Eine Studie belegt, dass und wie die Mafia die Wirtschaft schädigt


Sie möchten wissen, wo sich die Mafia befindet? Folgen Sie ruhig dem Geruch des Geldes. Unternehmen unter krimineller Führung nehmen zahlenmäßig immer mehr zu und bilden ein erhebliches Hindernis für die Welt der ehrlichen Geschäfte. Was lange befürchtet wurde, nämlich dass die Mafia die Wirtschaft erdrückt und legalen Unternehmen ungeheuren Schaden zufügt, ist Wirklichkeit geworden. Diese Erkenntnis kann man in Norditalien oft anhand der Wirtschaftsbedingungen vor Ort erahnen, in den Gebieten, die typisch mafiaverseucht sind. Sie wurden jetzt aber auch durch eine lange Untersuchung bestätigt, die von einer Gruppe von Forschern des Departements der Wirtschafts- und Betriebswissenschaft „Marco Fanno“ der Universität Padua durchgeführt wurde. Der Professor Antonio Parbonnetti leitet die Forschergruppe.

Die Untersuchung hat die Ausbreitung und Verwurzelung der Mafien an nicht traditionellen Orten wie Nord-Italien bestätigt. Es gibt tatsächlich immer mehr kriminelle Unternehmen, die in Gegenden Europas agieren, die wirtschaftlich und industriell höher entwickelt sind. Auch Gebiete, die sich durch eine hohe Legalität auszeichnen, bilden dabei keine Ausnahme.

Für die Untersuchung wurden alle Urteile analysiert, die zwischen 2005 und 2014 in Nord- und Mittelitalien gefällt wurden mit dem Hauptanklagepunkt „Vereinigung zu verbrecherischen(kriminellen) Zwecken mit mafiösen Zügen“. Von den 120 geprüften Urteilen konnten die Forscher die Verurteilten und ihre Betriebe zurückverfolgen: 1139 an der Zahl. Die Ergebnisse dieses langen Forschungsprozesses haben dazu geführt, die Unternehmen in Kategorien einzuteilen, entsprechend ihrer Brauchbarkeit für kriminelle Aktivitäten.

Das Bild, das sich daraus ergibt, ist alles andere als ermutigend. Sei es auf der Ebene der Wahrnehmung des Phänomens, sei es wegen der vernichtenden Wirkung auf die örtliche Wirtschaft. Auf der Wahrnehmungsebene erstaunt es, dass die Betriebe, deren Vorstände mit der organisierten Kriminalität verbandelt sind, nicht nur kleine und mittlere Betriebe sind, sondern auch große Wirtschaftszentren mit einem durchschnittlichen Umsatz von 13 Millionen Euro, weit über dem Mittelfeld. Das Phänomen betrifft alle Sektoren vom Baugewerbe über Dienstleistungen bis zur Industrie. Im Einzelnen haben die Forscher sie in drei Kategorien unterteilt; sie haben erstens die typischen Zuarbeitsfirmen herausgefunden, deren Gewinn oft gleich Null ist, und deren Leistungen dennoch besonders teuer sind. Zweitens gibt es die sogenannten „Papiermühlen“, Recyclingbetriebe mittleren bis kleinen Ausmaßes und mit unregelmäßigen Einnahmen. Diese Merkmale helfen den Ordnungskräften, verdächtige Betriebe auszumachen. Und schließlich die „Star“-Betriebe, die größten und unverdächtigsten mit guter Leistung, die zudem allgemein bekannt sind. Diese haben die Aufgabe, sich in die legale Wirtschaft und das sozio-politische Gefüge zu infiltrieren.

Diese Betriebe erfordern Geschicklichkeit und dazu Anpassungsfähigkeit an die globalisierte Wirtschaft: Professionalität, spezifische Kompetenzen und Internationalisierung. Man denke an die ’ndrangheta und die Camorra, die im Laufe der Zeit regelrechte internationale Netzwerke gestrickt haben: von Österreich über Deutschland bis in die USA. Diese Studie betont, dass andere Verwundbarkeiten entstehen als die, welche die „traditionellen“ Mafia-Organisationen verursachen. Vor allem die Schwierigkeit, diese zu erkennen, und das Fehlen geeigneter und aktualisierter Informationen zum Thema bilden einen großen Schwachpunkt der höher entwickelten – und oft unwissentlich schon infiltrierten – Ökonomien. Es besteht hier ein Zusammenhang mit diesem Umfeldwechsel der mafiösen Organisationen – die sich nun nicht mehr nur Süditalien, sondern auch in den reicheren und industrialisierteren Gegenden Europas souverän bewegen.

