Touristen (und nicht nur) die Mafia erklären – Treffen mit Augusto Cavadi


Können wir gefahrlos kommen oder bringen die uns mitten auf der Straße um? – das ist die erste Frage, die Augusto Cavadi als Palermitaner von Freunden hört, die Sizilien besuchen möchten. Aufgrund dieses gravierenden Fehlverständnisses ist es dringend notwendig, Sizilienreisenden zu erklären, was die Mafia wirklich ist – fernab von Stereotypen und Legenden. Um einen Mythos zu dekonstruieren, der nicht nur dem Image der sizilianischen Insel, sondern auch dem Kampf gegen die Mafia schadet.

Cavadi berichtet uns, dass oft gerade die Sizilianer selbst die größten Touristen im eigenen Land sind: unwissend, was die Mafia betrifft – denn man spricht darüber einfach zu wenig. Und wenn, dann kaum auf wissenschaftlicher Basis.

Der berühmte Antimafia-Richter Giovanni Falcone erinnert in seinem letzten Interview, dass er nie „Mafia-Unterricht“ erhalten habe – weder in der Schule noch in der Universität. Jetzt aber nutzen Lehrerkollegen Cavadis dessen Buch als Lehrmaterial. Das Werk, das journalistischen (Cavadi ist Mitarbeiter bei der palermitanischen Ausgabe der Zeitung „La Repubblica“) mit didaktischem Stil mischt, benennt die gängigsten Fragen von Touristen über die Mafia und beantwortet sie.

Aber wenn Palermo nicht der Wilde Westen ist, was ist die sizilianische Mafia dann? Wenn nicht überall Blut und Gewalt herrscht – bedeutet das vielleicht sogar, dass das Problem gar nicht so groß ist? Im Gegenteil erklärt das Buch, dass es sich bei der Mafia um ein ungleich gefährlicheres Phänomen handelt – aufgrund der Fähigkeit derselben, sich Gesellschaft, Politik und Wirtschaft anzupassen und mit diesen zu interagieren.

Und in Deutschland? Genau das Gleiche. Die scheinbare Unsichtbarkeit ist nicht Symptom von Abwesenheit oder Schwäche, sondern von Stärke. Je mächtiger die Mafia ist, desto weniger muss sie gewalttätig werden und aus ihrem Versteck treten. Cavadi hat keine Zweifel über die Präsenz der sizilianischen Mafia auch in Deutschland (und wir auch nicht): überall dort, wo sich die Möglichkeit zu Kontrolle und Bereicherung bietet, ist auch die Mafia.

Noch ein letzter Rat für bewusste Touristen:

besser für Dinge ein bisschen mehr bezahlen, als sofort beim günstigsten Angebot zuzugreifen. Es ist bekannt, dass die Mafia nach Wegen sucht, ihre illegalen Einnahmen zu waschen – und diese bevorzugt im Tourismussektor findet. Bei zu günstigen Preisen müssen also die Alarmglocken losgehen.

Wie erkennt man nun aber saubere Anbieter? Zum Beispiel, indem man sich ans Netzwerk Addiopizzo (http://www.addiopizzo.org) wendet. Addiopizzo vereint Vertreter verschiedenster Berufsgruppen, die sich weigern, der Mafia Schutzgeld zu zahlen. Auch hat Addiopizzo den Reiseveranstalter Addiopizzo Travel ins Leben gerufen, der nachhaltigen und verantwortungsbewussten Tourismus fördert.

Kalabriens katholische Bischöfe positionieren sich klar gegen die Mafia


Die ‚Ndrangheta zu bekämpfen, ist eine Aufgabe, die alle angeht, und für die alle an einem Strang ziehen müssen. Umso erfreulicher ist es, dass die katholische Kirche unter Papst Franziskus sich inzwischen voll auf die Seite der Antimafia-Bewegung gestellt hat. Dies ist vor allem deswegen wichtig, weil die Mafia-Organisationen für ihre Rituale wie etwa die „Taufe“ der neuen Mitglieder auf religiöse Symbole zurückgreift und immer wieder auch ihren Heiligen beschwört, den Erzengel Michael (dieser gilt im Übrigen als barmherzig, Bezwinger des Satans und er ist zudem auch der Heilige der Carabinieri). Die Folgen dieser klaren Positionsnahme bekommt jetzt auch ein seit Jahren umstrittener Priester zu spüren.

