Federico Varese, Professor in Oxford, über Organisierte Kriminalität aus globaler Sicht


Anfang September empfing Mafia? Nein, Danke! den Professor für Kriminologie der Universität Oxford Federico Varese, einen der größten Experten auf dem Gebiet des organisierten Verbrechens. Der Universitätsdozent war zu zwei Terminen nach Berlin gekommen: Am Sonntag, den 9. September stellte er zunächst sein Buch „Mafia-Leben – Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens“ vor und am Dienstag, den 11. September trat er als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema Drogenpolitik im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in Erscheinung.

Mafia-Leben“ ist ein besonderes Buch dieses Genres, da es im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Werken nicht eine einzelne Mafiaorganisation untersucht, sondern die verschiedenen Mafias untereinander vergleicht und aufzeigt, welche Elemente ihnen gemeinsam sind. Von der italienischen Mafia über die japanischen Yakuza und die russische Mafia bis hin zu den Triaden in Hongkong, lassen sich bei allen ähnliche Grundzüge feststellen, angefangen beim Initiationsritus über das kriminelle Leben bis hin zu den hierarchischen Strukturen, bei denen sich die Bosse untereinander abstimmen, sowie einer völligen Kontrolle der jeweiligen Einflussgebiete. Anhand dieser Elemente zeigt Varese nicht nur die Organisationsstrukturen der Mafias an sich auf, sondern erstellt auch ein Profil der Bosse und Mafiamitglieder, die, anders als in Filmen dargestellt, ein ziemlich durchschnittliches Leben führen.

Im Folgenden hat uns Professor Varese einige Fragen beantwortet.

Seit dem Mauerfall hat der wachsende Vormarsch des Neoliberalismus’ die Entwicklung krimineller Organisationen begünstigt. Worin sehen Sie die Gründe?

FV: Dieselben Phänomene, die man in Russland und vielen anderen Ländern nach dem Untergang der Sowjetunion beobachten konnte, sind auch in Japan und in Sizilien im 19. Jahrhundert aufgetreten, was der Grund dafür ist, dass viele der heutigen Mafiaorganisationen bei all ihren Unterschieden denselben Ursprung haben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Mauerfall wurde das ehemalige Eigentum des kommunistischen Regimes sofort privatisiert: Diese ungezügelte Privatisierung wurde jedoch nicht von einem Staat reguliert, der in der Lage gewesen wäre, die Realrechte zu verteidigen und in Erbschaftsstreitigkeiten zwischen den neuen Eigentümern zu vermitteln; dem lag die neoliberale Theorie zugrunde, die Märkte würden sich selbst regulieren, ganz ohne staatliches Eingreifen. Diese Annahme ist meines Erachtens falsch und führt potenziell zur Herausbildung krimineller Organisationen.

Denn der Markt ist kein natürlich vorkommendes Gebilde, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt, das vom Staat und den Behörden kontrolliert werden muss und sich nicht von allein reguliert; wird er sich selbst überlassen, bereitet dies den Nährboden für neue kriminelle Formen der Gebietskontrolle, die die Märkte mithilfe von Gewalt zu beherrschen suchen. Die geeignetsten Rahmenbedingungen, um das Wachstum krimineller Organisationen zu unterbinden, sind deshalb ein Markt, der funktioniert und offen ist und gleichzeitig der Kontrolle des Staats unterliegt, sowie eine Gesellschaft, die Vertrauen in den Staat hat. Wenn dies nicht der Fall ist, treten verschiedene Phänomene zutage, wie unter anderem Mafiaorganisationen.

Welche Rolle spielt die Integration bei der Entwicklung krimineller Organisationen?

FV: Wenn es von der Gesellschaft entfremdete Gemeinschaften gibt und die Gesellschaft nicht genug tut, um sie zu integrieren, entstehen eigene Herrschaftsstrukturen innerhalb dieser Gemeinschaft, die parallel zu den staatlichen Strukturen bestehen. Diese Strukturen können gutartig sein, z.B. im Fall einer bestimmten Form von Aktivismus oder der Präsenz religiöser Gruppen, aber sie können auch bösartig sein, wie im Fall der kriminellen Organisationen. Solche Organisationen sind äußerst gefährlich, weil sie sich nicht lediglich auf Kriminalität beschränken, sondern auch eine Führungsfunktion übernehmen und an die Stelle des Staates treten. In diesem Sinne ist Integration ein Kernelement, um das Risiko ihres Wachstums zu reduzieren.

Welche Rolle spielt in einem solchen Kontext die Zivilgesellschaft, sowohl bei der Bekämpfung wie bei der Begünstigung des organisierten Verbrechens?