Die sauberen Betriebe zahlen einen beträchtlichen „Legalitätspreis“. Ihre Erlöse sind stark vermindert, quasi mit einer indirekten Steuer vergleichbar. Daher zahlen auch Betriebe, die nicht unmittelbar im Visier der Mafien stehen, die Konsequenzen. Die Frage, die sich aus der Studie der Uni Padua ergibt, lautet daher, wieviel stärker könnten Unternehmen sein, wenn es keine kriminellen Betriebe in ihrem Umfeld gäbe. Aus den gesammelten Daten ergibt sich, dass sich die Produktivität der legal arbeitenden Betriebe nach der Verhaftung von Mafiabetrieben in der Umgebung um durchschnittlich 10 % erhöht hat: eine beeindruckende Zahl, wenn man die Unsichtbarkeit dieses Phänomens bedenkt.

Diese Daten machen deutlich, wie dringend eine Kursänderung bei den Vorstellungen von den Mafien und ihren Aktivitäten ist. Die organisierte Kriminalität hat ja seit Jahren ihre Fangarme auf eine erhebliche Anzahl von Unternehmen auch in nicht traditionellen Gegenden ausgestreckt. Das Wissen darum und das Verstehen dieser Dynamiken sind nur die ersten Schritte zu ihrer Bekämpfung.

Gedenken der unschuldigen Opfer der Mafia am 21. März


Am 21. März 2017 wird der Gedenktag für die unschuldigen Opfer der Mafia zum 22. Mal begangen. Wie in jedem Jahr findet er zum Frühlingsanfang statt, dem Symbol der Wiedergeburt, des Neuen, des Erwachens. An diesem Tag treffen sich hunderte Angehöriger unschuldiger Mafiaopfer an vielen Orten in Italien, Europa und Lateinamerika, um gemeinsam der Toten zu gedenken, aber auch aus einem Verantwortungsgefühl heraus, sich gegen die Mafia zu engagieren. Unterstützt wird diese Veranstaltung der italienischen Antimafia-Organisation Libera von Avviso Pubblico, einem Netzwerk, das Verwaltungsangestellten im Kampf gegen die Mafia beisteht, dem Fernsehkanal RAI, lokalen Organisationen und Unternehmen, Schulen, Bürgerinnen und Bürger und Kirchengemeinden. In Deutschland übernimmt der Verein Mafia? Nein, Danke! die Ausrichtung der zentralen Gedenkveranstaltung in Berlin am Brandenburger Tor. Die Hauptveranstaltung in Italien findet im kalabrischen Locri statt: Dort werden alle bekannten Namen von unschuldigen Mafiaopfern seit 1893 vorgelesen.

Anis Amri und die (organisierte) Kriminalität


Knapp drei Monate nach dem Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt bestätigt die Autopsie des Leichnams von Anis Amri, dass dieser regelmäßig Kokain und Haschisch konsumiert und vermutlich auch am Tag des Anschlags unter Drogeneinfluss gestanden habe. Die deutschen Ermittler hatten bereits im August 2016 im Rahmen der Telefonüberwachung von Amris Drogenkonsum erfahren, wie aus einem Bericht der deutschen Sicherheitsbehörden hervorgeht. Diese verdeckte und anlassbezogene Observierung, nachdem Amri wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat als „Gefährder“ eingestuft worden war, ergab auch, dass Amri im Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg mit Drogen zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes dealte. Außerdem berichtete das Dokumente über eine körperliche Auseinandersetzung Amris mit einer konkurrierenden Gruppe aus dem Drogenmilieu Anfang Juli 2016 sowie seine stärkere Einbindung in die Drogenszene Anfang August 2016. Auch im Juli 2016 wurde nach einer Messerstecherei in einer Neuköllner Bar gegen ihn ermittelt.