Dieses Bild zeigt ein Plakat mit dem Titel: „Die ‚Ndrangheta ist das Anti-Evangelium“, es kündigt eine Veranstaltung an, bei der neben kirchlichen Vertretern nicht nur der Präfekt (eine Art Landrat) von Kalabrien, Michele Di Bari, teilnehmen wird, sondern auch Reggio Calabrias Generalstaatsanwalt Federico Cafiero De Raho. Es kündigt die Vorstellung eines Textes an, mit dem sich die katholische Kirche in Kalabrien explizit gegen die ’ndrangheta, die kalabrische Mafia, stellt.

In ihrer Erklärung kritisieren die Bischöfe in ihrem Schreiben den Missbrauch religiöser Symbole aufs Schärfste. Wer Gewalt anwende, Geld verherrliche und nach Macht strebe, habe die christliche Botschaft nicht verstanden, lautet eine der Botschaften des Artikels. Diese Aufnahme stammt übrigens aus der Kirche von San Luca, eine der Hochburgen der ‚Ndrangheta. Gegen den dortigen Priester, Don Pino Strangio,  wurde in der Vergangenheit wegen Unterstützung der ‚Ndrangheta ermittelt, er wurde aber nie deswegen verurteilt. Nun hat die Antimafia-Staatsanwaltschaft in Reggio Calabria erneut Ermittlungen gegen ihn aufgenommen.

Don Pino Strangio ist nicht nur Priester in San Luca, einem Nest am Fuß des Aspromonte-Gebirges, in dem viele wichtige Clans ihre Basis haben, unter anderem die beiden verfeindeten Gruppen, die im August 2007 den Sechsfach-Mord in Duisburg verbrochen haben.

Strangio ist auch Hausherr des alljährlichen Festes zu Ehren der Madonna di Polsi hoch oben in den Bergen über San Luca. Hier kam es in der Vergangenheit regelmäßig zu Treffen von ‚Ndrangheta-Bossen. Der für San Luca und damit für Strangio zuständige Bischof Francesco Oliva machte aber auch hier im vergangenen Jahr unmissverständlich deutlich, dass Mitglieder der ‚Ndrangheta auf diesem Fest nichts verloren haben. Außerdem war deutlich zu erkennen, dass er Distanz zu Don Pino Strangio hält. Francesco Oliva machte deutlich, dass er die Mafia für eine Verbrecherbande hält und somit Mafiosi keine guten Katholiken sein können.

Hunting the Stolen Billions


 

Am Sonntag, den 11. Dezember endete die Ausstellung „Hunting the Stolen Billions“, organisiert von Mafia? Nein, Danke! e.V. in Zusammenarbeit mit dem Verein CiFAR e.V. (Civil Forum for Asset Recorvery). Die Initiative wurde von dem Programm „Engagement Global“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert.

Die Ausstellung, bestehend aus mehr als 30 Fotografien und Informationstafeln, die in einem thematischen Rundgang organisiert waren, wurde am 8. Dezember feierlich mit einer Vernissage eröffnet. An den beiden darauffolgenden Abenden wurden Expertenrunden rund um das Thema organisiert.   Der Freitag widmete sich ganz dem Thema der Problematiken. Dabei sprachen Verena Zoppei von Mafia? Nein, Danke! e.V. und Jackson Oldfield von European Alternatives über Geldwäsche, Korruption und transnational organisierte Kriminalität und über die Situation auf internationalem und speziell auch auf deutschem Niveau. Im Anschluss daran ging es um die Panama Papers mit Lisa Grossmann von Tax Justice Network Deutschland. Die Panama Papers waren auch das zentrale Thema des Dokumentarfilms “PanamaPapers – The Shady World of Offshore Companies”, eine Gemeinschaftsproduktion der ARD , in der es um die Geschichte, Entdeckungen und internationalen Folgen der Datenlecks ging.

