktionen der Strafverfolgungsbehörden auf europäischer Ebene gegen Mafiaorganisationen bildete. Insbesondere lobte er die Arbeit seines deutschen Kollegen Uwe Mühlhoff, Staatsanwalt in Duisburg, der ebenfalls als Referent auf der Konferenz anwesend war. Herr Spiezia sprach über einen wichtigen professionellen Weg, den Herr Mühlhoff und er beschritten haben und er lobte dessen Engagement und Mut. Dank ihm sei eine operative Achse von grundlegender Bedeutung zwischen Italien und Deutschland entstanden.

Der Vizepräsident von Eurojust hat eine Vorschau auf einige Daten präsentiert, die das Ergebnis der Arbeit der Agentur für das Jahr 2019 sind. Dabei betonte er, wie wichtig es ist, dies an einem Ort wie dem Europäischen Parlament zu tun, wo sich die Agentur direkt an die politische Macht wenden kann, um Bewertungen vorzunehmen und einige mögliche Wege aufzuzeigen, die zu beschreiten sind. Spiezia argumentiert, dass es notwendig ist, im Rahmen einer erneuerten Strategie andere Lösungen zur Bekämpfung der Mafia in Europa zu finden. In seiner Analyse bleibt ein richtiger Ausgangspunkt „die neue EU-Strategie für das neue Jahrtausend gegen das organisierte Verbrechen“ vom Mai 2000 (C:2000:124:TOC), die eine außerordentliche Aktualität und Wirksamkeit sowie einige wichtige programmatische Punkte aufweist, die noch nicht umgesetzt wurden. Es ist daher notwendig, von diesem Dokument, das wichtige Meilensteine im Kampf gegen die organisierte Kriminalität enthielt, erneut auszugehen und die notwendigen Ergänzungen zu bewerten.

Aber was meinen wir, wenn wir von organisiertem Verbrechen und der Mafia sprechen? Im Moment, so Spiezia, haben wir weder eine gemeinsame juristische Definition von dem, was organisierte Kriminalität ist, noch eine international gültige juristische Definition des Mafiabegriffs. Zwar definiert das Übereinkommen von Palermo aus dem Jahr 2000, Art. 2(a), die organisierte kriminelle Gruppe: „eine strukturierte Gruppe, die für einen bestimmten Zeitraum besteht und sich aus drei oder mehr Personen zusammensetzt, die gemeinsam mit dem Ziel handeln, eine oder mehrere Straftaten zu begehen […], um […] einen finanziellen oder anderen materiellen Vorteil zu erlangen“. Aber dies ist ein Konzept, das eher eine Frage der Doktrin als der rechtlichen Definition ist. Die mafiöse Vereinigung hingegen ist vom italienischen Gesetzgeber durch das Gesetz Rognoni-La Torre (Art. 416-bis des Strafgesetzbuches) von 1982 für Verbrechen definiert und beschreibt genaue Übereinstimmungen.

Die Tatsache, die uns Sorgen macht, ist, dass es keine perfekte Übereinstimmung zwischen organisierter Kriminalität und Mafia-Kriminalität gibt. Die Mafia ist eine Form des organisierten Verbrechens, aber nicht das gesamte organisierte Verbrechen ist eine Mafia“, sagt Spiezia.

Auf praktischer Ebene ist der Hauptunterschied durch die Stabilität des kriminellen Projektes gegeben: Die Mafia zeichnet sich durch ihr Ziel aus, innerhalb der Territorien und sozialen Gemeinschaften eine Form von Antistaatlichkeit auszuüben, die auf die Kraft der Einschüchterung zurückzuführen ist (die ein normativer Parameter von 416-bis ist). Hier liegt die Wurzel des Problems: das Ziel der Mafia-Organisationen, ein stabiles kriminelles Projekt auf Dauer durchzuführen. Dies hat es den Mafiaorganisationen ermöglicht, eine ihnen eigene Entwicklung zu vollziehen, ausgehend von den Ursprungsgebieten, um danach andere Regionen Italiens und das Ausland zu erreichen.

Spiezia analysiert anschließend die Daten von Eurojust und unterstreicht, dass die Tätigkeit der Agentur in den letzten Jahren zugenommen hat. Insbesondere zwischen 2018 und 2019 hat Eurojust seine Tätigkeit um 17% erhöht und bis zu 8000 Ermittlungen in Fällen von grenzüberschreitender Kriminalität (2019) unterstützt.

Betrachtet man jedoch die juristischen Daten der Einrichtung, so ist festzustellen, dass die mafiöse organisierte Kriminalität nicht zu den vorrangigen Aktionsbereichen der Europäischen Union gehört. Sie ist zweifellos in den justiziellen Daten von Eurojust enthalten, wird aber nicht formell zu den vorrangigen Bereichen gezählt, da sie nicht unter die in den offiziellen Dokumenten der Union berücksichtigten Klassifizierungsparameter fällt. Paradoxerweise wird das Mafia-Phänomen daher nicht als Priorität betrachtet. Aus welchem Grund?

Zunächst einmal gibt es ein Klassifizierungsproblem im Hinblick auf die Präsenz mafiöser Organisationen außerhalb ihrer Herkunftsgebiete. Der italienische Kassationsgerichtshof bietet zwei verschiedene Rahmen, die offenbar im Gegensatz zueinander stehen. Die erste Ausrichtung erfordert den “Nachweis, dass diese Organisation die Fähigkeit hatte, mafiöse Kontrolle über das neue Entwicklungsgebiet auszuüben. Die andere Denkschule behauptet, dass es nicht notwendig ist, die Projektion mafiöser Einschüchterung auf das neue Territorium zu beweisen, wenn es eine offensichtliche Verbindung zum Mutterland gibt„“. Um den Interpretationskonflikt zu lösen, äußerte sich der Präsident des Obersten Kassationsgerichtshofs am 17. Juli 2019 zu der Angelegenheit und argumentierte, dass das Problem nur den „Beweis der mafiösen Methode“ betreffe. Für die neu entstandenen Mafien, die sich außerhalb ihrer ursprünglichen Zentren konstituieren, ist es notwendig, dass sich die neue Zelle als Mafia-Zelle manifestieren und ausdrücken kann, daher muss die Projektion der Mafia auf das Territorium gefunden werden. Im Gegensatz dazu muss man für die Zusammenschlüsse, welche die Manifestation bereits im Mutterland existierender Zellen sind, nicht hingehen und beweisen, dass sich auf dem Ursprungsgebiet eine neue Mafiazelle befindet.

Ein Beispiel für diese juristische Sicht, die nicht leicht verständlich ist, bildet die Operation Pollino: Für die Mafiosi, die nach Duisburg gehen – oder, allgemeiner, für Geschäfte in Deutschland und Holland – muss nicht nachgewiesen werden, dass sich eine neue Mafiazelle gebildet hat. Es genügt zu wissen, dass das in Duisburg aktive Mafia-Subjekt einer mafiösen kriminellen Organisation – der ’ndrangheta – angehört, die in Kalabrien bereits nachweislich existiert.

