Drogenhandel in Südamerika: Wer sind die Akteure?


Auf dem Kongress „Contromafie“, der in Rom Anfang Februar zum vierten Mal stattfand, leistete Lucia Capuzzi, Journalistin der italienischen Tageszeitung „Avvenire“ und Expertin für Südamerika, einen interessanten Beitrag zum Thema „Drogenhandel und mexikanische Drogenkartelle“. Ihr Vortrag lädt uns ein, unseren Blick auch auf andere kriminelle Akteure zu richten, die jedoch mit denen in Europa in Verbindung stehen und zusammenarbeiten. Wir müssen bedenken, dass im letzten Bericht der italienischen parlamentarischen Antimafia-Kommission die `Ndrangheta als führend beim Kokain-Handel bezeichnet und ihre Nähe zu südamerikanischen Drogenhändlern betont wurde. Seit einiger Zeit hat die kalabrische Mafia bevorzugte Beziehungen zu ihnen geknüpft und strategische Zellen geschaffen, um den Drogenmarkt möglichst effektiv zu steuern.

Lateinamerika ist ein Kontinent, der offiziell als friedlich gilt, doch in Wahrheit gibt es dort eine so hohe Rate von Gewaltkriminalität, dass man buchstäblich von einer Epidemie sprechen muss: Auf dem Kontinent leben 9% der Weltbevölkerung, doch es ereignen sich dort laut offiziellen Statistiken 33 % der Morde weltweit. Das Jahr 2017 hat den absoluten Rekord bei Gewaltverbrechen aufgestellt: Man registrierte in Mexiko mehr als 25 000 Morde, durchschnittlich 80 am Tag!

Das ist das Umfeld, in dem die Banden der Organisierten Kriminalität agieren. Und für ihre illegalen Geschäfte nutzen sie den größten Schwarzmarkt des Kontinents: den für Drogenhandel. In Südamerika finden sich nämlich drei der weltweit wichtigsten Länder für die Kokain-Produktion: Kolumbien, Peru und Bolivien. Außerdem werden, und das vor allem in Mexiko, riesige Mengen von Cannabis und Heroin produziert, wobei das Heroin hauptverantwortlich ist für den aktuellen Drogen-Notstand in den USA. Die mexikanischen Drogenkartelle nehmen in zunehmendem Maße den Drogenmarkt Richtung Norden mit den Vereinigten Staaten in Beschlag und werden auch zu wichtigen Akteuren Richtung Süden und pflegen Beziehungen zu den kolumbianischen Drogenhändlern. Außerdem haben die mexikanischen Kartelle ihr Geschäft auf Europa ausgedehnt. Der europäische Markt wird vor allem von der `Ndrangheta und von Cosa Nostra gesteuert, weshalb die Mexikaner Vertrauensverhältnisse zu diesen beiden italienischen Mafien aufgebaut haben. Die mexikanischen Gruppen haben über den Absatz in Afrika auch Kontakt zu Al Qaeda und zur Hizbollah und durch den Handel mit Meth zu den chinesischen Triaden.

Drogenhandel ist die Hauptaktivität der mexikanischen Kartelle. Die Drogenhändler sind in ihrem Gebiet dank paramilitärischer Gruppen aktiv, die sozusagen der verlängerte, brutale Arm der Kartelle geworden sind. Die Drogen werden dann exportiert und in den meisten Fällen in Europa und in den Vereinigten Staaten konsumiert, wo die Nachfrage nicht nachzulassen scheint. Die Profite aus dem Drogenverkauf dienen nicht mehr nur zur Korruption und dazu, den Markt zu dominieren, sondern man will sich auch Zugang zu anderen Märkten verschaffen und sie nutzen. Auf diese Weise diversifizieren sie ihre Geschäfte. Der für Lateinamerika im Augenblick lukrativste Bereich ist die Ausbeutung der Bodenschätze, in den die kriminellen Organisationen eindringen können. Es ist also kein Zufall, wenn auf diesem Kontinent weltweit die meisten Morde an Umweltschützern zu verzeichnen sind: Sich mit diesen Themen zu befassen und sich diesem Bereich zu nähern bedeutet oft, sich millionenschweren kriminellen Interessen entgegenzustellen. (Die Nichtregierungsorganisation Global Witness zählt, nur für das Jahr 2017, 197 in Südamerika ermordete Umweltschützer)

Weshalb also ist es so wichtig, den Blick auch auf den Drogenhandel in Lateinamerika zu richten? Die beständige Zusammenarbeit mit den europäischen Mafien bewirkt einen Teufelskreis, der es den kriminellen Banden ermöglicht zu überleben und zu verdienen dank des Verkaufs illegaler Waren. Und die mexikanische Zivilgesellschaft z.B. bezahlt dafür einen hohen Preis: In den letzten 10 Jahren musste sie sich mit dem traurigen Phänomen der Desaparecidos auseinandersetzen (In Mexiko sind in den vergangenen 10 Jahren 35000 Leute einfach verschwunden). Die willkürliche Entführung und Gefangennahme von jungen Leuten durch kriminelle Organisationen ist ein Drama, das viele mexikanische Familien durchleben müssen. Häufig finden diese Familien dann kein Gehör bei den Behörden. Und sobald die Angehörigen das Verschwinden eines Familienmitglieds anzeigen, leiten die mexikanischen Behörden eine  richtiggehende Kriminalisierung der Opfer ein. Der Typus der verschwundenen jungen Leute ist immer der gleiche: Junge Männer und Frauen zwischen 18 und 32 Jahren. Deshalb haben die Familien Vereine gegründet um ihrerseits ihre Angehörigen zu finden und um gemeinsam eine Antwort von den Behörden zu fordern. Dies macht z.B. der Verein „Fuerzas Unida por Nuestros Desaparecido en México“, der Mitglied im internationalen Netzwerk der italienischen Antimafia-Organisation Libera ALAS (America Latina Alternativa Social) ist. ALAS besteht aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die es sich zur Aufgabe machen, die soziale Antimafia in Mittel- und Süd-Amerika bekannt zu machen.