Am Samstag wurde stattdessen über Lösungen der am Vortag behandelten Problematiken gesprochen und somit über die Konfiszierung und die Wiederverwendung der gesellschaftlichen Güter, die Rückgabe der öffentlichen Güter, die illegal unterschlagen wurden, sowie über Geldwäschenormen. Sehr interessant war der Workshop zur Bekämpfung von Geldwäsche, veranstaltet von May Hayworth von Transparency International und Verena (die ihre Doktorarbeit über das Thema geschrieben hat). Ein unterhaltsames Quiz half bei der Analyse der Problematiken und begleitete die Reflektionen bezüglich der Betrugsbekämpfung.

Wir bedanken uns bei den zahlreichen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die mit großer Aufmerksamkeit an den Diskussionen teilgenommen haben. Darüber hinaus bedanken wir uns bei unseren Unterstützern und Unterstützerinnen Ricarda, Vincenzo, Claudia, Florian und Tai, die bei den Übersetzungen und der Organisation vor Ort geholfen haben. Ein ganz besonderes Dankeschön geht an Tino und Jackson von CiFAR, die all dies möglich gemacht haben. Auf die nächste Zusammenarbeit!

 

BND-Hinweis auf Illegale Waffen aus Italien: Landeskriminalamt ermittelte 1998 in Jena


Erfurt/Jena. Das Thüringer Landeskriminalamt hat kurz vor der Flucht des NSU-Trios 1998 wegen einer mutmaßlichen Waffenlieferung nach Jena ermittelt. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN sollten damals mehrere Beretta-Pistolen aus Italien nach Thüringen geschmuggelt werden. Der Hinweis soll über eine italienische Quelle an den Bundesnachrichtendienst (BND) und von da an das Bundeskriminalamt (BKA) gegangen sein. Von dort hätten die Thüringer Fahnder den Hinweis bekommen, dass die Waffen ohne Seriennummer aus einer italienischen Fabrik gestohlen worden waren. Damit wären sie bei einem möglichen Einsatz nicht rückverfolgbar gewesen.

Nach Informationen von MDR THÜRINGEN sollen an dem mutmaßlichen Waffendeal ein in Jena lebender Italiener und mehrere einschlägig bekannte Kriminelle beteiligt gewesen sein. Die Waffen waren offenbar für eine Bande bestimmt, die seit Mitte der neunziger Jahre in Jena von Zwillingsbrüdern angeführt wurde. Beide waren Informanten der Polizei und auch Zeugen vor im Münchner NSU-Prozess. Dort hatten sie die Aussage verweigert. Einer der beiden soll, laut einer Zeugenaussage, sich 1997 mit den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt getroffen haben. Ob es dabei um einen möglichen Waffenkauf ging, ist nicht bekannt. Beretta-Pistolen spielten im NSU-Verfahren bisher keine Rolle.

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN hatten damals auch die italienischen Behörden Interesse an dem Jenaer Beretta-Verfahren. Hintergrund waren offenbar Ermittlungen in Italien gegen die kalabrische Mafiaorganisation `Ndrangheta, die in den weltweiten Waffenhandel verstrickt ist. So sollen `Ndrangheta-Mitglieder Waffen aus Italien und der Schweiz nach Deutschland geschmuggelt haben. Nach Ermittlungen des BKA gibt es seit Mitte der neunziger Jahre bis heute `Ndrangheta-Zellen unter anderem in Erfurt, Weimar,  Jena und Eisenach.

Das Landeskriminalamt überwachte in dem Waffenverfahren zwischen 1997 und 1998 mehrere Lokale und Wohnungen in Jena. Allerdings ohne einen greifbaren Erfolg. Durch Zufall wurde dann später bei einer Drogenkontrolle in Gera im Auto eines Italieners eine Beretta ohne Seriennummer gefunden. Ob diese Waffe aus der bis dahin unentdeckten Ladung aus Italien stammte, konnte scheinbar nie aufgeklärt werden.

