Covid-19 und Mafia: Wie zwei Viren sich gegenseitig stärken


Geschlossene Grenzen sind schlecht für den Warenschmuggel und leere Straßen erschweren den Drogenhandel – hat das Virus sogar die Mafia-Clans geschwächt? Während der Bund Deutscher Kriminalbeamter laut einem Artikel der Tagesschau davon ausgeht, dass sich intensivere Kontrollen zu Zeiten von COVID-19 positiv auf die Verbrechensbekämpfung auswirken, ist die Antimafia-Kommission des italienischen Parlaments anderer Meinung. Die Kommission ist eine ständige Einrichtung des Parlaments, der Sprecher ihres Präsidenten sagte kürzlich der NGO “Global Initiative Against Transnational Organized Crime” (GI-TOC): „Die Mafia ist wie das Coronavirus — sie wird Dich kriegen, egal wo Du bist“. Worauf müssen wir uns einstellen?

Die aktuelle Gesundheitskrise kennt kaum Präzedenzfälle und droht, der organisierten Kriminalität in die Hände zu spielen. Aus Italien erreichen uns von der Staatspolizei die ersten Warnsignale; in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung “Repubblica” warnt der Leiter der Verbrechensbekämpfung Francesco Messina vor Mafia-Infiltrierung in einem geschwächten Wirtschaftssystem: “Die Auswirkungen der aktuellen Gesundheitskrise könnten Unternehmer und Händler verschiedener Sparten vermehrt Versuchen der ökonomischen Rekrutierung und illegalen Finanzierung aussetzen”. Die hohe Liquidität der Banden und die zunehmenden finanziellen Schwierigkeiten der Unternehmen werden Wucher und die Übernahme ganzer Geschäftszweige begünstigen, ob direkt oder durch verstärkte Abhängigkeiten. Francesco Messina bestätigt, die Mafia habe unter anderem im Hotelgewerbe bereits damit begonnen, ihre “Hilfe” anzubieten. Dazu steigt das Korruptionsrisiko, wenn Staatsbeamte auf einmal Unsummen von öffentlichen und EU-Geldern verwalten müssen. In Italien ist nicht erst seit Wiederaufbau-Projekten nach Erdbeben bekannt, dass man bei der Vergabe öffentlicher Aufträge besonders aufpassen muss.

Trotzdem ist nicht zu verleugnen, dass eine Krise dieses Kalibers Mafiosi genauso trifft wie uns. Es wäre ein Fehler, wie Professor Federico Varese betont, „zu denken, dass Mafiosi Superhelden seien: Sie leben in derselben Welt wie wir und wenn unser Leben in Gefahr ist, ist es das ihre auch“ . Die organisierte Kriminalität hat allerdings bereits in der Vergangenheit beneidenswerte Resilienz demonstriert, etwa in der Weltwirtschaftskrise 2008: „ Sie akzeptieren, dass sie Verluste machen werden und warten auf bessere Zeiten“, sagte General Giuseppe Governale, Kopf der italienischen Antimafia-Polizei, Ende März der Deutschen Presse-Agentur. Ein altes sizilianisches Sprichwort beschreibe die aktuelle Situation gut: „Calati junco, ca passa la china“ (etwa: Beuge das Schilf, bis die Flut vorüber ist).

Der international anerkannte Mafia-Experte und Autor Roberto Saviano ging noch einen Schritt weiter und wies darauf hin, dass kriminelle Organisationen sich darauf verstehen, jegliche Form der Krise zum eigenen Profit auszuschlachten. In einem Artikel der italienischen Tageszeitung “La Repubblica” beschreibt Saviano, warum die Pandemie der Mafia zugutekommen könnte: “Wenn Du Hunger hast, suchst du Brot, und fragst nicht, aus welchem Ofen es kommt und wer es verteilt; wenn Du ein Medikament benötigst, kaufst Du es, und fragst nicht danach, wer der Verkäufer ist. […] Nur in Zeiten des Friedens und des Wohlstands hat man die Wahl.” Laut Francesco Messina sind besonders die Gesundheitsinfrastruktur, der Agrar- und Ernährungssektor, sowie kleine und mittlere Unternehmen in den Sektoren Tourismus und Gastronomie in Gefahr, infiltriert zu werden.

Die italienischen Behörden registrieren gerade tatsächlich illegalen Handel von Anti-Viren-Atemmasken, die in die Türkei, nach Russland, Kasachstan oder Indien exportiert und dann nach Italien reimportiert werden – da die Preise der Schutzausrüstungen steigen, ist dieses Geschäft besonders lukrativ. In Rom und Mailand wurden bereits gefälschte Masken von der Polizei sichergestellt. Aktuell knappe Güter eröffnen besonders dort neue Märkte und Handlungsfelder, wo die organisierte Kriminalität das staatliche Gesundheitssystem infiltriert hat, was sowohl in Nord- wie auch in Süditalien bereits der Fall ist, unter Anderem in der Lombardei.

Die Coronakrise bietet aber nicht nur in Italien breite Angriffsflächen für betrügerische Machenschaften: Interpol berichtet von 2000 Webseiten weltweit, auf denen dubiose Produkte wie ein “Coronaspray” vertickt werden. Europol warnt währenddessen vor weltweit steigender Cyberkriminalität: Unter Anderem kursieren dubiose Emails, in denen sich Cyberkriminelle als die Weltgesundheitsorganisation ausgeben, um Schadsoftware zu verbreiten und persönliche Daten abzugreifen. Die NZZ berichtet außerdem, dass die Notsituation in der Schweiz von falschen Ärzten, Wucherern und Cyberkriminellen ausgenutzt wird, sodass die Ermittlungsbehörden ihre Anstrengungen verstärkt haben. In den Favelas von Rio stellt sich die Organisierte Kriminalität dagegen als besserer Staat dar, der in der Krise für Sicherheit und Ordnung sorgt, und erlangt so neue soziale Legitimität. Die Mittel und Wege, aus der Krise Profit zu schöpfen, scheinen unendlich. Nicola Gratteri, führender Anti-Ndrangheta-Ermittler und Chefankläger in Catanzaro, äußerte sich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur auch besorgt über Unterbrechungen bei Verfahren gegen die Mafia, Anhörungen fänden derzeit nicht statt.

Doch jenseits der Gesundheitskrise laufen auch die Alltagsgeschäfte der Mafia weiter: In den Häfen Süditaliens wurde eine Zunahme des Verkehrsaufkommens registriert. Während der Warenverkehr nicht eingeschränkt wurde, die Bewegungsfreiheit hingegen schon, wurden Grenzkontrollen weniger streng durchgeführt. So schreibt Wolf H. Wagner im Neuen Deutschland, es gelangen aktuell mehr Drogen als sonst auf der Südamerika- und Afrikaroute ins Land.

Auch der Drogenkonsum nimmt nicht ab, nur weil wir in den eigenen vier Wänden eingesperrt sind: Langeweile und Einsamkeit können das Verlangen steigern, illegale Substanzen zu konsumieren, auch, um psychischen Krankheiten wie Depressionen entgegenzuwirken. Antimafia-Staatsanwalt Federico Cafiero de Raho bestätigte der Zeitung “La Repubblica”: “Die Camorra passt sich gerade an die Bedingungen dieser besonderen historischen Phase an: Wenn die Drogenumschlagplätze geschlossen sind, werden die Drogen eben nach Hause geliefert“.

Die Indizien zeigen: Wir müssen die Mafia selbst als ein Virus betrachten, das jegliches politische und gesellschaftliche Klima infizieren kann. Auch wenn die soziale Ordnung sich verändert und die Ausnahme zur neuen Norm wird, passt sich das Verbrechen zur eigenen Profitmaximierung an.

Helena Raspe und Simone Laviola © mafianeindanke, 02. April 2020

Die Erinnerung an die Opfer der Mafia fällt nicht aus: Der 21. März auf Social Media


In Italien wird jedes Jahr am 21. März der „Tag der Erinnerung und Verpflichtung für die unschuldigen Opfer der Mafia” begangen. Dieses Jahr gebietet die durch das Coronavirus (COVID-19) verursachte globale Gesundheitskrise eine Verschiebung der Gedenkfeier auf Oktober dieses Jahres. Dennoch haben wir der Opfer der Mafia gedacht: Die größte italienische Antimafia-Organisation Libera hat eine Social-Media-Kampagne ins Leben gerufen, an der landesweit zahlreiche Individuen und Organisationen teilgenommen haben. Wir von mafianeindanke haben jeweils einzelner Schicksale gedacht, indem wir den Opfern ein Foto mit Blumen gewidmet und diese online verbreitet haben.

Damit endet unser Engagement jedoch nicht. Wir haben die Geschichten der von uns in diesem Jahr ausgewählten Opfer rekonstruiert, vertieft und verbreitet, um die Erinnerung an sie wach zu halten. Im Anschluss könnt ihr die Schicksale von Annalise Borth, Ciro Rossetti, Silvia Ruotolo und Luigi Fanelli nachlesen.

Zuerst jedoch möchten wir Euch erzählen, wie die so wichtige Initiative des 21. März entstanden ist.

Am 23. Mai 1993 wurde die erste Gedenkfeier zur Erinnerung der Opfer des Anschlags von Capaci abgehalten. Eine Frau, Carmela, näherte sich dem prominenten Mafia-Gegner Don Ciotti in Tränen aufgelöst und sagte zu ihm: „Ich bin die Mutter von Antonio Montinaro, Chef des Begleitschutzes von Giovanni Falcone. Warum nennen Sie nie den Namen meines Sohnes? Er ist gestorben wie die anderen auch.” Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Polizei-Einheit, die Falcone Personenschutz gewährte, und zu denen neben Antonio auch seine Kollegen Vito Schifani und Rocco Dicillo gehörten, immer oberflächlich als „die Jungs vom Polizeischutz” übergangen. Die Initiative ist also aus dem Schmerz einer Mutter geboren, die das Recht verteidigt hat, dass die Erinnerung an ihren Sohn durch die Nennung seines Namens wachgehalten wird.

So entstand der Tag der Erinnerung an die unschuldigen Opfer der Mafia mit der Idee und Verpflichtung, jedem Opfer das gleiche Recht auf Erinnerung zu gewähren.

Die Geschichten der Opfer

Annalise Borth

Ferentino, 26. September 1970

Annalise Borth war eine junge Frau aus Hamburg, 18 Jahre alt, verheiratet mit Gianni Aricò und schwanger.

Die Ehe mit Giovanni ermöglichte ihr ein neues Leben in Italien, wohin sie als junges Mädchen vor einer schwierigen, von familiären Konflikten geprägten Jugend floh.

 „Muki”, wie ihr Spitzname lautete, war Mitglied der anarchistischen Gruppe „Anarchici della Baracca”. Diese bestand aus politischen Aktivist*innen aus der Gegend Reggio Calabria, deren Name eine verlassene Hütte bezeichnet, in der die Gruppe ihre operative Basis aufgebaut hatte. Es waren die Jahre des Bombenanschlags auf der Piazza Fontana in Mailand und des Reggio-Aufstandes, dem Widerstand gegen die Entscheidung der Regierung, Catanzaro und nicht Reggio zur regionalen Hauptstadt Kalabriens zu machen.

Am Abend des 26. Septembers 1970 befanden sich Annalise und Gianni Aricò in ihrem Mini Morris, gemeinsam mit drei weiteren Freunden: Franco Scordo, Luigi Lo Celso und Angelo Calise, alle zwischen 18 und 26 Jahren alt. Sie waren auf dem Weg nach Rom, wo eine Demo anlässlich des Besuchs des damaligen US-Präsidenten Nixon geplant war. Die jungen Leute wollten dem Anwalt Edoardo Di Giovanni in Rom ein Dossier mit brisanten Informationen überreichen. Sie hatten Dokumente gesammelt, die Verflechtungen zwischen der ‘Ndrangheta und neofaschistischen Gruppen belegten, besonders in Bezug auf den Reggio-Aufstand und den Anschlag auf den “Freccia del Sud”- Zug bei Gioia Tauro.

Auf der Höhe von Ferentino stieß ihr Auto mit einem LKW für den Transport von Tomatenkonserven zusammen, der Auffahrunfall war wohl provoziert. Alle Insassen starben. Annalise starb als Letzte, nachdem sie 21 Tage lang im Krankenhaus um ihr Leben gekämpft hatte.