Der Schlussbericht der parlamentarischen Antimafiakommission in Italien


Am 21. Februar 2018 wurde dem italienischen Senat der Schlussbericht der von Rosy Bindi geleiteten parlamentarischen Antimafiakommission vorgestellt. Dieser beinhaltet die Arbeit der Legislaturperiode 2013-2018. Die Aufgaben der Antimafiakommission, die zum ersten Mal im Jahre 1962 einberufen wurde, umfassen die Untersuchung, Ermittlung und Informationen zum Thema Mafia. Zusammengesetzt ist die Kommission aus Abgeordneten und Senatoren der italienischen Republik. Das Dokument ist von besonderer Wichtigkeit um die jüngste Entwicklung der mafiösen Gruppierungen nachzuvollziehen und gibt zudem einen Überblick über die bisherigen Tätigkeiten der Kommission, damit der Staffelstab an diejenigen überreicht werden kann, die in der nächsten Legislaturperiode in die Kommission gewählt werden. Die Kommission hat sich in der kürzlich erschienenen Analyse nicht nur darauf beschränkt, das Phänomen innerhalb der italienischen Grenzen zu untersuchen. Bedingt durch die Internalisierung der mafiösen Gruppierungen hat sich der Fokus der Kommission und ihre Auseinandersetzung mit dem Thema, auf die Entwicklung der Mafiagruppen in Europa und nicht nur dort gerichtet.

Die Entwicklung der italienischen Mafiagruppierungen

Der Ausgangspunkt des Schlussberichts, der von wesentlicher Bedeutung für das Verständnis der italienischen Mafia heute ist, ist die außerordentliche Fähigkeit der mafiösen Gruppierungen, sich der Gesellschaft, in der wir alle leben, anzupassen. Auch wenn im Laufe der letzten Jahre, aufgrund der gezielten und unbeirrbaren Arbeit der Richter und einem wachsenden Bewusstsein in der Zivilgesellschaft, der Kampf gegen das organisierte Verbrechen immer weiter angestiegen ist, hat dies im Gegenzug auch dazu geführt, dass die mafiösen Gruppierungen Geschäftsmöglichkeiten gesucht und ausgenutzt haben, die früher nicht gegeben waren und die vor allem nicht innerhalb ihrer angestammten Tätigkeitsgebiete liegen. Ein zweiter wichtiger Aspekt, der anzuführen ist, besteht in der Tatsache, dass die stille Akzeptanz, die bislang von unten kam, nun immer mehr zu einer Akzeptanz innerhalb der  Elite  geworden ist: Ansprechpartner der organisierten Kriminalität sind oftmals Experten aus der Wirtschaft und der Politik, Akteure außerhalb der mafiösen Vereinigung, die im  sogenannten grauen Bereich agieren; das Vorgehen gegen die Gewalt wird dadurch offensichtlich immer sporadischer, was zu einer Stärkung der Korruption führt. Indem sie den legalen Wirtschaftskreislauf unterwandert, tritt die Mafia somit verstärkt als Unternehmen auf, um auf diese Art und Weise ihren Profit aus illegalen Geschäften zu reinvestieren und reinzuwaschen.

Die Internalisierung der ‘Ndrangheta

Die Reichweite der Mafia umfasst verschiedene europäische Staaten, Deutschland eingeschlossen. Auch der Bericht der Antimafiakommission bezeichnet das Land als mafiöses Einzugsgebiet, insbesondere von Seiten der ‘Ndrangheta. Die besorgniserregende Präsenz der ‘Ndrangheta in Deutschland ist insbesondere durch die wichtige Operation Stige (für weitere Details hier unser Artikel zum Vertiefen) Anfang Januar 2018 sichtbar geworden. Die Operation hat in der Tat einen wichtigen Mafia-Clan aus Crotone und seine Verästelung in verschiedenen italienischen Regionen, in Deutschland und in der Schweiz zum Vorschein gebracht: Begünstigt wird die Flexibilität und die Anpassungsfähigkeit der ‘Ndrangheta im Ausland vor allem durch die nicht strengen und unvorsichtigen Gesetzgebungen der anderen europäischen Länder in Bezug auf das Phänomen Mafia. Die Sicherstellung von (mafiösen) Gütern im Ausland wird durch fehlende Gesetzesnormen erschwert. In Italien wird zum Beispiel die Mitgliedschaft in einer mafiösen Gruppierung als Straftat angesehen, ebenso wie das mögliche Vorgehen im Rahmen der vermögensrechtlichen Schutzmaßnahmen rechtlich festgehalten ist. Dessen sind sich die Clans bewusst und nutzen diese Lücken aus, indem sie Hotels, Restaurants und andere Einrichtungen kaufen, eigene Tätigkeiten eröffnen, ohne befürchten zu müssen, dass ihr Eigentum in Deutschland, der Schweiz, Malta, Spanien oder in Frankreich beschlagnahmt wird. Des Weiteren geht aus den Unterlagen hervor, wie die ‘Ndrangheta auch über den Atlantik hinweg, in Lateinamerika aktiv ist: die Clans aus Vibo Valentia und aus Reggio Calabria haben weiterhin eine führende Rolle auf dem Kokainmarkt inne, indem sie enge Verbindungen zu den Kartellen des Drogenhandelns in Mittel- und Südamerika pflegen.