Es gibt also ein Problem der Entstehung des Phänomens auf europäischer Ebene. Dies hängt laut Spiezia in erster Linie von der Vorgehensweise der im Ausland operierenden Mafien ab. Diese sind immer stiller, auf das Geschäft und den Erwerb von Märkten ausgerichtet. Sie reproduzieren im Ausland oft nicht jene Formen der Einschüchterung und Gewalt, die sie in ihrem ursprünglichen Kontext anwenden. Sie zeigen stattdessen „ein eher harmloses Gesicht“. Daher ist es schwierig, sie wahrzunehmen, es sei denn, es gibt einen Konflikt mit anderen kriminellen Gruppen, die auf dem Territorium aktiv sind, was zu Situationen führt, in denen – wie im Fall von Duisburg – die Mafia wieder ihr gewalttätiges Gesicht zeigt, weil die Kontrolle und Hegemonie auf dem Territorium wieder auf dem Spiel steht.

Die Wahrnehmung des Phänomens wird aber auch durch den mangelnden und inhomogenen Rechtsrahmen auf europäischer Ebene blockiert. Heute wird ein Rechtsrahmen – der Rahmenbeschluss von 2008 zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität (QD 2008/841/JI) – verwendet, der völlig unzureichend ist. Es ist notwendig, eine Gesetzgebung zu haben, die das Geschäftsmodell dieser kriminellen Organisationen erfasst, die das widerspiegelt, was organisierte kriminelle Gruppen heute auf europäischer Ebene tun. Es ist wichtig, ihren transnationalen Charakter zu berücksichtigen. Heute betont der Richter nachdrücklich, braucht es eine entsprechende Gesetzgebung auf europäischer Ebene, die dieser Transnationalität Rechnung trägt und auf dieser Grundlage eine Verschärfung der Strafmaßnahmen ermöglicht. Es handelt sich um ein Rechtsvakuum, das gefüllt werden muss, wie es auch für Kronzeugen und Belastungszeugen der Fall ist. Der stellvertretende Direktor von Eurojust weist darauf hin, dass oft kreative Lösungen angewandt werden, weil es nicht die richtigen Instrumente gibt, um die erforderliche Arbeit effektiv durchzuführen. Dann braucht es sicherlich eine Stelle, welche – in einem europäischen und zentralisierten Schlüssel – die bei den Mafien beschlagnahmten Vermögenswerte verwaltet. Nach Angaben der EU werden nur 1% der Gewinne dem organisierten Verbrechen entzogen. Wenn wir den Kampf gegen die Mafia gewinnen wollen, ist dies eine Tendenz, die umgekehrt werden muss.

Die hitzigste und an der öftesten gehörten Überlegung betrifft jedoch die Arbeitsbedingungen von Eurojust. Die wertvolle Arbeit der Europäischen Agentur für die juristische Koordinierung ist aufgrund von erheblichen Haushaltskürzungen gefährdet. In diesem Zusammenhang appelliert Spiezia an die europäischen Institutionen: „‚Seien Sie vorsichtig, um nicht die operative Kapazität der Koordinierungsstelle gegen Mafiaorganisationen (Eurojust n.d.r.) zu schwächen. Wir kämpfen gegen das Problem des multi-finanzierten Rahmens. Wissen Sie, was das ist? Es sind die Budgetobergrenzen, die festgelegt werden, um die Budgetzuweisungen für die folgenden Jahre zu bestimmen. Wir haben einen operativen Haushalt für Eurojust, der für dieses Jahr 41 Millionen Euro beträgt. Der Vorschlag der Europäischen Kommission für die kommenden Jahre beläuft sich auf 33 Millionen Euro. Das bedeutet, dass wir nach den Prognosen der Europäischen Kommission die Türen schließen können. Das nennt man den „Abschalteffekt“, den ich als Richter und als Vertreter der Institutionen nicht akzeptieren kann. Die Tatsache, dass die Vertreter der Kommission – die zum ersten Mal im Kollegium von Eurojust sitzen – diesen Vorschlag unterstützen, ist nicht respektvoll gegenüber den Werten, auf die sich die europäische Institution gründet“.

Der italienische Richter bekräftigt daher die Notwendigkeit, die justizielle Koordinierung auf europäischer Ebene und die Funktionsweise von Eurojust zu verstärken. Er kritisiert die manchmal abnormale Wahl der europäischen Institutionen bei der Zuteilung von Ressourcen. Er nimmt das Beispiel anderer Strafverfolgungsbehörden, die vielleicht unverhältnismäßig gestärkt werden, wie Frontex, die in den nächsten Jahren durch die Einstellung von 10000 Personen verstärkt werden soll, mit dem Ziel, eine operative Küstenwache zu schaffen und nicht mehr nur die Mitgliedstaaten zu unterstützen. Er unterstreicht auch die unvermeidliche Komplexität der europäischen bürokratischen Maschinerie, bei der es ein Problem mit der konsistenten Informationsübermittlung gibt. Was Eurojust betrifft, so erinnert Spiezia daran, dass der EU-Justizkommissar, als er von der schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Situation der Agentur erfuhr, nicht wusste, wovon gesprochen wurde, weil eine andere Sektion der EU (DG HOME) mit diesen Fakten befasst war. Die EU muss daher ihre Prioritäten überprüfen, Funktionsstörungen beseitigen und ihre Maßnahmen verstärken. Es reicht nicht aus, nur Fachwissen bereitzustellen, sondern man muss auch durch angemessene Unterstützung und ausreichende Ressourcen unterstützt werden.

Daher muss – durch die Einführung neuer Instrumente, die Stärkung der operativen Strukturen und die Überarbeitung des Rechtsrahmens – der Kampf gegen mafiöse organisierte Kriminalität im Rahmen einer neuen Strategie zu den Prioritäten der EU gehören.

Zum Abschluss der Konferenz brachte Herr Spiezia die Hoffnung zum Ausdruck, dass die anwesenden politischen Instanzen die Bedürfnisse und Forderungen der Berichterstatter berücksichtigen werden, um eine Initiative zu fördern, die zu einem Konsens und einem Richtlinienvorschlag für eine neue europäische Gesetzgebung zur organisierten Kriminalität führen wird.

Dusan Desnica (aus dem Italienischen übersetzt) © mafianeindanke, 20 febbraio 2020

Mafia in Europa


Es war 1962, als der amerikanische Mathematiker Edward Lorenz den sogenannten „Schmetterlingseffekt“ studierte und entwickelte, wahrscheinlich inspiriert von „A Sound of Thunder“, einer Geschichte von Ray Bradbury. Der Schriftsteller des berühmten Romans Fahrenheit 451 stellt sich vor, dass in einer dystopischen Zukunft im Jahr 2055 der Protagonist, ein Jäger, der eine „Safari in der Zeit“ unternimmt, einen Schmetterling zerquetscht und dadurch politische, soziale und kulturelle Veränderungen in seiner Gegenwart bewirkt.

Lorenz entwickelte mathematisch und physikalisch die Hypothese, dass „ein Schlag mit den Flügeln einer Möwe ausreichen würde, um den Klimaverlauf für immer zu verändern“: Die Möwe, die später zu einem romantischeren Schmetterling wurde, würde eine Verdrängung von Materie bewirken, die unendlich kleine, aber entscheidende Veränderungen in der Realität auslösen würde, die auch dazu führen könnten, dass ein Hurrikan in einem ganz anderen Teil der Welt entsteht.

