35 000 Menschen demonstrieren in Messina gegen die Mafia


Wer zum Gedenktag für die unschuldigen Opfer der Mafia reist, muss gute Nerven haben. Alljährlich zum 21. März, dem Frühlingsanfang, organisiert die italienische Antimafia-Organisation Libera die Veranstaltung, bei der Angehörige von Mafia-Opfern zusammenkommen und Unterstützung erfahren. Libera, eine Partnerorganisation von Mafia? Nein, Danke! e.V., entstand ursprünglich als Dachorganisation und Interessenvertretung für Kooperativen, die in Italien auf von der Mafia beschlagnahmten Grundstücken arbeiten; der Verein hat mit einer gewaltigen Unterschriftensammlung das zugrundeliegende Gesetz zur Beschlagnahme erst auf den Weg gebracht. Heute baut Libera International ein weltumspannendes Netz aus Antimafia- und anderen Organisationen auf, die sich gegen die Organisierte Kriminalität stellen. Und so waren auch Gruppen aus Mexiko, Bolivien, Tunesien und Argentinien bei der diesjährigen Gedenkveranstaltung vertreten.

Warum starke Nerven? Den Auftakt zu der Veranstaltung bildete ein Treffen, das nur den Familienmitgliedern von Opfern offenstand. Manche Angehörigen berichteten Erschüttterndes. Beispielsweise wurde der Vater einer Frau getötet, weil ein Mafioso Öl für seine Kettensäge in dessen Laden kaufen wollte, der Mann aber gerade kein Öl vorrätig hatte. Ein Angehöriger eines weiteren Toten, des ermordeten Attilio Manca, berichtete, dass sein Bruder sich angeblich eine Überdosis Drogen gegeben haben sollte. Manca war aber gar nicht drogenabhängig, sondern ein erfolgreicher Chirurg, einer der besten Prostata-Operateure, dessen guter Ruf ihm weit vorauseilte. Dieser Ruf erreichte auch einen Italiener, der angeblich in Frankreich lebte. Der Chirurg Manca wurde nach Südfrankreich eingeladen, um den Patienten zu operieren. Der Mann, den er operierte, war jedoch jemand anderes als der, als der er sich ausgab: der damals flüchtige Mafia-Boss Bernardo Provenzano. Die Operation war erfolgreich, doch der Arzt Manca wurde trotzdem ermordet. Schließlich hätte er Hinweise auf den Geflohenen geben können. Mit einer Spritze wurde ihm ein Drogencocktail in die Arterie des linken Arms injiziert. Manca war allerdings ein Linkshänder, so dass er sich die Substanz kaum selbst verabreichen konnte.

In einer ökumenischen Messe wurde aller Opfer gedacht. Und wieder wurde viele Minuten lang die Liste der Namen der bisher bekannten Opfer vorgelesen. Die Liste umfasst etwa 1100 Personen. Wir von Mafia? Nein, Danke! wollen daran arbeiten, die Liste um die Namen der deutschen unschuldigen Mafiaopfer zu ergänzen.

Da die Mafia-Organisatoren global agieren, ist es wichtig, nicht nur die Strafverfolgung als eine internationale Aufgabe zu sehen (was leider bisher nur in Ansätzen ersichtlich ist). Wichtig ist auch, eine weltweit agierende Antimafia-Bewegung zu schaffen. Aus diesem Motiv heraus hat Libera International am Nachmittag des 21. März im Rahmen mehrerer Seminare auch ein Panel mit internationalen Vertreterinnen und Vertretern von Antimafia-Organisationen besetzt.

Unter dem Titel „Intrecciando cammini. Le reti di antimafia sociale nel mondo“  (Auf Deutsch: Das Verflechten von Wegen. Das weltweite Netz zivilgesellschaftlicher Antimafia-Bewegungen) kamen in der Aula magna der Schule Istituto Tecnico Jaci vier Repräsentanten sehr unterschiedlicher Antimafia-Organisationen zusammen: zum einen Lucas Manjon, der das Rete por un Argentina Sin Mafias in Argentinien koordiniert, einen Zusammenschluss mehrerer Antimafiagruppen. Dann Angela Cuenca aus Bolivien, die die Gruppe Red ALAS vertritt, eine NGO, die vor allem gegen die Zerstörung der Umwelt durch die organisierte Kriminalität vorgeht. Die tunesische Organisation ARDEPTE wurde von Halima Aissa vertreten, sie arbeitet vor allem auf dem Feld der Migration, also gegen Schlepper und versucht, verschwundene Migranten ausfindig zu machen. Fernando Alonso Gonzàles aus Mexiko berichtete in seinem Statement über die Problematik der verschwundenen Jugendlichen. Dabei ging es nicht nur um den weltweit bekannten Fall der getöteten Studenten. Es passiert häufig, dass Jugendliche vom einen Tag auf den anderen weg sind und versklavt werden oder zur Prostitution gezwungen. Und natürlich Sandro Mattioli, Vorsitzender von mafianeindanke e.V. aus Berlin.

Deutlich wurde, dass die Probleme, mit denen die Organisationen konfrontiert sind, sich stark unterscheiden: Während mafianeindanke e.V. neben der Sensibilisierung der Bevölkerung vor allem politische Arbeit verrichten muss, sehen sich die lateinamerikanischen Gruppen vor allem mit dem Problem konfrontiert, dass der Staat wesentlich mit kriminellen Gruppen verflochten ist und daher der Kampf gegen die Mafia-Organisationen maximal als Feigenblatt in Angriff genommen wird. Eindrucksvoll war das in der Schilderung von Lucas Majon, der darüber aufklärte, wie argentinische Politiker von kriminellen Machenschaften profitieren, etwa als Besitzer von Bordellen.

Souverän geleitet wurde die Diskussion von Monica Usai und Giulia Poscetti von Libera. Über zwei Stunden dauerte das Gespräch, das von den rund 120 Zuhörern nicht nur aufmerksam verfolgt wurde, sondern auch durch Fragen bereichert. Beispielsweise wollten sie wissen, wie man sich die Arbeit der vertretenen NGOs konkret vorstellen kann. Und natürlich führte die Schilderung des dramatischen Verschwindens von Fernandos Alonso Gonzàles Tochter zu Nachfragen.

Ein Fazit: Es ist noch ein weiter Weg zu einer weltweiten Vernetzung von Antimafia-Initiativen. Zwar agieren die Gruppen verschieden, strukturell gibt es aber Gemeinsamkeiten, so dass ein gemeinsamer Antimafia-Kampf nicht nur begründet, sondern auch dringend nötig ist. Wir von mafianeindanke e.V. hoffen, dass Libera den Weg der weltweiten Vernetzung weiter erfolgreich begeht. Damit eines Tages auch in anderen Ländern Europas solch beeindruckende Veranstaltungen wie der Gedenktag für die unschuldigen Opfer der Mafia-Organisationen möglich sind.