Gemeinsame Bekämpfungsmassnahmen

Die Kommission hat die europäischen Partner zu größeren Anstrengungen innerhalb der eigenen Grenzen aufgefordert und darüber hinaus mehrfach eine stärkere Kooperation auf Seiten der europäischen Institutionen für den Kampf gegen die Mafia forciert. Angesichts dessen ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Bekämpfung der organisierten Kriminalität nicht einem einzelnen Staat überlassen werden kann, gerade auch im Hinblick auf die Anzahl der mafiösen Gruppierungen, die ca. 670 Milliarden Euro an europäischen Steuergeldern kosten. Die Kommission hat diesbezüglich einige Maßnahmen vorgeschlagen, dennoch ist eine Angleichung der Gesetze, auch im Bereich des Strafgesetzes von grundlegender Bedeutung. Erste Ergebnisse konnten am 12 Oktober 2017 durch den Erlass der Verordnung zur Errichtung einer europäischen Staatsanwaltschaft erzielt werden. 20 Mitgliedsstaaten sind der Europäischen Staatsanwaltschaft beigetreten, einschließlich Italien. Ihre Aufgaben umfassen Ermittlungen und Bekämpfung von Straftaten zum Nachteil der finanziellen Interessen der Europäischen Union, einschließlich der Tatbestände der Bestechung und der Bestechlichkeit und der missbräulichen Verwendung dieser finanziellen Interessen. Dem Vorschlag, Maßnahmen zum Einfrieren und Einziehen von Vermögensgegenständen auszubauen, wurde hingegen am 12 Januar 2018 zugestimmt, sodass Verhandlungen zwischen den Institutionen zur Ausarbeitung des Gesetzes eingeleitet werden konnten. Zuletzt ist es wichtig, an die Vereinbarungen der Direzione Nazionale Antimafia mit 50 Staaten zu verweisen, die darauf abzielen, die Zusammenarbeit in diesem Bereich zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Die Antimafia Bewegung

Eine zentrale Bedeutung kommt der immer größer werdenden Antimafia Bewegung zu, die sich in Italien in Schulprojekten, in der Ausbildung der Lehrer und in neuen Studiengängen ausdrückt. Erst vor Kurzem ist auch eine Promotion zum Thema organisierte Kriminalität eingerichtet worden. In der Zwischenzeit hat sich die Antimafia Bewegung auch auf internationaler Ebene ausgestreckt, mit zahlreichen europäischen Vorposten in den Ländern, die ähnlich wie Mafia? Nein, danke!, auf eine wachsende Sensibilisierung zum Thema Anti- Mafia abzielen: von Berlin über Brüssel, Paris, Marseille, London und Madrid. In diesem Zusammenhang ist Libera, der italienische Antimafia Verband par excellence, der Bezugspunkt im Bereich Sensibilisierung und Bearbeitung dieser Thematik; insgesamt kooperieren 1600 Verbände mit Libera. Neben diesen Bewegungen aus der Zivilgesellschaft wird auch das Beispiel Avviso pubblico angeführt, eine Antimafiabewegung im öffentlichen Dienst, die die öffentliche Verwaltung und die Regionen zusammenführen. Ihr Ziel ist es, durch die Förderung von Werten der Rechtmäßigkeit und der Stärkung der Zivilgesellschaft die Mafia zu bekämpfen. Zuletzt wird auf die immer größer werdende Wahrnehmung des Themas im Bereich der Kunst, des Films und der Blogger hingewiesen. Die Kommission nennt drei Hauptargumente für das wachsende Bewusstsein: die Legitimierung von Seiten Papst Franziskus, die Entwicklung der Antimafiabewegung auch in den nördlichen Regionen Italiens und der Wandel dieses Kampfes als eine bürgerliche Pflicht.

Die Ermordung von Jan Kuciak: Ein neuerlicher Angriff auf die Pressefreiheit.


In der letzten Wahlkampfphase in Italien wurde ein Thema weiterhin auffällig totgeschwiegen: Das Problem der Organisierten Kriminalität, im Lande selbst wie auch im Ausland. Und das obwohl – wie unter anderem Staatsanwalt Grattiere anmerkt – die kalabrische Mafia auch nach den Duisburger Morden weiterhin praktisch ungestört ihren Geschäften nachgeht, häufig in einem Graubereich zwischen Legalität und Illegalität.

Das zeigen die Hintergründe des jüngsten schweren Angriffs auf die Pressefreiheit, nur wenige Monate nach der Ermordung von Daphne Caruana Galizia: Am 25. Februar dieses Jahres wurden der erst 27 Jahre alte slowakische Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova tot in ihrer Wohnung in Velka Makva (65 km von Bratislava entfernt) aufgefunden. Wie die maltesische Journalistin hatte auch Kuciak an den Panama Papers gearbeitet.

Dieses Ereignis hat die Slowakei tief erschüttert, insbesondere die Zivilgesellschaft ist traumatisiert – so etwas wie die Tötung eines investigativen Journalisten hatte das Land bislang noch nicht erlebt. Bei der Onlinezeitung Aktuality.sk, für die Kuciak arbeitete, hat man von Anfang an keine Zweifel an dem Mafiahintergrund der Ermordung des Kollegen gehabt: Auf der Homepage der Onlinezeitung prangt seither der Schriftzug “’ndrangheta” sowie die Schlagzeile: “Italienische Mafia in der Slowakei!”