Die im Auto transportierten Dokumente verschwanden spurlos. Die Fahrer des LKWs, die den Unfall unversehrt überstanden, waren Angestellte eines Unternehmens, das auf den „schwarzen Prinzen” Junio Valerio Borghese zurückzuführen ist.

Erst mehr als 20 Jahre später, im Jahr 1993, gab es neue Erkenntnisse in Bezug auf die Ereignisse des Reggio-Aufstandes und den Bombenanschlag auf den Zug „Freccia del Sud”, bei dem sechs Menschen starben und 54 verletzt wurden. Die Erklärungen einiger „Pentiti” (geständige Ex-Mafiosi) haben ergeben, dass die neofaschistischen Gruppen den Sprengstoff von der ‚Ndrangheta erworben hatten. Außerdem gestand ein Mann, der mit der Justiz kooperierte, die Zusammenarbeit zwischen organisierter Kriminalität und terroristischen, rechtsextremen Gruppen im Fall des „Reggio-Aufstandes”.

Für die “Anarchici della Baracca” gibt es jedoch bis heute keine Gerechtigkeit.

Ciro Rossetti

Neapel, 11. Oktober 1980

Ciro war ein 31 Jahre alter Werkarbeiter.

Am 11.10.1980 befand er sich im Haus seiner Mutter, um mit seiner Frau und seinen zwei Kindern das WM-Qualifikationsspiel Italien-Luxemburg zu sehen. Auf einmal hörte er Schüsse auf der Straße. Er ging davon aus, dass es sich um Feuerwerk handele, um den Sieg Italiens im Fußballspiel zu feiern. Deshalb ging er sofort ans Fenster. Vom Fenster aus erblickte er ein Auto, aus dem ein Mann vier Schüsse abfeuerte. Eine dieser Kugeln tötete ihn.

Dieser Mann hatte nichts mit der organisierten Kriminalität zu tun und wollte nur aus seinem Fenster einen Freudenschrei ausstoßen.

Silvia Ruotolo

Neapel, 11. Juni 1997

Silvia Ruotolo liebte ihre Stadt Neapel, sie liebte ihre Nachbarschaft Vomero und vor allem liebte sie ihre Familie. Sie war eine fröhliche und hilfsbereite Frau mit einem unverwechselbaren Lächeln.

Nach dem Abschluss ihres Masterstudiums lernte sie Lorenzo Clemente kennen, den sie heiratete. Im Jahr 1987 wurde sie schwanger und erwartete ihre erste Tochter, Alessandra, der sie fortan eine fürsorgliche Mutter war. Fünf Jahre später trug sie wieder ein Kind im Bauch: Sie bemühte sich nun um ein größeres Haus, während sie auf die Ankunft des kleinen Francesco wartete. Deshalb zog sie in den 9. Stock eines Hauses der Salita Arenella 13 / A, in eine geräumige Wohnung mit einer wunderbaren Aussicht auf ihre Stadt.

Am 11. Juni 1997 hielt Silvia mit 39 Jahren ihren kleinen Sohn Francesco an der Hand. Francesco war damals 5 Jahre alt. Sie hatte ihn gerade vom Kindergarten abgeholt und ging auf die Salita Arenella zu, war fast schon zu Hause angelangt. Auf dem Balkon wartete die zehnjährige Alessandra auf sie.

Plötzlich stiegen zwei Männer aus einem Auto und fingen an, wild um sich zu schießen. Silvia wurde von einer der 40 Kugeln in den Kopf getroffen und starb. Deren Ziel war jedoch nicht sie, sondern zwei Mitglieder des Cimmino-Clans, Salvatore R., der ebenfalls getötet wurde, und Luigi F., der gemeinsam mit einem Universitätsstudenten, Riccardo Valle, verletzt wurde.

Der Fall wurde erst 2011 abgeschlossen: Das Berufungsgericht sprach eine lebenslange Freiheitsstrafe für Mario C. aus, dem letzten der Angeklagten, dessen Verfahren noch nicht entschieden war. Rechtskräftig wurden auch vier weitere Urteile, einschließlich einer lebenslangen Freiheitsstrafe für den Vomero-Boss Giovanni A., Drahtzieher der grausamen Gewaltaktion, die zu Silvias tragischem Tod führte.

Luigi Fanelli 

Bari, 26. September 1997

Luigi Fanelli war ein aufrichtiger Junge mit einem sonnigen Gemüt, der eine militärische Karriere anstrebte. Er wurde in der Kaserne Briscese von Bari rekrutiert. Als er erst 19 Jahre alt war und eines Tages einen freien Tag hatte, verließ er das Haus gegen 21 Uhr und sagte seinen Eltern, dass er an diesem Abend spät nach Hause zurückkehren würde. Er traf einige Freunde auf einem öffentlichen Platz. Nach einer Weile ging er mit seinem Freund Luca in die Weinbar „Ridemus”. Dort traf er auf seine Ex-Freundin Fausta B. Nach einem heftigen Streit verließ Fausta das Lokal.

Luigi blieb noch eine Weile im Ridemos, wo sich auch Francesco S., ein Ex-Freund von Fausta, un Paolo M. befanden.

Francesco und seine Freunde behaupteten später, dass sie gegen Ende des Abends sahen, wie Luigi das Lokal verließ und auf einem schwarzen Motorroller in Begleitung einer unbekannten Person davonfuhr.

Von da an verliert sich jegliche Spur über den Verbleib von Luigi Fanelli. Er verschwand nicht freiwillig. Die Staatsanwaltschaft von Bari nimmt an, dass Fausta ihm den Streit übel nahm. Wahrscheinlich rief sie zwei befreundete Clanmitglieder der Cosola an und bat sie, Luigi eine „Lektion” zu erteilen. Die beiden gingen in die Bar. Dort konnten sie ihn überzeugen, ihnen zu folgen. Sein Körper wurde bis heute nicht gefunden.

Paolo M., Neffe des Mafia-Bosses Antonio di C., entschied sich im Oktober 2015 dazu, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Er gestand, Luigi Fanelli mit einer Pistole umgebracht zu haben. Ein Mord, für den Masciopinto nie bezahlt hat, da er in diesem Fall bereits freigesprochen worden war.

Maria Vittoria Barbieri, Ludovica Bölting, Dusan Desnica, Federica Menzinger  © mafianeindanke, 29. März 2020

Am 21. März bekommen Mafiaopfer ein Gesicht


Einer der – mit Verlaub – dümmsten  Begriffe in der Diskussion um Mafia ist der des „victimless Crime“, zu Deutsch „Verbrechen ohne Opfer“. Immer wieder heißt es, Organisierte Kriminalität falle häufig unter diese Kategorie, produziere doch zum Beispiel Geldwäsche keine Opfer. Diese Sicht ist stark verkürzt – wenn etwa Mieten wegen massiver Geldwäsche-Aktivitäten im Immobiliensektor steigen, produziert das auch Opfer! Und sie ist auch faktisch falsch. Seit 1996 organisiert die italienische Antimafia-Organisation Libera, mit der wir häufig kooperieren, jeden 21. März den Gedenktag für die Opfer der Mafia.

Dabei kommen die Angehörigen von Mafiaopfern zusammen. Viele berichten von den Geschichten ihrer Angehörigen oder halten Bilder hoch. Es ist häufig schockierend, warum die Clans in Italien Unschuldige ermorden. Uns ist beispielsweise eine Begegnung in Erinnerung mit Angehörigen eines Kleinmaschinenhändlers, der ermordet wurde, weil er ein bestimmtes Maschinenöl nicht vorrätig hatte. Viele Menschen wurden auch Opfer von Verwechslungen oder bekamen Querschläger bei Schießereien ab und wurden tödlich verletzt.

Inzwischen hat sich die Initiative zu einem offiziellen Nationalen Gedenktag ausgewachsen. In unzähligen Städten finden dazu Veranstaltungen statt, auf denen eine mehr als tausend Namen umfassende Liste ( https://vivi.libera.it/it-ricerca_nomi) mit Opfern der Mafia verlesen und ihrer gedacht wird. Für dieses Jahr war für die zentrale Veranstaltung Palermo vorgesehen, doch daraus wird nichts. Wegen des Corona-Virus sind in Italien alle Großveranstaltungen untersagt worden. Die Gedenkevranstaltung ist auf Oktober verlegt worden. Das betrifft auch mafianeindanke: bereits gebuchte Flüge verfallen, außerdem war ein Treffen des europäischen Antimafia-Netzwerkes Chance begleitend zur Gedenkveranstaltung geplant, das nun ebenfalls verschoben worden ist.

mafianeindanke recherchiert seit Jahren auch nach Opfern der Mafia in Deutschland, bisher mit wenig Ergebnissen: Wir fanden einen jungen Mann, Thomas H., der in Lommatzsch in Sachsen am 20.9.2005 von seinem Onkel Giuseppe A., einem Mafioso, erschossen wurde. Vorausgegangn waren Erbstreitigkeiten um ein Haus. Giuseppe A. stellte sich am Tag nach der Tat der Polizei und wurde inhaftiert. Ein halbes Jahr später wurde er entlassen, im Jahr darauf meldete er sich nach Italien ab. Dass Giuseppe A. Mafiamitglied ist, hätte man wissen können, denn er hatte in Prozessen in Italien bereits Jahre zuvor ausgesagt. Über seinen Verbleib ist heute nichts bekannt.

Ein weiterer Fall wurde uns angedeutet, die Frau eines Gastronomen verschwand vom einen Tag auf den anderen und die Verwandten sind überzeugt, dass sie getötet worden war.

Falls Sie von ähnlichen Fällen Kenntnis haben, helfen Sie uns bitte, unsere Statistik zu Mafiamorden in Deutschland weiter zu verbessern und melden sich, entweder per info@mafianeindanke.de oder telefonisch unter 00 49 157 31 79 78 21

Sandro Mattioli © mafianeindanke, 11. März 2020

Kompetenzen zur Verhinderung der Geldwäsche werden EU-weit bei der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde gebündelt – mit dürftigen Rechtsfolgen


Durch die Verordnung (EU) 2019/2175 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Dezember 2019 wurden die Kompetenzen der europäischen Aufsichtsbehörden für das Versicherungswesen und der Wertpapier- und Marktaufsicht in Bezug auf die Verhinderung der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung an die für die Banken zuständige Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) angedockt.

Dafür wurde die Verordnung (EU) 1093/2010 geändert. Der Verordnungsgeber verspricht sich dadurch eine Verbesserung der Aufsicht durch die Nutzung des Fachwissens und der Ressourcen der EBA, um die Umsetzung der Vorschriften der EU-Geldwäscherichtlinie zu optimieren. Mit qualitativ neuen Eingriffsbefugnissen für die EBA ist die geänderte Verordnung jedoch nicht verbunden. Im Klartext bedeutet dies, dass die geldwäscherechtliche Aufsicht über Banken, Versicherungen, Wertpapierhäuser und sonstige Finanzdienstleister nach wie vor weitgehend ungeschmälert bei den Aufsichtsbehörden der EU-Staaten verbleibt. Unzählige Geldwäscheskandale im Finanzsektor der EU-Mitgliedsstaaten, die oft einen grenzüberschreitenden Charakter haben, machen jedoch deutlich, dass diese nationalen Aufsichtsbehörden ihren Aufgaben vielfach unzureichend nachgekommen sind und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den nationalen Aufsichtsinstitutionen in der EU nicht funktioniert.

Die Rolle der EBA in der Europäischen Finanzaufsicht

Die EBA wurde am 1. 1. 2011 auf Basis der Verordnung (EU) Nr. 1093/2010 errichtet. In Reaktion auf die Finanzmarktkrise hat sie die Aufgabe, wirksame Maßnahmen zur Regulierung und Beaufsichtigung des europäischen Bankensektors sicherzustellen und damit einen Beitrag für die Finanzstabilität in der EU zu leisten. Hierzu gehört auch die Verhinderung der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung, weil diese Präventionsmechanismen für die Integrität und Reputation der Finanzakteure sowie die Stabilität des europäischen Finanzmarkts ein wichtiger Baustein sind.

Die EBA ist Teil des Europäischen Systems der Finanzaufsicht („ESFS“). Dieses wurde 2008 geschaffen. Das ESFS soll eine harmonisierte und angemessene Anwendung der für den Finanzsektor geltenden Vorschriften in allen Mitgliedstaaten gewährleisten, um die Finanzstabilität zu erhalten und Vertrauen in das Finanzsystem insgesamt sowie ausreichenden Schutz der Verbraucher zu schaffen.