Die sehr suggestive Theorie von Lorenz, die mit einer beeindruckenden Vorstellungskraft verbunden ist, war die Grundlage für erfolgreiche Drehbücher wie Donnie Darko und The Butterfly Effect; sie hat Sänger und Künstler inspiriert und im Laufe der Zeit dazu beigetragen, um philosophische Theorien über menschliches Schicksal und Umwelttheorien über den Klimawandel zu erklären.

Unter den verschiedenen Anwendungen des Konzepts ist interessant, dass der Schmetterlingseffekt oft zur Erklärung der Globalisierung genutzt wird: Der globale Markt, fälschlicherweise als unvermeidlich und Teil der menschlichen Evolution definiert, hat im Laufe der Zeit unsichtbare Verbindungen zwischen Orten in der Welt ausgelöst, die offensichtlich voneinander getrennt sind. Ein Brand in einer Schuhfabrik in Thailand kann beispielsweise einem in den USA ansässigen multinationalen Unternehmen erheblichen Schaden zufügen, seinen Börsenkurs abstürzen lassen und die Beschäftigung in den Gebieten der Welt, in denen das multinationale Unternehmen tätig ist, beeinträchtigen. Das emblematischste Beispiel ist sicherlich die Große Krise von 2008: Die Deregulierung der Finanzmärkte ermöglichte unglaubliche – und komplizierte – Spekulationen der größten Finanzakteure in den Vereinigten Staaten (darunter Goldman Sachs und JP Morgan), insbesondere auf dem Immobilienmarkt. Mit dem Platzen der Spekulationsblase wurde ein Dominoeffekt ausgelöst, der zunächst zum Konkurs der größten Versicherungsgesellschaft der Welt (AIG) führte, dann zum Zusammenbruch der Weltbörse und dadurch Auswirkungen auf das alltäglichen Leben von Millionen von Menschen hatte, insbesondere in den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern.

Die Globalisierung hat bewirkt, dass wir orientalische oder südamerikanische Produkte in den Regalen unserer Supermärkte finden; sie hat uns ermöglicht, die politischen Kontroversen dieses oder jenes Sub-Sahara-Landes zu kennen; sie hat uns ermöglicht, wirtschaftliche und soziale Realitäten, die sehr weit voneinander entfernt sind, zu verbinden und Brücken zu bauen. Aber wie der Schmetterlingseffekt lehrt, entspricht jedem Flügelschlag ein Hurrikan.

Einer der vielen, zu vielen negativen und unkontrollierten – aber nicht unkontrollierbaren – Auswirkungen der Globalisierung war und ist das exponentielle Wachstum der organisierten Kriminalität: die semi-feudalen sizilianischen Mafiafamilien, die barbarischen „ndrine“ der „Ndrangheta“, die Camorristen-Clans haben beschlossen, Englisch, Deutsch und Spanisch zu lernen und hatten die Fähigkeit, die italienischen und europäischen Grenzen zu überschreiten. Aus diesem Grund ist die Definition der Merkmale der italienischen kriminellen Organisationen heute sehr schwierig und komplex. Janusköpfig sind sie in der Tat einerseits tief in ihr Herkunftsgebiet eingebunden, wo sie weiterhin die Macht behalten haben, die tief mit dem Konsens der Bevölkerung verbunden ist; andererseits haben sie darüber hinaus eine starke Tendenz zur Ausbreitung und Erforschung jenseits der italienischen Grenzen auf der Suche nach den fruchtbarsten Ländern, um ihre kriminelle Saat zu säen und dann zu ernten.

An dieser Stelle ist es notwendig, eine Klammer zu öffnen. Seit Jahrzehnten differenzieren die Mafias ihre Investitionsbereiche, auf der Suche nach einer riesigen „Waschmaschine“ ihres immer in Betrieb befindlichen schmutzigen Geldes. Es ist von grundlegender Bedeutung für die Mafia, so viel wie möglich in legale Aktivitäten zu investieren, welche die Verwertung ihres schmutzigen Geldes aus dem Handel mit Drogen, Prostitution, Spitze usw. usw. usw. usw. usw. ermöglichen. Aus diesem Grund bedeutet heute von „Mafia-Organisation“ zu sprechen, von einem echten „Mafia-Unternehmen“ zu sprechen, dessen Hauptzweck der Gewinn ist, gekennzeichnet durch eine erneuerte Fähigkeit, sich mit dem legalen Markt und mit Agenten, die in der europäischen und globalen Wirtschaftslandschaft tätig sind, zu vermischen. Die Mafias verdienen, investieren und riskieren wie jedes andere Unternehmen und sind aufgrund ihrer immensen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit mit einigen wenigen multinationalen Unternehmen der Welt vergleichbar. Laut einer aktuellen Studie der Kommission gegen die Mafia des italienischen Parlaments haben italienische Mafias einen Umsatz (d.h. eine Summe von Einnahmen) von rund 150 Milliarden Euro und damit mehr als der größte italienische multinationale Konzern (Exor, zu dem beispielsweise Juventus und Fiat gehören, der 2018 einen Umsatz von 143 Milliarden erzielte).

Kapital. Investitionen. Globalisierung. Die goldenen Worte, die heute den ungezügelten Neoliberalismus kennzeichnen, sind die gleichen, die für die verschiedenen Formen der organisierten Kriminalität verwendet werden können, italienische (vor allem die ’ndrangheta) und ausländische (wie die mexikanischen und kolumbianischen Narcos und die russische Mafia). Und auch in diesem Fall nimmt der Schmetterlingseffekt seinen Lauf. Wie damals im Jahr 2007, als eine der typischen internen Fehden der ’ndrangheta – die zwischen den Clans Nirta-Strangio und Pelle-Vottari, die ihren Ursprung im kalabrischen Hinterland, in San Luca, dem Aspromonte-Mutterland hat und heute als stärkste kriminelle Organisation der Welt und Monopolist des europäischen Kokainmarktes gilt -,  ihre verheerenden Auswirkungen auf sehr entfernte Orte, geografisch und kulturell, hatte. Es ist in der Tat Deutschland, das Szenario, an dem am 15. August vor zwölf Jahren der innere Krieg zwischen den kalabresischen Clans endgültig beendet wurde. In Duisburg, einer Stadt, die für ihren Stahl und ihren riesigen Flusshafen bekannt ist, vor dem Restaurant Da Bruno (eine der vielen „Waschmaschinen“ der ’ndrangheta), wurde die typische germanische Stille durch die Explosion von Dutzenden und Aberdutzenden von Schüssen unterbrochen. Es gibt 6 Tote, die alle dem Clan der Pelle-Vottari angehören und zwischen 16 und 39 Jahren alt sind. Die beiden Auftraggeber, Giovanni Strangio und Francesco Nirta, wurden einige Jahre später nicht im trockenen San Luca verhaftet, nicht in Bunkern, die gut in den Abwasserkanälen Kalabriens versteckt waren, nicht in Häusern, die von einem verängstigten und stillen Viertel geschützt waren, sondern in Holland. Der erste wurde 2009 in Amsterdam verhaftet, der zweite bei Utrecht in Nieuwegein 2013.

Eine Fehde in San Luca, ein Massaker in Duisburg, zwei Verhaftungen in Holland: Das ist Globalisierung. Hier ist der Schmetterlingseffekt. Ferne Geschichten, die sich überschneiden, ferne Länder, die zu Szenarien für die gleichen Tragödien werden, scheinbar parallele Linien, die sich überschneiden und zu verschlungenen Labyrinthen führen.

