Am 21. März bekommen Mafiaopfer ein Gesicht


Einer der – mit Verlaub – dümmsten  Begriffe in der Diskussion um Mafia ist der des „victimless Crime“, zu Deutsch „Verbrechen ohne Opfer“. Immer wieder heißt es, Organisierte Kriminalität falle häufig unter diese Kategorie, produziere doch zum Beispiel Geldwäsche keine Opfer. Diese Sicht ist stark verkürzt – wenn etwa Mieten wegen massiver Geldwäsche-Aktivitäten im Immobiliensektor steigen, produziert das auch Opfer! Und sie ist auch faktisch falsch. Seit 1996 organisiert die italienische Antimafia-Organisation Libera, mit der wir häufig kooperieren, jeden 21. März den Gedenktag für die Opfer der Mafia.

Dabei kommen die Angehörigen von Mafiaopfern zusammen. Viele berichten von den Geschichten ihrer Angehörigen oder halten Bilder hoch. Es ist häufig schockierend, warum die Clans in Italien Unschuldige ermorden. Uns ist beispielsweise eine Begegnung in Erinnerung mit Angehörigen eines Kleinmaschinenhändlers, der ermordet wurde, weil er ein bestimmtes Maschinenöl nicht vorrätig hatte. Viele Menschen wurden auch Opfer von Verwechslungen oder bekamen Querschläger bei Schießereien ab und wurden tödlich verletzt.

Inzwischen hat sich die Initiative zu einem offiziellen Nationalen Gedenktag ausgewachsen. In unzähligen Städten finden dazu Veranstaltungen statt, auf denen eine mehr als tausend Namen umfassende Liste ( https://vivi.libera.it/it-ricerca_nomi) mit Opfern der Mafia verlesen und ihrer gedacht wird. Für dieses Jahr war für die zentrale Veranstaltung Palermo vorgesehen, doch daraus wird nichts. Wegen des Corona-Virus sind in Italien alle Großveranstaltungen untersagt worden. Die Gedenkevranstaltung ist auf Oktober verlegt worden. Das betrifft auch mafianeindanke: bereits gebuchte Flüge verfallen, außerdem war ein Treffen des europäischen Antimafia-Netzwerkes Chance begleitend zur Gedenkveranstaltung geplant, das nun ebenfalls verschoben worden ist.

mafianeindanke recherchiert seit Jahren auch nach Opfern der Mafia in Deutschland, bisher mit wenig Ergebnissen: Wir fanden einen jungen Mann, Thomas H., der in Lommatzsch in Sachsen am 20.9.2005 von seinem Onkel Giuseppe A., einem Mafioso, erschossen wurde. Vorausgegangn waren Erbstreitigkeiten um ein Haus. Giuseppe A. stellte sich am Tag nach der Tat der Polizei und wurde inhaftiert. Ein halbes Jahr später wurde er entlassen, im Jahr darauf meldete er sich nach Italien ab. Dass Giuseppe A. Mafiamitglied ist, hätte man wissen können, denn er hatte in Prozessen in Italien bereits Jahre zuvor ausgesagt. Über seinen Verbleib ist heute nichts bekannt.

Ein weiterer Fall wurde uns angedeutet, die Frau eines Gastronomen verschwand vom einen Tag auf den anderen und die Verwandten sind überzeugt, dass sie getötet worden war.

Falls Sie von ähnlichen Fällen Kenntnis haben, helfen Sie uns bitte, unsere Statistik zu Mafiamorden in Deutschland weiter zu verbessern und melden sich, entweder per Email oder telefonisch unter 00 49 157 31 79 78 21

© mafianeindanke, 11. März 2020