Neben der EBA gehören zum ESFS:

– der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (European Systemic Risk Board – „ESRB“);

– die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (European Insurance and Occupational Pensions Authority – „EIOPA“)

– die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (European Securities and Markets Authority – „ESMA“);

– der Gemeinsame Ausschuss der Europäischen Aufsichtsbehörden;

– die nationalen Aufsichtsbehörden in den Mitgliedstaaten.

EBA, EIOPA und ESMA sind die drei Europäischen Finanzaufsichtsbehörden (European Supervisory Authorities – „ESAs“). Die Hauptaufgabe der ESAs besteht neben einer Beratungsfunktion für die Europäische Kommission darin, einheitliche Regelungen für die Finanzaufsicht im europäischen Binnenmarkt zu schaffen. Hierzu zählt die Entwicklung technischer Regulierungs- und Durchführungsstandards, die dann von der Kommission als delegierte Rechtsakte oder Durchführungsrechtsakte erlassen werden. Sie veröffentlichen ebenfalls Leitlinien und sprechen Empfehlungen aus. Soweit es um die Verhinderung der Geldwäsche geht, werden diese Maßnahmen nunmehr aus einer Hand von der EBA vorgenommen.

Die Leitlinien und Empfehlungen sind zwar rechtlich nicht verbindlich. Wenn die nationalen Aufsichtsbehörden diesen nicht folgen wollen, müssen sie innerhalb einer bestimmten Frist jedoch den Grund hierfür mitteilen.

Die ESAs haben zwar die Befugnis, in Krisenfällen Maßnahmen von den nationalen Aufsichtsbehörden zu verlangen. Unmittelbare Durchgriffsrechte auf Institute und Unternehmen in den Mitgliedsstaaten bzw. eigene Prüfungsrechte haben sie jedoch nicht. Die laufende Überwachung der Institute und die dafür erforderlichen Prüfungsrechte sowie Exekutions- und Sanktionsmaßnahmen ist bei der Geldwäscheprävention also auch in Zukunft Aufgabe der nationalen Aufsichtsbehörden, in Deutschland der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

Strukturelle Probleme der Europäischen Finanzaufsichtsbehörden bestehen ungeschmälert fort

Seit dem 1. Januar 2020 soll die EBA nunmehr die führende, koordinierende und überwachende Rolle auf Unionsebene bei der Verhinderung der Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung einnehmen und über diverse Maßnahmen eine fehlende Vollharmonisierung der in der Geldwäscherichtlinie geregelten Sorgfaltspflichten mehr schlecht als recht ausgleichen. Eine Aufsichtsbehörde auf dem Gebiet der Geldwäschebekämpfung wird sie jedoch dadurch nicht. Die mehrfach aktualisierte und fortgeschriebene EU-Geldwäscherichtlinie regelt nur Mindestanforderungen. Der Regelungsinhalt der Umsetzungsgesetze in den Mitgliedsstaaten ist somit nicht inhaltsgleich und weicht voneinander ab. Soweit vor diesem problematischen Hintergrund möglich, soll die EBA ihre neue Rolle primär dazu nutzen, eine größere Harmonisierung der nationalen Ansätze zur Bekämpfung der Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung sicherzustellen und für eine einheitliche Umsetzungspraxis zu sorgen.

In ihrem „Factsheet on the EBA’s new role“ vom 5. 2. 2020 kündigt die EBA Maßnahmen an, die sie zu diesem Zwecke ergreifen will. Hierzu sollen gehören:

– Entwicklung einer EU-weiten Strategie zur Geldwäscheprävention mittels technischer Regulierungs- und Durchführungsstandards, Leitlinien und Empfehlungen;

– Umsetzung dieser Strategie und der zugrunde liegenden EU-Gesetzgebung unter anderem durch Einführung eines Frage-Antwort-Verfahrens;

– Erfassen, Bewerten und Verbreiten von Informationen über EU-weite Risiken der Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung sowie Entwicklung eines gemeinsamen Ansatzes zur Eindämmung dieser Risiken;

– Einrichtung eines ständigen internen Ausschusses zur Bekämpfung der Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung;

– Einrichtung einer Datenbank, unter anderem mit Informationen über die Mängel einzelner Institute in Sachen Geldwäscheprävention und die von den zuständigen Behörden ergriffenen Maßnahmen zur Behebung dieser Mängel;

– Erleichterung der Zusammenarbeit mit den Behörden von Drittländern, um sicherzustellen, dass Verstöße von Instituten, die grenzüberschreitend tätig sind, umfassend und zeitnah adressiert werden.

Von dieser Bündelung der Kompetenzen ist im Ergebnis wenig zu erwarten. Der sog. Rat der Aufseher ist das wichtigste Entscheidungsgremium der Behörde. Die Aufsichtsbehörden der Mitgliedsstaaten sind stimmberechtigte Mitglieder dieses Gremiums. Sie bestimmen die Arbeitsinhalte der EBA wesentlich mit. Wie die vom Europäischen Parlament scharf kritisierte Verhinderung der Aufarbeitung des Danske-Bank Skandals durch den Rat der Aufseher im vergangenen Jahr eindrücklich belegt, hackt kein nationaler Aufseher eines Mitgliedsstaats X dem Aufseherkollegen eines Mitgliedsstaates Y die Augen aus, mögen die Verstöße der jeweiligen Aufsichtsbehörde noch so gravierend sein.

Von Reformen im Anti-Geldwäscheregime auf EU-Ebene, die diesen Namen verdienen, könnte erst dann die Rede sein, wenn die Europäische Kommission, der Rat und das Europäische Parlament sich durchringen könnten, eine unabhängige, eigenständige Aufsichtsstruktur auf EU-Ebene mit eigenständigen Durchgriffs—und Prüfungsrechten bei den Mitgliedsstaaten mit angemessenen personellen und sachlichen Ressourcen zu schaffen. Diese Abgabe von nationalen Kompetenzen will jedoch bisher – trotz aller Hymnen auf die Wichtigkeit des Kampfes gegen Geldwäsche im EU-Binnenmarkt – kein einziger Mitgliedsstaat – auch nicht die deutsche Bundesregierung.

Michael Findeisen © mafianeindanke, 11. März 2020

Wichtige Polizeiorganisationen kündigen verstärktes Vorgehen gegen Mafia an


Europol will sich stärker der Bekämpfung der ’ndrangheta widmen. Diese italienische Mafia-Organisation hat ihren Ursprung in Kalabrien und operiert heute weltweit in legalen und illegalen Aktivitäten. Bei einem Treffen im Dezember tauschten sich Experten aus elf EU-Mitgliedsstaaten und vier Nicht-EU-Mitgliedsstaaten in Reggio Calabria aus. Auch Vertreter von Eurojust und interpol waren vertreten, also der Einrichtungen, die die Kooperation der Justizbehörden in Europa koordinieren bzw. die Polizeiarbeit weltweit. Dies ist insofern wichtig, wie die ’ndrangheta-Clans über jede Landesgrenze hinweg agieren. Die ’ndrangheta sei die weltweit größte kriminelle Organisation, die auf vier Kontinenten in 32 Ländern aktiv ist, davon allein in 17 europäischen Staaten.  Europol schätzt den Umsatz, den allein die ’ndrangheta macht, auf 44 Milliarden Euro pro Jahr. 62 Prozent davon, also mehr als 27 Milliarden Euro, generieren die Clans mit dem Handel von Drogen, vor allem Kokain, das sie direkt bei den Produzenten in Südamerika einkaufen. Rob Wainwright, der Direktor von Europol, kündigte an, dass man künftig stärker gegen die italienische Mafia vorgehen werde, und zwar in gemeinsamen  internationalen Aktionen. Im Januar diesen Jahres präsentierte der Generalsekretäär von Interpol, der Deutsche Jürgen Stock, das Projekt I-CAN –  Interpol Coorporation Against ‘ndrangheta.

mafianeindanke begrüßt natürlich das verstärkte Vorgehen. Die Erfahrungen in Italien zeigen aber, dass die Bekämpfung von Organisierter Kriminalität nur gelingt, wenn man sie nicht als alleinige Aufgabe der Sicherheitskräfte betrachtet. Dies bedeutet, die Zivilgesellschaft ist in mannigfaltiger form einzubeziehen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser komplexen Form von Organisierter Kriminalität muss gefördert werden, zivilgesellschaftliche Organisationen müssen ebenfalls ein wichtiger Bestandteil in der Auseinandersetzung sein. Mediale Berichterstattung ist von rechtlichen Fesseln zu befreien und zu unterstützen. Organisierte Kriminalität muss Thema in Schulen, bei Fortbildungen für Justizbedienstete sein, bei Schulungen für Polizei und Staatsanwaltschaften und und und…

Sandro Mattioli © mafianeindanke, 11. März 2020

Geldwäscheparadies Europäische Union


Die Fünfte EU- Geldwäscherichtlinie (Richtlinie (EU) 2018/843 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 30. Mai 2018 zur Änderung der Richtlinie (EU) 2015/849 zur Verhinderung der Nutzung des Finanzsystems zum Zwecke der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung und zur Änderung der Richtlinien 2009/138/EG und 2013/36/EU) war von den Mitgliedsstaaten bis zum 10. Januar 2020 umzusetzen. Spanien, Portugal, die Niederlande, Rumänien, Ungarn, die Slowakei Slowenien und Zypern haben diese Richtlinie innerhalb der Frist gar nicht umgesetzt; andere EU-Staaten nur teilweise. Italien, Deutschland Finnland, Lettland und Bulgarien sind die einzigen EU-Länder, die diese Richtlinie nach Angaben der EU-Kommission vollständig implementiert haben. Das deutsche Umsetzungsgesetz ist zum 1.1.2020 in Kraft getreten. Einer gesonderten Prüfung bedarf jedoch auch bei diesen fünf Staaten die Frage, ob deren Umsetzungsgesetze dem Inhalt der Richtlinie materiell und vollständig entsprechen.

Allein die Nichteinhaltung der Umsetzungsfristen durch die säumigen Mitgliedsstaaten zeigt, welch geringe Bedeutung für die Exekutive und Legislative der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten trotz aller Beteuerungen und Sonntagsreden eine wirksame Geldwäscheprävention und ein harmonisierter Rechtsrahmen bei der der Verhinderung der Geldwäsche in allen Wirtschaftssektoren der Europäischen Union tatsächlich hat.

Mit verantwortlich für diese desolate Situation ist die Europäische Kommission selbst, die es bereits bei den vier Vorgängerrichtlinien zur Verhinderung der Geldwäsche versäumt hat, die Nichteinhaltung der Umsetzungsfristen bzw. eine materiell unzureichende Implementierung in den nationalen Umsetzungsgesetzen konsequent zu sanktionieren. Die Instrumente hierfür hätte die Kommission durch die Einleitung von Vertragsverletzungsverfahren. Die Kommission kann ein förmliches Vertragsverletzungsverfahren einleiten, wenn ein EU-Land die Maßnahmen zur vollständigen Umsetzung einer Richtlinie nicht mitteilt oder einen mutmaßlichen Verstoß gegen das EU-Recht nicht behebt. Das Verfahren läuft in mehreren Schritten – in einem bestimmten Verfahrensstadium unter Einschaltung des Europäischen Gerichtshofs – ab, die in den EU-Verträgen festgelegt sind und jeweils mit einem förmlichen Beschluss enden, wobei sie in den Fällen, in denen die Kommission dem europäischen Gerichtshof zum zweiten Mal mit der Sache befasst, die Verhängung höchst einschneidender finanzieller Sanktionen in Form eines Pauschalbetrags und/oder eines täglich zu zahlenden Betrags vorschlagen kann.

Aktuell sind noch 17 Vertragsverletzungsverfahren wegen unzureichender Umsetzung der Vierten EU-Geldwäscherichtlinie durch einzelne Mitgliedsstaaten anhängig. Diese Richtlinie hätte bereits 2017 implementiert werden müssen. Die Europäische Kommission ist aufgrund der desolaten Personalsituation in den für die Geldwäscheprävention zuständigen Arbeitseinheiten der Kommission nicht in der Lage, diese Verfahren eigenständig zu führen. Die für die Verfahren relevanten Prüfungen hat sie an den Europarat „outgesourct“; die anhängigen Verfahren wegen mutmaßlichen Verstößen gegen die Dritte Geldwäscherichtlinie wurden wegen dieser Personalsituation gänzlich eingestellt. Dadurch mutiert die Europäische Kommission in Sachen Geldwäschebekämpfung zum Papiertiger, den die Mitgliedsstaaten nicht fürchten müssen.