Kuciak hatte zuletzt daran gearbeitet, die Verbindungen zwischen der ’ndrangheta und der slowakischen Politik- und Geschäftswelt aufzudecken: Das hat schon seit über einem Jahr für Unruhe auf mehreren Seiten geführt, wie die Drohungen deutlich machen, die der Journalist vonseiten des Unternehmers Marian Kocner erhalten hatte (die diesbezügliche Strafanzeige verlief im Sande), aber auch die Rücktrittsforderungen, die hunderte Demonstranten an Innenminister Robert Kalinak richteten, dem seine Nähe zum Five Star Residence – Bauunternehmer Ladislav Basternak vorgeworfen wird.

Kuciak hatte einen Artikel zu der Affäre um mögliche Steuerhinterziehungen im Zusammenhang mit Five Star Residence Luxusapartments geschrieben, der allerdings nicht sofort, sondern erst am 9. Februar veröffentlicht wurde. Kuciak recherchierte unterdessen weiter und wurde kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels ermordet, in dem es ihm gelungen war, sämtliche Verstrickungen von Politikern und Geschäftsleuten im Zusammenhang mit der Veruntreuung europäischer Gelder aufzudecken. Es ist im Übrigen typisch für die ’ndrangheta, im Ausland Gelder über vermeintlich legale Geschäfte zu waschen.

Besonders in Osteuropa hat die kalabrische Mafia nach dem Fall der Berliner Mauer die Geschäftswelt unterwandert und dabei die sich auftuenden neuen Investitionsmöglichkeiten ausgenutzt: In der Slowakei sind beispielsweise Familien der ’ndrine, die aus Bova Marina und Africo Nuovo eingewandert sind, im landwirtschaftlichen Bereich aktiv. Kuciaks letzter Artikel ist einer der wenigen Versuche, diese Aktivitäten aufzudecken und behandelte unter anderem die Nutzung von EU-Geldern in den Bereichen Landwirtschaft und Solarenergie: die genannten Familien haben allein zwischen 2015 und 2016 acht Millionen Euro vom slowakischen Staat erhalten, sechs Millionen für erneuerbare Energien sowie zwei Millionen Euro aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (2014 – 2020).

Die Morde und die nun aufgedeckte umfassende Korruption innerhalb der Regierungspartei (Smer-SD) haben die slowakische Politik in eine tiefe Krise gestürzt. Die persönliche Assistentin von Premier Fico etwa, Maria Troskova, hatte 2011 über das Unternehmen GIA Management im Bereich Solarenergie Geschäfte mit dem Unternehmer Antonio Vadalà gemacht, der, wie Kuciak in seinem letzten Artikel nachweisen konnte, Verbindungen zur ’nrangheta hat. Das frühere Fotomodell ist nach dem Mord an dem jungen Journalisten zurückgetreten, ebenso wie der Leiter des Sicherheitsrates, Viliam Jasan. Jasan hatte 2016 ein privates Sicherheitsunternehmen, Prodest, gegründet, an welchem ausgerechnet ein Vetter von Vadalà, Pietro Catroppa beteiligt war, und er war es auch, der Maria Troskova in die Politik einführte (sie war seine Assistentin im Parlament), wohl über einen gemeinsamen Bekannten, dessen Name nie genannt wurde, von dem inzwischen aber klar sein dürfte, aus welchen Kreisen er stammt. Aber mit den Rücktritten von Troskova, Jasan und Kulturminister Marek Madaric ist die politische Krise in der Slowakei nicht ausgestanden: Die Opposition fordert auch den Rücktritt von Kalinak und von Polizeipräsident Tibor Gaspar.

Vadalà wurde gemeinsam mit seinem Bruder Bruno und seinem Vetter Pietro Catroppa verhaftet, ebenso   noch vier weitere bekannte Persönlichkeiten, nämlich Sebastiano V., Diego R., Antonio R. und Pietro C. Sie alle wurden nach 48 Stunden wieder aus der Untersuchungshaft entlassen, da keine ausreichenden Gründe für eine Verlängerung der Untersuchungshaft vorlagen.

Die Ermordung von Jan Kruciak und seiner Verlobten macht nicht nur das Problem der ’ndrangheta in Europa an sich deutlich, sondern auch die Notwendigkeit, auf europäischer Ebene neue Maßnahmen zu ergreifen. Für den Europaabgeordneten Sven Giegolg wäre etwa die Schaffung eines europäischen FBI ein  Fortschritt im Kampf gegen die Organisierte und andere Formen von Kriminalität. Das europäische Parlament hat eine Delegation nach Bratislava entsandt, und auch die slowakische Zivilgesellschaft reagierte umgehend und protestiere am 02.03. mit einem Schweigemarsch durch die Hauptstadt (mit ca. 25.000 Teilnehmern); dem Protestmarsch haben sich mehrere Journalisten und auch Staatspräsident Andrej Kiska angeschlossen, der sich in den letzten Tagen auch für vorgezogene Neuwahlen ausgesprochen hat, sollte man sich nicht auf eine Regierungsumbildung einigen können. Premierminister Robert Fico hat die von den Demonstranten geäußerten Vorwürfe kleingeredet und eine vermeintliche Verschwörung der Opposition zur weiteren Unterminierung der Glaubwürdigkeit seiner Regierung angeprangert: Die slowakische Regierung scheint derzeit also offenbar nicht gewillt, dem Aufruf von Staatspräsident Kiska zu folgen oder auf die Vertrauenskrise zu reagieren, die das Land erfasst hat.