Das Thüringer LKA und die damals zuständige Staatsanwaltschaft Gera bestätigten, dass es ein solches Verfahren gegeben habe. Allerdings seien die entsprechenden Akten fristgerecht vernichtet worden. Der Bundesnachrichtendienst wollte sich auf Anfrage zu seiner „operativen Arbeit“ nicht äußern. Das Bundeskriminalamt teilte mit, dass es zu einem solchen Vorgang keine entsprechenden Akten mehr gebe.

EU verbietet Lokalnamen mit „Mafia“


Die spanische Restaurantkette „La Mafia se sienta a la mesa“ („Die Mafia sitzt zu Tisch“) muss sich nach einem EU-Beschluss umbenennen. Damit hat das für Markenschutz zuständige EU-Büro einer Beschwerde der italienischen Regierung stattgegeben. Rom hatte einen Image-Schaden für die italienische Küche befürchtet.

In den 38 Lokalen konnten die Gäste italienisches Essen umgeben von Bildern einiger Mafia-Bosse wie Vito Corleone und Lucky Luciano verspeisen. Neben dem dekorativen Mafia-Ambiente gehörten durch die Cosa Nostra inspirierte Menu-Namen sowie der Slogan „La Mafia crea empleo“ (Die Mafia schafft Arbeit) zum Marketingkonzept der Restaurantkette.

Die Präsidentin der Anti-Mafia-Kommission im italienischen Parlament, Rosy Bindi, unterstreicht die Wichtigkeit der EU-Entscheidung: „Mafiöse Organisationen sind eine klare Bedrohung für die ganze EU, weil sie nicht nur in Italien, sondern auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten präsent sind,  darunter Spanien.“

Damit positioniert sich die EU klar gegen die Bagatellisierung der Mafia und ihre stärkere Einflussnahme auf unsere Alltagskultur. Die spanische Restaurantkette weist die Vorwürfe zurück und will Einspruch gegen den EU-Beschluss einlegen, der hier nachzulesen ist.

Antonio Pelle, Boss des gleichnamigen Clans, festgenommen


Antonio Pelle wurde am 5. Oktober in seinem Haus in Benestare festgenommen, in der Provinz von Reggio Calabria. Pelle hatte sich in seinem Haus ein versteck bauen lassen, dessen Zugang hinter einem Schrank verborgen war. Dieses versteck bestand aus zwei Zimmern, er hatte darin nach Polizeiberichten sogar eine kleine Plantage mit Marihuana-Pflanzen untergebracht. Pelle stand in Italien auf der Liste der hundert gefährlichsten flüchtigen Gangster. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, wegen mehrerer Straftaten: Zugehörigkeit zur Mafia, Waffen- und Drogenhandel. Pelle war 2008 bereits verhaftet worden. Er täuschte aber mit dem massiven Einsatz von Schlankheitspillen eine Magersucht vor, wurde 2011 ins Krankenhaus verlegt und konnte daraus fliehen. Seitdem suchte ihn die Polizei.

Antonio Pelle gilt als aktueller Boss des Clans Pelle-Votari, die seit Jahrzehnten Gegner des Clans Nirta-Strangio sind, eine Auseinandersetzung, die traurigerweise in der Fehde von San Luca gipfelte, dem Heimatort der beiden Clans. Die ersten Auseinandersetzungen liegen weit zurück, im Jahr 1991, und erfolgten aus nichtigen Gründen. In den darauf folgenden Jahren wuchs die Gewalt zwischen den beiden Gruppen, bis zum „Weihnachtsmassaker“ im Jahr 2006, bei dem Maria Strangio ermordet wurde. Dieser Mord ließ die Fehde weiter eskalieren bis zum Sechsfachmord von Duisburg im Jahr 2007, bei dem sechs Männer erschossen wurden, die größtenteils dem Clan der Pelle-Vottari zugerechnet werden.