Es ist völlig klar, dass allein der Buchstabe des Umsetzungsgesetzes und dessen Übereinstimmung mit den Vorgaben der jeweiligen Richtlinie noch nichts darüber aussagen, wie wirksam die jeweiligen Maßnahmen gegen Geldwäsche in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten sind und wie die Umsetzungsgesetze in den einzelnen EU-Staaten tatsächlich gelebt werden. Zwischen dem in der Richtlinie bzw. dem einzelnen Umsetzungsgesetz formulierten Anspruch und der Rechtwirklichkeit in den einzelnen EU-Staaten klafft ein tiefer Graben. Belege über Implementierungsdefizite in den Mitgliedsstaaten Dänemark, den baltischen Staaten, den Niederlanden, Malta, Zypern gibt es genug. Auch Deutschland ist hierfür ein beredtes negatives Beispiel. Obwohl Deutschland bei der formellen Umsetzung der EU-Geldwäscherichtlinien zu den Musterschülern gehört, ist die tatsächliche Umsetzung im föderalen System, nicht zuletzt durch Personalmangel bei den für den Nicht-Finanzsektor zuständen Länderbehörden und dem Fehlen des politischen Willens der Länderregierungen, eine Farce. Zum Teil haben die Länder Jahre nach dem Inkrafttreten der gesetzlichen Vorgaben noch überhaupt keine Anstalten gemacht, in einzelnen Aufsichtsbereichen mit der Umsetzung zu beginnen. So werden etwa die Regelungen zur geldwäscherechtlichen Aufsicht über Notare durch die Präsidenten der Landgerichte in den Bundesländern sehenden Auges negiert.

Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch nicht, dass der von der Richtlinie intendierte harmonisierte Rechtsrahmen für die Verhinderung der Geldwäsche in der Europäischen Union unbeachtlich wäre. Im Gegenteil. Ein zersplitterter Regelungs- und Aufsichtsrahmen im Bereich der Geldwäscheprävention ist Gift für eine wirksame Aufsicht bei grenzüberschreiten Sachverhalten. Geldwäschefälle von Relevanz wie der Fall Danske Bank mit einem Volumen von 200 Mrd. Euro haben in der Regel einen solchen grenzüberschreitenden Hintergrund. Ohne einen harmonisierten Rechtsrahmen kann es keinen reibungslosen Informationsaustauch und keine wirkungsvolle Koordinierung der zuständigen Stellen in der Europäischen Union geben. Auch zur Wahrung der Integrität des EU-Binnenmarkts bedarf es in Bezug auf Drittstaaten mit hohem Geldwäscherisiko eines harmonisierten, konzertierten Vorgehens der Aufsichtsinstitutionen in den EU-Staaten.

Was tun?

Diese Probleme werden auch in Zukunft bei der Regulierung im Bereich der Geldwäscheverhinderung fortgeschrieben, wenn die Europäische Kommission sich nicht endlich für einen alternativen Regulierungsweg entscheidet. Die 6. EU-Geldwäscherichtlinie vom 12.11.2018, die bis zum 3. 12.2020 von den EU-Staaten umzusetzen ist, ist noch nach dem alten Harmonisierungmuster, nämlich der Schaffung von Mindeststandards in Form einer Richtlinie und deren Umsetzung durch nationale Umsetzungsakte verabschiedet worden. Das EU-Recht hindert die Kommission nicht, sich in Zukunft für den Weg der Vollharmonisierung über den Erlass einer EU-Verordnung zu entscheiden. Dieser Lösungsansatz wird von der Kommission im Einverständnis mit dem Rat und dem Europäischen Parlament verstärkt in der Finanzmarktregulierung beschritten. Es gibt keinen triftigen Grund, warum dies nicht bei der Geldwäscheprävention genauso gemacht werden könnte. Die Gesetzgebungsverfahren könnten sich dadurch erheblich beschleunigen, um auf erkannte Risiken sofort reagieren zu können. Mit dem Erlass der Verordnung wäre der Regelungsinhalt auch sofort rechtskräftig; inhaltlich zersplitterte Umsetzungsgesetze in den Mitgliedsstaaten wären gar nicht mehr nötig.  

Michael Findeisen © mafianeindanke, 5. März 2020

„Der Krieg zwischen den montenegrinischen Clans hört nicht auf“. Der Fall Igor K. rüttelt die öffentliche Meinung in Deutschland auf


Am 7. Februar landete ein Privatjet in Deutschland und brachte einen schwerstverletzten Kriminellen aus Montenegro nach Hannover – von da an herrschte der Ausnahmezustand rund um die Medizinische Hochschule (MHH), wo der 35-jährige Igor K. fortan behandelt wurde. Ende Januar war er bei einem Anschlag auf ihn in der Nähe von Podgorica in Montenegro schwer verletzt worden. Mit seiner Verlegung erreichten die Auseinandersetzungen zwischen zweier verfeindeter Clans erneut Deutschland: Bereits im vergangenen Mai sorgte die Ermordung zweier Mitglieder des Škaljarski-Clans in Forst in Brandenburg für Aufruhr. Auch diese Tat stand in Zusammenhang mit dem Streit zwischen dem Škaljarski und dem Kavački Clan.  Die Nachricht von der Aufnahme Igor K. in Deutschland erschien mit einigen Tagen Verspätung in den Medien und löste sofort eine Kontroverse aus.

Die Rekonstruktion der Fakten

Am 28. Januar wird Igor K. in seinem Auto von einem Kugelhagel getroffen. Er wird notfallmäßig in ein Krankenhaus transportiert, in das er mit sieben Schussverletzungen eingeliefert wird. Um eine bessere Behandlung zu erhalten, wurde er dann nach Hannover verlegt, wo seine Anwesenheit die Polizei mobilisiert – es ist von einer großen Zahl, sogar von bis zu 250 Polizisten die Rede, um die Sicherheit des Patienten, aber auch des Krankenhauspersonals und der übrigen Patienten Tag und Nacht zu gewährleisten.

Diese enge Überwachung hat die deutsche Öffentlichkeit alarmiert. Der Steuerzahlerbund protestierte gegen den Einsatz von Sicherheitskräften in großer Zahl und betonte, die Kosten sollten dem Privatpatienten und seiner Familie in Rechnung gestellt werden. Die Polizei in Hannover sagte, solche Vorkehrungen und Sicherheitsmaßnahmen seien für solche Fälle notwendig. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) stellte klar, dass die Ankunft von Igor K. von niemandem gewollt oder gewünscht wurde, sondern dass man mit einem Patienten in einem lebensbedrohlichen Zustand konfrontiert wurde, der behandelt werden musste, und dass bei dieser Behandlung die Sicherheit von allen gewährleistet werden musste. Das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur teilte mit, dass die Ärzte die Hilfe nicht verweigern konnten. Dirk Toepffer von der CDU nannte einem Bericht der BILD-Zeitung zufolge die Aufnahme eine unverantwortliche und gefährliche Handlung, die dem Steuerzahler einen finanziellen Schaden zugefügt und dem Image und der Glaubwürdigkeit des Landes geschadet habe. Im Chor schlossen sich Vertreter anderer politischer Parteien an: Marco Genthe von der FPD betonte, dass der Aufenthalt an der Medizinischen Hochschule in Hannover nicht für Geldwäsche genutzt werde.

Die Kosten für die Behandlung – rund 90.000 Euro – wurden von Igor K. getragen, wobei fraglich blieb, woher diese hohe Summer komme und ob sie auf illegalen Handel zurückzuführen sei. Der montenegrinische 35-Jährige war in seiner Heimat polizeibekannt. Im Jahr 2017 wurden nach einer Polizeiaktion, bei der er auch betroffen war, Mobiltelefone, Messer, eine Machete, zwei Autos und 182.450 Euro in bar beschlagnahmt. Es wird angenommen, dass Igor K. in Drogenhandel und Wucher verwickelt war.

Angesichts der Folgen und des entstandenen Medienrummels hat die Stadt Hannover im Einvernehmen mit dem Ministerium beschlossen, den montenegrinischen Kriminellen abzuschieben, weil „der Aufenthalt des Patienten in der MHH eine Bedrohung für die Sicherheit und die öffentliche Ordnung darstellt“.  Igor K. erhielt daher einen Ausweisungsbefehl und war gezwungen, wieder umzuziehen. Nun wird er die Behandlung in Istanbul fortsetzen.

Der Hintergrund

Igor K. gilt als Mitglied des Škaljarski-Clans, der mit dem Clan Kavački seit einigen Jahren um die Kontrolle des lukrativen Drogenhandels streitet. Die beiden Clans bildeten ursprünglich in der Stadt Kotor einer einzige kriminelle Gruppe. Die Verhaftung des mächtigen Drogenhändlers Darko Šarić im Jahr 2014 hat jedoch im montenegrinischen kriminellen Untergrund ein Vakuum geschaffen, das es zu füllen galt, und hier begannen die internen Spannungen innerhalb der Gruppe von Kotor. Darko Šarić hatte eine sehr raffinierte und flexible kriminelle Gruppe von montenegrinischen Serben gegründet. Er stützte sich auf wichtige Verbindungen zu den Institutionen und Polizeikräften in der Region und wurde von den südamerikanischen Kartellen im Kokainhandel in Europa als effizienter und zuverlässiger Partner angesehen. Die Erlöse aus dem Drogenhandel wurden dann vom Drogenboss durch verschiedene legale Aktivitäten innerhalb der Balkanregion „gewaschen“, zum Beispiel mit dem Kauf von Bars, Restaurants und Grundstücken, die Bereitstellung von Krediten und dem Abschluss von fiktiven Verträgen. Seine Verhaftung und das Ende seiner kriminellen Herrschaft setzte Gruppen in Gang, die bereit sind, alles zu tun, um sich im Drogenhandel zu etablieren.

Der Auslöser war das Verschwinden von 200 kg Kokain der kriminellen Gruppe aus Kotor im Jahr 2014. Diese Episode in einer Wohnung in Valencia, Spanien löste eine blutige interne Fehde aus, die bis heute zum Tod von mehr als 40 Menschen geführt hat. Der Zusammenstoß hat dazu geführt, dass andere kriminelle Gruppen, die in Serbien und Montenegro aktiv sind, sich den sich bekämpfenden Fraktionen angeschlossen haben. Nach Angaben des investigativen Journalistenportals KRIK soll der Škaljarski-Clan von dem serbischen Kriminellen Luka Bojović unterstützt werden, dem Anführer des erneuerten Zemun-Clans, der derzeit in Spanien inhaftiert ist. Die Zügel der kriminellen Gruppe werden nun von seinem engen Mitarbeiter Filip Korać gehalten, der den meisten lange Zeit unbekannt war, aber kürzlich enorme Aufmerksamkeit erhielt, nachdem der serbische Präsident Aleksandar Vučić sich öffentlich zu Wort meldete und Korać als eine extrem gefährliche Person und eine echte Bedrohung für die serbische Bevölkerung bezeichnete. Andererseits kann der Kavački Clan in Serbien auf die Unterstützung krimineller Persönlichkeiten zählen, die mit der von Janjičari, einer Ultras-Gruppe des Belgrader Partizan, angeführt von Aleksandar Stanković, auch bekannt als Sale ‚Mutavi‘ (der Stumme), bis zu seiner Ermordung im Jahr 2016, in Verbindung stehen. Die Gruppe „Sale Mutavi“ wird von Teilen der Polizeikräfte und der Institutionen des Landes in großem Umfang gedeckt. Selbst der Sohn des serbischen Präsidenten Vučić steht in freundschaftlicher Beziehung zu einigen Mitgliedern der Gruppe Janjičari und wurde bei mehr als einer Gelegenheit in ihrer Gesellschaft fotografiert.

Nach den gewalttätigen Episoden, die sich auf serbischem Territorium im Zusammenhang mit diesem Krieg zwischen den Clans ereigneten, betonte die Regierung die Notwendigkeit, dieses kriminelle Phänomen in Serbien zu bekämpfen. Trotzdem kritisieren Beobachter das Vorgehen der Institutionen und Strafverfolgungsbehörden als einseitig, d.h. ausschließlich gegen die dem Škaljarski-Clan nahestehende Fraktion gerichtet.

