Tränen und Thriller – die Summer School zum Thema Mafia und Frauen in Mailand vermittelt neues Wissen


Es kann passieren, dass du der Schilderung einer Staatsanwältin zuhörst, wie sie versucht, eine Kronzeugin auf dem Weg ins Verderben zu stoppen und das Fahrzeug scheinbar jede Straßenbarriere unbemerkt passiert, und alles, was sie zur Verfügung hatte, war ein GPS-Signal. Kein Autotyp, keine Abhörmaßnahmen, nur ein Punkt auf dem Bildschirm.

Es kann passieren, dass du dich fragst, warum es besser ist, Frauen in Mafia-Clans nicht als Opfer zu sehen, sondern eher Faktoren zu berücksichtigen, die sie besonders vulnerabil machen, denn aus dem Opferstatus erwächst Schwäche, die Verwundbarkeit aber kann eine Ressource sein, die Stärke hervorbringt.

Es kommt ebenso vor, dass dich – und fast alle anderen des Kurses, der Professor und die zwei Professorinnen eingeschlossen – ein Theaterstück zu Tränen rührt und du die Macht der Worte spürst. Und es kann vorkommen, dass dir nach einer Woche und insgesamt 40 Stunden Unterricht der höchste italienische Antimafia-Staatsanwalt höchstpersönlich dein Diplom überreicht. Die Summer School an der Universität Mailand zu wechselnden Themen der Organisierten Kriminalität ist ohne Zweifel etwas Besonderes. An ihr teilzunehmen, wenn man italienisch spricht, ist ein großes Privileg.

Roberto Saviano bei der Berlinale: (K)ein Film über Neapel. Oder: Mafia als unverstandenes Phänomen


LA PARANZA DEI BAMBINI gewinnt den Silbernen Bären

Die „Paranzini“ von Neapel sind fiktiv und doch real. Für „La paranza dei bambini“ steht Roberto Saviano in der Kritik: Laut Luigi de Magistris ist er unfähig, ein vollständiges Bild von Neapel und der Mafia zu vermitteln. Doch obliegt es nicht ihm, über das Phänomen Mafia aufzuklären.

Für das Drehbuch von „La paranza dei bambini“ (Claudio Giovannesi, 2018) erhalten Roberto Saviano, Claudio Giovannesi und Maurizio Braucci den Silbernen Bären – ein internationaler Erfolg. Doch wird die Nachricht in Neapel erst mit Zurückhaltung und dann mit Kritik aufgenommen. Neapels Bürgermeister Luigi de Magistris hält die Narration des Films für unvollständig. Autor und Journalist Roberto Saviano ist seit seinem Bestseller „Gomorra“ (2006) immer wieder heftiger Kritik ausgesetzt. Oft heißt es, er mache Neapel schlecht oder zerstöre die Arbeit der lokalen Anti-Mafia-Kämpfer – ein Vorwurf, der jenen, die über die Mafia sprechen, andauernd gemacht wird. So lenkt die Debatte um den Film vom eigentlichen Problem ab: dem allgemeinen Unverständnis des mafiösen Phänomens.

Die „Paranzini“ von Neapel: Jugendliche ohne Perspektive

„La paranza dei bambini“ basiert auf Roberto Savianos gleichnamigem Roman und erzählt die fiktive Geschichte einer aufsteigenden Baby-Gang in Sanità, einem Problemviertel Neapels. Doch was das Berlinale-Publikum auf der Leinwand sieht, ist in Neapel schiere Realität – sei es der Raub des Wunschweihnachtsbaums aus der Einkaufspassage Galleria Umberto, die Schießerei im Wohnviertel Sanità oder der Tod eines 19-jährigen Baby-Bosses. Wer sich mit Neapel oder der dortigen Mafia, der Camorra, auskennt, versteht die Motive der Jugendlichen und weiß: Das Thema des Films ist politisch und gesellschaftlich hochbrisant.