Die Strafakte von Amri war lang. In seiner Heimat Tunesien begann er seine kriminelle Vergangenheit mit kleinen Delikten, wie einem LKW-Diebstahl. In Italien, wo er als Flüchtling 2011 ankam, wurde er wegen Brandstiftung, Körperverletzung, Bedrohung und Diebstahl zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Diese saß er in verschiedenen Jugendhaftanstalten ab, in denen er sich langsam radikalisierte. In Deutschland bewegte er sich schnell in salafistischen Kreisen und radikalisierte sich immer mehr. Im Oktober 2016 erfuhren die Ermittler, dass Anis Amri IS-Anhänger sei und hoffe, sich dem IS in Syrien/Irak oder Libyen anschließen zu können.

Der Bericht der deutschen Sicherheitsbehörden informiert zudem über die verschiedenen Identitäten des Attentäters. Italiens Anti-Mafia-Behörden glauben, dass Amri dringende Unterstützung brauchte, darunter auch gefälschte Dokumente, eine Spezialität der neapolitanischen Camorra, die in letzter Zeit Verbindungen zu einer Reihe von Terroristen hatte, die Terroranschläge in Europa durchführen. Franco Roberti, der leitende Staatsanwalt im Kampf gegen Terrorismus und Mafia, führt aus, dass Italien nicht nur ein „Zentrum für die Herstellung von falschen Dokumenten“ sei, sondern vielmehr  Terroristen ein Unterstützungssystem (z.B. Verstecke) sowie reichliche Einnahmemöglichkeiten durch Drogen- und Waffenhandel biete.

Der Fall Amri ist ein Beispiel dafür, dass die Mafia-Organisationen in den Flüchtlingen ein lukratives Geschäftsfeld entdeckt haben.

Im kalabrischen Locri und in 4000 anderen Orten in ganz Europa wird am 21. März der unschuldigen Opfer der Mafia gedacht – erstmals auch in Berlin


Am 21. März finden sich seit vielen Jahren in wechselnden Städten in Italien Zehntausende Menschen zusammen, um der unschuldigen Opfer der Mafia zu gedenken. Ein Demonstrationszug mit Schülerinnen und Schülern, Studierenden, aber auch Menschen aus allen Bevölkerungsschichten bewegt sich dann durch die Innenstadt, meist angeführt von Angehörigen von Menschen, die von der Mafia getötet worden waren, obwohl sie nichts Böses getan haben, etwa ein Händler von Landmaschinen in Kalabrien, der das von einem Boss gewünschte Maschinenöl nicht besorgen konnte. Organisiert wird die Veranstaltung von den Organisationen Libera und Avviso Pubblico gemeinsam mit dem italienischen Fernsehsender RAI.

In diesem Jahr findet die Gedenkveranstaltung zum 22. Mal statt, und zwar auf der zentralen Piazza von Locri in Kalabrien, einem schwer von der ’ndrangheta kontaminierten Ort. Zeitgleich wird an 4000 anderen Orten der Opfer gedacht, darunter auch Berlin, andere europäische Städte und auch Gemeinden in Lateinamerika. Hier wirkt das Netzwerk Alas als Organisator. Fester Bestandteil der Gedenkveranstaltung ist es, die Liste der mehr als tausend Namen vorzulesen. Zum ersten Mal sind darunter auch die Namen deutscher Mafiaopfer. Die Namen werden zudem eingeordnet. Mafia? Nein, Danke! wird erstmals ebenfalls zugeschaltet sein, und zwar aus dem Herzen von Berlin – angemeldet ist der Platz vor dem Brandenburger Tor.

Die Wahl der Region um Locri ist kein Zufall: die Locride genannte Gegend leidet seit vielen Jahren unter der aufdringlichen und kontinuierlichen Präsenz der “ndrangheta. Die Gedenkveranstaltung des21. März zu beherbergen bedeutet auch, ein starkes Signal und eine Botschaft der Hoffnung und des Wunschs nach Veränderung auszusenden: „orte der Hoffnung, Zeugnis der Schönheit“ lautet daher auch das Leitmotiv des Tages. Zugleich soll die Wahl der deutschen Hauptstadt als Ort der ersten Gedenkveranstaltung in Deutschland in diesem Rahmen zeigen, dass der Kampf gegen die Organisierte Kriminalität eine Aufgabe für alle Deutschen ist, in Ost und West, Nord und Süd.