Wie auch die Geschichten der letzten beiden unschuldigen Opfer der Mafia, Jan Kuciak und Martina Kusnirova, 27 Jahre alte Slowaken, ein Paar, das verlobt war, und Antonino Vadalà, geboren in Bova Marina, in der Provinz Reggio Calabria, der den italienischen Behörden seit Jahren bekannt war. Jan war ein brillanter Journalist und arbeitete an einer Untersuchung der Beziehungen zwischen ’ndrangheta und dem slowakischen Premierminister Robert Fico. Er war dabei, ein immenses Geschäft mit dem illegalen Abzweigen europäischer Gelder aufzudecken. Vadalà, der den italienischen Ermittlern bereits bekannt war, weil er den Drogenhändler Domenico „Mico“ Ventura versteckt hatte, floh aus Bova Marina in die Slowakei, wo er massive Geschäftsaktivitäten entfaltete und immer mehr Macht als Vertreter der kriminellen Vereinigung gewann und auch Beziehungen zum Premierminister des Landes aufbaute. Jans Ermittlungen wurden brutal am 21. Februar 2018 zu einem Ende gebracht, indem er und Martina in ihrem Haus ermordet wurden. Aber der Schmetterlingseffekt führte diesmal zu einem Hurrikan kollektiver Wut und Solidarität: Robert Fico wurde tatsächlich durch die Menschen auf den slowakischen Plätzen, die, gefüllt wie nie zuvor seit der Samtenen Revolution von 1989, waren, gezwungen zurückzutreten.

Immense wirtschaftliche Verfügbarkeit (vergleichbar mit einigen wenigen Staaten oder multinationalen Konzernen der Welt), interkontinentale Verzweigungen und Durchdringungsfähigkeiten in vielen Bereichen der Gesellschaft: Vielleicht hatte Marlon Brando, der Schauspieler, der den berühmten Paten spielte, recht, als er sagte, dass „die Mafia das beste Beispiel für den Kapitalismus ist, das wir haben“.

Die Bomben kommen später – die Expansion der “ndrangheta in einem Vortrag von Nando dalla Chiesa


Seit mehr als dreißig Jahren studiert der Soziologe Nando dalla Chiesa die italienische Organisierte Kriminalität. Er war damit einer der Pioniere dieser Materie, die heute in Italien auf relativ breiter Ebene wissenschaftlich erforscht wird. In Deutschland dagegen ist die systematische Analyse Organisierter Kriminalität weniger stark ausgeprägt. Und auch deshalb reist Dalla Chiesa einmal pro Jahr nach Deutschland und mutet sich einen wahren Vortragsmarathon zu: In mehreren Städten berichtet er dann binnen weniger Tage über seine Studien. Dieses Jahr referierte er in Leipzig, Halle, Hamburg, Potsdam und Berlin und bot den Zuhörern eine Zusammenfassung, die Essenz seines bisherigen Schaffens. Immer wieder blitzen persönliche Erfahrungen durch.
„Als ich als Student meine Abschlussarbeit über die Mafia schrieb, gab es das Wort Globalisierung noch nicht. Aber die Mafia war damals schon global und etwa in Kanada und den USA vertreten“, sagt Dalla Chiesa. Drei Fragen zogen sich als roten Faden durch seinen Vortrag: Warum expandieren die italienischen Mafia-Organisationen? Was versetzt sie in die Lage? Und was bedeutet das für die Gebiete, die „kolonialisiert“ werden?
Es ist durchaus überraschend, dass Dalla Chiesa den Begriff Kolonialisierung verwendet. Denn die Bilder, die er zeigt, erwecken einen anderen Eindruck. Man sieht darauf kleine Dörfer in Kalabrien. Sinopoli etwa, ein kleines Nest, deren Bewohner aber viele Immobilien auf der römischen Prachtmeile Via Veneto besitzen. Menschen aus ärmlichen Bergdörfern, so scheint es. Dörfer wie Platì oder San Luca, nach denen kein Hahn krähen würde, wenn nicht eine weltumspannende kriminelle Organisation daraus erwachsen wäre. Eine Organisation, die, so sagt Dalla Chiesa, nicht nur als Gangstervereinigung Macht erlangt hat, sondern auch eine spezielle Anthropologie.
So ist es kein Zufall, dass die Clans in ihrer Heimat nicht investieren. Man sieht das etwa, wenn man durch San Luca fährt. Die Häuser machen oft einen ärmlichen Eindruck, die Millionen, die ihre Bewohner mit Drogenhandel und anderen kriminellen und legalen Geschäften machen, kommen hier offensichtlich nicht an, zumindest nicht in sichtbarer Form. „Die ‚Ndrangheta braucht eine arme Heimatregion“, sagt Dalla Chiesa. „Denn dort fragen die Leute nicht nach Rechten, sondern nach Gefallen. Wo es Arbeit gibt, sind die Leute nicht abhängig.“ Und das würde die ‚Ndrangheta in ihrer Macht stark einschränken. Die ‚Ndrangheta investiert ihr Geld also auch deshalb im Ausland, nicht nur, weil dort das Risiko, dass die Werte beschlagnahmt werden, viel geringer ist.
Dalla Chiesa hat genau studiert, welche Veränderungen auftreten, wenn die ‚Ndrangheta neue Gebiete erschließt. Zum Teil konnte er das in Norditalien, wo er lebt und arbeitet, vor der eigenen Haustür beobachten: „Man sagte dort lange, die Mafia ist nicht gefährlich. Man sagte, sie bringen Geld, das ist nicht gefährlich. Aber dann bringen sie ihre Methoden, dann Bomben.“ Eine Gemeinde haben seine KollegInnen und er besonders genau analysiert, Bresciello. Die WissenschaftlerInnen konnten nachweisen, dass die ‚Ndrangheta ihr Schweigegelübde, die Omertà, in ihre eroberten Gebiete mitbringt.
Deutschland ist ein Fall, der besonders interessant ist. Vereinfacht lässt sich sagen: Die Expansion nach Westdeutschland gab zuerst Arbeit und Unterschlupf für Mafiamitglieder, der Osten Deutschlands wurde sofort nach der Wiedervereinigung dann Ziel für Investitionen. Ähnlich war die Reaktion in ganz Deutschland, ein „doppeltes Leugnen“. Zuerst wurde die Anwesenheit der Clans in der öffentlichen Meinung verneint, dann bei der Gesetzgebung ausgeblendet. Dalla Chiesa hat dafür eine Erklärung: Wenn man die Anwesenheit der Mafia zugibt, sinkt die Reputation und die Investitionen gehen zurück. Also negiert man sie lieber, solange es möglich ist.
Auch einige Sonderfälle ließen sich in der Bundesrepublik beobachten. So war etwa der Carelli-Clan in Italien ziemlich unbedeutend, als er nach Deutschland kam. Die Gruppierung nutzte Deutschland aber geschickt für sich als Labor und Schule. Hier konnten sie lernen und wachsen, weil sie hier, anders als in ihrer Heimat, wo der Konkurrenzdruck hoch und der zur Verfügung stehende Raum gering war, quasi ideale Bedingungen vorfanden.
Ein weiterer besonders interessanter Fall ist Erfurt, so interessant, dass Dalla Chiesa der thüringischen Landeshauptstadt Modellcharakter für die ‚Ndrangheta zuschreibt. Die Verbrecherorganisation habe dort das Monopol bei Restaurants und Pizzerien, was zur Folge hatte, dass hundert junge Männer aus dem 4000-Seelen-Ort San Luca in die Stadt kamen. Die ‚Ndrangheta wusste, wie sie sich bei den Bürgern der neu erschlossenen Stadt beliebt machen konnte: Sie spendete für den Fußballclub, für Waiseneinrichtungen und Kulturvereine.
Eine Feststellung Dalla Chiesa sollte uns eine doppelte Mahnung sein. Die Expansion der ‚Ndrangheta habe auch eine doppelte Wurzel: Einerseits führte die verstärkte staatliche Repression in Italien zum Ausweichen auf neue Territorien, andererseits zum Aufkommen interner Kriege. Was das bedeutet, wurde Deutschland 2007 vor Augen geführt, als ein Clan sechs Vertreter eines anderen Clans in Duisburg vor dem Mafia-Restaurant Da Bruno erschoss. Das Beispiel Italien zeigt, dass stärkere Repression also dringend geboten ist, wenn man die ‚Ndrangheta in ihrem Expansionsdrang bremsen will. In Deutschland hat sich diese Sicht bisher nicht durchgesetzt.