FV: Die Zivilgesellschaft hat eine enorm wichtige Rolle im Kampf gegen die Mafia und übernimmt bei dieser Aufgabe neben der Polizei, der Justiz, der Wirtschaft und dem Staat eine entscheidende Funktion. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Prinzip von Gandhi ein, das ein Lebensmotto für uns alle sein sollte: „Tue nichts Schlechtes, lüge nicht und tue dich nicht zusammen mit jenen, die Schlechtes tun“. Gerade letztere Aussage „Tue dich nicht mit jenen zusammen, die Schlechtes tun“ könnte als Grundprinzip all jenen dienen, die in der Anti-Mafia-Bewegung aktiv werden wollen. Andererseits lässt sich jedoch leider auch feststellen, dass die Mafias nicht nur auf die Mitarbeit ihrer eigenen Mitglieder setzen, sondern auch auf die von zahlreichen anderen Leuten im Umfeld der Organisation, die sogenannten „Anzugträger“ (auf Englisch: „Neighbours“), also Anwälte, Händler, Bankangestellte und Politiker. In dieser Hinsicht kommt auch den Finanzinstituten eine entscheidende Rolle zu. Dabei denke ich an das unvorstellbare Beispiel Mexiko, wo die mexikanischen Narcos ihr Geld in Filialen amerikanischer Großbanken deponierten, was schließlich bei zwei großangelegten Untersuchungen des US-Senats aufflog. Das FBI hat aufgezeigt, wie Millionen und Abermillionen Dollar durch diese Banken flossen, deren Strafe lediglich in der Zahlung eines Bußgelds bestand, was in Wirklichkeit jedoch nichts an der Situation geändert hat. Die stille Mittäterschaft des Bankensystems und eines internationalen Rahmennetzwerks ist es deshalb, die das Fortbestehen und den Erfolg dieser Organisationen ermöglicht. Ohne diese würden die Mafiaorganisationen nicht existieren, weil sie keine Möglichkeit hätten, Geld zu waschen sowie sich Pässe und Genehmigungen zu beschaffen.

Bei einer Sitzung des Ausschusses für Inneres, Sicherheit und Ordnung im Berliner Parlament wurde im September darüber diskutiert, ob die arabischen Clans in Berlin als organisiertes Verbrechen oder einfach als Kriminelle eingestuft werden sollten. Was halten Sie davon?

FV: Ich bin kein Experte für Deutschland, aber meines Erachtens verfügen wir bereits über sichere Indizien, die das Vorliegen einer kriminellen Organisation belegen, und die sich darin zeigen, dass eine Gruppe das Monopol über ein bestimmtes Gebiet erlangen und es mit seinen Aktivitäten in größtmöglichem Maße kontrollieren will. Anhand dieses Kriteriums lässt sich bestimmen, ob die arabischen Clans als Mafia eingestuft werden sollten oder nicht. Wenn diese Gruppierungen in dem betreffenden Gebiet die Alleinherrschaft über illegale Geschäfte wie Prostitution und Drogen für sich beanspruchen, dann machen sie einen qualitativen Sprung von schlichter „Kriminalität“ hin zu organisiertem Verbrechen. Es ist die Aufgabe der deutschen Behörden, diesen Unterschied zu erkennen.

Angela Iantosca in Berlin


Die Journalistin und Autorin Angela Iantosca hat am 25. Mai ihr neues Buch „Eine feine weiße Linie. Von den Drogenumschlagplätzen zur Gemeinde San Patrignano“ (Perrone Verlag) in der Berliner Buchhandlung Mondolibro vorgestellt. Es berichtet von einer Drogenhilfe-Einrichtung mit hohen Erfolgsquoten und einem ungewöhnlichen Vorgehen.

In diesem Buch wechseln Zahlen zum Drogenkonsum und Drogenhandel mit den Geschichten von fünfzehn jungen Leuten ab, die abhängig waren und die nach einer langen Zeit der Entfremdung und der inneren Leere beschlossen haben, einen Weg einzuschlagen, wie er in der Gemeinde San Patrignano vorgesehen ist. In der Gemeinde in der Umgebung von Rimini ist ein wichtiges Zentrum für die Wiedereingliederung von Drogenabhängigen ansässig, das in diesem Jahr seit vierzig Jahren besteht. Iantosca beschreibt in ihrem Buch, was mit Hilfesuchenden dort passiert.

Die Geschichten des Buchs sind Geschichten von leeren Räumen, die gefüllt werden müssten, Geschichten eines tiefen Leids, von im Grund schmerzhaften Zuständen, wie sie jeder kennt. Diese bilden die Basis aller Lebensgeschichten, denen im Buch Ausdruck verliehen wird. Die Berichte der jungen Leuten liefern einen Querschnitt durch die italienische Gesellschaft, und zwar in geographischem und sozialen Sinne, und sie erlauben zu verstehen, weshalb das Phänomen Drogenmissbrauch alle Gesellschaftsschichten ergriffen hat und wie sich der erste Kontakt mit den Drogen verändert: Im Vergleich zu früher hat nämlich der Konsum von mehreren Drogen gleichzeitig zugenommen. Also der Konsum aller Arten von Betäubungsmitteln ohne Unterschied. Gleichzeitig wächst die Zahl von Todesfällen durch eine Überdosis Heroin. Eine weitere Gefahr sind die neuen psychoaktiven Substanzen, die man sich im Dark Web besorgen kann: Für einige dieser neuen Betäubungsmittel gibt es noch keine Behandlungsmöglichkeiten und einige von ihnen haben sogar Auswirkungen auf die Psyche, die nicht mehr heilbar sind.