Mit dieser Verhaftung wurde eine Serie von Erfolgen der Sicherheitskräfte komplettiert, die die meisten Protagonisten der Fehde von San Luca hinter Gitter gebracht haben. Im vergangenen Jahr wurde in Holland der flüchtige Francesco Nirta verhaftet, man hält ihn für den operativen Boss der Nirta-Strangio.

Corleone gegen das Schutzgeld: das Schweigen ist gebrochen


„Non fare niente di illegale“ – Nichts Illegales tun! – ordnet das Ortsschild von Corleone an. Doch in der Gemeinde zahlt man seit 20 Jahren (wieder) Schutzgeld. Genau in der Stadt der Bosse – Bernardo Provenzano, Toto Riina, Matteo Messina Denaro – wo man glauben könnte, dass aus offensichtlichen historischen Gründen der Staat und die Sicherheitsorgane besonders präsent sind, herrscht immer noch die Cosa Nostra. Die sizilianische Stadt unweit von Palermo ist bekannt geworden als Spielort der Mafia-Saga „Der Pate“, aber auch, weil der dortige Zweig der Mafia sich aufmachte, die Macht im weit größeren Palermo zu übernehmen.

Der Gemeinderat der Kommune Corleone wurde im August 2016 wegen mafiöser Infiltrationen aufgelöst, ein Rechtsinstrument in Italien, das mittlerweile im ganzen land Anwendung findet. Der Bürgermeister hatte wegen Drohungen geklagt, die Ermittlungen haben jedoch eine tief verwurzelte Präsenz der Mafia in der Gemeinde aufgezeigt. Die Mafia hat dort Verträge der Gemeinde, das Abfallwesen, die Schulmensa und sogar das Einnehmen der Steuern verwaltet. Jetzt kam die Anordnung, elf bekanntgewordene Führer der lokalen Mafia-Clans in sicheres Gewahrsam zu nehmen, darunter waren Nutztierzüchter, Förster und Beamte. Sie hatten sich in der Nähe des kommunalen Stadions in Corleone getroffen. Unter den festgenommenen ist auch der Neffe von Bernardo Provenzano, der vor drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden ist und bei der Beerdigung seines Onkels in der ersten Reihe anwesend war. Er versuchte, das Netzwerk von Macht und Kontrolle in der Gemeinde Corleone wieder aufzubauen. Den nun festgenommenen werden eine ganze Reihe von Delikten vorgeworfen: Mitglied der Mafia zu sein, versuchte Erpressung, Erpressung, Sachbeschädigung, strafverstärkend mit dem Ziel der Stärkung der Mafia. Die Polizei-Operation hat es geschafft, die lokalen kriminellen Strukturen nicht nur aufzuzeigen, sondern auch sie zu zerschlagen. So kamen auch ihre Ziele, die geschlossenen Allianzen und ihre Konkurrenten ans Licht.

Das Außergewöhnliche an diesem Geschehen ist allerdings das Verhalten der erpressten Händler. Einige haben von sich aus die Schutzgelderpressungen angeklagt, andere haben sich an den Verein AddioPizzo (übersetzt: Auf Wiedersehen, Schutzgeld) gewandt. Der Verein hat in Palermo ein weites Netzwerk von Unternehmern geschaffen, die sich weigern, Schutzgeld an die Cosa Nostra zu bezahlen. Mehr als 1000 Betriebe beteiligen sich dort an der Initiative. Und auch in Corleone hat er sich erneut als ausschlaggebend für die Durchsetzung von Recht erwiesen. Allerdings haben manche Unternehmer dort ihre Anzeige auch wieder zurückgezogen, sobald sie von der Polizei vorgeladen wurden. Aber sie hatten immerhin den Mut, den Mund nicht zu verschließen, ein System anzuklagen, das allen bekannt, war aber immer geleugnet wurde. Die tatsächlich gemachten Aussagen waren am Ende fundamental für die Verhaftung der Mafiosi. Vor allem aber sind sie ein eindeutiges Zeichen an die Zivilgesellschaft: Auch in den historischen Hochburgen der Mafia ist es möglich und ein Muss sich zu wehren.