Wie die Mafia sich international ausbreitet, ein Vortrag von Prof. Luca Storti


Im Januar ist Prof. Luca Storti mit seinem Vortrag
„International expansion of Italian Mafias: a caleidoscopic phenomenon“ zu Gast
am Lehrstuhl für Organisations- und Verwaltungssoziologie der Universität
Potsdam. Die Mafia ist inzwischen längst ein globales Phänomen. Daher
untersucht er die territoriale Expansion der italienischen Mafias: Die Frage
ist, wie sie aus ihren ursprünglichen Territorien in fremde Territorien
expandieren. Hier kommen Studierende mit einem Thema in Berührung, das an
vielen Universitäten in Europa, insbesondere in Deutschland, noch
unterbelichtet ist.

Prof. Luca Storti ist Professor für Wirtschaftssoziologie an
der Universität Turin und Gründungsmitglied der Forschungsgruppe LARCO –
Laboratorio di Analisi e Ricerca sulla Criminalità Organizzata, der Analyse-
und Forschungswerkstatt zur Organisierten Kriminalität. Im Jahre 2015 nahm er
am Forschungsprojekt „Cross Border Italian Mafias in Europe: Territorial
Expansion, Illegal Trafficking, and Criminal Networks“ (CRIME) teil, das u.a.
Deutschland, die Schweiz, Frankreich, Belgien und die Niederlande auf mafiöse
Aktivitäten untersuchte.

Die italienischen
Mafias

Angesichts des hiesigen Standes der Forschung und Lehre zur
Mafia hat der Vortrag einen eher einführenden Charakter. Zu Beginn werden die
Unterschiede und Gemeinsamkeiten der historischen Mafias in Italien benannt:
Eine Karte zeigt die Cosa Nostra in Sizilien, die ’Ndrangheta in Kalabrien und
die Camorra in Neapel und Kampanien. Hingewiesen wird außerdem auf die relativ
jungen Mafias Sacra Corona Unita in Apulien, Basilischi in der Basilikata und
Stidda in Sizilien. Alle drei stehen in Zusammenhang mit den historischen
Mafias; erstere ist aus der Camorra entstanden, zweitere wird von der
’Ndrangheta kontrolliert und letztere hat sich von der Cosa Nostra abgespalten.
Die historischen Mafias sind sehr unterschiedlich strukturiert: Die Cosa Nostra
ist pyramidal, die ’Ndrangheta horizontal und die Camorra fragmental
organisiert. Dementsprechend variieren ihre expansiven Vorgehensweisen.

Prof. Luca Storti zufolge sind die Mafias sowohl „power
syndiactes“ als auch „enterprise syndicates“, eine konzeptionelle
Unterscheidung von Alan Block (1980), emiritierter Professor für Kriminologie
Judaistik der Universität Penn State, USA. „Enterprise syndicates“ sind
Organisationen, die auf illegalen Märkten, z.B. durch Drogenhandel Gewinne
erzielen. „Power syndicates“ sind solche, die das Territorium und die lokale
Gesellschaft kontrollieren.

Die Typen
territorialer Expansion

In Bezug auf das Verhältnis zum ursprünglichen Territorium
werden zwei Formen der Expansion voneinander unterschieden: Im ersten Fall
bleiben die Beziehungen zur ursprünglichen Organisation und zum Territorium
bestehen, die expandierte Mafia bleibt abhängig von den traditionellen
Strukturen. Im zweiten Fall bildet sich eine ganz und gar unabhängige
Organisation heraus. Im ersten Falle lässt sich die Expansion als
„Transplantation“ – die vollständige Reproduktion der Mafia in einem neuen
Territorium – oder als „Infiltration“ – das langsame Eindringen der Mafia in
ein neues Territorium, das nur einige Merkmale der Mafia aufzeigt –
beschreiben. Häufig erscheint die Mafia hierbei nur als „enterprise syndicate“,
d.h. dass die Mafia in illegale oder gar legale Märkte (z.B. Investitionen in
die Immobilienwirtschaft) des neuen Gebiets eindringt, ohne die lokale
Gesellschaft zu kontrollieren.

Um das Thema Mafien in Europa zu vertiefen, eignen sich Texte,
an denen Prof. Luca Storti als Co-Autor mitwirkte:

  • Italian Mafias across Europe (mit J. Dagnes e D. Donatiello), in Mafias today, F. Allum, R.
    Sciarrone , I. Clough-Marinaro, di prossima pubblicazione.
  • La questione delle mafie italiane
    all’estero: stato dell’arte e temi emergenti

    (mit J. Dagnes, D. Donatiello, R. Sciarrone), in «Meridiana», 2016, n. 4, pp.
    149-172.
  • The territorial expansion of mafia-type
    organized crime. The case of the Italian mafia in Germany
    (mit R. Sciarrone), in «Crime, Law and Social Change», 2014, vol. 61,
    n. 1, pp. 37-60.
  • Die italienische Mafia in Deutschland mit R. Sciarrone, in Dolce
    Vita? Das Bild der italienischen Migranten in Deutschland
    , pp. 177-198,
    Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2011.

Internationale Kooperation Schlüssel zu erfolgreichem Vorgehen gegen Organisierte Kriminalität


Die Operation Pollino, die am 5. Dezember im ersten Licht der Morgendämmerung stattfand – der Name geht auf einen Nationalpark in Süditalien zurück, aus dem die an der Operation beteiligten kriminellen Organisationen stammen – ist ein spannendes erstes Beispiel dafür, wie die Organisierte Kriminalität durch ein einheitliches Vorgehen im europäischen und internationalen Kontext wirksam bekämpft werden kann.

Zum ersten Mal haben Ermittler aus verschiedenen europäischen Ländern in einem einzigen Joint Investigative Team (JIT) gearbeitet, einer Einheit, die in Echtzeit koordiniert wird. Dieses wesentliche Element hat zur Verhaftung von etwa 90 Personen und zur Beschlagnahmung zahlreicher Vermögenswerte in Italien, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Surinam geführt. Darunter sind große Mengen an Drogen, Bargeld und anderen Beweisstücken, die für das Strafverfahren nützlich sind.