Entscheidend ist die Rolle der Familie, wenn man den Weg der jungen Leute in der Einrichtung verstehen will: Die Erzählungen der jungen Leute werden von ihren Familien begleitet, ihr Weg, sich in der Gemeinde mit ihren Problemen auseinanderzusetzen, verläuft parallel zu dem, den ihre Familien gehen. Ein Bewusstwerdungsprozess auf beiden Seiten, bei den jungen Leuten und bei ihren Familien, ist die Grundvoraussetzung für den Beginn einer ernsthaften Arbeit: sich mit sich selber auseinanderzusetzen und Verständnis zu entwickeln für die Probleme, die sie bis an diese Stelle gebracht haben.

San Patrignano kann bis zu 1300 Personen aufnehmen:  Laut Statistik sind es in der Mehrheit Jungen und junge Männer, die sich an die Einrichtung wenden. In letzter Zeit registriert die Leitung der Einrichtung aber eine größer werdende Zahl von Mädchen und jungen Frauen. Der Weg, der von jedem Einzelnen dort beschritten wird, ist lang und mühselig. Der Aufenthalt in der Einrichtung dauert mindestens 3 Jahre, und erst nach anderthalb Jahren beginnen die jungen Leute eine Besserung wahrzunehmen und wirklich zu begreifen, wer sie sind. In der Mehrzahl bleiben diejenigen, die die Kur begonnen haben auch bis zum Schluss (Erfolgsquote 70%). Die Regeln in der Einrichtung sind streng: Handynutzung ist nicht erlaubt, Nachrichten dürfen nur in der Form von Aufzeichnungen angesehen werden, und zwar mehrere Stunden nach ihrer Ausstrahlung, mit der Außenwelt darf nur über Papier und Stift kommuniziert werden. Das oberste Ziel in der Gemeinde ist, sich selber zu kennen und zu lernen, wie man sich um sich selbst kümmert. Zu diesem Zweck wird jedem ein Tutor zugeteilt, das sind Ältere, die ihre Kur hinter sich haben und die alle typischen psychologischen Vorgänge verstehen können.

Aber wie finanziert sich diese Einrichtung, so dass sie alle Dienstleistungen garantieren kann? Zu 50 % ist sie selbst finanziert, die anderen 50 % sind Spenden von Privatleuten. Sie besteht aus einzelnen Bereichen, in denen die jungen Leute täglich arbeiten und die dazu beitragen, das Zentrum funktionsfähig zu halten. Die Produkte werden im Restaurant-Pizzeria Lo Spaccio verkauft, in dem auch ein Laden eingerichtet ist. Finanzierungen erfolgen außerdem über das System der „solidarischen SMS“ und über die Arbeit in Schulen.

Während der Buchvorstellung war auch Zeit, um über den Zusammenhang zwischen Mafia (vor allem der `ndrangheta) und Drogenhandel zu sprechen. Diese beiden Themen haben eine enge Verbindung: 70% des Handels mit Kokain sind in der Hand der `ndrangheta, die mit der albanischen Mafia und anderen kriminellen Organisationen zusammenarbeitet. Das Heroin kommt aus Afghanistan, den Handel damit treiben Albaner und Türken, in Albanien selber nimmt inzwischen der Anbau von Marihuana deutlich zu.

Wer ist Angela Iantosca?

Seit 2017 leitet sie die Monatszeitschrift Aqua e Sapone. Sie hat im Laufe ihrer Karriere bei verschiedenen Presseorganen gearbeitet, darunter Donna moderna  und il fatto quotidiano. Als Reporterin von la vita in diretta (RAIUno) und L’aria che tira (La7) beschäftigt sie sich schon seit Jahren mit dem Thema Mafia. 2013 hat sie ihr erstes Sachbuch veröffentlicht Onora la madre – storie di ‚`ndrangheta al femminile (Rubbettino Verlag). Nach den Frauen hat sie sich 2015 den Kindern gewidmet Bambini a metà – i figli della `ndrangheta (Perrone Verlag). Iantosca verfolgt jedoch weitere Projekte in verschiedenen Bereichen, darunter das Projekt Ti leggo, das ihr seit November 2017 erlaubt, zusammen mit Mitarbeitern der Enzyklopädie Treccani durch italienische Schulen zu reisen, um mit Schülern über Journalismus zu sprechen.