Zwei (gestohlene) Gemälde von Van Gogh im Haus eines Camorrista gefunden


Zwei lange vermisste Gemälde von Vincent van Gogh, beide etwa 40 x 30 Zentimeter groß, hat die italienische Polizei jetzt im abgelegenen Haus eines Camorrista in der Nähe von Castellamare di Stabia (bei Neapel) gefunden. Die Bilder waren eingewickelt in Baumwollaken. Das Haus gehört einem derzeit flüchtigen Drogenhändler des Amato-Pagano-Clans.  Der Schatz im Wert von 100 Millionen Euro war dort seit Jahren versteckt. „Der Strand von Scheveningen bei stürmischem Wetter“ und „Die Kirche von Nuenen mit Kirchengänger“, zwei der wertvollsten Werke aus der Jugend Vincent van Goghs, waren 2002 aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam gestohlen worden und seitdem verschollen. Wiedergefunden wurden sie von den Beamten der Steuerfahndung des Finanzamtes von Neapel, die Ermittlungen über den internationalen Kokainhandel durchführten. Der Clan Amato-Pagano, gegen den sich die Ermittlungen richteten, ist international aktiv. Unter anderem unterhält er Ladenlokale in den Arabischen Emiraten und ist im Immobilienbusiness tätig.

Reformiertes Gesetz zur Vermögensabschöpfung im Bundestag


45 Minuten waren für die Debatte des Gesetzentwurfes vorgesehen, den die Bundesregierung am 29. September dieses Jahres in den Bundestag eingebracht hat. Meist werden Gesetzesentwürfe in mehreren Sitzungen diskutiert, bevor sie endgültig verabschiedet werden, und so wird wohl auch dieses wichtige Thema, das Gesetz zur Reform der strafrechtlichen Vermögensabschöpfung, erneut verhandelt werden. Um was geht es bei diesem sperrigen Begriff „strafrechtliche Vermögensabschöpfung“?

Viele Straftaten werden begangen, um einen materiellen Vorteil zu bekommen. Meistens geht es um Geld, etwa bei dem Verkauf von Drogen, es kommen aber auch andere Vorteile in Frage. Die bisherige Rechtslage in Deutschland macht es der Polizei und den Staatsanwaltschaften allzu schwer, diese kriminell erzielten Gewinne den Tätern wegzunehmen.

Bisher gibt es dafür mehrere Möglichkeiten:

Das Strafgesetzbuch (StGB) ermöglicht den „Verfall“ kriminellen Vermögens, die Strafprozessordnung (StPO) die vorläufige Sicherstellung von Vermögenswerten („Beschlagnahme“ und „dinglicher Arrest“ genannt). Das Regelungswerk, so ist im Entwurf des neuen Gesetzes zu lesen, sei aber „äußerst komplex und unübersichtlich“ und zudem „mit zahlreichen rechtlichen Zweifelsfragen belastet“, so dass „strafgerichtliche Entscheidungen auf dem Gebiet der Vermögensabschöpfung in hohem Maße fehleranfällig sind“. Auch deswegen würden die bestehenden Regelungen von den Gerichten oft nicht angewandt.

Eine Projektgruppe „Recht der Vermögensabschöpfung“ im Bundesjustizministerium hat daher festgestellt, dass Änderungen nötig sind. Ausgangspunkt dafür waren auch die Vorgaben des Koalitionsvertrags zwischen CDU, CSU und SPD zur Vermögensabschöpfung und die Richtlinie 2014/42/EU über die Sicherstellung und Einziehung von Tatwerkzeugen und Erträgen aus Straftaten in der Europäischen Union.