Hinzu kommt die Nachricht vom 14. Februar: der Justizausschuss des italienischen Parlaments hat sich für den Vorschlag ausgesprochen, den 21. März zu einem offiziellen Gedenktag für die Opfer der Mafia zu machen. Auch die Wahl auf den 21. März war ein symbolischer Akt: Es ist der Frühlingsanfang und damit sinnbildlich für das Entstehen von etwas Neuem, für ein Wiedererwachsen. Als nächstes muss das italienische Parlament nun über den Vorschlag des Justizausschusses abstimmen. Eine Entscheidung wird ind en nächsten Wochen erwartet.

Neben dem Festschreiben eines offiziellen Gedenktages, der die Frucht von jahrelangen Bemühungen der Zivilgesellschaft ist, sieht das Gesetz auch vor, die Schulen miteinzubinden. Die Schulen des Landes sind danach angehalten, Initiativen auf den Weg zu bringen, die für die historische, institutionelle und soziale Bedeutung des Kampfes gegen die Mafia und die Rolle der Erinnerung sensibilisieren. Den italienischen Senat hat das Gesetz bereits passiert.

Touristen (und nicht nur) die Mafia erklären – Treffen mit Augusto Cavadi


Können wir gefahrlos kommen oder bringen die uns mitten auf der Straße um? – das ist die erste Frage, die Augusto Cavadi als Palermitaner von Freunden hört, die Sizilien besuchen möchten. Aufgrund dieses gravierenden Fehlverständnisses ist es dringend notwendig, Sizilienreisenden zu erklären, was die Mafia wirklich ist – fernab von Stereotypen und Legenden. Um einen Mythos zu dekonstruieren, der nicht nur dem Image der sizilianischen Insel, sondern auch dem Kampf gegen die Mafia schadet.

Cavadi berichtet uns, dass oft gerade die Sizilianer selbst die größten Touristen im eigenen Land sind: unwissend, was die Mafia betrifft – denn man spricht darüber einfach zu wenig. Und wenn, dann kaum auf wissenschaftlicher Basis.

Der berühmte Antimafia-Richter Giovanni Falcone erinnert in seinem letzten Interview, dass er nie „Mafia-Unterricht“ erhalten habe – weder in der Schule noch in der Universität. Jetzt aber nutzen Lehrerkollegen Cavadis dessen Buch als Lehrmaterial. Das Werk, das journalistischen (Cavadi ist Mitarbeiter bei der palermitanischen Ausgabe der Zeitung „La Repubblica“) mit didaktischem Stil mischt, benennt die gängigsten Fragen von Touristen über die Mafia und beantwortet sie.

Aber wenn Palermo nicht der Wilde Westen ist, was ist die sizilianische Mafia dann? Wenn nicht überall Blut und Gewalt herrscht – bedeutet das vielleicht sogar, dass das Problem gar nicht so groß ist? Im Gegenteil erklärt das Buch, dass es sich bei der Mafia um ein ungleich gefährlicheres Phänomen handelt – aufgrund der Fähigkeit derselben, sich Gesellschaft, Politik und Wirtschaft anzupassen und mit diesen zu interagieren.

Und in Deutschland? Genau das Gleiche. Die scheinbare Unsichtbarkeit ist nicht Symptom von Abwesenheit oder Schwäche, sondern von Stärke. Je mächtiger die Mafia ist, desto weniger muss sie gewalttätig werden und aus ihrem Versteck treten. Cavadi hat keine Zweifel über die Präsenz der sizilianischen Mafia auch in Deutschland (und wir auch nicht): überall dort, wo sich die Möglichkeit zu Kontrolle und Bereicherung bietet, ist auch die Mafia.

Noch ein letzter Rat für bewusste Touristen:

besser für Dinge ein bisschen mehr bezahlen, als sofort beim günstigsten Angebot zuzugreifen. Es ist bekannt, dass die Mafia nach Wegen sucht, ihre illegalen Einnahmen zu waschen – und diese bevorzugt im Tourismussektor findet. Bei zu günstigen Preisen müssen also die Alarmglocken losgehen.

Wie erkennt man nun aber saubere Anbieter? Zum Beispiel, indem man sich ans Netzwerk Addiopizzo (http://www.addiopizzo.org) wendet. Addiopizzo vereint Vertreter verschiedenster Berufsgruppen, die sich weigern, der Mafia Schutzgeld zu zahlen. Auch hat Addiopizzo den Reiseveranstalter Addiopizzo Travel ins Leben gerufen, der nachhaltigen und verantwortungsbewussten Tourismus fördert.