Die Konfrontation zwischen diesen kriminellen Gruppen erreicht enorme Dimensionen. Dazu gehören auch Morde, die in anderen europäischen Ländern verübt werden. Der Škaljarski-Clan ist derzeit am Schlimmsten betroffen. Einige Mitglieder dieser Gruppe sind ins Ausland gezogen, sie werden aber auch da von ihren Gegnern gefunden. Der Konflikt bewegt sich inzwischen außerhalb jeden Reglements, das Endziel ist die Vernichtung des Gegners.

Betroffen sind auch die Familien der Kriminellen, ihre Dienstleister – wie zum Beispiel Anwälte – und die Angriffe werden zunehmend auch vor Ehefrauen, Kindern und in Gegenwart wehrloser Bürger durchgeführt. Es gibt auch unschuldige Opfer, Menschen, die versehentlich von den Kriminellen getroffen wurden, weil sie am Tisch neben dem zu eliminierenden Ziel saßen. Die rivalisierenden Gruppen sind besonders gewalttätig und brutal, wie der Angriff auf Igor K. zeigt; in diesem Krieg ohne Grenzen greifen die Clans sogar auf Sprengstoff und Autobomben zurück.

Statistiken zeigen, dass die Täter meist davonkommen. Im vergangenen November stellte uns die serbische KRIK-Journalistin Bojana Jovanović bei einer von mafianeindanke in Berlin organisierten Veranstaltung ihre Datenbank zu kriminellen und mafiösen Morden auf dem Gebiet von Serbien und Montenegro von 2012 bis heute vor. Von 163 Morden sind nur 13 (etwa 8%) aufgeklärt worden, während in 97 Fällen (fast 60%) die Täter unbekannt sind.

Jüngste Entwicklungen der kriminellen Konfrontation

Im vergangenen Mai veröffentlichten wir eine erste eingehende Analyse vor dem Hintergrund der Ereignisse in Forst (Brandenburg), bei denen zwei Mitglieder des Škaljarski-Clans, Darko M. und Nikola J., in einer Wohnung Stadt getötet und zwei weitere Kriminelle derselben Gruppe bei dem Überfall verletzt wurden.

Jüngste Entwicklungen zeigen, dass die Konfrontation neu entflammt ist.

Am 19. Januar wurde Igor Dedović, einer der Führer des Škaljarski-Clans, in einem Restaurant in Athen getötet. Zusammen mit ihm wurde auch Stevan Stamatović, sein enger Mitarbeiter, eliminiert. Die beiden wurden im Beisein ihrer Frauen, Kinder und zahlreicher Gäste des Restaurants getötet. Zu diesem Zeitpunkt scheint der Clan ohne einen Führer zu sein, da Jovan Vukotić, der Chef der kriminellen Gruppe, in Serbien im Gefängnis sitzt. Am 8. Februar wird der montenegrinische Kriminelle an Montenegro ausgeliefert, wo er wegen versuchten Mordes angeklagt wird. Gegen Vukotić wird auch in Griechenland wegen des Handels mit 135 kg Kokain ermittelt.

Am 28. Januar fand der Angriff auf Igor K. statt, der – laut der serbischen Zeitung Blic – enge Beziehungen zu Milić Minja Šaković unterhält, einem wichtigen Mitglied des Škaljarski-Clans, der wiederum mit Stevan Stamatović verbunden ist.

Etwa zehn Tage nach dem Angriff auf Igor K. wurden vier Männer, die demselben Clan nahestehen, drei montenegrinische Bürger und ein bosnischer Staatsbürger im Hotel Crowne Plaza in Belgrad verhaftet, die, wie die serbische Boulevardpresse berichtet, vermutlich dabei waren, schwere kriminelle Aktionen zu organisieren.

Die jüngste Gewalttat zeigt jedoch in eine andere Richtung. Am 13. Februar wurde in Herceg Novi (MNE) Šćepan Roganović getötet, eine Figur des Kavački-Clans und das dritte Mitglied der Familie Roganović, das in dieser Fehde eliminiert wurde. Der vorhergehende auf der Liste war sein Cousin Vladimir, der im Dezember 2018 vor einem Restaurant im Zentrum von Wien getötet wurde.

Die Situation bleibt angespannt. Die Behörden in der Region erzielen keine besonders wirksamen Ergebnisse bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Um den Bürgern mehr Schutz und Sicherheit zu bieten, müssen die Polizeikräfte und Institutionen der betroffenen Länder entschlossener gegen das kriminelle Phänomen vorgehen und vor allem alle Verbindungen und Formen der Komplizenschaft mit den sich bekriegenden kriminellen Gruppen beenden.

Montenegro auf der Route des kriminellen Handels

Montenegro ist ein wichtiger Knotenpunkt entlang des illegalen Handels in die Europäische Union. Die montenegrinischen Clans können sich in der Tat auf eine privilegierte geographische Lage stützen. Montenegro ist ein Küstenstaat, und seine Häfen – insbesondere der von Bar – haben immer eine Schlüsselrolle gespielt. Bereits in den 90er Jahren, während der Konflikte in Ex-Jugoslawien, waren die montenegrinischen kriminellen Gruppen Protagonisten des Zigarettenschmuggels nach Italien. Für diesen Schmuggel konnten sie sich auf die Zusammenarbeit mit Vertretern der Institutionen und Polizeikräfte Montenegros sowie mit wichtigen italienischen kriminellen Organisationen – Camorra und Sacra Corona Unita – und den Giganten der Tabakindustrie stützen. Wichtige politische Persönlichkeiten, wie der derzeitige Präsident Montenegros Milo Đukanović, waren ebenfalls in einen echten staatlichen Schmuggel verwickelt. Auch die Beziehungen zwischen Institutionen, organisierter Kriminalität und Sicherheitskräften wurden nach dem Krieg gefestigt und erleichterten die Einbeziehung montenegrinischer Krimineller in den Drogenhandel. Montenegro liegt entlang der Balkanroute, einer Schlüsselpassage im Opiathandel, der aus dem Mittleren Osten (Afghanistan) kommt und für die europäischen Länder bestimmt ist. Derzeit ist das Land vor allem eine wichtige Drehscheibe für den Kokainschmuggel aus Südamerika. Wie in einem kürzlich erschienenen Bericht der „Globalen Initiative gegen das organisierte Verbrechen“ hervorgehoben wird, spielen die montenegrinischen Häfen dank der guten Infrastruktur, der von den Polizeikräften gedeckten Aktivitäten und der großen Zahl von Arbeitskräften, die kriminellen Gruppen zur Verfügung stehen, eine wichtige Rolle in diesem Handel.

Besorgniserregend ist schließlich die innere Situation in Montenegro. Das Land ist von einem klientilistischen und korrupten System durchdrungen, das sich in den mehr als 20 Jahren der politischen Herrschaft von Đukanović konsolidiert hat. Das ist nicht das Beste für ein Land, das sich als Voraussetzung für die EU-Mitgliedschaft zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität und der Korruption verpflichten muss. Das Land hat sich kürzlich öffentlich dazu verpflichtet.

Beobachtern zufolge sind die Anklagen gegen Kriminelle strenger und härter als beispielsweise in Serbien, was ein scheinbar größeres Engagement an dieser Front zeigt. Deshalb können wir die Entwicklungen in dieser Angelegenheit nur abwarten, ohne zu vergessen, dass die einzige Möglichkeit zur Bekämpfung des kriminellen Phänomens im Engagement aller Kräfte des Landes besteht, ohne Kompromisse mit und Legitimation der Präsenz dieser kriminellen Gruppen. Dies ist die Richtung, in die der Kampf vorangeführt werden muss. Es geht darum, die Menschen dort vor kriminellen Strukturen zu schützen.

Dusan Desnica © mafianeindanke – 27. Februar 2020

Filippo Spiezia: „Die Europäische Kommission will das operative Budget von Eurojust kürzen. Das ist inakzeptabel und widerspricht den Werten der EU“


Der Vizepräsident von Eurojust spricht auf der Konferenz “Mafia: ein europäisches Problem“, die im Europäischen Parlament organisiert wird. Brüssel, 5. Februar 2020.

Am 5. Februar fand im Europäischen Parlament
in Brüssel die Konferenz “Mafia: ein europäisches Problem“ statt, die von der
Europaabgeordneten Sabrina Pignedoli gefördert wurde und bei der unter den
Rednern der Vizepräsident von Eurojust, Filippo Spiezia, war. Seine Rede gab
den Anwesenden einige wichtige Punkte zum Nachdenken, die es wert sind, sie noch
einmal durchzugehen.

Zu Beginn erinnerte Filippo Spiezia an die Ermittlungsoperation Pollino, auch bekannt als die europäische „‘ndrangheta-Verbindung“, die 2018 zur Verhaftung von 90 Personen führte und eine der wirksamsten Reaktionen der Strafverfolgungsbehörden auf europäischer Ebene gegen Mafiaorganisationen bildete. Insbesondere lobte er die Arbeit seines deutschen Kollegen Uwe Mühlhoff, Staatsanwalt in Duisburg, der ebenfalls als Referent auf der Konferenz anwesend war. Herr Spiezia sprach über einen wichtigen professionellen Weg, den Herr Mühlhoff und er beschritten haben und er lobte dessen Engagement und Mut. Dank ihm sei eine operative Achse von grundlegender Bedeutung zwischen Italien und Deutschland entstanden.

Der Vizepräsident von Eurojust hat eine Vorschau auf einige Daten präsentiert, die das Ergebnis der Arbeit der Agentur für das Jahr 2019 sind. Dabei betonte er, wie wichtig es ist, dies an einem Ort wie dem Europäischen Parlament zu tun, wo sich die Agentur direkt an die politische Macht wenden kann, um Bewertungen vorzunehmen und einige mögliche Wege aufzuzeigen, die zu beschreiten sind. Spiezia argumentiert, dass es notwendig ist, im Rahmen einer erneuerten Strategie andere Lösungen zur Bekämpfung der Mafia in Europa zu finden. In seiner Analyse bleibt ein richtiger Ausgangspunkt „die neue EU-Strategie für das neue Jahrtausend gegen das organisierte Verbrechen“ vom Mai 2000 (C:2000:124:TOC), die eine außerordentliche Aktualität und Wirksamkeit sowie einige wichtige programmatische Punkte aufweist, die noch nicht umgesetzt wurden. Es ist daher notwendig, von diesem Dokument, das wichtige Meilensteine im Kampf gegen die organisierte Kriminalität enthielt, erneut auszugehen und die notwendigen Ergänzungen zu bewerten.

Aber was meinen wir, wenn wir von organisiertem Verbrechen und der Mafia sprechen? Im Moment, so Spiezia, haben wir weder eine gemeinsame juristische Definition von dem, was organisierte Kriminalität ist, noch eine international gültige juristische Definition des Mafiabegriffs. Zwar definiert das Übereinkommen von Palermo aus dem Jahr 2000, Art. 2(a), die organisierte kriminelle Gruppe: „eine strukturierte Gruppe, die für einen bestimmten Zeitraum besteht und sich aus drei oder mehr Personen zusammensetzt, die gemeinsam mit dem Ziel handeln, eine oder mehrere Straftaten zu begehen […], um […] einen finanziellen oder anderen materiellen Vorteil zu erlangen“. Aber dies ist ein Konzept, das eher eine Frage der Doktrin als der rechtlichen Definition ist. Die mafiöse Vereinigung hingegen ist vom italienischen Gesetzgeber durch das Gesetz Rognoni-La Torre (Art. 416-bis des Strafgesetzbuches) von 1982 für Verbrechen definiert und beschreibt genaue Übereinstimmungen.

Die Tatsache, die uns Sorgen macht, ist, dass es keine perfekte Übereinstimmung zwischen organisierter Kriminalität und Mafia-Kriminalität gibt. Die Mafia ist eine Form des organisierten Verbrechens, aber nicht das gesamte organisierte Verbrechen ist eine Mafia“, sagt Spiezia.

Auf praktischer Ebene ist der Hauptunterschied durch die Stabilität des kriminellen Projektes gegeben: Die Mafia zeichnet sich durch ihr Ziel aus, innerhalb der Territorien und sozialen Gemeinschaften eine Form von Antistaatlichkeit auszuüben, die auf die Kraft der Einschüchterung zurückzuführen ist (die ein normativer Parameter von 416-bis ist). Hier liegt die Wurzel des Problems: das Ziel der Mafia-Organisationen, ein stabiles kriminelles Projekt auf Dauer durchzuführen. Dies hat es den Mafiaorganisationen ermöglicht, eine ihnen eigene Entwicklung zu vollziehen, ausgehend von den Ursprungsgebieten, um danach andere Regionen Italiens und das Ausland zu erreichen.