 

 

Berlin, 21. März: Wir gedenken der unschuldigen Opfer der Mafia


Als wir den Film „Fortapasc“ für unsere diesjährige Gedenkveranstaltung für die unschuldigen Opfer der Mafia auswählten, konnten wir noch nicht ahnen, dass das Thema traurige Aktualität bekommen würde. Fortapasc erzählt die Geschichte von Giancarlo Siani, einem jungen Mann, der in Neapel über die Camorra berichtet. Siani untersuchte insbesondere die Verwicklungen zwischen Politik und Organisierter Kriminalität in Bezug auf den Wiederaufbau einer durch ein Erdbeben zerstörten Region. Er war ein unbequemer Journalist, auch lebensfroh und gewitzt. Seine Recherchen gefährdeten massiv die wirtschaftlichen Interessen der involvierten Clans. Am 23. September 1985 rief er einen Bekannten an, der eine Beobachtungsstelle für Organisierte Kriminalität leitete und teilte ihm mit, er habe ihm etwas zu sagen, was er besser nicht am Telefon weitergebe. Wenige Stunden später am selben Tag wurde Siani ermordet. Er wurde nur 26 Jahre alt. Sowohl seine Mörder wie auch die Auftraggeber des Mordes wurden später verurteilt.

Nun finden wir uns wieder in der traurigen Situation, den Mord an einem jungen Journalisten beklagen zu müssen, Jan Kuciak, und seiner Partnerin. Nicht vergessen haben wir auch Daphne Caruana
Galizia, die in Malta durch eine Autobombe starb. Beide recherchierten ebenfalls zu Verwicklungen zwischen Staat und Mafia.

Im Anschluss an den Film wollen wir über Journalismus und Mafia sprechen.

21 März 2018, Italien gedenkt der unschuldigen Opfer der Mafia in Foggia


Seit 1996 organisiert Libera – ein von Don Luigi Ciotti gegründeter Verein zum sensibilisieren der Zivilgesellschaft zum Thema der organisierten Kriminalität und Korruption – einen Tag, der dem Gedenken der Mafiaopfer gewidmet ist und sich ihren Familienangehörigen widmet: Jahr für Jahr hat diese Bewegung der Zivilgesellschaft eine immer größere Anerkennung von Seiten der Institutionen gewonnen, bin hin zum DDL Nr. 1894 im letzten Jahr, das der Aktion die volle Gültigkeit verliehen und den 21. März zum „Internationalen Gedenktag der unschuldigen Mafia-Opfer” ernannt hat. An diesen ersten Frühlingstag ziehen die Vereine, Schulen und Kirchengemeinden in einem Umzug durch eine italienische Stadt und verlesen die Namen derer, die gezielt ermordet wurden, sich am falschen Ort befanden oder aber fatalerweise einer Person ähnelten, die ermordet werden sollte. Es wird für wichtig befunden, nicht nur der berühmten Opfer zu gedenken, nach denen Straßen, Plätze und Schulen benannt wurden, sondern auch denen, die vergessen oder nie für erwähnenswert befunden wurden.

Zu den viel zu selten erzählten Geschichten gehört auch die eines sehr jungen Opfers, das sich am 12. November 2000 zur falschen Zeit am falschen Ort befand: Valentina, zwei Jahre alt, Enkelin von Fausto Terracciano. Ihr Onkel war nicht das direkte Ziel des Camorra-Clans der Veneruso, sondern wurde ausgewählt, da er mit dem eigentlichen Ziel, seinem Stiefbruder Domenico Arlistico verwandt war; der Tod des Mädchens war nicht nur kontraproduktiv, weil er zur Verhaftung der Verantwortlichen führte, sondern auch, weil solche Vorkommnisse als ernste Verletzungen des Ehrenkodexes der Camorra betrachtet werden. Auch der junge Filippo Ceravolo geriet am 25. Oktober 2012 in einen Hinterhalt und wurde an Stelle von Domenico Tassone (Verwandter des Boss Bruno Emanuele), der ihn mit dem Auto mitgenommen hatte, von der ‘ndrangheta ermordet. Zu der Tragik dieses traurigen Endes muss man außerdem hinzufügen, dass der Fall vom DDA in Catanzaro zu den Akten gelegt wurde und die Verantwortlichen bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.

Dieses Jahr wurde Foggia nicht zufällig als Stadt für den 21. März ausgewählt: 2017 gelangte die Società Foggiana – kriminelles Kartell mit mafiösem Hintergrund, das in den Städten Foggia, San Severo und Cerignola aktiv ist – mehrmals aufgrund der Brutalität, mit der es vorgeht, in die Schlagzeilen. Nach den 70er Jahren, Anfang der 80er Jahre begann man, ihre Aktivitäten zu unterschätzen und die Mafia wurde in dieser Region allgemein nicht als Problem wahrgenommen, wodurch bei der Mafia aus Foggia die Überzeugung wuchs, über unbegrenzt Macht zu verfügen.

So kam es im Juni 2014 dann zum Überfall des Wachdienstes NP Service im Villaggio Artigiano in Foggia, der die Stadt in Atem hielt, sowie im August 2017 zur Ermordung der beiden Bürger Luigi und Aurelio Luciano, die Zeugen des Mafiamordes geworden waren. Auch in diesem Fall war ihr einziges „Verbrechen“, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

Die Abgeordneten Antimafia-Kommission mit Vorsitz von Rosy Bindi sah sich in der Legislaturperiode 2013-2028 deshalb gezwungen, sich mit dem Thema der Mafia Apuliens auseinanderzusetzen, nachdem diese 30 Jahre lang im Hintergrund stand. Aus dem Abschlussbericht vom 7. Februar – in dem in der Tat ein umfangreiches Kapitel der Region Foggia gewidmet wird – geht hervor, dass die Mafia aus Foggia, obgleich zersplittert wie auch die aus Bari, ihre Charaktermerkmale hat, die sie von anderen Mafia-Strömungen der Region Apuliens abgrenzen: Es wurde bestätigt, dass die Nähe zur albanischen Küste zum Beispiel mit der Zeit zur Spezialisierung im Bereich des Rauschgifthandels geführt hat; außerdem sind für diese Form der Kriminalität die Bündnisse mit anderen Gruppen des Gebiets wie der Camorra und der ’ndrangheta von besonderer Wichtigkeit.