Kalabriens katholische Bischöfe positionieren sich klar gegen die Mafia


Die ‚Ndrangheta zu bekämpfen, ist eine Aufgabe, die alle angeht, und für die alle an einem Strang ziehen müssen. Umso erfreulicher ist es, dass die katholische Kirche unter Papst Franziskus sich inzwischen voll auf die Seite der Antimafia-Bewegung gestellt hat. Dies ist vor allem deswegen wichtig, weil die Mafia-Organisationen für ihre Rituale wie etwa die „Taufe“ der neuen Mitglieder auf religiöse Symbole zurückgreift und immer wieder auch ihren Heiligen beschwört, den Erzengel Michael (dieser gilt im Übrigen als barmherzig, Bezwinger des Satans und er ist zudem auch der Heilige der Carabinieri). Die Folgen dieser klaren Positionsnahme bekommt jetzt auch ein seit Jahren umstrittener Priester zu spüren.

Dieses Bild zeigt ein Plakat mit dem Titel: „Die ‚Ndrangheta ist das Anti-Evangelium“, es kündigt eine Veranstaltung an, bei der neben kirchlichen Vertretern nicht nur der Präfekt (eine Art Landrat) von Kalabrien, Michele Di Bari, teilnehmen wird, sondern auch Reggio Calabrias Generalstaatsanwalt Federico Cafiero De Raho. Es kündigt die Vorstellung eines Textes an, mit dem sich die katholische Kirche in Kalabrien explizit gegen die ’ndrangheta, die kalabrische Mafia, stellt.

In ihrer Erklärung kritisieren die Bischöfe in ihrem Schreiben den Missbrauch religiöser Symbole aufs Schärfste. Wer Gewalt anwende, Geld verherrliche und nach Macht strebe, habe die christliche Botschaft nicht verstanden, lautet eine der Botschaften des Artikels. Diese Aufnahme stammt übrigens aus der Kirche von San Luca, eine der Hochburgen der ‚Ndrangheta. Gegen den dortigen Priester, Don Pino Strangio,  wurde in der Vergangenheit wegen Unterstützung der ‚Ndrangheta ermittelt, er wurde aber nie deswegen verurteilt. Nun hat die Antimafia-Staatsanwaltschaft in Reggio Calabria erneut Ermittlungen gegen ihn aufgenommen.

Don Pino Strangio ist nicht nur Priester in San Luca, einem Nest am Fuß des Aspromonte-Gebirges, in dem viele wichtige Clans ihre Basis haben, unter anderem die beiden verfeindeten Gruppen, die im August 2007 den Sechsfach-Mord in Duisburg verbrochen haben.

Strangio ist auch Hausherr des alljährlichen Festes zu Ehren der Madonna di Polsi hoch oben in den Bergen über San Luca. Hier kam es in der Vergangenheit regelmäßig zu Treffen von ‚Ndrangheta-Bossen. Der für San Luca und damit für Strangio zuständige Bischof Francesco Oliva machte aber auch hier im vergangenen Jahr unmissverständlich deutlich, dass Mitglieder der ‚Ndrangheta auf diesem Fest nichts verloren haben. Außerdem war deutlich zu erkennen, dass er Distanz zu Don Pino Strangio hält. Francesco Oliva machte deutlich, dass er die Mafia für eine Verbrecherbande hält und somit Mafiosi keine guten Katholiken sein können.

Hunting the Stolen Billions


 

Am Sonntag, den 11. Dezember endete die Ausstellung „Hunting the Stolen Billions“, organisiert von Mafia? Nein, Danke! e.V. in Zusammenarbeit mit dem Verein CiFAR e.V. (Civil Forum for Asset Recorvery). Die Initiative wurde von dem Programm „Engagement Global“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert.

Die Ausstellung, bestehend aus mehr als 30 Fotografien und Informationstafeln, die in einem thematischen Rundgang organisiert waren, wurde am 8. Dezember feierlich mit einer Vernissage eröffnet. An den beiden darauffolgenden Abenden wurden Expertenrunden rund um das Thema organisiert.   Der Freitag widmete sich ganz dem Thema der Problematiken. Dabei sprachen Verena Zoppei von Mafia? Nein, Danke! e.V. und Jackson Oldfield von European Alternatives über Geldwäsche, Korruption und transnational organisierte Kriminalität und über die Situation auf internationalem und speziell auch auf deutschem Niveau. Im Anschluss daran ging es um die Panama Papers mit Lisa Grossmann von Tax Justice Network Deutschland. Die Panama Papers waren auch das zentrale Thema des Dokumentarfilms “PanamaPapers – The Shady World of Offshore Companies”, eine Gemeinschaftsproduktion der ARD , in der es um die Geschichte, Entdeckungen und internationalen Folgen der Datenlecks ging.