Spiezia analysiert anschließend die Daten von Eurojust und unterstreicht, dass die Tätigkeit der Agentur in den letzten Jahren zugenommen hat. Insbesondere zwischen 2018 und 2019 hat Eurojust seine Tätigkeit um 17% erhöht und bis zu 8000 Ermittlungen in Fällen von grenzüberschreitender Kriminalität (2019) unterstützt.

Betrachtet man jedoch die juristischen Daten der Einrichtung, so ist festzustellen, dass die mafiöse organisierte Kriminalität nicht zu den vorrangigen Aktionsbereichen der Europäischen Union gehört. Sie ist zweifellos in den justiziellen Daten von Eurojust enthalten, wird aber nicht formell zu den vorrangigen Bereichen gezählt, da sie nicht unter die in den offiziellen Dokumenten der Union berücksichtigten Klassifizierungsparameter fällt. Paradoxerweise wird das Mafia-Phänomen daher nicht als Priorität betrachtet. Aus welchem Grund?

Zunächst einmal gibt es ein Klassifizierungsproblem im Hinblick auf die Präsenz mafiöser Organisationen außerhalb ihrer Herkunftsgebiete. Der italienische Kassationsgerichtshof bietet zwei verschiedene Rahmen, die offenbar im Gegensatz zueinander stehen. Die erste Ausrichtung erfordert den “Nachweis, dass diese Organisation die Fähigkeit hatte, mafiöse Kontrolle über das neue Entwicklungsgebiet auszuüben. Die andere Denkschule behauptet, dass es nicht notwendig ist, die Projektion mafiöser Einschüchterung auf das neue Territorium zu beweisen, wenn es eine offensichtliche Verbindung zum Mutterland gibt„“. Um den Interpretationskonflikt zu lösen, äußerte sich der Präsident des Obersten Kassationsgerichtshofs am 17. Juli 2019 zu der Angelegenheit und argumentierte, dass das Problem nur den „Beweis der mafiösen Methode“ betreffe. Für die neu entstandenen Mafien, die sich außerhalb ihrer ursprünglichen Zentren konstituieren, ist es notwendig, dass sich die neue Zelle als Mafia-Zelle manifestieren und ausdrücken kann, daher muss die Projektion der Mafia auf das Territorium gefunden werden. Im Gegensatz dazu muss man für die Zusammenschlüsse, welche die Manifestation bereits im Mutterland existierender Zellen sind, nicht hingehen und beweisen, dass sich auf dem Ursprungsgebiet eine neue Mafiazelle befindet.

Ein Beispiel für diese juristische Sicht, die nicht leicht verständlich ist, bildet die Operation Pollino: Für die Mafiosi, die nach Duisburg gehen – oder, allgemeiner, für Geschäfte in Deutschland und Holland – muss nicht nachgewiesen werden, dass sich eine neue Mafiazelle gebildet hat. Es genügt zu wissen, dass das in Duisburg aktive Mafia-Subjekt einer mafiösen kriminellen Organisation – der ’ndrangheta – angehört, die in Kalabrien bereits nachweislich existiert.

Es gibt also ein Problem der Entstehung des Phänomens auf europäischer Ebene. Dies hängt laut Spiezia in erster Linie von der Vorgehensweise der im Ausland operierenden Mafien ab. Diese sind immer stiller, auf das Geschäft und den Erwerb von Märkten ausgerichtet. Sie reproduzieren im Ausland oft nicht jene Formen der Einschüchterung und Gewalt, die sie in ihrem ursprünglichen Kontext anwenden. Sie zeigen stattdessen „ein eher harmloses Gesicht“. Daher ist es schwierig, sie wahrzunehmen, es sei denn, es gibt einen Konflikt mit anderen kriminellen Gruppen, die auf dem Territorium aktiv sind, was zu Situationen führt, in denen – wie im Fall von Duisburg – die Mafia wieder ihr gewalttätiges Gesicht zeigt, weil die Kontrolle und Hegemonie auf dem Territorium wieder auf dem Spiel steht.

Die Wahrnehmung des Phänomens wird aber auch durch den mangelnden und inhomogenen Rechtsrahmen auf europäischer Ebene blockiert. Heute wird ein Rechtsrahmen – der Rahmenbeschluss von 2008 zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität (QD 2008/841/JI) – verwendet, der völlig unzureichend ist. Es ist notwendig, eine Gesetzgebung zu haben, die das Geschäftsmodell dieser kriminellen Organisationen erfasst, die das widerspiegelt, was organisierte kriminelle Gruppen heute auf europäischer Ebene tun. Es ist wichtig, ihren transnationalen Charakter zu berücksichtigen. Heute betont der Richter nachdrücklich, braucht es eine entsprechende Gesetzgebung auf europäischer Ebene, die dieser Transnationalität Rechnung trägt und auf dieser Grundlage eine Verschärfung der Strafmaßnahmen ermöglicht. Es handelt sich um ein Rechtsvakuum, das gefüllt werden muss, wie es auch für Kronzeugen und Belastungszeugen der Fall ist. Der stellvertretende Direktor von Eurojust weist darauf hin, dass oft kreative Lösungen angewandt werden, weil es nicht die richtigen Instrumente gibt, um die erforderliche Arbeit effektiv durchzuführen. Dann braucht es sicherlich eine Stelle, welche – in einem europäischen und zentralisierten Schlüssel – die bei den Mafien beschlagnahmten Vermögenswerte verwaltet. Nach Angaben der EU werden nur 1% der Gewinne dem organisierten Verbrechen entzogen. Wenn wir den Kampf gegen die Mafia gewinnen wollen, ist dies eine Tendenz, die umgekehrt werden muss.

Die hitzigste und an der öftesten gehörten Überlegung betrifft jedoch die Arbeitsbedingungen von Eurojust. Die wertvolle Arbeit der Europäischen Agentur für die juristische Koordinierung ist aufgrund von erheblichen Haushaltskürzungen gefährdet. In diesem Zusammenhang appelliert Spiezia an die europäischen Institutionen: „‚Seien Sie vorsichtig, um nicht die operative Kapazität der Koordinierungsstelle gegen Mafiaorganisationen (Eurojust n.d.r.) zu schwächen. Wir kämpfen gegen das Problem des multi-finanzierten Rahmens. Wissen Sie, was das ist? Es sind die Budgetobergrenzen, die festgelegt werden, um die Budgetzuweisungen für die folgenden Jahre zu bestimmen. Wir haben einen operativen Haushalt für Eurojust, der für dieses Jahr 41 Millionen Euro beträgt. Der Vorschlag der Europäischen Kommission für die kommenden Jahre beläuft sich auf 33 Millionen Euro. Das bedeutet, dass wir nach den Prognosen der Europäischen Kommission die Türen schließen können. Das nennt man den „Abschalteffekt“, den ich als Richter und als Vertreter der Institutionen nicht akzeptieren kann. Die Tatsache, dass die Vertreter der Kommission – die zum ersten Mal im Kollegium von Eurojust sitzen – diesen Vorschlag unterstützen, ist nicht respektvoll gegenüber den Werten, auf die sich die europäische Institution gründet“.

Der italienische Richter bekräftigt daher die Notwendigkeit, die justizielle Koordinierung auf europäischer Ebene und die Funktionsweise von Eurojust zu verstärken. Er kritisiert die manchmal abnormale Wahl der europäischen Institutionen bei der Zuteilung von Ressourcen. Er nimmt das Beispiel anderer Strafverfolgungsbehörden, die vielleicht unverhältnismäßig gestärkt werden, wie Frontex, die in den nächsten Jahren durch die Einstellung von 10000 Personen verstärkt werden soll, mit dem Ziel, eine operative Küstenwache zu schaffen und nicht mehr nur die Mitgliedstaaten zu unterstützen. Er unterstreicht auch die unvermeidliche Komplexität der europäischen bürokratischen Maschinerie, bei der es ein Problem mit der konsistenten Informationsübermittlung gibt. Was Eurojust betrifft, so erinnert Spiezia daran, dass der EU-Justizkommissar, als er von der schwierigen wirtschaftlichen und finanziellen Situation der Agentur erfuhr, nicht wusste, wovon gesprochen wurde, weil eine andere Sektion der EU (DG HOME) mit diesen Fakten befasst war. Die EU muss daher ihre Prioritäten überprüfen, Funktionsstörungen beseitigen und ihre Maßnahmen verstärken. Es reicht nicht aus, nur Fachwissen bereitzustellen, sondern man muss auch durch angemessene Unterstützung und ausreichende Ressourcen unterstützt werden.

Daher muss – durch die Einführung neuer Instrumente, die Stärkung der operativen Strukturen und die Überarbeitung des Rechtsrahmens – der Kampf gegen mafiöse organisierte Kriminalität im Rahmen einer neuen Strategie zu den Prioritäten der EU gehören.

Zum Abschluss der Konferenz brachte Herr Spiezia die Hoffnung zum Ausdruck, dass die anwesenden politischen Instanzen die Bedürfnisse und Forderungen der Berichterstatter berücksichtigen werden, um eine Initiative zu fördern, die zu einem Konsens und einem Richtlinienvorschlag für eine neue europäische Gesetzgebung zur organisierten Kriminalität führen wird.

Dusan Desnica (aus dem Italienischen übersetzt) © mafianeindanke, 20 febbraio 2020

Uwe Mühlhoff, Staatsanwalt von Duisburg: „Die ’ndrangheta in Deutschland und Europa arbeitet nicht allein: Sie arbeitet mit allen kriminellen Gruppen zusammen“


Wie kam eine der wichtigsten Polizeiaktionen gegen die ’ndrangheta, die Operation Pollino zustande? Bei einer Konferenz im Europäischen Parlament am 5. Februar 2020 stellte der Duisburger Staatsanwalt Uwe Mühlhoff die Ergebnisse der Pollino-Ermittlungsaktion vor. Sie hatte am 5. Dezember 2018 zur Verhaftung von 90 Personen in ganz Europa und Südamerika geführt. Eingeladen hatte die Europaabgeordnete Sabrina Pignedoli von der italienischen 5-Sterne-Bewegung. Die auch als „Europäische ’ndrangheta-Verbindung“ bekannte Operation ist das Ergebnis einer Ermittlungszusammenarbeit zwischen Italien, Deutschland und den Niederlanden, die formell in der so genannten JIT (Joint Investigation Team) zusammengeschlossen sind.

Das JIT Pollino begann bereits 2014 Gestalt anzunehmen, als die niederländischen Behörden auf seltsame Bewegungen italienischer Bürger kalabrischer Herkunft aufmerksam wurden, die sich an der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden neu gruppierten und Cafés und Bars eröffneten. Also begannen die niederländischen Behörden, zunächst in Deutschland und dann in Italien die Zusammenarbeit zu suchen. Das JIT wurde dank der grundlegenden Unterstützung von Eurojust am 18. Oktober 2016 formell eingerichtet. Die Zusammenarbeit war von Beginn an fruchtbar, denn einige der auf niederländischem und deutschem Gebiet tätigen Familien waren die gleichen: die inzwischen berühmten Familien von San Luca, dem schlagenden Herzen der ’ndrangheta in Kalabrien.

Vor der Schaffung des JIT war es unmöglich, länderübergreifende Ermittlungen produktiv durchzuführen, da es keine Art der Zusammenarbeit zwischen den Polizeikräften der verschiedenen europäischen Länder gab. Hier hat das JIT die Situation verändert: Es ermöglichte allen Akteuren vor Ort die richtigen Informationen und die richtige Unterstützung zu erhalten, allerdings nicht ohne Schwierigkeiten. Staatsanwalt Mühlhoff erinnert sich an eine entscheidende Sache: Nach der Bildung des JIT trafen zwei Rechtshilfeersuchen der Bezirksdirektion für die Bekämpfung der Mafia (DDA) von Reggio Calabria bei der Staatsanwaltschaft in Duisburg ein. Nun, diese Rechtshilfeersuchen waren für deutsche Ermittler, die keine Vorkenntnisse und keine Ausbildung hatten, zunächst unverständlich: „Es gab so viele Namen“, sagt der Staatsanwalt, „und alle schienen uns gleich zu sein: all diese Giorgi, Pelle und so viele Anspielungen auf vergangene Fälle, die wir nicht kannten, wir hatten nicht die Hintergrundinformationen und fragten uns zunächst: Worüber reden sie denn?“ Der Staatsanwalt weist darauf hin, dass die DNA eines Angeklagten, die am Tatort des „Massakers von Duisburg“ gefunden wurde, mit der DNA eines Verdächtigen der Pollino-Ermittlungen übereinstimmte: Es ist daher klar, dass es relevante Verbindungen zwischen dem Massaker von Mitte August 2007 und der jüngeren Operation gibt. Dem Staatsanwalt Mühlhoff  ist es wichtig, zu präzisieren, dass „die am Massaker von Duisburg beteiligten Familien noch immer in diesen Gebieten aktiv und präsent sind“. Merkwürdig ist die Tatsache, dass nur fünfzig Meter vom Amtsgericht Duisburg entfernt eine von einer dieser Familien geführte Bar steht, in der alle Richter regelmäßig Kaffee trinken.