Am 21. März werden außerdem zusätzlich zu den Demonstrationen in der ausgewählten Stadt auch die in diesem Themenbereich aktiven Vereine in anderen italienischen Städten und im Ausland aktiv werden. Mafia? Nein, danke! gehört auch dazu und wird von Berlin aus an der Initiative teilnehmen, indem sie einen Gedenkmoment und eine Diskussion, zusammen mit der Projektion eines Filmes organisiert, um so an die unschuldigen Opfer der Mafia zu erinnern.

Wer daran interessiert sein sollte, dieses Thema zu vertiefen, kann sich unter dem folgenden Link (auf Italienisch) den Abschlussbericht des Abgeordneten Antimafia-Kommission 2013-2018 ansehen.

 

Die Rolle der Zivilgesellschaft im Kampf gegen die Mafia: Antimafia auf Ideenfindung


„Mafia? Nein, Danke!“ war in den Reihen der europäischen Libera-Delegation bei der vierten Auflage der Konferenz „Contromafie“ dabei, dieses Jahr unter dem Titel „Contromafiecorruzione“ („Gegen Mafien und Korruption“, Anm.d.Ü.); die Initiative fand vom 2. bis 4. Februar 2018 in Rom statt und brachte Vertreter regionaler Antimafia-Grupen aus ganz Italien an einen Tisch mit den europäischen und lateinamerikanischen Delegationen. Das Ziel war, gemeinsam über Legalität sowie über den Kampf gegen Mafia und Korruption zu sprechen. Mit dem langen Zungenbrechertitel sollte die immer engere Verbindung zwischen mafiösen Machenschaften und Bestechung hervorgehoben werden – ein Phänomen, das auch als „die Hand, die in weißen Handschuhen würgt“ bekannt wurde. Der rote Faden, der sich durch die drei Tage zog, war die aktive und konstruktive Rolle der Zivilgesellschaft; zum Abschluss wurden konkrete und nachhaltige Vorschläge präsentiert, um das System aus Mafia und Korruption in verschiedenen Feldern zu bekämpfen.

Besonders ein Seminar über die internationale SIchtweise auf organisierte Kriminalität stellte sich als interessant für die Arbeit unseres Vereins heraus; unter den Rednern befand sich auch Claudio Clemente, seit 2013 Direktor der italienischen „Unità di Informazione Finanziaria“ (UIF).

Der Reiz der virtuellen Zahlmethoden


Wenn wir über Geldwäsche reden, müssen wir auch die gegenwärtige und außergewöhnliche Verbreitung der virtuellen Kryptowährungen[1] und ihre Implikationen berücksichtigen. Die Frage, die dabei aufkommt ist: Verhindert dieses Zahlmittel den Kampf gegen Geldwäsche und organisierte Kriminalität? Bitcoins[2] werden, anders als bei normalem Geld, weder von einer zentralen Bank herausgegeben noch gewährleistet: Eben jene dezentrale Struktur und die pseudonymen Transaktionen machen das Kryptogeld, nicht nur für legale Nutzer attraktiv, sondern eben auch für kriminelle Gruppen.

Mafia in Bayern – Ergebnisse der parlamentarischen Anfrage im bayrischen Landtag


Die Ergebnisse der parlamentarischen Anfrage zur Mafia in Bayern, die Katharina Schulze,  Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayrischen Landtag, am Ende des Jahres 2017 vorgestellt hat, sind in einer Pressemitteilung als „alarmierend“ bezeichnet worden. Und tatsächlich wird das Land Bayern nicht nur als „Ruhe- und Rückzugsraum“ für Mitglieder und Freunde der italienischen Mafien beschrieben, sondern hier wird schon seit langem ökonomisches und soziales Kapital investiert. Bayern besetzt nach NRW den zweiten Platz unter allen Bundesländern, was Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft angeht. Mafiahochburg ist nicht nur die Hauptstadt München, zu dieser Kategorie gehören auch Augsburg und Nürnberg, genauso wie Oberbayern, wo man die Anwesenheit von Mitgliedern der `Ndrangheta registriert. Im Allgemeinen haben sich die  Hauptaktivitäten der Mafien nicht geändert:  Drogenhandel und die daraus folgende Geldwäsche. Doch im Lauf der Jahre haben die dort aktiven Gruppen gezeigt, dass sie sich hervorragend an neue wirtschaftliche, juristische und technologische Verhältnisse anzupassen verstehen. Auch in Deutschland ist es ihr Ziel, den Profit zu maximieren und das Entdeckungsrisiko möglichst gegen Null zu reduzieren. Seit 1994 ist neben der bayrischen Polizei das Bayrische Landesamt für Verfassungsschutz dafür verantwortlich, die Daten zur Tätigkeit der Organisierten Kriminalität in Bayern zu erheben.

