Addiopizzo gewinnt den Friedenspreis von Bremen, das Engagement des Vereins im Kampf gegen Schutzgelderpressung wird auch in Deutschland gewürdigt


Addiopizzo ist ein Antimafia-Verein, der in Palermo seine Wurzeln hat. Er ist vor allem aktiv im Kampf gegen das Eintreiben des „pizzo“, des Schutzgelds, das die Mafia von Geschäftsleuten erpresst.

Der Verein wird 2004 gegründet, sozusagen per Zufall. Einige junge Leute wollen nämlich ein Lokal eröffnen, stoßen dabei aber sofort auf ein mögliches Problem: früher oder später könnten sie Opfer von Schutzgelderpressung werden. Ihnen wird dabei bewusst, wie dringend Geschäftsleute, die sich täglich den Schutzgeldforderungen der Mafia stellen müssen, jemanden brauchen, der ihnen schon im Vorfeld beisteht und der sie bei einer Anzeige unterstützt, die bürokratischen Hürden zu nehmen. Höchst motiviert durch diese Erkenntnis verbringen die jungen Leute die Nacht des 29. Juli damit, überall Flugblätter anzukleben, die für ihr gewohntes Umfeld einen gelinde gesagt revolutionären Inhalt haben: „Ein ganzes Volk, das Schutzgeld bezahlt, ist ein Volk ohne Würde.“ Am Morgen danach scheint in Palermo alles verändert. Als die Stadt erwacht, berichtet ein regionaler Fernsehsender von der Aktion der „Flugblatt-Kleber“. Reaktionen, negativer und positiver Art, lassen nicht auf sich warten.

Einige Zeit später weckt am Stadion von Palermo ein Plakat mit der Aufschrift „Vereint gegen Schutzgelderpressung“ die Aufmerksamkeit eines Unternehmers, der sich nach einer Anzeige bei der Polizei völlig allein gelassen fühlt. Der Mann beschließt also, sich mit den jungen Leuten in Verbindung zu setzen und beweist damit, dass nicht alle Geschäftsleute vor der Mafia kapitulieren und Schutzgeld bezahlen. Ein Jahr später veröffentlicht der Verein ein Plakat, das zum „kritischen Konsumverhalten“ stimulieren will. Die Idee dabei ist, dass sich die Verbraucher im Kampf gegen die Schutzgelderpressung engagieren, indem sie in eine Wirtschaft investieren, die frei ist vom Element der Erpressung, das heißt, indem sie Produkte und Serviceleistungen von Firmen beziehen, die erklärtermaßen kein Schutzgeld bezahlen. Circa 3500 Personen machen mit und schaffen so die Voraussetzungen dafür, dass die Gruppe 2006 aus der Anonymität hervortreten und damit beginnen kann, Veranstal-tungen zu organisieren, mit denen sie die offizielle Kampagne bewirbt: „Gemeinsam gegen das Schutzgeld: Ändere dein Kaufverhalten!“

Der Verein wird zum Sprachrohr der Geschäftsleute. Abgesehen von der jährlich organisierten Gedenkveranstaltung für Libero Grassi, Symbolfigur des Kampfes gegen die Schutzgelderpressung, der 1991 von der Mafia ermordet worden ist, feiert der Verein jährlich das „Fest des kritischen Konsumverhaltens Addiopizzo“, bei dem man alle diejenigen kennen lernen kann, die mitmachen. Die Liste der teilnehmenden Betriebe wird auf der Homepage und im „Pizzo-free-Stadtplan“ von Palermo ständig aktualisiert. Bis jetzt sind es 1043 Geschäfte in Palermo, die Teil des Addiopizzo-Netzwerks sind, während die Zahl der Konsumenten, die die Aktion unterstützen, sich auf etwa 13 500 beläuft. Außerdem hat Addiopizzo einen neuen Weg eingeschlagen: Sie sensibilisieren in den Schulen für das Thema „Pizzo“, wobei ihnen Institutionen zur Seite stehen, die im Kampf gegen Mafia-Erpressungen engagiert sind. Ja, in den letzten Jahren hat Addiopizzo seinen Aktionsradius erweitert: Sie kümmern sich auch darum, den Opfern von Schutzgelderpressungen zu helfen. Den Nutzern wird ein kleines Handbuch ausgeteilt, in dem erklärt wird, wie man sich schützen kann, und das Informationen liefert zur geltenden Gesetzgebung gegen Erpressung und Wucher.