Im Mittelpunkt der Operation steht ein Clan der ’ndrangheta, der Clan Pelle-Vottari, der ursprünglich aus San Luca stammt, einer kleinen Stadt in Kalabrien, die in Deutschland bereits für das Massaker von Duisburg traurig bekannt geworden ist, das 2007 vor der Pizzeria Da Bruno stattfand.

Die aus den Ermittlungen hervorgegangenen Aktivitäten zeigen ein komplexes und sehr gut organisiertes System in Zusammenhang mit internationalem Drogenhandel, insbesondere Kokain, aber auch Haschisch, Ecstasy und anderen synthetischen Drogen. Der Transport und Handel wurde von der ’ndrangheta von San Luca gesteuert und koordiniert, die einmal mehr ihre Fähigkeit unter Beweis stellt, global zu agieren und wichtige Partnerschaften mit anderen kriminellen Gruppen einzugehen. In diesem Fall sind Kooperationen mit Clans entstanden, die in Kampanien in Kontakt mit der Camorra aktiv sind, aber auch mit albanischen und türkischen Clans, die Autos mit doppelten Böden für den Drogentransport durch Mitteleuropa ausgestattet haben.

Die ’ndrangheta hat eine enorme Anpassungsfähigkeit an veränderte Umstände bewiesen, indem sie die Kokainrouten nach Norden verlagert hat, von den stärker kontrollierten italienischen Häfen Gioia Tauro in Kalabrien, Neapel, Livorno und Genua aus, ist sie mehr und mehr in die für sie sichereren Häfen Antwerpen und Rotterdam umgezogen und hat neue Lagerstätten in Holland, Belgien und Deutschland eröffnet. Die neue Erkenntnis, die sich aus diesen Untersuchungen ergibt, besteht darin, dass die ’ndrangheta die anderen europäischen Länder nicht mehr nur für die Geldwäsche nutzt, sondern sich inzwischen auch dort niedergelassen hat und die neuen Zentren als Basis für ihre illegale Aktivitäten und als geschützten Raum für die Untergetauchten nutzt.

Die an der Operation betroffene Menge an Kokain und anderen Drogen übersteigt zwei Tonnen, von denen ein Viertel beschlagnahmt wurde und der Rest auf den Drogenmarkt gelangt ist. Diese Mengen sind nur ein kleiner Teil des Geschäftsvolumens der ’ndrangheta in diesem Sektor, die den süd- und mittelamerikanischen Drogenkartellen in nichts nachsteht und die über Tochtergesellschaften und Vertretern in allen kokainproduzierenden Ländern verfügt.

Die spezialisierten Teams aus Italien, Deutschland, Belgien und den Niederlanden agierten gemeinsam, auch dank der umfangreichen Koordinations- und Ermittlungsunterstützung von Eurojust und Europol.

Was Deutschland betrifft, so gibt es 47 Verdächtige, von denen 14 bei den Razzien im Morgengrauen des 5. Dezember verhaftet wurden. Die Koordination erfolgte durch die Staatsanwaltschaften Duisburg, Köln und Aachen mit 440 Beamten in Aktion. Die meisten Recherchen fanden in der Region Nordrhein-Westfalen statt, aber auch anderswo, zum Beispiel im Raum München-Ost und in Berlin.

Das deutsche Bild zeigt einen Drogenmarkt, vor allem mit Kokain, unter der Kontrolle der kalabrischen Cosche, die unter Mitwirkung anderer krimineller Organisationen Ladungen aus den strategisch zentralen Gebieten Nordrhein-Westfalens lagern und transportieren. Der Erlös aus diesem Handel wird dann in profitable wirtschaftliche Aktivitäten, wie z.B. in die Gastronomie, investiert; eine ähnliche Entwicklung ist in Belgien zu beobachten.

Während wir weitere Einzelheiten in den kommenden Tagen zu der in Deutschland stattgefundenen Operationen und deren Folgen erwarten, begrüßen wir schon jetzt das Ergebnis dieser ersten gemeinsamen Aktion eines Joint Investigative Teams gegen die Organisierte Kriminalität. Es liegt auf der Hand, dass die in Europa verfügbaren Instrumente, wenn sie in vollem Umfang genutzt werden, es schon jetzt ermöglichen, die Probleme im Zusammenhang mit den verschiedenen Rechtsordnungen und Kulturen der verschiedenen Mitgliedstaaten zu lösen. Die Schaffung und/oder Verbesserung einiger wichtiger Strafverfolgungsinstrumente, wie zum Beispiel die präventive Beschlagnahmung und das Einfrieren von Gütern sowie langfristige systematische Informationssammlung und der Austausch dieser Erkenntnisse würden die Arbeit der europäischen Ermittler weiter erleichtern.

Deshalb hoffen wir, dass die internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Mafia-Organisationen weitergeht und auf andere Herkunftsländer ausgedehnt wird. Wir sehen darin auch einen ersten Schritt zur Einrichtung einer europäischen Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft.

 

Europol startet zweijähriges Projekt, um hochrangige Mafiosi festzunehmen


Europol beschwört in einer Pressemitteilung „eine neue Ära“ im Kampf gegen Organisierte Kriminalität herauf. In der Tat könnte die Einrichtung des Operativen Netzwerks erheblich zu Verbesserungen im Kampf gegen Mafia-Organisationen und Organisierte Kriminalität in Europa beitragen. Der neue Verbund sieht vor, dass der Einsatz spezialisierter Ermittler von den EU Mitgliedsstaaten angefordert werden kann. Vorbereitet hat das Projekt die nationale italienische Antimafia-Behörde DIA, unterstützt wird es von Europol und den Behörden in Belgien, Frankreich, Deutschland, den Niederlande und Spanien, also allesamt Länder, in denen die Italienische Organisierte Kriminalität stark vertreten ist. Die Kooperation betrifft aber jede Form von mafiaähnlicher Organisierter Kriminalität, also etwa auch Rockergruppen oder albanische Banden, die immer häufiger mit der italienischen Mafia kooperieren.

Die ONNET genannte Koordinierungsstelle wird für 24 Monate von der EU-Kommission finanziert. Damit soll vor allem der Informationsaustausch verbessert werden und hochrangige Kriminelle in internationale Ermittlungsverfahren einbezogen werden. Dies ist auch insofern von Bedeutung, wie Mafiaclans ganz selbstverständlich transnational agieren und Lücken in der Gesetzgebung verschiedener Länder konkret nutzen.
Der offizielle Projektstart war am 1. November. Der Carabinieri-General Giuseppe Governale, Direktor der DIA, eröffnete es gemeinsam mit Jari Liukku, Chef des European Serious Organized Crime Center von Europol. Governale sagte, ONNET wird den gegenwärtigen Mangel von EU-Mitteln für den Kampf gegen kriminelle Organisationen nach Mafia-Art kompensieren. Dieser sei gegenwärtig kein Schwerpunkt der Europäische multidisziplinäre Plattform gegen kriminelle Bedrohungen.