Die zur Verfügung stehenden Daten (Sie beziehen sich auf den Zeitraum von 2007 bis 2016) zeichnen folgendes Bild: In Bayern leben 136 Personen, die mit italienischen kriminellen Gruppen zu tun haben. Alle haben ihren Wohnsitz  in Deutschland, 80 von ihnen gehören zur kalabrischen `Ndrangheta, die in Bayern wenigstens seit den 70er Jahren ansässig und dort besonders aktiv ist. Ihre Zahl hat sich zwischen 2014 und 2016 um 10% vermehrt (Es wäre interessant zu wissen, ob dieser Trend in den vergangenen zwei Jahren konstant geblieben ist oder sich verändert hat). Was die Struktur der Clans in Deutschland betrifft, so wird vermerkt, sie seien ein Abbild der Strukturen, die sie in ihrer Herkunftsregion Kalabrien haben. Das gleiche gilt für ihre Vorgehensweise, für Regeln und Rituale. Die Camorra gibt es seit den 70er Jahren in Bayern. Heute kann sie sich fest verwurzelter Strukturen rühmen, die als operative Basis für verschiedene kriminelle Aktivitäten dienen, Hauptaktivität sind Fälschungen jeder Art. Bis heute gibt es 30 Angehörige der Camorra, die in 6 Gruppen organisiert sind. Cosa Nostra jedoch ist, was Zahl der Mitglieder und sie betreffende Ermittlungsverfahren angeht, weniger bedeutsam als Camorra und `Ndrangheta (Es handelt sich um 20 Personen, eine Zahl, die in den letzten Jahren gleich geblieben ist). Gleiches gilt für die Sacra Corona Unita, die Bayern vorrangig als Rückzugsraum genutzt hat. Im Augenblick sind es 6 Personen, die man zu dieser italienischen Mafia rechnet, eine Zahl, die im Prinzip seit Jahren unverändert ist. Abgesehen von der Sacra Corona Unita engagieren sich die oben zitierten drei italienischen Mafia-Organisationen in der Gastronomie, wo sie ihre Einkünfte teilweise auch investieren. Eine weitere interessante Erkenntnis, die man aus der Anfrage ziehen kann, ist, dass die italienischen Mafien gelegentlich mit anderen kriminellen Banden aus dem Ausland zusammenarbeiten, (vor allem mit russischen und eurasischen Banden), aber auch mit Rocker- und vergleichbaren Banden.

Leider fehlen verlässliche Zahlen über den Immobilienbesitz im Land, der mit dem Gewinn aus kriminellen Aktivitäten oder unter direkter Kontrolle durch die Mafia erworben wurde, noch findet sich eine Schätzung des gesamten Jahresumsatzes der italienischen Mafien. Trotzdem wird ein Bewusstsein für die wirtschaftliche Bedrohung durch die italienischen Mafien in Bayern sichtbar. Deutlich wird auch, dass die Behörden die Problematik mit zunehmender Aufmerksamkeit verfolgen.  Keine ausreichende Aufmerksamkeit widmet man jedoch den Fällen von Korruption und  Einflussnahme auf Politik, Medien, Behörden, Justiz. Es wäre wünschenswert, dass auch dieser Aspekt als Priorität behandelt wird, und dass auch solche Anzeigen gesammelt werden.

Schließlich hat die parlamentarische Anfrage auch das Thema der Kooperation zwischen deutscher und italienischer Polizei angesprochen: Es handelt sich jedoch jeweils um eine zeitlich begrenzte und rein deliktbezogene Kooperation. Das heißt, in Bayern gibt es kein ständiges deutsch-italienisches Ermittler-Team. Am Ende der Sitzung wird der Wunsch geäußert, dass man sich auch weiterhin intensiv mit dem Thema beschäftigen, die gesammelten Daten ständig aktualisieren und parlamentarische Anfragen zur albanischen, türkischen und russischen Mafia in Bayern stellen möge. Rainer Nachtigall, Sprecher der Gewerkschaft der bayrischen Polizei (DPolG), betont, man brauche nicht nur mehr Streifen auf der Straße, sondern auch mehr Experten in dieser Materie, dies gelte vor allem für das LKA.

 

 

Operation Styx: Der rote Faden zwischen Deutschland und Italien


„Dieses ist die größte Operation gegen das organisierte Verbrechen in den letzten 23 Jahren, was die Anzahl der Festnahmen angeht!“. So bezeichnete Nicola Gratteri, Staatsanwalt von Catanzaro, der am 9. Januar den Haftbefehl gegen die Mitglieder des Clan Farao-Marincola erließ, die Operation Styx. Aber wenn die Fahndungen auch in Süditalien begannen, so haben doch die Verästelungen der kriminellen Aktivitäten seit Langem die Landesgrenzen überschritten und werfen ein weiteres Mal Licht auf die Expansion der ’ndrangheta immer weiter nach Norden. Die Zahlen und die darin verwickelten Orte beweisen das: 169 Festnahmen in zwei beteiligten Ländern, Italien und Deutschland; 8 betroffene italienische Regionen (Kalabrien, Lombardei, Venetien, Emilia Romagna, Piemont, Latium, Toskana, Kampanien) und drei deutsche Länder (Hessen, Baden-Württemberg und Bayern). 50 Millionen Euro an vorsorglich beschlagnahmten Gütern.