Neben der Prävention engagiert sich Addiopizzo aktiv an der Seite der Kaufleute, die Erpressungen von Seiten der Mafia bei der Polizei anzeigen, indem sie als Nebenkläger in den Prozessen auftreten. Dabei werden die Unternehmer und der Verein selber von einer Equipe von vier Anwälten unterstützt, die ihnen Rechtsbeistand leisten. Aus institutioneller Sicht gestaltet sich die Lobbyarbeit des Vereins dahingehend, dass er einzelne Politiker unterstützt und mitarbeitet, wenn es um Stellungnahmen von Organisationen (wie z.B. der Confindustria) gegen Firmen geht, die das Statut von Addiopizzo nicht eingehalten haben. Der Kampf gegen die Mafia muss wirkungsvoll geführt werden, auf politischer Ebene wie in der Zivilgesellschaft, und die Aktivitäten des Vereins aus Palermo haben etwas möglich gemacht, was vor einiger Zeit undenkbar gewesen wäre: ein Geschäft zu eröffnen oder zu führen, ohne Angst vor den Schutzgelderpressungen der Mafia haben zu müssen.

Anfangs betrachtete man die Arbeit von Addiopizzo mit Skepsis. Inzwischen ist jedoch der Glaube an die Unbesiegbarkeit der Mafia durch die Erfolge des Vereins erschüttert worden. Eine Erkenntnis, die auch von dem Kronzeugen Di Maio untermauert wird, der gesagt hat: „Die Mafia ist vorsichtiger mit denen, die bei Addiopizzo mitmachen.“

Die erfolgreichen und unermüdlichen Aktivitäten des Vereins sind auch jenseits der italienischen Grenzen bemerkt worden: Die Stiftung Die Schwelle mit Sitz in Bremen hat den Friedenspreis 2017 den jungen Leuten von Addiopizzo zugesprochen, weil sie mit ihrer Arbeit die Ideale von Frieden und Gerechtigkeit verfolgen. Nach sie den Preis entgegen genommen haben, waren zwei Vertreter Gäste bei Mafia? Nein danke! in Berlin. Sie haben den Vereinsmitgliedern und Unterstützern von der Situation in Palermo berichtet, die zwar Ähnlichkeiten aufweist mit Berliner Verhältnissen, die aber doch in einem Gebiet angesiedelt ist, in dem das Phänomen der Mafia-Erpressungen flächendeckend verbreitet ist.

Das Thema Schutzgelderpressung ist auch Mafia? Nein danke! vertraut, denn der Verein wurde gegründet, nachdem man versucht hatte, Schutzgeld von einigen Restaurantbesitzern zu erpressen. Diese beschlossen jedoch, sich zusammen zu tun und die Erpressung bei der Polizei anzuzeigen. Aus der Gruppe entstand der Verein, der 2009 offiziell ins Vereinsregister eingetragen wurde. Auch wenn sich Mafia? Nein danke! nicht primär dem Kampf gegen Schutzgelderpressung widmet, repräsentiert er wie sein Vorbild in Palermo die Verbindung von Zivilgesellschaft und Antimafia-Bewegung und in gewissem Sinne die Anpassung des ursprünglichen Konzepts an einen völlig anderen Kontext, in dem die Bevölkerung vor allem lernen muss zuzugeben, dass die Mafia auch bei ihnen aktiv ist.

Eines der Ziele dieser Begegnung ist es, die deutsche Bevölkerung zu sensibilisieren, die offenbar nicht ahnt, dass es in Deutschland und auch in Berlin selber von Mafia-Banden nur so wimmelt, egal ob es sich dabei um italienische Mafien oder Gruppierungen aus anderen Ländern handelt. Es soll gleichfalls gezeigt werden, wie wichtig es ist, im Kampf gegen die Mafia Zivilcourage zu entwickeln, eine Eigenschaft, die etwas bewirken kann. Der Erfolg von Addiopizzo in Italien sollte ein Beispiel sein und zur Gründung ähnlicher Gruppierungen anregen. In einer Zeit, in der das Thema der Ausdehnung der Mafien an der Tagesordnung ist, hätte das wirklich Priorität!