Das neue Gesetz bringt zunächst einen neuen Begriff. In Zukunft soll ausschließlich von „Einziehung“ die Rede sein, der Terminus „Verfall“ verfällt. Die Bundesregierung schreibt zudem, dass ihr Entwurf für den Bereich des Terrorismus und der organisierten Kriminalität ein rechtliches Instrument schaffe, mit dem aus Straftaten herrührendes Vermögen unklarer Herkunft unabhängig vom Nachweis einer konkreten Straftat eingezogen werden kann. Er schafft bessere Möglichkeiten, kriminelles Kapital einzuziehen und mehr Rechtssicherheit. Was der neue Gesetzentwurf bisher aber nicht schafft, ist, dass die eingezogenen Güter für soziale Zwecke verwendet werden. Dies ist die Intention der europäischen Vorlage, sie wird aber von Deutschland bisher nicht berücksichtigt. gemeinsam mit anderen Initiativen wird sich Mafia? Nein, Danke! e.V. dafür stark machen, dass auch dieses Vorgehen im deutschen Gesetz verankert wird. Denn die Umwidmung von beschlagnahmten Immobilien etwa, die für Altentagesstätten, Behindertenheime oder inklusive Einrichtungen genutzt werden, entwickelt ein starke symbolische Wirkung. In anderen europäischen Ländern ist diese Praxis gang und gäbe. In Spanien zum Beispiel gibt es das berühmte Beispiel einer beschlagnahmten Yacht, die umgebaut wurde, so dass auf ihr nun Behinderte den Segelsport erlernen können.

Etwas gegen die Mafia in den Ferien tun


Wenn die Schulen schließen und die Arbeit zum Erliegen kommt, dann legt die Antimafia-Bewegung erst richtig los. Und auch wenn, wie der Filmemacher Pif sagt, „Die Mafia mordet nur im Sommer“, ist es wichtig zu wissen, dass es grade im Sommer viele interessante Initiativen der Weiterbildung und der sozialen und kulturellen Betrachtung der Antimafia gibt. Leider alle in Italien, aber wir hoffen, dass es ähnliche Aktivitäten künftig auch in Deutschland und anderen Ländern gibt.

E!state Liberi! ist gewiss die Initiative, die am meisten Menschen involviert: An den von Libera koordinierten Sommercamps nehmen Jahr für Jahr tausende Leute teil. Sie werden dafür auf Bauernhöfen untergebracht, die von der Mafia beschlagnahmt worden sind und heute von Vereinen und Sozialkooperativen verwaltet werden. Dort arbeiten sie zum einen aktiv mit, zum anderen erfahren sie viel über die beschlagnahmten Ländereien und Wertgegenstände. Es gibt Camps für Gruppen, für Jugendliche, Singles und Familien, thematische Camps und internationale, sogar Ferienlager für Belegschaften von Unternehmen. Sie verteilen sich auf ganz Italien, so wie es auch die Mafia tut -genau darauf wollen die Camps hinweisen: “E!State Liberi! ist Erinnerung, die zur Aufgabe wird, im im besten Sinne, sie ist das greifbare Zeichen des nötigen Wandels, den man der weitverbreiteten ‚kulturellen und materiellen Mafiosität‘ entgegenstellen muss.“

Zum sechsten Mal öffnete dieses Jahr die Summer School on Organised Crime, eine Initiative der Fakultät für Politik- udn Sozialwissenschafften der Università degli Studi di Milano. Die Veranstaltung umfasst fünf sehr intensive Tage mit Begegnungen, Vorlesungen und Debatten. Bis zu vier Workshops pro Tag haben die Veranstalter angesetzt, und selbst die Pausen wurden oft och genutzt, weil es so viel interessantes zu sagen gab. Der Staatsanwalt Gian Carlo Caselli reflektierte die Rolle der Staatsanwaltschaft in den Prozessen gegen die Mafia und in den Beziehungen zur Politik. Alessandra Dino sprach über die weibliche Antimafia-Bewegung. Cesare Moreno, Vorsitzender des Vereins Maestri di Strada, der Straßenkinder in die Schule zurück bringt, teilte seine Überlegungen, inwiefern dies ein Antimafia-Engagement sei, mit den Anwesenden. Marco Santoro legte den Finger in die Wunde und sprach über Schwächen der Antimafia-Bewegung: mangelnde Effizienz, Opportunismus und Infiltrationen der Mafia in der Bewegung. Die Summer School richtet sich an ein Universitätspublikum, sie steht aber auch Berufstätigen, Aktivisten, Menschen aus dem Öffentlichen Dienst und Sicherheitskräften offen.