Ein Problem, das von Staatsanwalt Mühlhoff hervorgehoben wird, ist der Personalmangel im Hinblick auf die Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität in Deutschland, insbesondere die mafiöser Art: Die Aufmerksamkeit der Polizei ist sehr hoch, zum Beispiel gegen den Terrorismus, aber die Einsatzteams, die sich mit der Mafia befassen, sind sehr wenige. Im konkreten Fall der Duisburger Staatsanwaltschaft sind in der Gruppe zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität zwischen 10 und 15 Beamte tätig, die sich aber gleichzeitig auch mit Bikern, Banden und arabischen Clans befassen. Das BKA, die deutsche Bundespolizei, hat in dieser Hinsicht einen entscheidenden Beitrag geleistet und sich für die Bearbeitung des Falles zur Verfügung gestellt.

Die Staatsanwaltschaft Duisburg eröffnete die Ermittlung im August 2016 und setzte außerdem verdeckte Kräfte und Spezialeinheiten ein, mit einem speziellen System von Abhörungen, Autoüberprüfungen und Finanzermittlungen. „Zuerst dachten wir, dass die ’ndrangheta allein arbeitet„, erklärt Mühlhoff, „aber dem ist nicht so: Sie arbeitet mit allen kriminellen Gruppen zusammen – Türken, Albaner, Marokkaner – die 58 Angeklagten in der deutschen Untersuchung kommen aus insgesamt zehn verschiedenen Ländern. Sie arbeiten zusammen: Sie kooperieren dort, wo es Geld zu verdienen gibt“.  Und die kriminellen Aktivitäten beschränkten sich nicht nur auf den Drogenhandel, sondern auch auf die Unterstützung von Mitgliedern krimineller Familien und die Geldwäsche durch das Gaststättengewerbe.

Ein wichtiger Teil der Untersuchung war die Überwachung von 195 Telefonnummern, die Tausende von Seiten mit Protokollen von Abgehörtem produzierten, sowie die Entschlüsselung einiger Blackberry-Telefone und EncroChat (Instant-Messaging-Anwendung, die spezielle Sicherheitsprotokolle verwendet). Die deutsche Polizei hatte auch die Möglichkeit, Autos zu überwachen, aber – wie von mafianeindanke vor fast einem Jahr aufgedeckt – wurde die Überwachung von den Angeklagten entdeckt, auch dank des Aufkommens neuer Technologien: Autos der neuesten Generation von Mercedes, BMW und Volkswagen senden eine Benachrichtigung an das Telefon des Besitzers, wenn das Auto geöffnet wird, und die Autofirmen haben sich geweigert, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Die Überwachung hörte jedoch an dieser Stelle auf, da es in Deutschland praktisch unmöglich ist, eine Genehmigung für das Abhören in Privatwohnungen und Büros zu erhalten. Der Einsatz anderer Mittel ermöglichte es jedoch, verdeckte Ermittler innerhalb türkischer Gruppen zu haben, die mit der ’ndrangheta Geschäfte machten. Sie schafften es auch, einen Angeklagten nach Südamerika zu verfolgen, wo er dabei war, eine Ladung Kokain zu verschiffen, die dann nach Europa über die Häfen von Gioia Tauro in Italien und die von Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen in Nordeuropa transportiert werden sollte. Aber nicht nur die Häfen stehen unter der Kontrolle der Clans: Ihr Einfluss reicht bis zu den Flughäfen. Dies ist der Fall bei einer Sendung von 25 kg Kokain, die von Bogota nach Miami und von Miami zum Flughafen Amsterdam in einer Ladung Rosen transportiert wurde. „Wichtig ist in diesem Fall“, so Mühlhoff weiter, „dass die ’ndrangheta-Clans nicht immer die direkte Kontrolle über die Häfen und Flughäfen haben, aber sie kommen dank anderer krimineller Gruppen herein“.

Der Staatsanwalt weist zudem darauf hin, dass die Justizorgane in Bezug auf die Clans immer zu langsam vorgehen: „Sobald wir ein wichtiges Mitglied des Clans verhaftet hatten, gab es innerhalb weniger Wochen bereits jemanden, der ihn ersetzt und die kriminellen Aktivitäten weitergeführt hatte“. Ein weiteres Problem, das die deutsche Polizei hat, ist die Tatsache, dass sie die Bewegungen der Autos anhand des Kennzeichens nicht verfolgen kann: In Deutschland ist es illegal, in den Besitz dieser Daten zu kommen. Ein weiteres Problem, auf das der Staatsanwalt aus Duisburg hingewiesen hat, ist das Fehlen einer nationalen Datenbank: Da Deutschland eine Bundesrepublik ist, hat jedes Bundesland seine eigenen Regeln und vor allem das Datenschutzgesetz ist sehr restriktiv und erlaubt es nicht, sensible Daten länger als sechs Monate zu speichern.

Auf der operativen Seite gab es viele Schwierigkeiten: Es mag trivial erscheinen, aber die Übersetzung der Dokumente ist eine davon. Aus Italien gab es über tausend Seiten lange Untersuchungshaftanordnungen, in denen alle Beweise detailliert beschrieben wurden, was allein für die Übersetzungen eine Zuweisung von mehr als 1,25 Millionen Euro durch die Staatsanwaltschaft Duisburg bedeutete. „Es ist wichtiger, einen guten Übersetzer zu haben als zehn Ermittler“, stellt Mühlhoff fest und weist darauf hin, dass der Austausch von Dokumenten zwischen den verschiedenen Staatsanwaltschaften noch zu komplex und langsam ist. Eine weitere Überlegung des Staatsanwalts konzentriert sich auf die Frage der verschiedenen Gesetze, die jedes Land verabschiedet hat: Jeder tut, was er kann, mit dem, was er hat, also war die Vermittlungsarbeit von Eurojust grundlegend. Mühlhoff erinnert auch daran, dass in Italien die Staatsanwälte, die sich mit diesen Dingen beschäftigen, sehr oft bedroht und zur Eskorte und einem Leben mit Einschränkungen gezwungen werden: „Ich habe das Glück, es nicht zu brauchen“, sagt der Staatsanwalt. In Italien gibt es bei der Einziehung von Vermögenswerten die Umkehrung der Beweislast, in Deutschland hingegen müssen die Ermittler immer noch beweisen, dass die Vermögenswerte aus kriminellen Aktivitäten stammen.

Ein weiterer merkwürdiger Fall, den Mühlhoff schilderte, war die Beschlagnahme von 3,5 Tonnen Kokain in Antwerpen: Durch die Observierung eines Angeklagten in Guyana konnte die Staatsanwaltschaft Duisburg eine Kokainlieferung nach Antwerpen verfolgen, und als der Fall bei der belgischen Polizei angezeigt wurde, gelang es, die Drogen in einem Boot zu  beschlagnahmen. Die Polizeibehörden versuchten, der Person, die diese Ladung Kokain gekauft hatte, zu überführen und schickten das Schiff mit kokainähnlichem weißen Pulver zum Hafen von Antwerpen, aber die belgische Polizei war nicht vor Ort, als die kriminelle Gruppe die Drogen abholte, warum? Weil es Samstag war und am Wochenende keine Mannschaften zur Verfügung standen.

Ein weiteres wichtiges Element für den Erfolg der Operation Pollino war die Möglichkeit für die Staatsanwaltschaft Duisburg, einen italienischen Rechtsbeistand zu verhören, der Informationen über Deutschland hatte. So skizziert Mühlhoff abschließend Leitlinien für die Zukunft: „Wir brauchen Ausdauer, Motivation und die Fähigkeit, zu lernen und uns an jede Situation anzupassen: Wir haben aus dieser Untersuchung viel gelernt und werden dies auch weiterhin tun. Transnationale Ermittlungen können helfen, auch wenn es nationale Defizite gibt“, fährt er fort, „Mafias wie die ’ndrangheta arbeiten nicht allein, sie sind ein weltweites Netz krimineller Organisationen. Das Puzzle kann nur durch Zusammenarbeit gelöst werden, wir werden vielleicht nicht alle Teile haben, aber zusammen können wir genug Informationen zum Verständnis haben. In Zukunft werden wir viel mehr europäische Zusammenarbeit brauchen, nicht weniger“.

Simone Laviola (aus dem Italienischen übersetzt) © mafianeindanke, 20. Februar 2020

Blind für die italienische Mafia in Berlin


Dankenswerterweise stellt der Angeordnete Tom Schreiber regelmäßig Anfragen an den Berliner Senat zum Thema Organisierte Kriminalität. Diesen Anfragen verdanken auch wir einen vertieften Einblick in die Machenschaften der verschiedenen Gruppen in Berlin. In seiner letzten Anfrage ging es um die Aktivitäten der Italienischen Organisierten Kriminalität, also der verschiedenen Mafia-Organisationen, aber auch um unseren Verein mafianeindanke. Der Berliner Tagesspiegel hat diese Anfrage jetzt aufgenommen.
Die vom Innensenat gegebenen Antworten lassen uns – vorsichtig formuliert – überrascht zurück.

Im Folgenden möchten wir dazu Stellung nehmen.

In der Antwort des Innensenats heißt es:
„Im Jahr 2007 wurde eine Sicherheitsvereinbarung zwischen der Polizei Berlin und der Initiative „Mafia? Nein danke!“ unterzeichnet und dauert an. Aus der Vereinbarung sind bis heute weder belastbare Strukturerkenntnisse zur IOK in Berlin noch strukturrelevante Ermittlungsverfahren erwachsen.“

Die erwähnte Sicherheitsvereinbarung sieht vor, dass Gastwirten Schutzzusagen gegeben werden und sie sich gleichzeitig verpflichten, umfangreich Angaben zu Schutzgelderpressung zu machen. Sie war ursächlich dafür, dass es gelungen ist, eine Schutzgelderpressung im Jahr 2007 zu unterbinden. Diesen Erfolg verschweigt die Antwort. Dank der engen Kooperation zwischen der Berliner Polizei und mafianeindanke wurden im Dezember 2007 zwei Schutzgelderpresser verhaftet.

Vorausgegangen waren massive Drohungen seitens dieser Männer, zweier Mitglieder der neapolitanischen Camorra, gegen Gastwirte, die sich weigerten, der Geldforderung nachzukommen. Ein Sondereinsatzkommando verhaftete die Mafiosi schließlich.
Diese Aktion entfaltete eine erhebliche Signalwirkung, die weit über Berlin hinausreichte und selbstverständlich auch nach Italien reichte. Wenn also kaum Schutzgelderpressungen in Berlin zur Anzeige kommen, so mag das auch mafianeindanke zu verdanken sein.

Doch 2007 liegt weit zurück.

Polizeioperationen in anderen Bundesländern, vor allem die Operation Stige, haben inzwischen gezeigt, dass die Mafia von dieser Form der Schutzgelderpressung zusehends abrückt und stattdessen auf den aufgezwungenen Kauf von Lebensmitteln aller Art setzt. Die Clans bieten Olivenöl, Wein, Fertigteige etc. an. Sie verdienen so an der Produktion, aber auch am Handel. Häufig genügt ein Anruf der Bosse aus Kalabrien bei Gastronomen, die die häufig auch minderwertigen oder überteuerten Produkte nicht kaufen wollen, damit diese ihre Haltung ändern. Diese Form der Schutzgelderpressung ist rechtlich nur als Nötigung zu werten, was einen deutlich geringeren Strafrahmen mit sich bringt und zudem das Entdeckungsrisiko minimiert. Inwiefern es in Berlin zu solchen Akten gekommen ist, ist schwer zu sagen. mafianeindanke hat jedenfalls keine Kenntnis davon erlangt.