Am Samstag wurde stattdessen über Lösungen der am Vortag behandelten Problematiken gesprochen und somit über die Konfiszierung und die Wiederverwendung der gesellschaftlichen Güter, die Rückgabe der öffentlichen Güter, die illegal unterschlagen wurden, sowie über Geldwäschenormen. Sehr interessant war der Workshop zur Bekämpfung von Geldwäsche, veranstaltet von May Hayworth von Transparency International und Verena (die ihre Doktorarbeit über das Thema geschrieben hat). Ein unterhaltsames Quiz half bei der Analyse der Problematiken und begleitete die Reflektionen bezüglich der Betrugsbekämpfung.

Wir bedanken uns bei den zahlreichen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die mit großer Aufmerksamkeit an den Diskussionen teilgenommen haben. Darüber hinaus bedanken wir uns bei unseren Unterstützern und Unterstützerinnen Ricarda, Vincenzo, Claudia, Florian und Tai, die bei den Übersetzungen und der Organisation vor Ort geholfen haben. Ein ganz besonderes Dankeschön geht an Tino und Jackson von CiFAR, die all dies möglich gemacht haben. Auf die nächste Zusammenarbeit!

 

BND-Hinweis auf Illegale Waffen aus Italien: Landeskriminalamt ermittelte 1998 in Jena


Erfurt/Jena. Das Thüringer Landeskriminalamt hat kurz vor der Flucht des NSU-Trios 1998 wegen einer mutmaßlichen Waffenlieferung nach Jena ermittelt. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN sollten damals mehrere Beretta-Pistolen aus Italien nach Thüringen geschmuggelt werden. Der Hinweis soll über eine italienische Quelle an den Bundesnachrichtendienst (BND) und von da an das Bundeskriminalamt (BKA) gegangen sein. Von dort hätten die Thüringer Fahnder den Hinweis bekommen, dass die Waffen ohne Seriennummer aus einer italienischen Fabrik gestohlen worden waren. Damit wären sie bei einem möglichen Einsatz nicht rückverfolgbar gewesen.

Nach Informationen von MDR THÜRINGEN sollen an dem mutmaßlichen Waffendeal ein in Jena lebender Italiener und mehrere einschlägig bekannte Kriminelle beteiligt gewesen sein. Die Waffen waren offenbar für eine Bande bestimmt, die seit Mitte der neunziger Jahre in Jena von Zwillingsbrüdern angeführt wurde. Beide waren Informanten der Polizei und auch Zeugen vor im Münchner NSU-Prozess. Dort hatten sie die Aussage verweigert. Einer der beiden soll, laut einer Zeugenaussage, sich 1997 mit den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt getroffen haben. Ob es dabei um einen möglichen Waffenkauf ging, ist nicht bekannt. Beretta-Pistolen spielten im NSU-Verfahren bisher keine Rolle.

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN hatten damals auch die italienischen Behörden Interesse an dem Jenaer Beretta-Verfahren. Hintergrund waren offenbar Ermittlungen in Italien gegen die kalabrische Mafiaorganisation `Ndrangheta, die in den weltweiten Waffenhandel verstrickt ist. So sollen `Ndrangheta-Mitglieder Waffen aus Italien und der Schweiz nach Deutschland geschmuggelt haben. Nach Ermittlungen des BKA gibt es seit Mitte der neunziger Jahre bis heute `Ndrangheta-Zellen unter anderem in Erfurt, Weimar,  Jena und Eisenach.

Das Landeskriminalamt überwachte in dem Waffenverfahren zwischen 1997 und 1998 mehrere Lokale und Wohnungen in Jena. Allerdings ohne einen greifbaren Erfolg. Durch Zufall wurde dann später bei einer Drogenkontrolle in Gera im Auto eines Italieners eine Beretta ohne Seriennummer gefunden. Ob diese Waffe aus der bis dahin unentdeckten Ladung aus Italien stammte, konnte scheinbar nie aufgeklärt werden.