Zum Gelingen dieser Maxi-Operation wurden die Kräfte gebündelt, was zeigt, wie Zusammenarbeit und eine gemeinsame Aufgabe von Erfolg gekrönt sein können: die Ermittlung wurde von der Staatsanwaltschaft Catanzaro unter Mitarbeit der Carabinieri des ROS und des Provinzkommandos Catanzaro koordiniert gemeinsam mit der deutschen Polizei, die die Festnahmen in Deutschland ausgeführt hat. Interessant ist auch hier wieder, dass es zwar in Hessen polizeiliche Ermittlungen gegen eine Mafiazelle gegeben hatte, die mit dem nun zerschlagenen Clan befreundet war. Wie fast immer bei bedeutenden Antimafia-Operationen ging die initiative, die zur Zerschlagung der größeren Struktur führte, von italienischer Seite aus. Die deutschen Gesetze genügen dafür nicht. Zum Erfolg der Aktion beigetragen hat auch nicht, dass die Fahndungsakten in der Stuttgarter Staatsanwaltschaft mehrere Monate unbearbeitet herumlagen, was auf italienischer Seite für große Verstimmung sorgte. Erleichtert wurde die Operation allerdings durch die Agentur Eurojust, ein europäisches Organ, das 2002 eingerichtet wurde, um die juristische und Fahndungs-Zusammenarbeit der Staaten untereinander zu stärken und der grenzüberschreitenden Kriminalität innerhalb der EU zu begegnen.

Was Deutschland betrifft, so wurden während der Operation 11 Männer verhaftet, von denen 10 beschuldigt werden, einer mafiösen kriminellen Vereinigung anzugehören. Ein interessanter Sachverhalt, den wir in internen Akten nachlesen konnten (in Deutschland werden Namen und vollständige Personalien der Verhafteten nicht veröffentlicht) ist die Tatsache, dass die in Deutschland operierenden Verhafteten nicht alle aus der crotonesischen Provinz stammen, sondern einige leben seit Langem in Deutschland und tauchen bereits in einer Bestandsaufnahme der ’ndrangheta aus dem Jahr 2008 auf. Einige sind sogar mitten in Deutschland geboren, speziell in Bad Wildungen, Rotenburg und Kassel; unter den Festgenommenen befindet sich auch ein Mann, der in München geboren wurde und nach wie vor in Deutschland lebt.

Dank der ausgezeichneten Kenntnis der Gegend und des stabilen Netzwerkes an Kontakten agierten die mit dem Clan Farao-Marincola verbandelten Männer bis zu jenem Moment ungestört, schüchterten Restaurants und Pizzerien ein, die zum Großteil von Kalabresen betrieben werden und zwangen ihnen „ihre “ eigenen Produkte auf, eben die vom Clan bestimmten. Ist also die ’ndrangheta de facto europäisch geworden? Dass diese auch ein deutsches Problem ist, weiß man seit Langem. Die Clanmitglieder haben italienischen Unterlagen zufolge Restaurants und Geschäfte in Orten wie Eiterhagen, Malsfeld, Borken, Spangenberg, Melsungen, Fritzlar, Hessisch Lichtenau, Frielendorf, Kassel und Bad Zwesten.

Die Operation Styx verdankt ihren Namen dem Unterweltsfluss, der von den griechischen und lateinischen Klassikern beschrieben wird und in der nachfolgenden Tradition mit lehmigen und sumpfigen Wasserläufen identifiziert wird, und der den Eintritt ins Jenseits begleitet. Ein Bild, dass bestens zur heutigen ’ndrangheta passt. Wenn auch die Festnahmen von Anfang Januar in Deutschland ein wichtiges Zeichen gesetzt haben, so haben sie doch die ’ndrangheta nicht besiegt. Im Gegenteil. So wie der Clan Farao-Marincola bis zu jenem Moment ungestört agieren konnte, konnten viele andere in Deutschland aktive Gruppen Arbeitsraum finden, indem sie die legale Wirtschaft immer weiter nach Norden bis in die Mitte Deutschlands für sich nutzten. Wie der Staatsanwalt Nicola Gratteri oft wiederholt hat, ist Deutschland eines der fruchtbarsten Territorien für das organisierte Verbrechen. Der Reichtum in Deutschland bildet eine wichtige Grundlage für den illegalen Handel der Mafiaclans, und das Fehlen einer eindeutigen und wirkungsvollen Gesetzgebung gegen diese Realität bildet eine Lücke, die die Clans problemlos ausnutzen. Es ist daher immer dringlicher, gemeinsame Maßnahmen und Aktionen anzuwenden, wenn es sich um grenzüberschreitende Kriminalität handelt. Gratteri sagte, eine solche Operation müsse man “ an Richterseminaren lehren, um zu verdeutlichen, wie man eine Fahndung für den „Mafiaparagraohen“ 416bis anstellt“.

Der Kopf hinter der dem Einsatz „Stige“


„Unglücklich das Land, das keine Helden hat … Nein.
Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“
(Bertolt Brecht)

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat vor wenigen Jahren eine post-heroische Gesellschaft in Europa diagnostiziert. In demokratischen Rechtsstaaten, die kriegsavers agieren, braucht es immer weniger von denen, die sich bis aufs Äußerste einsetzen, nämlich unter Einsatz ihres Lebens. Dabei gibt es sie in Italien noch und ihre Arbeit ist wichtiger denn je. Die Rede ist von den Staatsanwälten der Magistratura, die sich in den italienischen Regionen dem Kampf gegen die Mafia verschrieben haben. Einer von ihnen ist Nicola Gratteri. Aber ist der Begriff des Helden nicht irreführend? Ist nicht schon oft genug in Unrechtststaaten ein sinnloses Aufopfern als Heldentum gefeiert worden? Versuchen wir eine möglichst neutrale Definition. Ein Held zeichnet sich durch (1) ausgezeichnete, mutige und entschiedene Handlungen aus, (2) in einem widrigen Umfeld, (3) an einem öffentlichen Wahrheitsbegriff orientiert, der eine ehrbare Haltung demonstriert, (4) wobei der Erfolg oder das Scheitern nichts über den Heldenstatus aussagt (im griechischen Theater gibt es die Tragödie und die Komödie). Erfüllt Nicola Gratteri diese Kriterien?