Berlin hat eine andere Einwanderungsgeschichte als die klassischen Gastarbeitergebiete in Deutschland mit ihrem starken Zuzug von Süditalienern. Dies hat entscheidende Auswirkung auf die Form der Mafiapräsenzen hier vor Ort. Die Strukturen sind weniger homogen. Während in Süddeutschland oftmals Personen nur aus einer eng begrenzten Gegend zuzogen und manche somit auch ihre Mafia-Verbindungen mitgebracht haben, ist die Lage in Berlin heterogener und somit auch schwieriger nachzuvollziehen. Strukturermittlungen gestalten sich auch wegen dieses Umstandes schwieriger, so man sie überhaupt, vor allem in Zeiten von ressourcengesteuerten Ermittlungen, in Angriff nimmt.

Die Erfahrung zeigt, dass gegen die stets unauffällig agierende italienische organisierte Kriminalität, vor allem die ’ndrangheta, Ermittlungserfolge, vor allem in Bezug auf Strukturermittlungen, nur dort erzielt werden, wo entweder vonseiten italienischer Antimafia-Staatsanwaltschaften Kooperationen angefordert werden oder einzelne engagierte deutsche Polizeibeamte involviert sind, die für das Thema sensibilisiert sind und dazu noch von ihren Vorgesetzten in ihrem Tun unterstützt werden. Und auch nur in einem solchen Setting kann zivilgesellschaftliches Engagement in Bezug auf polizeiliche Maßnahmen Früchte tragen. Wie hinlänglich bekannt ist, gibt es in Berlin keinen einzigen Polizisten und keine einzige Polizistin, die sich ausschließlich um die Italienische Organisierte Kriminalität kümmert. Dies soll keine Kritik an der entsprechenden Kolleg*in sein, wohl aber an den Verhältnissen. Die Kritik, dass aus der Kooperation zwischen mafianeindanke und dem LKA keine Strukturermittlungen entstanden sind, fällt letztlich auf die Polizeibehörde selbst zurück.

mafianeindanke verfolgte von Anfang an einen kooperativen Ansatz und tut es noch heute. Wir verstehen uns als konstruktive Kritikerinnen, ausgehend von den Erfahrungen aus Italien, die wir aufgrund unserer interkulturellen Kompetenz übermitteln können. Auch dort, vor allem in Norditalien, wurde die Präsenz der süditalienischen Mafia-Gruppen lange dramatisch fehleingeschätzt, mit drastischen Konsequenzen. So ist heute die Zahl der Gemeinderäte, die wegen Mafia-Infiltrationen aufgelöst werden, im Norden deutlich höher als in den Stammgebieten der Clans im Süden. Ganze Wirtschaftszweige sind kontaminiert und kaum mehr zu bereinigen. Der Soziologe Nando dalla Chiesa, einer der renommiertesten Experten zur Italienischen Organisierten Kriminalität, fasst die Aktivitäten der Mafiosi prägnant zusammen: „Erst kommt ihr Geld, dann folgen ihre Methoden.“ Diese Situation will mafianeindanke in Deutschland vermeiden, sehen wir hier doch strukturelle Gleichheiten zu der Situation in Italien vor zwei, drei Jahrzehnten. mafianeindanke ist gern bereit, seine Kompetenzen in einem Austausch mit den Sicherheitsbehörden zur Verfügung zu stellen.

Zu glauben, dass die italienische Mafia in Berlin nicht aktiv ist, ist blauäugig. Vielmehr sollte man hinterfragen, ob es angemessen ist, kein Personal bereitzustellen, das gegen eine der global bedeutendsten kriminellen Organisationen vorgehen kann. Die Berufung auf die polizeiliche Kriminalstatistik wird zum Zirkelschluss, wenn es keine Ermittler gibt, die Ermittlungen führen können. Dann landen eben auch keine Fälle in der Statistik. Ansatzpunkte für Ermittlungen gäbe es.

Die vorliegende Antwort legt nahe, dass mafianeindanke und die Staatsanwaltschaft im Austausch stehen. Dem ist jedoch nicht so. Es gibt vereinzelt Kontakte zu einzelnen Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft, sei es, dass sie bei Veranstaltungen von mafianeindanke auf dem Podium Platz nehmen oder an wissenschaftlichen Studien teilnehmen. Dafür sind wir den entsprechenden Personen sehr dankbar. Eine Wissensweitergabe vonseiten mafianeindankes an Ermittlungsbehörden wurde aber nie angefragt und fand daher auch nie statt. Dies ist insofern bedauerlich, wie mafianeindanke immer wieder Informationen zu Mafia-Aktivitäten erhält.

So unterhielt zum Beispiel das Drogenhandelsnetzwerk, das sich derzeit noch in Konstanz vor Gericht verantworten muss und dem eindeutige Mafia-Bezüge nachgewiesen worden sind, eine Lokalität in Berlin-Mitte. Auch im Rahmen der Operation Pollino kam es zu Durchsuchungen eines Unternehmens in Berlin. Zudem erhalten wir immer wieder Schilderungen von Beobachtungen zu Aktivitäten der Organisierten Kriminalität – nicht alle sind werthaltig, viele aber schon. In Besprechungen mit Vertretern des LKA Berlin wurde uns nahegelegt, uns um Kriminalität bei Flüchtlingen zu kümmern. Wertschätzung für unsere Mafia-Kompetenz ist das nicht.

Das Wissen über die IOK dürfte im LKA aber zumindest in einer veralteten Form sehr wohl noch vorhanden sein. Nach unseren Informationen wurde im Jahr 2005 ein umfassender polizeiinterner Bericht erstellt über die Aktivitäten italienischer organisierter krimineller Gruppen in Berlin. Dieser Bericht ging dem Innensenat zu wie auch der Polizeiführung und er wurde mindestens bis ins Jahr 2012 jährlich fortgeschrieben. Warum dessen Existenz heute im Innensenat nicht bekannt ist, entzieht sich naturgemäß unserer Kenntnis. Aus unserer Sicht ist dieser Teil der Antwort ein weiterer Beleg dafür, dass eine umfassende Sicht auf Organisierte Kriminalität nicht vorhanden ist, sondern jeweils Teilaspekte des Problems in den Fokus genommen werden. Wir als mafianeindanke setzen uns für eine breite und vielfältige Strategie im Kampf gegen Organisierte Kriminalität jeder Art ein. Dazu gehört neben dem Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden eine Optimierung von Gesetze und nachgeordneten Durchführungsverordnungen, aber auch die Informierung und Sensibilisierung weiter Teile der Gesamtgesellschaft in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sowie die Entwicklung neuartiger Ansätze.

mafianeindanke erarbeitet deshalb derzeit in enger Kooperation mit dem Bezirksamt Neukölln Vorschläge, wie die Loslösung von kriminellen Umgebungen gelingen kann. Dazu wurden unter anderem zahlreiche Gespräche mit involvierten Institutionen geführt. Leider kam es auch im Rahmen der von uns initiierten Arbeiten zu Loslösungsprogrammen für Angehörige und Betroffene von kriminellen Clan-Strukturen noch zu keinem Kontakt mit der Staatsanwaltschaft.

In der Antwort heißt es ferner:
Die IOK hat gemäß der in den vergangenen Jahren registrierten Straftaten und allgemeinpolizeilichen Erkenntnisse kaum Bedeutung in Berlin. Daher erfolgen bei der Polizei Berlin zur IOK weder eine Schwerpunktsetzung innerhalb der Kriminalitätsbekämpfung noch wurden hinsichtlich der IOK konkrete Maßnahmen eingebracht bzw. umgesetzt.

Diese Aussage ist insofern nicht überraschend, wie sich genau 0,0 Polizist*innen explizit um die italienische Organisierte Kriminalität kümmern. Wo man nicht hinschaut, da findet man auch nichts. Dabei sprechen Kronzeugen in Italien etwa von einem locale in Berlin, also einer Gruppierung der ’ndrangheta, und auch uns erreichten Hinweise auf die Existenz eines solchen. Um ein locale zu gründen, sind qua Reglement 50 Personen vonnöten, die Mitglied des entsprechenden ’ndrangheta-Clans sind. Dies bedeutet nicht, dass alle Mitglieder kriminelle Aktivitäten verfolgen, aber es bedeutet, dass sie die kriminellen Aktivitäten ihrer Kumpane unterstützen. Und es bedeutet vor allem, dass Berlin kein weißer Fleck auf der Landkarte ist.

Die ’ndrangheta hat aus dem Sechsfach-Mord in Duisburg 2007 gelernt und geht sehr rational vor. In Berlin wird sie also unauffällig agieren und die spezifischen Möglichkeiten der Stadt nutzen, was bedeutet, dass ihre Aktivitäten vor allem im Bereich Geldwäsche, Investitionen in die Legalwirtschaft, im Immobilienbereich und natürlich auch im abgeschotteten Drogen- und Waffenhandel liegen dürften. Eine zivilgesellschaftliche Organisation, die ehrenamtlich und ohne institutionelle Förderung agieren (muss) und deren Aktivitäten nicht von entsprechendem polizeilichen Vorgehen flankiert sind, wird hier nur schwer Einblick bekommen können. Dieser Aufgabe müssen die Sicherheitskräfte nachkommen.

In Berlin wie in Gesamtdeutschland fehlt es an Strategien im Vorgehen gegen Organisierte Kriminalität. Es werden meist die Erscheinungen bekämpft, die gerade am dringlichsten erscheinen. So beobachten wir dementsprechend Wellen, die sich aktuell gegen die Clan-Kriminalität richten wie zuvor schon gegen die vietnamesische Mafia oder Rocker. Dies ist verständlich, wichtig und dennoch falsch. Denn Ziel einer nachhaltigen Sicherheitspolitik sollte nicht sein, Strukturen der Organisierten Kriminalität dazu zu bringen, unauffällig zu agieren, sondern sie zu zerstören. Und dazu braucht es ein konstantes und konsequentes Vorgehen in der Breite. Organisierte Kriminalität muss im staatlichen Handeln allgemein häufiger mitgedacht werden. Mahnenden Stimmen wie etwa auch der von Tom Schreiber muss mehr Gehör geschenkt werden.

Wir beobachten jedoch, dass die Organisationen immer mehr interagieren. Russische und Italienische Organisierte Kriminalität arbeiten projektbezogen zusammen, Clan-Familien orientieren sich an Mafia-Familien, albanische Strukturen übernehmen Aufgaben von und für die italienische ’ndrangheta etc.. Diese Interoperabilität macht die vorhandenen Strukturen gefährlicher als in der Vergangenheit. Drastische kriminelle Akte bis hin zu Morden in aller Öffentlichkeit durch manche Gruppen sprechen eine deutliche Sprache. Berücksichtigt man dann noch, dass es zwischen Organisierter Kriminalität und terroristischen Umfeldern ebenfalls Kontakte gibt, wird das Gefahrenpotenzial offensichtlich. So gab es auch Kontakte zwischen Anis Amri und einer bekannten Großfamilie und es ist sehr naheliegend, dass diese Großfamilie die Drogen lieferte, mit denen der spätere Attentäter nachgewiesenermaßen handelte. Dass der Polizist, der die entsprechenden Ermittlungen leitete, privaten Kontakt mit einem Mitglied dieser Großfamilie unterhielt, der just Betreiber einer Bar war, die von Amri aufgesucht wurde und in der Drogen gelagert wurden, zeigt die extremen Risiken, die Gruppen der Organisierten Kriminalität mit sich bringen, wenn man nicht entschieden gegen sie vorgeht.

Angesichts der offensichtlich gewordenen Nichtfunktionalität der entwurzelten Financial Intelligence Unit, die jetzt beim Zoll angesiedelt ist und nicht in den Stand gesetzt worden ist, Geldwäsche effizient zu bekämpfen, zeichnet sich ein sehr düsteres Bild.

Auch deshalb ist es wichtig, die Zivilgesellschaft als Akteur im Kampf gegen Organisierte Kriminalität für sich zu gewinnen, sie zu stärken und zu unterstützen und für den Dialog zu gewinnen. mafianeindanke steht seit seiner Gründung dafür. Die vorliegende Antwort auch mit ihren inhaltlich falschen Aussagen ist leider wenig ermunternd.

Gezeichnet
Sandro Mattioli
Vorsitzender mafianeindanke e.V.