Will van Gemert, stellvertretender Direktor von Europol, sagte: „In den EU-Mitgliedsstaaten wächst die Zahl von Gruppen der Organisierten Kriminalität, und sie werden zugleich auf mehreren Kriminalitätsfeldern aktiv. Dieses Projekt ist eine einzigartige Gelegenheit für Europol, den Strafverfolgungsbehörden volle Unterstützung zu bieten, um diese auf höchster Ebene agierenden internationalen kriminellen Gruppen zu verfolgen, die die höchste Gefahr für die EU Mitgliedsstaaten darstellen.“

Federico Varese, Professor in Oxford, über Organisierte Kriminalität aus globaler Sicht


Anfang September empfing mafianeindanke den Professor für Kriminologie der Universität Oxford Federico Varese, einen der größten Experten auf dem Gebiet des organisierten Verbrechens. Der Universitätsdozent war zu zwei Terminen nach Berlin gekommen: Am Sonntag, den 9. September stellte er zunächst sein Buch „Mafia-Leben – Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens“ vor und am Dienstag, den 11. September trat er als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema Drogenpolitik im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in Erscheinung.

Mafia-Leben“ ist ein besonderes Buch dieses Genres, da es im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Werken nicht eine einzelne Mafiaorganisation untersucht, sondern die verschiedenen Mafias untereinander vergleicht und aufzeigt, welche Elemente ihnen gemeinsam sind. Von der italienischen Mafia über die japanischen Yakuza und die russische Mafia bis hin zu den Triaden in Hongkong, lassen sich bei allen ähnliche Grundzüge feststellen, angefangen beim Initiationsritus über das kriminelle Leben bis hin zu den hierarchischen Strukturen, bei denen sich die Bosse untereinander abstimmen, sowie einer völligen Kontrolle der jeweiligen Einflussgebiete. Anhand dieser Elemente zeigt Varese nicht nur die Organisationsstrukturen der Mafias an sich auf, sondern erstellt auch ein Profil der Bosse und Mafiamitglieder, die, anders als in Filmen dargestellt, ein ziemlich durchschnittliches Leben führen.

Medienberichterstattung über Mafia-Organisationen im Fokus bei der Sommerschule zu Organisierter Kriminalität 


Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Organisierter Kriminalität hat in Italien eine viel größere Bedeutung als etwa in Deutschland. Es gibt unter anderem Seminare in den Sommersemesterferien zu diesem Thema. Mitglieder von Mafia? Nein, danke! haben an der diesjährigen Summer School on Organized Crime der Università degli studi di Milano im September teilgenommen. Thema war dieses Jahr das Verhältnis der Medien zur Mafia. Das Thema ist allein deswegen wichtig, weil die Medien eine wichtige Rolle bei der Beschreibung der Realität spielen, soweit sie diese wahrnehmen.

Die Redner waren – neben Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern – überwiegend Journalisten, die infolge ihrer Recherchen Opfer von Einschüchterungen wurden und erfahren mussten, was es bedeutet, Angst um das eigene wie auch das Leben ihrer Lieben haben zu müssen. Einige von ihnen wurden bedroht, andere isoliert, wieder andere haben von Kollegen berichtet, die mit dem Leben bezahlt haben. Journalisten, die heute über die Mafia berichten, riskieren weniger ihr Leben; vielmehr droht ihnen gesellschaftliche Isolation.

Im Laufe der Jahre hat die Mafia in Italien elf Journalisten getötet, sechs von ihnen arbeiteten für “L’Ora”, eine Tageszeitung mit Sitz in Palermo. In eben dieser Tageszeitung veröffentlichte ein Journalistenteam 1958 einen Enthüllungsbericht über die Mafia mit dem Titel: “Dieser Mann ist gefährlich”. Zum ersten Mal erschien ein Mafiaboss, Luciano Liggio, auf der Titelseite einer Zeitung und wurde die Mafia beim Vor- und Nachnamen genannt.

Um das Phänomen Mafia zu ergründen, ist eine Betrachtung der Geschichte Italiens unerlässlich: Die Geschichte der Italienischen Republik beginnt im Jahre 1947, in eben jenem Jahr ereignete sich auch das Massaker von Portella della Ginestra, das ein eindeutiger Versuch war, die demokratische Entwicklung des Landes zu verhindern. Dieses Blutbad zeugte auch vom Willen der Mafia, sich über die Verfassung zu stellen, die im Übrigen wenige Monate später verabschiedet wurde. In der Folgezeit hat die Mafia weiter versucht, die Verfassung zu unterminieren, indem sie Einfluss auf die öffentliche Meinung genommen und ihren eigenen Mythos kreiert hat.

Bei der Summer School wurde viel über die Aufmerksamkeit diskutiert, die italienische Medien dem Thema Organisierte Kriminalität widmen. Während Reportagen und Hintergrundberichte zum Thema in den 60er Jahren noch viel Aufmerksamkeit erfuhren und zur besten Sendezeit (etwa in den Abendnachrichten) ausgestrahlt wurden, werden solche Beiträge heute oftmals erst kurz vor Mitternacht gesendet.

Was die Kriminellen als Grenzüberschreitung werten, ist nichts anderes als der Wissensdurst, der der Berufsgruppe der Journalisten eigen ist, gespeist von Zweifel und dem Drang, nachzuforschen. Schließlich bedeutet scoop wortwörtlich ja auch nichts anderes als “mit dem Löffel ausschöpfen”. Zeitungen und Zeitschriften haben sich verändert; wurden sie früher noch für die Leser geschrieben, geht es heute nur noch darum, dem Herausgeber zu gefallen. Das bedeutet Konformismus und Verschweigen all jener Themen, mit denen man jemandem auf die Füße treten könnte. Schon in den 80er Jahren waren Veränderungen in der Presseberichterstattung zur Mafia erkennbar, die sich von dem Thema distanzierte, als die Organisierte Kriminalität gegenüber der Jugendbewegung kleingeschrieben wurde.

Erschwerend zu den wenigen Informationen zum Thema in der Presse kommt noch die Filmindustrie.Die Gefahr, dass Organisierte Kriminalität eienrseits banalisiert oder anderersetis überhöht wird, ist hoch; wer sich Mafiaserien anschaut, wird sich parallel dazu kaum ausreichende sachliche Informationen zum Thema beschaffen. Wie sonst ist es zu erklären, dass in einem Land so wenig über die Verhandlungen zwischen Staat und Mafia berichtet wird oder über den Montante-Fall*?

Auch die Art und Weise, wie über Mafia geschrieben wird, ist oftmals stark simplifizierend und es ist eben viel leichter, Nachrichten abzudrucken, die in Wahrheit nur copy and paste sind. Auf der Summer School wurde in aller Deutlichkeit betont, dass Italien aus unterschiedlichen Provinzen und Regionen besteht. Dort, kann sich der Journalismus wieder auf seine Wurzeln besinnen.

[*der Fall Montante wird im nächsten newsletter ausführlich dargestellt]

Festnahme drei wichtiger Clanmitglieder in Deutschland


In den letzten anderthalb Monaten wurden in Deutschland drei Männer festgenommen, die unter Verdacht stehen, einer Mafiaorganisation anzugehören. Alle drei wurden in der Folge an die zuständigen Behörden in Italien ausgeliefert. Die drei Festnahmen zeigen, dass bei funktionierender Kooperation mit den Behörden in Italien auch hierzulande etwas gegen die Mafia getan werden kann, dank der rigideren Gesetze in Italien. Zugleich machen die Festnahmen deutlich, dass die Aufmerksamkeit gegenüber kriminellen Organisationen nicht nachlassen darf. Und es wurde einmal mehr klar, dass die Mafia nicht nur in Großstädten vertreten ist, sondern auch auf dem Land.