Jedes Jahr widmet sich die Veranstaltung einem neuen Thema. In diesem Jahr war die Themenwahl recht überraschend, ging es doch um eine kritische Untersuchung der Antimafia-Bewegung selbst, es wurden seine kritischen Stellen wie auch seine Stärken untersucht, um die Richtung, in die die Bewegung stoßen sollte, zu bestimmen und herauszufinden, worauf das Augenmerk der Menschen in Italien gerichtet werden sollte. Dabei ging es auch um Verfehlungen Einzelner in der großen und weiten Antimafia-Bewegung, die isch bereichert haben oder einen persönlichen Vorteil aus ihrem Engagement ziehen wollten. Solche Vorkommnisse künftig zu verhindern, war ebenfalls ein wichtiger Aspekt der Summer School. In den Vorjahren ging es beispielsweise um die Ökomafia, die Beziehung zwischen der Mafia und dem Gesundheitswesen oder um die sozialen und ökonomischen Kosten der Organisierten Kriminalität. Giulia Norberti, die Mafia? Nein, Danke! e.V. bei der Summer School in diesem Jahr vertreten hat, sagt, man lerne sehr viel, die Summer School lasse die Teilnehmer voll mit Denkansätzen und neuen Ideen zurück. Zugleich gefiel ihr, dass die Veranstaltung auch neue Fragen aufwirft und Verbindungen zwischen unterschiedlichen Einrichtungen und Gruppen schafft.

Die reisende Universität: wenn man über Antimafia-Veranstaltungen im universitären Bereich berichtet, kann diese Initiative nicht unerwähnt bleiben. Diese einzigartige Einrichtung richtet sich an die Studenten des Kriminalsoziologen Nando dalla Chiesa von der Università statale in Mailand und der Humboldt Universität in Berlin. Die eisende Universität ist mehrere Tage unterwegs, bis zu einer Woche, und bringt eine Gruppe von 20 bis 30 StudentInnen an Orte, die für das Studium der Organisierten Kriminalität von besonderem Interesse sind. Die ersten Kurse hielt man in Cinisi ab, in der Nähe von Palermo, seit langem ein Symbol für die Mafia wie auch für die Antimafia. In Cinisi lebte nämlich der Journalist Peppino Impastato, der sich gegen die Mafia auflehnte und dafür ermordet worden ist. Auch in Casal di Principe, in Kampanien, machte die Universität schon Halt, dort hatten die Casalesi lange Zeit die Stadt im Griff behalten. Ostia, die Stadt am Strand unweit von Rom, war ein weiterer Ort, dort wurde mit vielen Polizeiaktionen die Mafia zurückgedrängt. In diesem Jahr wählten die Organisatoren Isola di Capo Rizzuto in Kalabrien als Ort. Der Ort ist bekannt dafür, dass der Clan der Arena dort seien Basis hat. Die Arena sind international aufgestellt und auch in Deutschland präsent, unter anderem in Stuttgart. Beispielsweise wurde ein Windpark, der ihnen Geld einbringt, von der deutschen HSH Nordbank finanziert. In den Kursen dort sprechen die Studenten mit Zeugen von vor Ort, Vertretern der Zivilgesellschaft und der Institutionen. Die direkte Beobachtung vor Ort und die Teilnahme an den Begegnungen erweisen sich als sehr bedeutend für die Journalisten, die so in direkten Kontakt mit den Studienobjekten kommen, die sie sonst nur aus Büchern kennen.