Das Thüringer LKA und die damals zuständige Staatsanwaltschaft Gera bestätigten, dass es ein solches Verfahren gegeben habe. Allerdings seien die entsprechenden Akten fristgerecht vernichtet worden. Der Bundesnachrichtendienst wollte sich auf Anfrage zu seiner „operativen Arbeit“ nicht äußern. Das Bundeskriminalamt teilte mit, dass es zu einem solchen Vorgang keine entsprechenden Akten mehr gebe.

EU verbietet Lokalnamen mit „Mafia“


Die spanische Restaurantkette „La Mafia se sienta a la mesa“ („Die Mafia sitzt zu Tisch“) muss sich nach einem EU-Beschluss umbenennen. Damit hat das für Markenschutz zuständige EU-Büro einer Beschwerde der italienischen Regierung stattgegeben. Rom hatte einen Image-Schaden für die italienische Küche befürchtet.

In den 38 Lokalen konnten die Gäste italienisches Essen umgeben von Bildern einiger Mafia-Bosse wie Vito Corleone und Lucky Luciano verspeisen. Neben dem dekorativen Mafia-Ambiente gehörten durch die Cosa Nostra inspirierte Menu-Namen sowie der Slogan „La Mafia crea empleo“ (Die Mafia schafft Arbeit) zum Marketingkonzept der Restaurantkette.

Die Präsidentin der Anti-Mafia-Kommission im italienischen Parlament, Rosy Bindi, unterstreicht die Wichtigkeit der EU-Entscheidung: „Mafiöse Organisationen sind eine klare Bedrohung für die ganze EU, weil sie nicht nur in Italien, sondern auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten präsent sind,  darunter Spanien.“

Damit positioniert sich die EU klar gegen die Bagatellisierung der Mafia und ihre stärkere Einflussnahme auf unsere Alltagskultur. Die spanische Restaurantkette weist die Vorwürfe zurück und will Einspruch gegen den EU-Beschluss einlegen, der hier nachzulesen ist.

Antonio Pelle, Boss des gleichnamigen Clans, festgenommen


Antonio Pelle wurde am 5. Oktober in seinem Haus in Benestare festgenommen, in der Provinz von Reggio Calabria. Pelle hatte sich in seinem Haus ein versteck bauen lassen, dessen Zugang hinter einem Schrank verborgen war. Dieses versteck bestand aus zwei Zimmern, er hatte darin nach Polizeiberichten sogar eine kleine Plantage mit Marihuana-Pflanzen untergebracht. Pelle stand in Italien auf der Liste der hundert gefährlichsten flüchtigen Gangster. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, wegen mehrerer Straftaten: Zugehörigkeit zur Mafia, Waffen- und Drogenhandel. Pelle war 2008 bereits verhaftet worden. Er täuschte aber mit dem massiven Einsatz von Schlankheitspillen eine Magersucht vor, wurde 2011 ins Krankenhaus verlegt und konnte daraus fliehen. Seitdem suchte ihn die Polizei.

Antonio Pelle gilt als aktueller Boss des Clans Pelle-Votari, die seit Jahrzehnten Gegner des Clans Nirta-Strangio sind, eine Auseinandersetzung, die traurigerweise in der Fehde von San Luca gipfelte, dem Heimatort der beiden Clans. Die ersten Auseinandersetzungen liegen weit zurück, im Jahr 1991, und erfolgten aus nichtigen Gründen. In den darauf folgenden Jahren wuchs die Gewalt zwischen den beiden Gruppen, bis zum „Weihnachtsmassaker“ im Jahr 2006, bei dem Maria Strangio ermordet wurde. Dieser Mord ließ die Fehde weiter eskalieren bis zum Sechsfachmord von Duisburg im Jahr 2007, bei dem sechs Männer erschossen wurden, die größtenteils dem Clan der Pelle-Vottari zugerechnet werden.

Mit dieser Verhaftung wurde eine Serie von Erfolgen der Sicherheitskräfte komplettiert, die die meisten Protagonisten der Fehde von San Luca hinter Gitter gebracht haben. Im vergangenen Jahr wurde in Holland der flüchtige Francesco Nirta verhaftet, man hält ihn für den operativen Boss der Nirta-Strangio.