Die erste Festnahme fand am 30. April in einer koordinierten Aktion der italienischen und deutschen Polizei in Traunstein in Oberbayern statt. Bei dem Verhafteten handelt es sich um den 21-jährigen Arcangelo C., Mitglied des Mazzarella-Clans der kampanischen Camorra, der wegen Beteiligung an einer Mafiavereinigung per europäischem Haftbefehl gesucht wurde: Die Staatsanwaltschaft Neapel hatte den Haftbefehl am 15. Februar verhängt, nachdem es im Osten Neapels wiederholt zu Racheaktionen verfeindeter Clans im Kampf um die Kontrolle über Drogengeschäfte und Schutzgelderpressungen gekommen war. Arcangelo C. war vermutlich bereits vor Erlass des Haftbefehls im Februar in Deutschland als Koch und Barkeeper tätig; doch obwohl der junge Mann flüchtig war, postete er weiterhin Fotos und Beiträge auf seinem Facebook-Profil, dank derer ihm die italienische Polizei letztlich auf die Schliche kam und seine Verhaftung veranlasste.

Der zweite wichtige Schlag gegen das organisierte Verbrechen gelang am 7. Mai im hessischen Biebesheim. In einer koordinierten Aktion der Polizei der Städte Catania und Adrano (Provinz Catania) sowie der Polizei Darmstadt wurde Nicola A., genannt „Cola tri piedi“, ein wichtiges Mitglied des Scalisi-Clans der sizilianischen Cosa Nostra, festgenommen. Der seit Juli flüchtige 37-Jährige war einer groß angelegten Antimafia-Razzia des mobilen Einsatzkommandos Catania und des Kommissariats Adrano entkommen, bei der 39 Personen verhaftet wurden, die dem Scalisi-Clan angehören sollen. Dem per europäischem Haftbefehl gesuchten Sizilianer werden Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zum Zwecke des Drogenhandels sowie Besitz und Verkauf von Drogen, Erpressung, Raub, Hehlerei, unerlaubter Waffenbesitz und Brandstiftung vorgeworfen. Zu verdanken ist dieser Erfolg „Eurosearch“, dem gemeinsam von Europol und der Zentralstelle für Operative Einsätze (SCO) der Polizia di Stato ins Leben gerufenen Projekt, das flüchtige Mafiamitglieder in ganz Europa aufspüren soll; die Verhaftung von Nicola A. ist das erste Ergebnis dieser europaweiten Initiative.

Die dritte Ergreifung eines hochrangigen Mafioso gelang am 12. Mai in Köln. Antonino C., genannt „Ninu ′u paturnisi”, war seit Januar auf der Flucht und der zweite Fahndungserfolg des „Eurosearch“-Projekts. Der Verhaftete ist Mitglied der sizilianischen Cosa Nostra, genauer des Santangelo-Clans aus Adrano. Der 27-Jährige wurde seit dem 30. Januar gesucht, als er einer Razzia des mobilen Einsatzkommandos Catania und des Kommissariats Adrano entging, bei der weitere 32 Personen verhaftet worden waren. Auch gegen ihn war ein europäischer Haftbefehl erlassen worden aufgrund von Mitgliedschaft in einer Mafiavereinigung mit erschwerendem Tatbestand einer bewaffneten Vereinigung, Erpressung, Raub, Drogenhandel, Diebstahl, illegalem Waffenbesitz und Brandstiftung. An der Aktion waren die Bezirksdirektion der Antimafia-Polizei Catania, die Polizei und das mobile Einsatzkommando Catania, das Kommissariat Adrano, die deutsche Polizei und Europol beteiligt.

 

Die Auslieferung von Antonio V. an Italien


Am 15. Mai 2018 wurde Antonino V. von der Slowakei im Rahmen einer Ermittlung der Direzione distrettuale Antimafia (Antimafia-Staatsanwaltschaft) von Venedig an Italien ausgeliefert. Er wird verdächtigt, ein Mitglied der Mafia zu sein, das sich auf Drogenhandel spezialisiert hat. In den Fokus geraten war V. aber nach dem Mord an dem slowakischen Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten. Im Zusammenhang mit dieser Tat war V. am 26. Februar auch festgenommen worden (hier der Link zu unserem Artikel zu diesem Fall). Vor seinem Tod recherchierte Kuciak gerade zu der Verbindung zwischen slowakischen Politikern und lokalen Unternehmern der ´ndrangheta. Antonino V. war dann allerdings wieder freigelassen worden, da die nötigen Beweise fehlten.

Laut der Ermittler war er für die Einfuhr von Rauschmitteln aus Südamerika zuständig, wobei er sich juristischer Personen und Unternehmen bediente, die zwar nicht auf ihn eingetragen, aber auf ihn zurückführbar seien. Die italienischen Behörden hatten Antoninos V. Auslieferung von der Slowakei gefordert, welche entschied, den europäischen Haftbefehl zu erfüllen und ihn den italienischen Behörden zu übergeben.

Wer ist Antonino V.?

Antonino V. alias “Compare Nino” (=“Kumpan Nino”) ist gebürtig aus Bova Marina bei Reggio Kalabrien. Er ist der Sohn von Giovanni V., alias “Cappidazzu”, und der Bruder von Bruno und Sebastiano. Vor knapp 20 Jahren wurde er beschuldigt, Domenico V. bei seiner Flucht geholfen zu haben, welcher später zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt wurde. Die Ermittler vermuteten, dass V. zur Kontaktperson zwischen dem Clan von Bova Marina und der Mafiavereinigung Zindato von Reggio Kalabrien (die wiederum an die Mafiosi-Familie Libri gebunden ist) geworden war. 2014 erfuhr die italienische Finanzpolizei von einem Treffen wichtiger Mafiosi in der Provinz um Lodi bei Mailand, an der anscheinend auch Antonino V. teilnahm, um eine mögliche Kokainlieferung zu besprechen. Laut Ermittlungen zog er zu dem Zeitpunkt schon in die Slowakei um. Die slowakische Presse berichtete über V. als einen in Landwirtschaft, Energie- und Immobilienindustrie involvierten Geschäftsmann, der Beziehungen zu wichtigen, dem Premierminister nahen Politikern pflegte, die jedoch nach Kuciaks Ermordung zurücktraten.

Bis heute ist nicht ermittelt morden, wer die Täter im Mordfall Kuciak und seiner Verlobten waren. Auch wer die Hintermänner der Tat sind, ist nicht bekannt. Zuletzt erregte die slowakische Polizei Aufsehen, weil sie das Telefon einer tschechischen Journalistin beschlagnahmte, die eng mit Kuciak zusammenarbeitete. Das Telefon wurde der Journalistin bis heute nicht zurückgegeben. Warum die slowakische Polizei so viel Energie darauf verwendet, mehr über Kollegen von Kuciak zu erfahren, ist indes unklar. Journalistenorganisationen kritisieren ihr Vorgehen mit drastischen Worten. Anstatt die Mörder zu jagen, heißt es, kümmere sich die Polizei mehr darum, die Quellen einer rechtschaffenen und mutigen Journalistin zu gefährden.